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Bikini oder Badeanzug: Mehr als nur eine Stofffrage

4 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit zwei Stücken Badekleidung, die mehr erzählen als Sommermode: vom Schwimmen und Liegen, von Pose und Köpfler, von Gänsehäufel-Logistik und der Frage, warum ein Kleidungsstück fürs Wasser manchmal so wirkt, als wäre Wasser nur eine Nebensache.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Was nach einer Entscheidung vor dem Kleiderkasten klingt, ist aber eine Gebrauchsanweisung für den Sommer: liegen oder springen, posieren oder untertauchen, braun werden oder nass.


Im Wiener Gänsehäufel riecht der Sommer nach Sonnencreme, Pommesfett, warmem Beton und ein bisschen nach Chlor, obwohl die Donau gleich daneben liegt. Nach aufgeheiztem Plastik, Vanilleeis und Gelsenspray.

Dazu kommt die Geräuschkulisse: Kinder, die im Abstand von drei Minuten ihren Eltern ein „Schau!“ zubrüllen, bevor sie ins Wasser hechten. Menschen, die mit der Ernsthaftigkeit von Grenzbeamten ihre Liegewiesenparzelle verteidigen. Und irgendwo zwischen schattigem Kastanienbaum, Handy am Bauch und der Frage, ob die Wespe jetzt wirklich genau auf dieser Marillenpalatschinke landen will, taucht plötzlich eine Frage in meinem Kopf auf: Bikini oder Badeanzug?

Die große kleine Stofffrage

Das klingt nach einer Entscheidung, die man bereits vor dem Kleiderkasten getroffen haben könnte. Habe ich aber nicht. Zwei Teile oder eins? Mehr ist es ja eigentlich nicht. Ein bisschen Lycra, ein paar Träger, ein Verschluss, der im entscheidenden Moment, nämlich auf der Schwimmbad-Toilette (Igitt), nur mit Yoga-Ausbildung zu öffnen ist. Aber im Bad wird aus dieser kleinen Textilfrage erstaunlich schnell eine Gebrauchsanweisung für den ganzen Tag.

Der Badeanzug sagt: Spring‘ rein! Schwimm‘! Tauch‘ unter! Rutsch‘ mit dem Kind zehnmal dieselbe Rutsche hinunter! Dreh‘ dich im Wasser auf den Rücken und schau in den Himmel, ohne vorher zu überprüfen, ob noch alles dort ist, wo es vor dem Köpfler war. Der Bikini sagt: Leg‘ dich hin! Dreh‘ dich um! Zieh‘ kurz am Träger! Zupf‘ kurz am Höschen! Setz‘ dich so, dass nichts einschneidet! Steh‘ so auf, dass dir nichts rausrutschen kann!

Gebrauchsanweisung aus Lycra

Natürlich stimmt das nicht immer. Es gibt Bikinis, in denen man vom Zehnmeterbrett springen könnte, und Badeanzüge, die ihren Namen nicht verdienen. Ausnahmen der Mode zuliebe gibt es freilich immer. Aber dennoch ist Badebekleidung nie nur Badebekleidung. Sie bringt eine Idee davon mit, was Sommer, oder zumindest dieser Badetag, sein soll: Wasser oder Liegewiese, Bewegung oder Pose, Aktivität oder Erscheinung.

Das Seltsame ist ja: Alle sagen, sie gehen schwimmen. Aber wer einmal einen Nachmittag im Gänsehäufel verbracht hat, weiß, dass Schwimmen oft nur ein kleiner Programmpunkt ist, irgendwo zwischen Handtuchlogistik, Sonnencremeverhandlungen, Pommes holen, Schattennachwandern, Nachrichtenlesen und dem komplizierten sozialen Ballett der Liegewiese. Man beobachtet, ohne zu starren. (Meistens zumindest.) Man wird gesehen, ohne aufzutreten. Man tut entspannt, obwohl der Boden heiß ist, die Badetasche zu schwer und die eigene Sonnenbrille seit einer Stunde unauffindbar.

Schwimmen ist nur ein Programmpunkt

Der Bikini feiert heuer im Juli seinen 80. Geburtstag. Seine Entstehungsgeschichte ist oft erzählt worden: Paris, 1946, Nachkriegszeit, Skandal, Atomzeitalter, Frauenkörper, Freiheit, Kontrolle. Alles richtig, alles wichtig. Nur steht man im Gänsehäufel selten da und denkt: Ah ja, Atomzeitalter! Man steht dort mit nassen, strähnigen Haaren von der Dusche, rutschigen Badeschlapfen und der sehr gegenwärtigen Frage, ob man mit diesem Kleidungsstück eigentlich ins Wasser will oder lieber am Handtuch bleibt.

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Jeden Mittwoch

Vielleicht ist das Duell zwischen Bikini und Badeanzug gar keines zwischen sexy und brav, mutig und praktisch, jung und alt. Die einfachste Lösung wäre jene, die schon viele Omis perfektioniert haben: Man nimmt beides mit. Bikini zum Liegen, Badeanzug zum Schwimmen. Ein kleiner Friedensvertrag aus Lycra. Nur wird es dann wieder kompliziert. Dann braucht man nämlich die Fähigkeit, sich auf einem feuchten ein Quadratmeter großem Bad-WC umzuziehen, ohne sich den Ellbogen an der Türschnalle blau zu schlagen, und die Badekleidung in die Lacke am Boden fallen zu lassen. Möglich ist es.

Ich nehme vielleicht trotzdem beide mit. Nicht aus Prinzip, sondern aus österreichischem Sicherheitsdenken: Man weiß ja nie. Vielleicht will der Bikini liegen. Vielleicht will der Badeanzug schwimmen. Vielleicht will ich einfach nur Pommes.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das Gänsehäufel ist eines der bekanntesten Wiener Sommerbäder und liegt als Strandbad auf einer Insel in der Alten Donau im 22. Wiener Gemeindebezirk, Donaustadt. Als kommunales Bad wurde es am 5. August 1907 eröffnet; zuvor hatte der Naturheilkundler Florian Berndl die Insel als Ort für Natur- und Badekultur bekannt gemacht. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bad zerstört, nach Plänen der Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle neu errichtet und 1950 wiedereröffnet. Heute ist das Gänsehäufel nicht nur Badeanlage, sondern auch ein Stück Wiener Alltagskultur.
  • Der Bikini wurde am 5. Juli 1946 im Pariser Schwimmbad Piscine Molitor präsentiert. Der französische Ingenieur und Modeschöpfer Louis Réard nannte sein knappes Zweiteiler-Modell „Bikini“, nach dem Bikini-Atoll im Pazifik, wo kurz davor US-Atomtests stattgefunden hatten. Ganz neu war der Zweiteiler damals nicht: Bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren gab es Badeanzüge mit getrenntem Ober- und Unterteil. Neu und skandalös war vor allem, wie wenig Stoff Réards Modell hatte, und dass es den Nabel zeigte. Deshalb wurde der Bikini schnell zu einem Kleidungsstück, an dem sich Themen zu Körper, Moral, Freiheit, Feminismus, Mode und öffentlichem Blick finden.
  • Der Badeanzug hat eine längere und deutlich weniger glamouröse Vorgeschichte. Frauenbadekleidung war im 18. und 19. Jahrhundert vor allem auf Sittsamkeit ausgelegt: weite Badekleider, teils aus schweren Stoffen wie Wolle oder Baumwolle, dazu Hosen, Strümpfe und Schnitte, die Bewegung im Wasser eher erschwerten als erleichterten. Erst mit dem Aufkommen des Schwimmens als Freizeit- und Sportpraxis wurden Badeanzüge funktionaler, körpernäher und beweglicher. Materialentwicklungen wie elastische Garne und synthetische Fasern veränderten im 20. Jahrhundert zusätzlich, wie Badekleidung sitzt, trocknet und sich im Wasser verhält. Bikini und Badeanzug erzählen deshalb nicht nur Modegeschichte, sondern auch, wie sich Vorstellungen von Freizeit, Körper, Bewegung und Öffentlichkeit verändert haben.

Quellen

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