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KZ-Gründe Leobersdorf: Tiefkühlpizza statt Gedenken

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Auf dem Gelände des ehemaligen Frauen-KZ in Leobersdorf sind längst die Bagger aufgefahren.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Christian Husar

Der Leobersdorfer Bürgermeister profitierte vom Verkauf der Fläche, auf der einst das zweitgrößte Frauen-KZ Österreichs stand. Darauf soll ein Logistik-Zentrum und ein Lidl-Supermarkt gebaut werden.


Die Mauerreste verschwinden unter Schotter. Einst stand hier das zweitgrößte Frauen-KZ auf österreichischem Boden. Jetzt wird in Leobersdorf, 40 Autominuten südlich von Wien, eine riesige Gewerbehalle gebaut. Konkret ein Kühl- und Logistiklager mit mehreren Laderampen, Tiefkühlbereichen, Versandzonen. Hier entsteht nicht nur Infrastruktur, um Supermärkte mit Lebensmitteln zu versorgen, wie Pläne zeigen, die Falter und WZ vorliegen, sondern Insidern zufolge auch eine Filiale des deutschen Discounters Lidl.

1944 errichteten die Nazis auf dieser Wiese am Rande der Gemeinde Leobersdorf ein Frauen-Konzentrationslager. Sie sperrten rund 400 verschleppte Frauen und Mädchen aus Polen, Italien und der Sowjetunion ein, um sie als Zwangsarbeiterinnen in der nahegelegenen Munitionsfabrik einzusetzen. In Zwölf-Stunden-Schichten fertigten sie Zündhütchen für Hitlers Angriffskriege. Sie hausten in Holzbaracken, umzäunt von elektrisch geladenem Stacheldraht. Wo früher das Lager stand, werden heute Löcher für Betonfundamente gegraben.

Bürgermeister profitierte von Umwidmung

Über die umstrittenen Pläne berichteten Falter und WZ bereits 2024 ausführlich. Sie deckten auf, dass der Leobersdorfer Bürgermeister und Immobilienunternehmer Andreas Ramharter vom Verkauf der Flächen profitiert hat. Eine seiner Firmen verkaufte das Areal für mehr als 15 Millionen Euro an den Unternehmer Thomas Rattensperger. Zwei kleine Umwidmungen im Gemeinderat, wo Ramharters Liste Zukunft Leobersdorf (LZL) eine Mehrheit besitzt, brachten seiner Firma zusätzlich 1,34 Millionen Euro. Zudem profitiert Ramharter auch noch vom Gewerbepark: Er sicherte sich vertraglich das Recht, auf dem Dach Photovoltaik-Module zu installieren.

Die Grundstücks-Deals sorgten für Aufsehen. Die Direktorin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Barbara Glück, bezeichnete es als „Schande“, die KZ-Überreste abzureißen. Oskar Deutsch, Präsident der Israelischen Kultusgemeinde, kritisierte, dass „auf Kosten des Andenkens an gequälte und ermordete Frauen Profit gemacht wurde“. Monatelang setzte sich eine Lokalinitiative für ein Mahnmal auf dem Gelände ein. Vergeblich. Das Bundesdenkmalamt sah die Überreste auf der Wiese als „nicht ausreichend, um sie unter Denkmalschutz zu stellen“. Rattensperger konnte seine Gewerbepark-Pläne umsetzen.


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Falter und WZ liegen nun Pläne für ein großes Logistikzentrum vor: Mehrere Rampen, um Lastwagen zu beladen, Kühl- und Tiefkühlbereiche, Büroräume. Wer das Zentrum betreiben wird, ist unklar. Ramharter und Rattensperger reagierten nicht auf Anfragen von Falter und WZ.

Der Leobersdorfer Bürgermeister will jedenfalls die Widmung der Fläche auf BVB-600 ändern. Damit wären bis zu 600 Fahrzeugfahrten pro Tag und Hektar möglich. Umgelegt auf das zwei Hektar große Areal wären es bis zu 1.200 Fahrten pro Tag. Die Opposition sieht die Pläne kritisch. Die Liste Leobersdorf Jetzt brachte eine Aufsichtsbeschwerde beim Land Niederösterreich ein, weil es keine Einsichtnahme in wichtige Verkehrsgutachten gab. Die Umwidmung wirke sich negativ auf den Verkehr aus. „Wer heute schon täglich auf der B18 im Stau steht, versteht nicht, warum künftig noch deutlich mehr Verkehr möglich gemacht werden soll“, sagt Reinhard Dungel, Gemeinderat der Liste Jetzt, zur WZ.

Discounter auf KZ-Wiese

Laut Informationen von Falter und WZ soll der deutsche Supermarkt-Riese Lidl auf dem Areal eine neue Filiale planen. Mit dem Eigentümer Rattensperger soll es bereits einen Vertrag geben. Die Pläne bestätigen will Lidl auf Anfrage nicht, aber auch nicht dementieren. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen, interessanten Standorten, um die lokale Nahversorgung weiter zu verbessern. Dazu zählt auch der Raum Leobersdorf. Zum aktuellen Zeitpunkt können wir aber noch keine Details zu einem möglichen Projekt nennen“, heißt es von Lidl Österreich.

Lidl gehört zur deutschen Schwarz Gruppe. Dieter Schwarz gilt als reichster Deutscher mit einem geschätzten Vermögen von 58 Milliarden Euro. Der Konzern ist in verschiedenen gemeinnützigen Stiftungen verschachtelt. Josef Schwarz, Dieters Vater, gründete das Unternehmen 1930 in Heilbronn. In Österreich betreibt Lidl aktuell 250 Filialen. 2025 machte der Konzern in Österreich zwei Milliarden Euro Umsatz, sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

In Leobersdorf wird die NS-Vergangenheit unter Schotter, Stahl und Beton vergraben. Dort, wo die SS bis April 1945 hunderte Frauen einsperrte, werden bald Lastwagen im Minutentakt fahren. Und die Leobersdorfer:innen können günstig einkaufen.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Andreas Ramharter, Bürgermeister Leobersdorf, Geschäftsführer und Eigentümer der Prisma Holding GmbH (nicht auf Anfrage reagiert)
  • Thomas Rattensperger, Geschäftsführer und Eigentümer der Tra Leo GmbH (nicht auf Anfrage reagiert)
  • Reinhard Dungel, Gemeinderat der Liste Jetzt Leobersdorf
  • Presse Lidl Österreich

Daten und Fakten

  • Auf dem mehrere Hektar großen Areal nahe der Bundesstraße 18 in Leobersdorf wird derzeit ein Gewerbepark gebaut. Von September 1944 bis April 1945 befand sich dort das „Waffen-SS Arbeitslager Hirtenberg, Gustloff-Werke, Niederdonau“. Es war eines von rund 46 Außenlagern von Mauthausen. Am 28. September erreichte der erste Transport mit 391 Frauen aus dem KZ Auschwitz das Lager. Am 27. November traf der zweite Transport mit elf Frauen im Lager ein.
  • Mindestens 402 Frauen waren im KZ Hirtenberg interniert. Der Großteil von ihnen stammte aus Russland, Italien und Polen. Sie waren sogenannte „Schutzhäftlinge“, sie wurden also aus politischen Gründen eingesperrt.
  • Die internierten Frauen mussten in der nahegelegenen Hirtenberger Munitionsfabrik in 12-Stunden-Schichten Patronen für die Wehrmacht herstellen. Ein Fabrikgebäude befand sich auf Höhe des Lagers, das zweite lag oberhalb am Lindenberg. Die Frauen mussten im Winter in Holzpantoffeln und mit dünner Stoffbekleidung rund 45 Minuten zum Werk marschieren.
  • Am 3. April 1945 wurde das Lager aufgrund der vorrückenden Roten Armee aufgelöst. Die KZ-Häftlinge wurden von der SS nach Mauthausen getrieben. Sieben Frauen wurden auf dem Todesmarsch erschossen.
  • Am 5. April 2024 wurde in Hirtenberg vor der Neuen Mittelschule eine Stele zum Gedenken an das KZ-Außenlager enthüllt. Die rund drei Meter hohe Betonskulptur zeigt die Richtung und Entfernung sämtlicher Außenlager sowie des Stammlagers Mauthausen an. Inzwischen befinden sich an sieben ehemaligen KZ-Außenlagern Gedenkstelen.

Quellen

  • Flächenwidmungsplan
  • Grund- und Firmenbuch
  • Kataster
  • Gemeinderatsprotokolle der Marktgemeinde Leobersdorf
  • Entwurf zur Änderung des Örtlichen Raumordnungsprogrammes Leobersdorf
  • OTS Lidl
  • OTS Mauthausen Memorial

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