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Kino ohne uns

3 Min
Die alle zwei Wochen erscheinende Kultur-Kolumne der WZ.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Was passiert, wenn weniger Geld in heimische Filmproduktionen fließt? Betrifft das nur ein paar Schauspieler:innen und Tontechniker:innen? Definitiv nicht – auch du wirst es merken.


Stell dir vor, du sitzt im Kino-Saal und denkst dir: Ach wie schön, das ist ja Wien! Den Platz, den man gerade sieht, kennst du. Aber das Drumherum passt irgendwie nicht. Komisch … Des Rätsels Lösung findest du im Abspann: Da steht nämlich, dass der Film in Riga gedreht wurde. Oder in Warschau. Die Hofburg haben sie im Studio nachgebaut. Und die KI hatte auch einen großen Auftritt. Das ist die Realität, wenn in Österreich die Förderpipeline stockt und Heimat nur noch Kulisse ist: Drehstopps, mehr Arbeitslosigkeit in den Gewerken und am Ende weniger heimische Kinofilme für uns. Also kein „Muttertag“ mehr, der uns immer noch den Spiegel vorhält und wir uns trotzdem vor Lachen auf die Schenkel klopfen – ist das okay für dich?

Weniger Greenlights

Warum fehlt überhaupt Geld? Klar, unser Staat muss sparen. Da muss auch der Kulturbereich seinen Beitrag zur Budgetsanierung leisten. Die Förderschiene für Kinofilm ÖFIplus wird um rund 22 Millionen Euro gekürzt. Damit bleiben rund 15,5 Millionen Euro übrig. Aus diesem Topf bekommen die Kinoprojekte ihr Go, wenn sie die Kriterien erfüllen. Aber weniger Mittel heißt automatisch weniger Greenlights und längere Funkstille im Drehplan.

Zumindest ist die Standortschiene FISAplus seit 1. September wieder offen, die unter anderem ausländische Filmproduktionen nach Österreich holen soll. Dafür stehen heuer laut Wirtschaftsministerium bis zu 80 Millionen bereit. Das hilft vor allem TV-, Streaming- und Serviceproduktionen und hält Crews am Arbeiten. Diese Förderung ist gut für Hotels, Catering-Unternehmen, Taxis und Leihkameras, aber kein Ersatz für eigene Kinostoffe.

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Was macht also Kulturminister Andreas Babler, der von der Branche als „Totengräber des österreichischen Films“ bezeichnet wurde? Nach dem lauten Aufschrei hat er Gespräche mit der Filmszene gestartet und sich den früheren Kulturminister Rudolf Scholten als Berater geholt. Und jetzt? Heißt es wohl abwarten.

Streamer, bitte zur Kassa!

Helfen könnte eine Abgabe für internationale Plattformen. Diese Investitionspflicht soll einen verbindlichen Anteil beinhalten, den Anbieter wie Netflix, Amazon oder Apple hierzulande ausgeben müssen. Rund 40 Millionen Euro pro Jahr könnten so generiert und rund 90 Millionen an Investitionen vor Ort ausgelöst werden. Die rechtliche Grundlage für die Investment-Obligation bietet die EU-Richtlinie für audiovisuelle Mediendienste (AVMD), die es Mitgliedstaaten erlaubt, Streamingdienste zu Investitionen in europäische Produktionen zu verpflichten. Das klingt ja schon einmal gut und eine Arbeitsgruppe dazu gibt es auch.

Muss sich die Filmszene beweisen?

Welchen Stellenwert die heimische Filmindustrie hat, zementiert eine Studie: Die Untersuchung „Kulturelle, ökonomische und soziale Wertschöpfung der österreichischen Filmwirtschaft“ zeigt anhand von 223 Produktionen eine große inhaltliche Breite bei Projekten aus ÖFIplus und FISAplus, während reine Streamingproduktionen internationaler ausgerichtet sind. Auch bei der Gleichstellung schneidet Österreich besser ab: Der Frauenanteil in Crews liegt europaweit bei 23 Prozent, in Österreich bei 44 Prozent. Im Schauspielensemble liegt Österreich mit 49 Prozent noch höher. Aber natürlich befeuert die Branche auch den Tourismus, allein der „Bergdoktor“ brachte 800.000 Übernachtungen in die österreichischen Alpen. Und von den internationalen Auszeichnungen, die den Bekanntheitsgrad unseres Landes zusätzlich steigern, brauchen wir erst gar nicht reden.

FISAplus hält also den Standort attraktiv. Aber ohne verlässliche Mittel für heimische Kinoprojekte bleibt Österreich bloße Kulisse. Und unsere ureigenen Geschichten erzählen andere. So wie in „Sound of Music“, einem US-amerikanischen Film über die Salzburger Familie Trapp.


In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.



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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Kulturminister Andreas Babler verwies im Kulturausschuss am 23. Oktober 2025 bezüglich Filmförderung auf die Abgeordnete Karin Auer (SPÖ) und auf eine technische Arbeitsgruppe seines Ressorts mit dem Finanzministerium und Branchenvertreter:innen. Konkrete Ergebnisse erwartet Babler aufgrund der Komplexität der Frage erst für die zweite Jahreshälfte 2026. Eine Investment-Obligation, also eine Abgabe für Streaming-Dienste, sei damit erst mit Beginn 2027 zu erwarten.
  • ÖFIplus ist die automatische Kinofilm-Förderung des Österreichischen Filminstituts. Sie ergänzt die klassische, „selektive“ ÖFI-Förderung. Geld gibt es nicht nach Jury-Geschmack, sondern wenn klare Kriterien erfüllt sind (z. B. kultureller Eigenschaftstest, Mindest-Österreich-Anteil am Budget). Dann wird die Förderung regelbasiert gewährt.
  • FISAplus ist ein Standort-Incentive v. a. für TV/Streaming und internationale Servicedrehs.

Quellen

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