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Elon Musk zockt, das Netz diagnostiziert: Was sagen seine Games tatsächlich über ihn aus und was verrät unsere Fixierung auf sie über unsere Medienkultur?
Wenn wir heute jemanden einschätzen wollen, brauchen wir keinen Sigmund Freud mehr, sondern nur den Home-Screen dieser Person. Frei nach dem Motto: „Zeig mir deine zuletzt geöffneten Apps, und ich sage dir, wer du bist.“ Spotify-Jahresrückblick als Charaktertest, Netflix-History als Beziehungsdiagnose, und irgendwo dazwischen: die Spielebibliothek.
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Genau dort schauen gerade viele hin, wenn es um Elon Musk geht. Der Mann, der Raketen baut, Internet-Plattformen umbaut und Roboter verspricht, verbringt seine Freizeit in Dungeons, also unterirdischen Räumen, Gängen und Labyrinthen in Games. Er streamt „Diablo IV“, schwärmt von „Elden Ring“ als größtem Kunstwerk aller Zeiten, zählt stolz seine Gaming-Meriten auf. Was verrät uns das über seinen Charakter?
Killer-Dungeon statt Killerspiel
Wer Anfang der 2000er ein Teenager war, erinnert sich vielleicht noch an die „Killerspiel“-Debatte. Ego-Shooter galten als Vorstufe zur Kriminalität, LAN-Partys als Einstiegsdroge in die Gewalt. Heute spielen Millionen Menschen Shooter, und die meisten davon werden höchstens aggressiv, wenn das WLAN wieder einmal stolpert.
Heute heißt die These: Wer wie Musk düstere Games spielt, stundenlang durch Dungeons rennt und Dämonen schlachtet, muss im echten Leben auch rücksichtslos, nihilistisch und vor allem risikogeil sein. Aus „Counter-Strike macht gewalttätig“ wird jetzt „Diablo macht dich zum schlechten Menschen“.
Das ist erstens bequem, zweitens billig und drittens falsch. Games können viel über Vorlieben sagen, manchmal auch über Strategien. Aber nicht über den Charakter einer Person.
Spannender als das „Was“ ist das „Wie“
Trotzdem lohnt sich der Blick auf den Umgang mit Gaming. Denn Musk spielt nicht einfach, er inszeniert sich beim Spielen. Er streamt seine Runs, kommentiert, wie gut er ist, spricht von Top-Platzierungen und coolen Spielweisen. Und dann begannen Gamer:innen und YouTuber:innen nachzurecherchieren. Es tauchten Vorwürfe auf, er lasse Profis für sich leveln, teile Accounts, versuche, sich nach oben boosten zu lassen. Auf einmal wirkt der große Dungeon-Held eher wie jemand, der bei der Mathe-Matura cheatet.
Das Interessante daran ist nicht, dass ein Milliardär in einem Game mogelt. Das Interessante ist, wie dieses Verhalten zu seiner öffentlichen Persona passt: Die Welt ist ein Wettbewerb, Regeln sind verhandelbar, Hauptsache, man steht am Ende ganz oben. Ob Börsenkurs, Follower-Zahl oder die Bestenliste in einem Action-Spiel: alles Scoreboards, alles Highscore-Jagd.
Wenn die Welt wie ein Strategiespiel wirkt
Viele der Visionen, die Musk verkauft, kennen Gamer:innen schon lange, nur halt als Setting.
Autonome Taxis, die ohne Fahrer durch Neon-Städte gleiten? Gibt’s in gefühlt jedem zweiten Cyberpunk-Game. Eine Gesellschaft, in der Arbeit vor allem optimiert, automatisiert und „effizient“ ist? Willkommen in der Lieblingsmap von Tech-Fantasien, in denen es kein Arbeitsrecht, kein Sozialsystem, keine Menschen gibt, die durch das Raster fallen, wenn man zu schnell an den Einstellungen dreht.
Wenn jemand mit dieser Brille auf die echte Welt schaut und gleichzeitig das große Geld und sehr reale Machtmittel in der Hand hat, wird es heikel. Nicht, weil er Dämonen killt, sondern weil er reale Systeme behandelt, als könnte man sie jederzeit neu starten.
Unser Blick sagt auch etwas aus
Vielleicht müssen wir bei der ganzen Musk-Gamer-Analyse aber auch uns selbst ins Visier nehmen. Was sagt es über unsere Medienkultur aus, dass ein Mann einen Abend lang „Path of Exile“ streamt und die Welt daraus eine Miniserie aus Psychoprofilen, Cheat-Skandalen und Moraldebatten bastelt?
Ein Teil davon ist verständlich: Musk ist jemand, dessen Entscheidungen Folgen für Demokratie, Arbeitsplätze und Infrastruktur haben. Der andere Teil ist schlicht Schwäche für einfache Erzählungen: Die Vorstellung, man könnte aus einer Spieleliste auf den Kern eines Menschen schließen, ist so verführerisch wie Horoskope: „Ah, er spielt düstere Loot-Spiele (also Games, in denen man permanent neue Ausrüstung und Belohnungen einsammelt)? Klar, dass er so kapitalistisch unterwegs ist.“
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Und was heißt das jetzt für uns Normalsterbliche?
Deine Games sagen also über dich ungefähr so viel aus wie deine Lieblingsserie. Ein bisschen was über deine Fluchtwege, deinen Humor. Nicht, ob du ein guter Mensch bist. Wer nach der Arbeit „Animal Crossing“ spielt, ist nicht automatisch empathischer als jemand, der „Elden Ring“ liebt. Und wer gar nicht zockt, ist nicht moralisch im Vorteil, höchstens weniger frustriert über ruckelnde Internet-Verbindungen.
Musk verwischt die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit. Gefährlich dabei ist nicht, dass er Dämonen killt. Gefährlich ist, dass er das reale Leben wie ein Game sieht, bei dem er die Schwierigkeitsstufe bestimmt, alle anderen aber nur ein Leben haben.
In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Elon Musk als Gamer – ein paar Eckdaten:
Lieblingsspiele: In Streams und Interviews nennt Musk u. a. „Elden Ring“, „Diablo IV“, „Quake“, „Half-Life 2“, „Bioshock“, „Halo Infinite“ und „Civilization“ als seine Favoriten. „Elden Ring“ bezeichnete er als „das beste Kunstwerk aller Zeiten“.
Streams & Rekorde: Im Sommer 2023 streamte Musk „Diablo IV“ auf X und prahlte damit, mit seinem Druiden in einer der höchsten Schwierigkeitsstufen der „Pit“-Dungeons unterwegs zu sein und zu den Top-Spielern zu gehören.
Boosting-Vorwurf: Anfang 2025 geriet Musk in die Kritik, weil seine hoch eingestuften Figuren in „Diablo IV“ und „Path of Exile 2“ nicht zu seiner sichtbar unsicheren Spielweise passten. Gaming-Portale und Streamer analysierten seine Ausrüstung und Fehler und kamen zum Schluss: Da hat wohl jemand andere für sich spielen lassen („Account-Boosting“).
Eingestandenes Cheaten: In einem Chat mit dem YouTuber NikoWrex soll Musk eingeräumt haben, dass andere zeitweise seinen Account gespielt haben. Medien wie PC-Gamer, GameStar oder n-tv werteten das als De-facto-Bestätigung für Regelbruch. In beiden Spielen ist Account-Sharing gegen die Nutzungsbedingungen.
- Gaming als Massenphänomen
Wie viele Menschen spielen?
Weltweit wird die Zahl der Gamer:innen auf rund 3,3 Milliarden geschätzt, also deutlich mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung.
Gewaltspiele als Alltag:
Die „Call-of-Duty“-Reihe gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten Marken der Branche, mit hunderten Millionen verkauften Exemplaren. Aktuelle Schätzungen gehen von rund 250 Millionen registrierten Spieler:innen aus.
Killerspiel-Debatte heute:
Metaanalysen kommen seit mehr als 20 Jahren zu einem ähnlichen Bild: Ja, es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Games und aggressiverem Verhalten finden, aber die Effekte sind klein, hängen stark vom Umfeld ab und werden in Teilen durch Publikationsbias aufgeblasen. Einige Forscher:innen wie Craig Anderson sehen Gewaltspiele deshalb weiterhin als gesellschaftliches Risiko, andere wie Christopher Ferguson kommen nach Bias-Korrekturen zum Schluss: Aus den Daten lässt sich kein klarer Aggressions-Schub durch Games herauslesen.
- Begriffserklärung
Dungeon: Unterirdisches Level oder Labyrinth in einem Spiel, oft voller Gegner, Fallen und Beute. In Games wie „Diablo“ oder „Path of Exile“ verbringt man dort einen Großteil der Spielzeit.
Loot-Game: Spiel, in dem man ständig neue Ausrüstung und Belohnungen einsammelt („Loot“) wie etwa Waffen, Rüstungen oder Skills. Der Reiz liegt im ständigen Verbessern der eigenen Figur.
Boosting: Wenn man andere, oft sehr gute Spieler:innen dafür bezahlt oder bittet, den eigenen Account zu spielen, um schnell im Rang aufzusteigen oder schwierige Inhalte zu schaffen. In vielen Online-Games explizit verboten.
Quellen
- Gespräch mit Insider (möchte anonym bleiben)
- Futurism: Did Elon Musk Pay a Gamer to Level a Character Up, Then Accidentally Kill It Permanently Due to Incompetence?
- FAZ: Was sagen Elon Musks Spiele über seinen Charakter? (Paywall)
- The Guardian: Elon Musk stands accused of pretending to be good at video games. The irony is delicious (Paywall)
- The Verge: Elon Musk dies to tutorial boss in Path of Exile 2 livestream
Das Thema in anderen Medien
- The Guardian: Elon Musk admits cheating at video games, chat transcript appears to show (Paywall)
- Game Star: Elon Musk gibt zu, sich seine Erfolge in Path of Exile und Diablo erschummelt zu haben
- T3n: Gaming ist für Elon Musk gerade ein wunder Punkt – und Ubisoft lässt ihn das nicht vergessen
- Notebookcheck: Wer hoch fliegt, stirbt im Tutorial – Elon Musk blamiert sich erneut in Path of Exile 2
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