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Kassette statt Cloud? Popstars von Taylor Swift bis Billie Eilish feiern das Magnetband als Retro-Statement. Doch hinter dem Tape-Revival steckt wohl mehr Nostalgie-Merch als echter Hype.
Weiß heute überhaupt noch jemand, wie eine Musikkassette aussieht und welche Schweißausbrüche sie ihren Besitzer:innen bescherte, wenn sich das Band im Kassettenrecorder verhedderte? Ich spreche aus Erfahrung: In den 1990er-Jahren saß ich mehr als einmal völlig fertig in meinem Zimmer, steckte einen Bleistift in eines der beiden Löcher der Kassette und versuchte, den Bandsalat, der sich wie ein dünner schwarzer Wurm vor mir auf dem Boden schlängelte, wieder zurück ins Gehäuse zu bringen. Vorsichtig und langsam, mit Feingefühl arbeitete ich, fluchte und hoffte, dass mein Lieblingslied trotz des Knicks im Band noch zu hören wäre.
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Mit dem Siegeszug der CD war die Ära der Kassette zu Ende. Und heute? 2025 bringen Popgrößen wie Taylor Swift, Billie Eilish, Lana Del Rey und Olivia Rodrigo ihre Alben neben Vinyl auch auf Kassette heraus. In den USA verkauften sich im Jahr 2023 rund 463.400 bespielte Kassetten – fünfmal so viele wie 2015. Klingt beachtlich, ist aber ein Tropfen im Datenmeer. Denn beispielsweise Swifts Album „1989“ (Taylor’s Vision) verkaufte sich 2023 allein in der ersten Woche rund 1,359 Millionen Mal (physisch und als Downloads). Eine Gesamtverkaufszahl wurde bis heute nicht veröffentlicht. Auf Musikkassette waren es in den USA 17.500 Stück – das klingt nach Fanliebe, aber nicht nach Massenphänomen.
Protest der Gen Z
Die Wiederbelebung der Kassette kann man als Protestkonsum der Gen Z verstehen: als kleine Geste gegen die algorithmische Dauerbeschallung und das reibungslose Streaming. Statt „Playlist auf Knopfdruck“ heißt es: vorspulen, zurückspulen, hoffen, dass man den Songanfang trifft. Die Gen Z inszeniert damit auch Retro-Coolness, so wie analoge Kameras, Vinyl oder Videokassetten. Dinge, die man eigentlich längst im Museum der 80er und 90er verorten würde, gelten plötzlich wieder als ästhetisch, also nicht praktisch, sondern instagrammable, mit dem Charme des Unperfekten; ein bewusster Gegenentwurf zur glatten Cloud-Welt.
Aber Nostalgie und Haltung allein erklären den Trend nicht. Für die Musikindustrie ist die Kassette ein geschicktes Zusatzgeschäft. Billig zu produzieren, limitiert verkaufbar und mit dem Nimbus des „Exklusiven“. Popstars nennen es Solidarität mit den Fans, Manager:innen nennen es Merchandise.
Nerviges Medium
Dabei war die Kassette schon zu ihrer Glanzzeit ein nerviges Format: Soundqualität mittelmäßig, das Band ständig in Gefahr, sich zu verheddern. 1963 erfunden, 1979 durch den Sony Walkman zum Kultobjekt gemacht, in den 2000ern von CD, MP3 und Streaming weggefegt. Seit 2010 werden Walkmen gar nicht mehr produziert – kein Wunder, meiner war so groß und schwer wie ein Ziegelstein und verbrauchte Batterien im Akkord. (Ja, es gibt Boutique-Neuauflagen.)
Natürlich, Mixtapes hatten ihren Zauber: Herzklopfen auf Magnetband, Liebeserklärungen mit 90 Minuten Laufzeit. Aber ein Revival? Eher eine Nische mit viel Symbolik und ein bisschen cleverem Marketing.
Also, liebe Gen Z: Wollt ihr euch das wirklich antun – zerknitterte Magnetbänder, Knarz-Sound und Ziegelstein-Walkman? Probiert es, aber vergesst nicht den Bleistift.
In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Genese
WZ-Redakteurin Verena Franke ist mit Mixtapes und Bandsalat großgeworden. Nach Jahren mit silbernem Ziegelstein-Walkman hat sie sich geschworen: nie wieder. Und fragt sich jetzt, warum die Gen Z das Magnetband freiwillig wieder ausgräbt.
Daten und Fakten
- Die Compact Cassette, wie das bespielbare Magnetband ursprünglich hieß, wurde vom niederländischen Ingenieur Lou Ottens für den Elektronikkonzern Philips entwickelt. Auf der IFA 1963 stellte das Unternehmen den Taschen-Recorder 3300 vor, der 330 DM (169 Euro) kostete und zunächst als tragbares Notizgerät gedacht war. Rasch fand die Kassette jedoch ihren Platz in der Musikkultur: zunächst als Medium für Rock ’n’ Roll und private Live- oder Schallplattenmitschnitte, später in Radiorekordern und Kassettendecks.
Bei Musikfans sorgten vor allem Radiomoderatoren für Frust, wenn sie mitten in Songs hineinsprachen. Für die Musikindustrie war die Leerkassette ambivalent: Sie erlaubte zwar private Mitschnitte, doch die Qualität verschlechterte sich mit jeder Kopie deutlich – selbst das Dolby-Rauschunterdrückungsverfahren konnte das nur bedingt ausgleichen. Mit der Digitalisierung änderte sich das Bild: Musik ließ sich auf CDs oder online verlustfrei und in Sekundenschnelle vervielfältigen.
Quellen
- SZ: Protest in der Nische (Paywall)
- Youtube: Die Kompaktkassette kehrt zurück - sinnvolles Revival oder tontechnischer Unsinn?
- Die Zeit: Bandsalat, der die Welt veränderte
Das Thema in anderen Medien
- Deutschlandfunk Kultur: Der Walkman ist zurück! ... Oder
- WDR: Happy Birthday - Unsere Musikkassette wird 60
- Die Zeit: Kündige Spotify, kauf dir einen Kassettenspieler
- Watson: Die Kassette gibt ein Comeback – zumindest bei den Swifties
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