PodcastSchizophrenie zählt zu den am meisten stigmatisierten psychischen Erkrankungen. Cordt Winkler lebt seit rund 20 Jahren mit der Diagnose.
Wenn Cordt Winkler heute an den Moment zurückdenkt, an dem er das erste Mal das Gefühl hatte, den Verstand zu verlieren, sind manche Dinge klar: Er saß am Schreibtisch, vor ihm der Computer mit der Bachelorarbeit geöffnet, in der Küche kochte das Wasser im Kessel. Was nicht klar ist: Welche Worte am besten beschreiben, was genau mit ihm geschah. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Und: „Ich habe das Teewasser vergessen. Dann den Kaffee ohne Wasser aufgesetzt. Dann wieder den Tee. Ich war wie entrückt von mir selbst.“
- Für dich interessant: Leben mit Essstörung: Das verzerrte Spiegelbild
Das Unvermögen, die eigenen Gedanken zu sortieren und die zu lauten Geräusche verbanden sich mit den quälenden Fragen, was andere von ihm denken könnten und was zur Hölle in ihm vorgeht. Die Uni zu besuchen, erschien dem damals 23-Jährigen plötzlich undenkbar.
Heute, mehr als zwanzig Jahre später, weiß Winkler genau, was damals in ihm vorging. Schon sein Vater war an paranoider Schizophrenie erkrankt. Heute ist er Mitte 40 und erinnert sich genau daran, wie er sich als Kleinkind hinter einem Vorhang versteckt und auf den Vorgarten geblickt hat, wo Papa gerade in eine Zwangsjacke gestecktund in das Auto des sozialpsychiatrischen Dienstes geladen wurde. Am Gartenzaun eine Traube von Kindern aus der Nachbarschaft, die sich das Spektakel ansahen, der Vater um sich schlagend und schreiend, der Sohn, der hoffte, im Erdboden zu versinken.
Weil über das, was mit seinem Vater los war, in seiner Familie nicht gesprochen wurde, las Winkler sich als junger Erwachsener also selbst in die Fachliteratur ein. Dass er währenddessen selbst seine erste Episode haben würde, damit hatte er nicht gerechnet.
„Ich dachte, ich sterbe in diesem Moment“
„Fahrstuhl zum Schafott“ lautet die Überschrift der Zeitung, die Winkler an jenem Tag in der Hand hält und als bedrohliche Botschaft an sich selbst deutet. „Das klang total düster, ich bin raus, dachte ich mussmeinen Laptop wegwerfen, weil ich darauf eine geheime Weltformel geschrieben habe.“ Notizen, die er auf einen Collegeblock geschrieben hat, steckt er in den Mund und schluckt sie runter, damit niemand sie zu Gesicht bekommt. „Ich dachte, ich mussdie ganze Zeit in Bewegung bleiben, weil ich sonst auskühlen und daran sterben würde.“ Als seine Freunde seinen Zustand bemerken, ihm zu Hilfe eilen, denkt Winkler, er sei Bundeskanzler und müsse mit ihnen ein Kabinett zusammenstellen. „Es ging alles rasend schnell. Bedeutungswahn, Todesangst, Erleichterung, Spiritualität. Alles im Wechsel, innerhalb von Minuten.“
Wöchentlich gute Nachrichten ins Postfach
)
Na gut
Der Newsletter mit den guten Nachrichten: Kleine Geschichten über Fortschritte und Erfolg.
Seine Freunde bringen ihn schließlich in eine Ambulanz. Ein Antipsychotikum bringt ihn wieder zur Ruhe, doch es geht mit Nebenwirkungen einher: Depressionen, Müdigkeit. „Ich habe nur noch geschlafen und mich furchtbar gefühlt.“ Also setzt Winkler die Medikamente wieder ab, erlebt ein Jahr später eine umso heftigere Episode, auf die ein Klinikaufenthalt folgt. Diesmal nimmt er die Tabletten ein paar Jahre lang ein, setzt sie dann langsam ab. Er ist gerade in Italien, als er erlebt, was er heute eine Odyssee nennt: Tagelanges Umherirren, barfuß, ohne Geld und ohne Erinnerungen – bis er auf Zuggleisen läuft und Carabinieri ihn wieder in eine Klinik bringen.
Die Sprache wiederfinden
„Die Erfahrung war krass. Man muss erst mal ziemlich viel Leid erfahren, um auf die Idee zu kommen, was zu ändern“, sagt Winkler heute. Er beginnt eine Psychotherapie und auch außerhalb davon viel darüber zu reden. „Wenn Menschen sehen, dass ich normal darüber sprechen kann, hilft das. Es bricht etwas auf.“
Als er jedoch seiner Familie erstmals erzählt, wie belastend seine Kindheit war, entsteht Stille. „Ich weiß noch: Meine Schwester meinte, man müsse nach vorne schauen. Und meine Mutter konnte gar nichts sagen.“
Winkler nimmt diesmal seine Medikamente weiterhin, notiert auf Karteikarten seine Erlebnisse, ordnet sie und schreibt schließlich ein Buch. Er veröffentlicht es unter einem Pseudonym: Cordt Winkler. „Alle hatten mir abgeraten, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Obwohl er sich heute nicht mehr hinter einem falschen Namen versteckt, verwendet er das Pseudonym weiterhin – zusätzlich zu seinem richtigen Namen.
Selbst zum Experten werden
Mit der Zeit findet Winkler Stabilität im Leben mit Schizophrenie, macht seine Erfahrungen zur Expertise: als Autor, als EX-IN-Genesungsbegleiter und schließlich als Gründer eines ganzen Festivals zum Thema. „Man muss so viel Lebenszeit investieren, um ‚Expert:in der eigenen Erkrankung‘ zu werden. Manchmal frage ich mich, ob ich mich nicht lieber mit anderen Dingen beschäftigen möchte“. Winkler lächelt.
Doch die Expertise hilft. Als sich vor wenigen Monaten die erste neue Episode nach 12 Jahren anbahnt, erkennt Winkler sie sofort. Er weiß sofort zu intervenieren, zügig zur richtigen Behandlung zu finden.
Auch in der Medizin wächst das Wissen rund um Schizophrenie: Die Forschungslage ist umfassender, Medikamente weisen weniger Nebenwirkungen auf. Dennoch setzt Winkler momentan ganz vorsichtig seine Tabletten ab. Mit all seiner Auseinandersetzung und in sorgfältiger Absprache mit seiner Ärztin traut er sich nun einen neuen Lebensabschnitt zu.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Was ist Schizophrenie? Schizophrenie ist eine psychische Erkrankung, bei der Denken, Wahrnehmung und Gefühl zeitweise aus dem Gleichgewicht geraten. Fachlich wird meist zwischen Positivsymptomen (z. B. Wahnideen, Halluzinationen, Denkzerfahrenheit) und Negativsymptomen (z. B. sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, emotionale Verflachung) unterschieden.
- Behandlung und Prognose: Medikamente (v. a. Antipsychotika), Psychotherapie und psychosoziale Unterstützung gelten als zentrale Bausteine der Behandlung. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Betroffenen langfristig stabile Verläufe erreicht. Faktoren wie frühe Behandlung, soziale Unterstützung und gute Psychoedukation verbessern die Prognose deutlich.
- Zwangsmaßnahmen / Zwangsjacken: Mechanische Fixierungen (z. B. Gurte, Haltesysteme) kommen in psychiatrischen Kliniken selten, aber weiterhin vor – meist im Rahmen akuter Eigen- oder Fremdgefährdung. Studien aus Deutschland zeigen, dass etwa 8 Prozent der stationären Fälle von mindestens einer Zwangsmaßnahme betroffen sind. Klassische Zwangsjacken werden heute kaum mehr eingesetzt; stattdessen kommen modernere Fixiersysteme zum Einsatz.
- Das MAD Festival: Das MAD Festival in Deutschland richtet sich an psychoseerfahrene Menschen, Angehörige und Fachpersonen. Workshops, Gespräche, Kunst- und Kulturprogramme sollen Austausch ermöglichen, Selbstwirksamkeit stärken und ein realistisches, entstigmatisiertes Bild von Psychose und Schizophrenie fördern.
Quellen
- World Health Organization (2025): Schizophrenia
- McCutcheon, R. A., Marques, T. R., & Howes, O. D. (2020): Schizophrenia—An overview. JAMA Psychiatry, 77(2), 201–210
- Owen, M.J., Sawa, A. and Mortensen, P.B. (2016): Schizophrenia. The Lancet, 388, 86-97
- Leucht S, Tardy M, Komossa K, Heres S, Kissling W, Salanti G, Davis JM. Antipsychotic drugs versus placebo for relapse prevention in schizophrenia: a systematic review and meta-analysis. Lancet. 2012 Jun 2;379(9831):2063-71. doi: 10.1016/S0140-6736(12)60239-6. Epub 2012 May 3. PMID: 22560607
- WHO (2025): Mental health
- Harvard Health Publishing (2022): Schizophrenia: A to Z.
- Steinert, T., & Koller, M. (2010): Zwangsmaßnahmen in deutschen Kliniken. Psychiatrische Praxis, 37(2), 80–86
)
)
)