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Du wolltest nur eine Folge schauen – jetzt ist es Episode 12. Du verstehst kein Türkisch, aber fühlst jede Szene – Untertitel sei Dank. Liebesdrama, Familienfehden und schöne Menschen nonstop. Warum sie dein Streaming-Verhalten kapern? Lies selbst.
Wenn dich höfisches Gekicher in kunterbunten Korsettkleidern langsam ermüdet und „Stranger Things“ dich noch bis Herbst aufs Finale warten lässt, wäre es vielleicht Zeit für etwas Neues – zum Beispiel: türkische Serien. Drama, Style und Story gibt’s auch dort. Nur mit mehr Istanbul aber garantiert kein Fantasy-Mittelalter. Jede Folge dieser sogenannten Dizi dauert stolze zweieinhalb Stunden, also nur knapp weniger als ein „Herr der Ringe“-Film. Und eine simple Unterhaltung über türkischen Tee zieht sich, als ob es um einen wichtigen diplomatischen Sachverhalt ginge. Vergiss also alles, was du bisher übers Serienschauen wusstest, und sei willkommen auf dem nächsten Drama-Level!
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Sollte dich das eher abschrecken als Lust auf Drama zumachen – keine Sorge: Viele Serien gibt’s inzwischen auch im 45-Minuten-Format. TV-Streamingdienste haben den Dizi-Zug längst bestiegen und liefern verdaubarere Portionen für dich.
Drama deluxe mit Storytwists
Türkische Serien boomen weltweit: In mehr als 170 Ländern läuft mittlerweile irgendeine TV-Dizi – von Argentinien über Spanien bis Südkorea. Die Serienindustrie hat sich zu einem großen TV-Exporteur entwickelt und 2024 rund 600 Millionen Dollar damit umgesetzt; jetzt wird die Milliarden-Marke angepeilt.
Dass die Handlungen absurd melodramatisch sind und die Darsteller:innen so makellos, dass man sich fragt, ob hier der Instagram-Filter ins Filmgeschäft übergeschwappt ist, spielt keine Rolle, alle schauen trotzdem oder gerade deshalb gebannt zu. Ob’s an den schönen Menschen liegt, dem Drama deluxe oder den Storytwists, bei denen selbst brasilianische Telenovelas neidisch werden? Serienherz, was willst du mehr. Kein Wunder also, dass türkische Diziler längst global auf dem Vormarsch sind.
Diziler sind der perfekte dramatische Kontrast zu unserem Beziehungsalltag zwischen Dating-Apps, Ghosting und „Wir definieren nichts“-Gesprächen. Und ein bisschen emotionaler Overkill schadet dem Kopf manchmal weniger als ein weiterer Scrolling-Marathon. (Vorausgesetzt man kann über die filmischen Propagandamittel des Erdogan-Regimes hinwegsehen, siehe Daten und Fakten.)
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Aber Dizi ist nicht gleich Dizi. Während türkische Produktionen auf Streamingplattformen deutlich westlicher wirken, inklusive Sexszenen, Champagner und fast ganz ohne türkische Flagge im Hintergrund, offenbaren die staatlichen und auch privaten türkischen TV-Sender eine andere Welt, die man auf YouTube finden kann: Dort warten die richtigen traditionellen Dramen, in denen die Figuren an Zwangshochzeiten verzweifeln, Ehrenmorde rächen und die Flasche Alkohol oder Blut so verpixelt ist wie ein Verdächtiger in einer True-Crime-Doku. Rachefeldzüge werden hier nicht bloß angedeutet, sondern gnadenlos ausgerollt – gern auch einmal 150 Folgen lang.
Und das Drama findet online seine Fortsetzung: Fans erfinden ihre eigenen Trailer, schneiden „Best-of“-Videos, starten wilde Diskussionen über Plot-Twists und sind mindestens so leidenschaftlich wie die Hauptdarsteller selbst. Und wenn der Sender eine Serie abrupt absetzt, weil die Quoten nicht passen, springt die Community ein, um das plötzliche Ende durch fantasievolle KI-Fanfiction zu retten.
Man muss einfach hinschauen
Und wer schaut diese Dizi? Nicht nur Hardcore-Romantikerinnen oder Action-Fans mit Hang zur Mafia-Ästhetik. Und schon gar nicht nur Menschen in der Türkei. Sondern auch jene – türkischstämmig oder nicht –, die Drama brauchen und die erste Folge durchhalten.
Warum also dieser Hype um Serien, in denen minutenlang bedeutungsvoll geschwiegen wird, während jemand dramatisch in die Ferne starrt? Vielleicht ist es der Wunsch, einmal kurz aus der Realität auszubrechen und in eine Welt einzutauchen, in der jede Emotion Platz hat, jeder Blick Bedeutung trägt und niemand einfach nur den Raum verlässt, ohne in Großaufnahme vorher stehenzubleiben und tief durchzuatmen. Türkische Serien sind übertrieben, manchmal hart an der Grenze zur Selbstparodie – aber sie können, was andere längst verlernt haben: Uns runterfahren. Sie sind der emotionale Cheat Day fürs Gehirn – am besten serviert mit Chips, Couchdecke.
In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Genese
WZ-Redakteurin Verena Franke wollte eigentlich nur rausfinden, was es mit dem Dizi-Hype auf sich hat – und ist dabei selbst mitten ins türkische Serienuniversum gestürzt. Was zunächst wie ein Nischen-Hype wirkte, entpuppte sich als globales Phänomen mit Suchtpotenzial, riesiger Fanbase und wachsender kultureller Relevanz. Türkische Serien sind das perfekte Popkultur-Paradoxon: völlig übertrieben, komplett klischeehaft – und trotzdem treffen sie genau ins Herz, wo eigentlich nur Disney-Filme und hervorragende RomComs Platz haben. Genau das macht sie so faszinierend für eine Generation, die Drama liebt, solang es nicht im eigenen Leben passiert.
Daten und Fakten
Die Inhalte türkischer Fernsehserien werden von der staatlichen Rundfunkaufsicht RTÜK überwacht. Die Behörde wurde 1994 gegründet und ist direkt dem Präsidentenamt unterstellt. Sie entscheidet, welche Inhalte im Rundfunk zulässig sind – und greift regelmäßig ein. Betroffen sind dabei nicht nur politische Aussagen. Immer wieder ahndet RTÜK auch moralische Verstöße. In einem Fall verhängte sie eine Geldstrafe, weil eine Serie außereheliche Beziehungen positiv darstellte. Alkoholkonsum oder freizügige Szenen werden zensiert – etwa durch Verpixelung oder Nachbearbeitung.
Ein aktuelles Beispiel ist die Serie „Kızıl Goncalar“ („Rote Knospen“) auf Fox TV, die Spannungen zwischen säkularen und religiös-konservativen Milieus thematisiert. Bereits nach zwei Folgen schalteten fast sieben Millionen Zuschauer ein. Kurz darauf griff RTÜK ein: Die Serie musste pausieren, eine Geldstrafe von rund 275.000 Euro wurde verhängt. Anlass war eine Szene, in der ein minderjähriges Mädchen mit einem Sektenführer verheiratet werden sollte. Die Begründung lautete: Verstoß gegen nationale und moralische Werte.
Es gingen über 32.000 Beschwerden bei der Behörde ein. Konservative Medien warfen der Produktion Islamfeindlichkeit vor, religiöse Gruppen wie die in Istanbul ansässige Ismailaga-Sekte forderten ein Ausstrahlungsverbot.
Auch internationale Streamingdienste wie Netflix unterwerfen sich der Aufsicht. Ein Sprecher der Plattform erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, Inhalte würden RTÜK nicht vorab vorgelegt. Reagiere die Behörde jedoch nach der Veröffentlichung, sei man verpflichtet, den Anforderungen entsprechend zu handeln – im Rahmen des nationalen Rechts.
Quellen
- Statista
- Deutsche Welle: „Rote Knospen“ – eine Fernsehserie spaltet die Türkei
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Film.at: Türkische Serien sind angesagt: Nun kommt „Reminder“
- Süddeutsche Zeitung: Die Türkei auf der Couch (Paywall)
- Leipziger Zeitung: Türkische Sender über Internet empfangen – So einfach geht’s mit VPN
- NZZ: Türkisches „Game of Thrones“: wie die Türkei mit TV-Serien die Welt erobert (Video)
- Frankfurter Allgemeine: Erdogans Helden schießen auf alles und jeden
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