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Früher bedeutete ein fülliger Körper Wohlstand und damit gleichzeitig Schönheit. Heute gilt ein anderes Schönheitsideal: dünn, dünner, am dünnsten. Was Körper über die Gesellschaft, Ideale und Trends verraten.
Angesichts von Size Zero, ständiger Kalorienkontrolle und Hungerhaken-Vorbildern im Internet wäre ich gern ein Rubens-Modell. Nicht, weil die Zeit des Barocks ein feministisches Paradies war, ganz im Gegenteil: Schließlich malte auch Peter Paul Rubens keine befreiten Frauenkörper, sondern Männerfantasien in Öl. Aber immerhin sehen seine Frauen nicht so aus, als würden sie im Kopf gerade Kalorien, Kommentare und Kamerawinkel zusammenrechnen. Schau dir doch mal das Bild „Die drei Grazien“ an: Diese Frauen sind trotz Pölsterchen anmutig, sie tänzeln miteinander, wirken frei, als hätte ihnen noch niemand erklärt, dass ein Körper vor allem ein Verbesserungsprojekt ist.
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Heute würden unter so einem Bild wie „Die drei Grazien“ als Kommentar vermutlich eher Bosheiten wie „Ozempic?“, „sie sieht aber ungesund aus“ oder „body goals????“ stehen. Und genau da beginnt der Kulturschock: nicht bei der Frage, welcher Körper schöner ist, sondern warum jede Zeit so überzeugt ist, dass gerade ihr Ideal das Beste und Schönste ist. Aber Körperideale sind nie nur Geschmack. Sie erzählen, was eine Gesellschaft gerade bewundert, fürchtet oder kontrollieren will.
Der Körper als Zeitdiagnose
Im Barock durfte Schönheit noch üppig sein, fleischlich, dramatisch, ein bisschen, als hätte jemand das Leben mit Schlagobers und Kirsche obendrauf serviert. Natürlich war auch das ein Ideal. Aber es erzählte etwas über eine Welt, in der Nahrung, Besitz und Sicherheit nicht selbstverständlich waren. Fülle bedeutete Wohlstand, Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit, Präsenz. Ein Körper, der Platz einnimmt, sagte nicht automatisch: Entschuldigung. Er sagte eher: Da schau her.
Im 19. Jahrhundert sah das ganz anders aus: Das Korsett schnürte die Taille zur Botschaft über Haltung, Anstand, Kontrolle. Der weibliche Körper wurde nicht einfach angezogen, sondern architektonisch bearbeitet: oben hochgequetschtes Dekolleté, dann eine Wespentaille und als krönender Abschluss ein weiter Rock, der die Beine versteckte. Diese zu sehen galt nämlich als unanständig. Diese von der Moral verordnete Eleganz könnte man wohl auch „organisierte Beklemmung“ nennen.
WZ-Kolumnistin Verena Franke macht sich Gedanken zum Retro-Hype auf Social Media.
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In den 1920ern sollte der Körper plötzlich schmal sein, knabenhaft, modern. Die Taille rutschte nach unten, die Silhouette wurde flacher, der Körper sollte aussehen, als könne er Charleston tanzen und sich aus alten Geschlechterrollen herauswinden. Auch das hatte etwas Befreiendes. Aber wie so oft musste sich die Freiheit wieder einen bestimmten Körper suchen, durch den sie gut aussah.
Dann kamen neue Ideale, immer schneller: Marilyn Monroe und die Kurve als Hollywood-Versprechen. Twiggy und die 60er, in denen Jugend plötzlich nach großen Augen und sehr dünnen Beinen aussah. Die 80er mit Aerobic-Körpern, Jane-Fonda-Beinen und dem Gefühl, der Körper müsse nicht nur schön, sondern auch leistungsbereit sein. Die 90er mit Heroin Chic, als Blässe, Müdigkeit und extreme Dünnheit plötzlich als cool galten. Die 2000er mit Size Zero und Low-Waist-Jeans. In Musikvideos, Magazinen und auf Paparazzi-Fotos wurden sie an Körpern gezeigt, die möglichst flach, schmal und knochig sein sollten.
Die Erlösung: Body Positivity
Danach kam etwas, das kurz wie Erlösung klang: Body Positivity. Plötzlich sollten alle Körper sichtbar sein: mehrgewichtige Körper, behinderte Körper, Körper mit Narben, Dellen, Dehnungsstreifen. Dann Body Neutrality, ein Trend, der eigentlich noch vernünftiger war. Frei nach dem Motto: „Vielleicht muss ich meinen Körper gar nicht jeden Tag lieben. Vielleicht reicht es, ihn nicht dauernd zu kommentieren. Vielleicht darf ein Bauch einfach ein Bauch sein und nicht gleich eine politische Kampagne mit Bauchnabel.“
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Und jetzt? Jetzt scrollen wir wieder durch Bilder, bei denen der alte Hunger mit neuem Lichtfilter zurückkommt. Auf roten Teppichen, in TikTok-Kommentaren, in „What I eat in a day“-Videos und in diesen seltsamen Ozempic-Gerüchten, die mittlerweile weniger nach medizinischer Information klingen als nach Promi-Währung. Nicht: Wie geht es ihr? Sondern: Nimmt sie was?
Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung: Früher hieß Status, ich habe ausreichend und vielleicht sogar Überfluss (siehe Rubens). Heute heißt Status oft, ich brauche nichts. Kein Essen, keine Pause, keine Schwäche, keinen Platz. In einer Überflussgesellschaft wird nicht Fülle bewundert, sondern Verzicht. Nicht Bedürfnis, sondern Kontrolle. Nicht Leben mit Schlagobers, sondern Leben mit App, Plan und sehr hübscher Trinkflasche.
Der Hungertrend ist deshalb kein bloßes Comeback der 90er. Er passt in eine Zeit, in der vieles außer Kontrolle wirkt: Kriege, Klima, Preise, Zukunft, Arbeit, Wohnen, die nächste Rechnung, die nächste Krise. Und während draußen alles wackelt, wird der eigene Körper zur letzten überschaubaren Baustelle. Schritte zählen. Schlaf tracken. Zyklus beobachten. Haut analysieren. Essen dokumentieren. Produktivität optimieren. Manchmal sieht Selbstfürsorge dann aus wie ein sehr hübsches Kontrollsystem.
Der Körper ist dabei nicht mehr einfach nur Körper. Er wird zum Beweis, dass man sich im Griff hat. Wer dünn ist, wirkt in dieser Logik nicht nur schön, sondern ordentlich. Beherrscht. Diszipliniert. Als hätte man das eigene Chaos erfolgreich in eine kleinere Kleidergröße gefaltet.
Was unsere Körpertrends erzählen
Vielleicht bewundert jede Zeit genau den Körper, der ihre größte Angst kaschiert. Rubens malte Körper, die sagen: Ich bin da. Das Korsett formte Körper, die sagen: Ich halte mich zusammen. Heroin Chic sagte: Ich bin unberührbar. Size Zero sagte: Ich bin kontrolliert. Body Positivity sagte: Ich darf sichtbar sein. Body Neutrality sagte: Ich muss gar nicht dauernd angeschaut werden.
Und unsere Gegenwart? Die scheint gerade wieder Körper zu bewundern, die flüstern: Ich habe alles unter Kontrolle. Wer diese Ideale eigentlich hervorbringt – männliche Vorgaben, weibliche Selbstgeißelung, Märkte, Medizin oder einfach der Wunsch, dazuzugehören –, ist eine andere Geschichte. Vielleicht die nächste.
Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Peter Paul Rubens’ „Die drei Grazien“ kann als historisches Gegenbild zu heutigen Körperidealen gesehen werden. Das Museo del Prado in Madrid datiert das Gemälde auf etwa 1630 bis 1635 und beschreibt die drei Grazien als Figuren, die mit Liebe, Schönheit, Sexualität, Freude und Fruchtbarkeit verbunden sind.
- Für den Zusammenhang zwischen Social Media, Körperbild und Essverhalten ist eine Überblicksstudie in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift PLOS Global Public Health zentral. Die Autor:innen werteten 50 Studien aus 17 Ländern zu jungen Menschen zwischen 10 und 24 Jahren aus. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Social-Media-Nutzung bei jungen Menschen mit Körperunzufriedenheit, problematischem Essverhalten und psychischer Belastung zusammenhängen kann. Besonders wichtig sind dabei sozialer Vergleich, Schlankheits- und Fitnessideale sowie der Druck, den eigenen Körper ständig von außen zu betrachten.
- Die gesundheitliche Sensibilität des Themas wird durch österreichische Quellen gestützt. Die MedUni Wien beschreibt Magersucht als eine der schwersten psychischen Erkrankungen und als dritthäufigste zur Chronifizierung neigende Störung bei Jugendlichen. In einer Mitteilung von 2026 heißt es außerdem, Essstörungen zählten nach Asthma und Adipositas zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Jugendalter und wiesen die höchste körperliche Gefährdung aller psychiatrischen Störungen auf.
Quellen
- YouTube: Verhungern ist jetzt ästhetisch in Hollywood
- Museo del Prado: The Three Graces. Peter Paul Rubens
- Global Public Health: The social media diet: A scoping review to investigate the association between social media, body image and eating disorders amongst young people
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