Zum Hauptinhalt springen

Swipe up fürs echte Leben: Warum du offline tanzen solltest

4 Min
Die alle 14-Tage erscheinende Kultur-Kolumne der WZ.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

TikTok hat den Körper in den Feed geholt – jetzt bringt das ImPulsTanz-Festival ihn zurück in den öffentlichen Raum. Und plötzlich schwitzen alle gemeinsam – nicht für Likes, sondern fürs Gefühl.


Der erste Lockdown brachte leere Klopapierregale – und verwandelte Wohnzimmer in Tanzflächen. Plötzlich tanzte die halbe Welt synchron zu TikTok-Choreos. Erinnerst du dich noch, als du zum fünften Mal versucht hast, diese verdammten Moves zu „Savage“ zu lernen, ohne dabei dein Handy frustriert aus dem Fenster zu werfen? Genau. Von komplizierten Drehungen bis zu simplen Schrittkombinationen – Hauptsache niederschwellig, Hauptsache Spaß. Tanz wurde massentauglich. Zumindest auf dem Smartphone.

Was TikTok digital gestartet hat, bringt das ImPulsTanz-Festival zurück ins reale Leben. Begonnen hat alles 1984 in Wien, mittlerweile zählt es zu den größten Tanzfestivals weltweit. Und dieses Jahr geht es noch einen Schritt weiter: Mit „Public Moves“ wandert das Tanzen raus aus den Studios, rein in Parks, auf öffentliche Plätze – und auch in die Bundesländer. Seit Mai tourt ImPulsTanz mit kostenlosen, offenen Tanzklassen durch Linz, Klagenfurt, Salzburg und jetzt Wien. Eine weitere Expansion ist für nächstes Jahr angedacht. Endlich wird der urbane Hype exportiert – was in Wien als cool gilt, könnte ja auch am Linzer Hauptplatz funktionieren. Oder am Wörthersee. Oder irgendwo zwischen der Salzburger Getreidegasse und dem Festspielhaus.


Menschen tanzen energisch an einem sonnigen Tag in legerer Sommerkleidung auf einer gelben Matte im Freien im Rahmen von Impulstanz.
Bei den diesjährigen „Public Moves“ in Klagenfurt wurden neue Moves getestet.
© Bildquelle: Impulstanz / Lydia Naomi Knöbl

Das Prinzip hinter Public Moves ist einfach und zeitgemäß: niederschwelliger Zugang, keine Kosten, viel Bewegung und wenig Hemmung. Ein Gegenentwurf zum durchgefilterten Selbstoptimierungs-Body auf Instagram und vielleicht sogar ein kleiner Schritt Richtung demokratischer Kulturzugang. Also ziemlich genau das, was TikTok groß gemacht hat. Nur mit weniger Filtern und mehr Schweißflecken. Schon zur Festivaleröffnung traf TikTok auf Realität: Der französische Choreograf Amala Dianor brachte virale Choreos von kleinen Bildschirmen auf die große Bühne – live, kraftvoll und ganz ohne Swipe-Funktion.

Genau das zieht sich durch das ganze Festival: einfach ausprobieren, ohne sich blöd dabei zu fühlen. Sich trauen, neue Moves zu testen – auch wenn man zuerst eher wie ein betrunkener Oktopus aussieht. Darin liegt der Charme: Raus aus der Komfortzone, runter von der Couch, weg vom Bildschirm – und sich am Ende wie Beyoncé fühlen. Oder zumindest wie jemand, der gerade Beyoncé nachstellt.


Du hast schlechte Nachrichten satt? Dann ist unser Newsletter mit seinen Good News etwas für dich.

Ein Stern auf blauem Hintergrund

Na gut

Der Newsletter mit den guten Nachrichten: Kleine Geschichten über Fortschritte und Erfolg.

Jeden Mittwoch

Während TikTok gratis ist, ist ImPulsTanz – abgesehen von Public Moves – normalerweise vor allem eines: ziemlich teuer. 220 Euro ist der Workshop-Normalpreis für Montag bis Freitag, wer vor dem 1. Juni gebucht hat, erhielt zumindest Ermäßigungen. Die Workshops, in denen international renommierte Tänzer:innen zeigen, wie man sich richtig verrenkt, sind trotzdem regelmäßig ausgebucht. Aber nicht jede:r, der will, kann sich das leisten. Unter den Kursteilnehmern sind auch junge Leute mit wenig Geld, die sich die Teilnahme vom Mund absparen. Sie sind bereit, für die letzte legitime Form der Selbstdarstellung zu zahlen – weil es ihnen eben nicht nur ums Gesehenwerden geht, sondern ums Mitmachen, Bewegen, Dabeisein. Und ja, vielleicht auch ein bisschen darum, später ab 22 Uhr im Vestibül die gelernten Moves auf der inoffiziellen Bühne der Nacht zu zeigen.


Menschen tanzen energisch an einem sonnigen Tag in legerer Sommerkleidung auf einer gelben Matte im Freien im Rahmen von Impulstanz.
Einfach ausprobieren, ohne sich blöd dabei zu fühlen, ist das Motto der Workshops.
© Bildquelle: Impulstanz / Bernhard Müller

Denn genau dieses nächtliche Epizentrum beim Seiteneingang des Burgtheaters macht ImPulsTanz für viele erst komplett – ein Ort, an dem sich Festivalgäste und Zaungäste gleichermaßen ins Getümmel stürzen. Dort treffen durchtrainierte Profis auf Hipster aus dem siebten Bezirk und Neulinge, die noch nie auf einer Bühne standen – aber trotzdem dazugehören. Genau wie auf TikTok: hier die Profis, die so tanzen, als wären sie dafür geboren, dort die charmanten Anfänger:innen, die nicht einmal im Rhythmus mit den Fingern schnipsen können, aber trotzdem Millionen von Likes sammeln, weil sie sich einfach trauen.

Wer weiß, vielleicht endet dein Sommer ja nicht mit einem perfekten Solo vorm Handy, sondern mit einem schiefen Gruppenmove, der sich trotzdem genau richtig anfühlt.

In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteurin Verena Franke beschäftigt sich seit Jahren mit Tanz als Ausdruck sozialer Dynamiken – nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Alltag. Gerade in Zeiten, in denen Körper permanent zur Schau gestellt werden, gewinnt die Frage, wo und wie wir uns gemeinsam bewegen, neue Bedeutung. TikTok hat Tanz popularisiert, aber auch individualisiert – das ImPulsTanz-Festival kehrt den Trend um: raus aus der Selbstinszenierung, rein in die kollektive Erfahrung.

Daten und Fakten

  • TikTok hat die Tanzkultur maßgeblich beeinflusst und zu ihrer Popularisierung beigetragen. Die Plattform hat eine Vielzahl von Tanzstilen, meist aber ausgehend von Hip-Hop und Urban Dance, einem breiten Publikum zugänglich und viele Tänze durch Viralität weltweit bekannt gemacht. Gleichzeitig hat TikTok auch zu Unsicherheiten geführt, wie z. B. bei der Aneignung von Tanzstilen schwarzer Künstler:innen und deren anschließender Verbreitung durch andere Nutzer:innen ohne Erwähnung der eigentlichen Urheber:innen.
  • Beispiele für populäre TikTok-Tänze:

Renegade: Ein schneller, mehrstufiger Tanz, der beliebte Bewegungen wie das Woah, das Winken und den Dab beinhaltet.

Savage Love (Laxed – Siren Beat): Ein Tanz, der durch die Musik von Jason Derulo bekannt wurde.

Savage: Ein Tanz, der durch die Musik von Megan Thee Stallion bekannt wurde.

Blinding Lights: Ein Tanz, der durch die Musik von The Weeknd bekannt wurde

  • Das ImPulsTanz-Festival findet noch bis 10 August statt. 153 internationale und nationale Dozent:innen leiten 257 Workshops und Research Projects. Auf dem Programm stehen insgesamt auch 49 Produktionen an 18 Spielstätten in Wien mit dem Who’s Who der zeitgenössischen Tanzszene: Es gastieren etwa das Tanztheater Wuppertal, Boris Charmatz, Sasha Waltz, der Akram Khan Company und Anne Teresa De Keersmaeker.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte