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Lesen – das unverzichtbare Abenteuer im Kopf

6 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Bedeutet mehr Zeit am Smartphone, dass wir weniger lesen, oder lesen wir einfach nur anders? Eine Bilanz zum Welttag des Buches am 23. April.


    • Lesen fördert Fantasie, Konzentration und komplexe Denkleistungen, wird aber von digitalen Ablenkungen gestört
    • Digitale Lesemengen steigen, jedoch werden am Smartphone weniger komplexe Inhalte gelesen
    • Stilles Versinken in Buchwelten weicht schneller Abfolge von Unterbrechungen
    • 2025: Österreichische Nationalbibliothek nahm 24.008 Bücher auf (2004: 42.471)
    • Lesekompetenz und Lesedauer sinken in Österreich, vor allem bei Älteren und Geringqualifizierten
    • Junge Menschen lesen weiterhin gerne, vor allem durch neue Genres und Community-Erlebnisse rund ums Buch
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Kürzlich habe ich es mir mit Graf Alexander Rostow auf dem Sofa bequem gemacht. Der fiktive Literat lebt im berühmten Hotel Metropol vor a vis vom Kreml in Moskau, wo er als politischer Gefangener der Bolschewiken nach der russischen Revolution 1917 unter Hausarrest steht. Vor dem Hintergrund seiner räumlichen Einschränkung taucht er in eine vielschichtige Welt der emotionalen Entdeckungen ein, die seinem Leben einen unendlich erscheinenden Raum und in diesem Sinn eine Freiheit verleihen. Jeder Tag ist auf eine Weise interessant, er bekommt fast täglich Besuch, lernt neue Menschen kennen, und ich folge ihm in seine Abenteuer in jede Ecke des eleganten Jugendstil-Ambientes des Hotels, indem ich in aller Stille lese.

Amor Towles’ Roman “Ein Gentleman in Moskau” ist auch eine achtteilige Miniserie. Doch dieses Erlebnis ist ein anderes. Denn während Filme uns Bilder zeigen, schaffen wir uns beim Lesen die Bilder selbst. Lesen ist geführtes Abenteuer im Kopf. Am liebsten ungestört und entspannt wie hier auf dem Sofa, damit der Kopf die Vorstellung auskosten kann. Doch das machen wir immer seltener, weil wir immer mehr Zeit mit dem Smartphone verbringen.

Von der Tiefe in die Breite

Bedeutet mehr Zeit am Smartphone, dass wir weniger lesen? Oder lesen wir einfach nur anders? Immerhin müssen auch die Buchstaben und Sätze auf Bildschirmen begriffen werden. Von Titelzeilen über Zusammenfassungen, von Blogbeiträgen über Online-Zeitungsgeschichten, von Longreads zu kürzeren Texten und Büchern in E-Readern bis hin zu Postings auf Social Media – noch nie schien das Leben so textlastig wie heute. „Gemessen an den Textmengen über Apps auf Smartphones lesen wir quantitativ unterm Strich sogar mehr“, sagt Sven Stollfuß, Professor für Medienwandel an der Universität Leipzig, in einem Interview mit dem Leipziger Universitätsmagazin. Allerdings bedeute mehr Text nicht automatisch mehr Tiefe, erklärt er.

Rein mengenmäßig weicht das stille Versinken in Buchwelten einer stakkatoartigen Abfolge von Push-Nachrichten, gleichzeitig geöffneten Apps und Unterbrechungen durch Zustimmungs- oder Ablehnungsaufforderungen. Wer zum Inhalt vordringen will, muss Banner, Werbefenster und Pop-ups umschiffen. „Man steht beim Lesen deutlich stärker unter dem Einfluss multipler Störfaktoren“, hebt Stollfuß hervor.

Skimming nennt sich das Überfliegen von Texten mit dem Ziel, sich einen allgemeinen Eindruck des Inhalts zu machen – leichtere Texte werden dabei erzählerisch komplexeren Inhalten vorgezogen. Mit den damit verbundenen Auswirkungen beschäftigt sich die Forschung zur Veränderung von Lesesozialisation und Lesekompetenz.

Wie Lesen das Gehirn beeinflusst

An sich verändert das Lesen die Strukturen im Gehirn. In der Evolution ist diese Kulturtechnik erst etwa 6.000 Jahre alt. Der Mensch hatte die Fähigkeit dazu nicht von vornherein, sondern musste sie erst entwickeln. Wir müssen lernen, zu lesen, indem unser Denkorgan neue Schaltkreise bildet, die wie Weichen die nötigen Verbindungen herstellen.

Der Schaltkreis fürs Lesen bestehe aus einer Mischung von Fähigkeiten, zu denen Sehen, Sprache, Gedanken, Erinnerung, Aufmerksamkeit und Gefühle zählen, so die US-Sprachwissenschaftlerin Maryanne Wolf in ihrem Buch „Das lesende Gehirn“. Beim konzentrierten Lesen aktivieren wir verschiedene Areale unserer beiden Hirnhälften, um das geschriebene Wort mit dem Rest unserer Erfahrungswelt zusammenzubringen. Auf diesem Weg verbinden wir unser bisheriges Wissen mit dem Text und können Ableitungen machen, Analogien ziehen, das Geschriebene kritisch analysieren, oder uns wie oben beschrieben vergangene Zeiten vorstellen und Protagonist:innen im Geiste durch ihre Leben begleiten. Im besten Fall führe uns, wie Wolf meint, zu eigenen Gedanken, Fantasien, Einsichten und sogar neuen Ideen.

Studien zufolge verändert das Smartphone das Belohnungssystem im Gehirn. ,,Likes, Nachrichten oder Spiele geben ihm schnelle Dopamin-Kicks, die langfristig dazu führen können, dass Kinder weniger Freude an ruhigen Tätigkeiten wie dem Lesen empfinden”, heißt es in einem Bericht der deutschen Gesundheitskasse DAK. Weiters haben US-Forscher:innen Gehirn-Scans von Kindern zwischen drei und fünf Jahren untersucht. Sie berichten im Fachblatt JAMA Pediatrics, dass Kinder, die viel Zeit am Smartphone verbringen, weniger weiße Gehirnmasse entwickeln, was Lernprozesse erschweren könne.

Weniger komplexe Inhalte, sinkende Lesekompetenz

In jedem Fall erfordert das Skimmen am Smartphone eher das Abblocken von Unterbrechungen als eine Konzentration hin zu vertieften Inhalten. Unser Gehirn ist zwar in der Lage, schnelle Nachrichten instinktiv in wichtig und unwichtig zu trennen, für die Forschung ist aber noch offen, wie gut wir schnell wahrgenommene Inhalte tatsächlich verstehen. Vor allem Sachtexte können offenbar in digitaler Form schlechter verarbeitet werden als in gedruckter, da beim digitalen Lesen die Konzentration auf das Geschriebene geringer ist.

Wird also heute tatsächlich weniger gelesen oder mehr als früher? Der Befund fällt gemischt aus. Während in Deutschland die Lesefreudigkeit anhält, sinkt sie Österreich. Laut Statistik Austria zeigt sich ein starker Rückgang beim Konsum von „komplexen“ Lesematerialien, wie Artikeln in Zeitungen, Magazinen, Newslettern und gedruckten Büchern. Sowohl die Lesedauer als auch die Lesekompetenz sind demnach zurückgegangen - allerdings eher bei älteren Gruppen und Gruppen mit niedrigem Bildungsabschluss. Und während die altehrwürdige Österreichische Nationalbibliothek im Jahr 2004 noch insgesamt 42.471 gedruckte und digitale Bücher in ihren Bestand aufgenommen hat, waren es 2025 nur noch 24.008.

Junge Menschen lesen weiterhin gerne

Kinder und junge Erwachsene lesen hingegen weiterhin. Das zeigt die OECD-Erhebung namens PIAAC, die die Statistiken der Länder zusammenbringt, für den Zeitraum 2015 bis 2025. Auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels sieht eine Lesefreudigkeit bei den jungen Menschen. Demzufolge war der deutschsprachige Buchmarkt 2025 zwar leicht rückläufig, weil Junge bis 15 und Ältere ab 50 Jahren weniger Bücher gekauft haben, doch da die 16- bis 29-Jährigen mehr Bücher erworben haben, sind die Einbrüche moderat geblieben.

„Die Lesefreudigkeit der Jüngeren ist den neuen Segmenten New Adult und Young Adult geschuldet“, sagt Max Freudenschuß, Geschäftsführer der Buchkultur VerlagsgmbH in Wien, zur WZ. Dieses beliebte Genre, das Liebesromane für Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren umfasst, „bewahrt den Buchmarkt vor noch größeren Einbrüchen, rettet ihn aber nicht.“ Das Lesen als Freizeitbeschäftigung komme unter Druck, weil es mit Events konkurrieren müsse. „Daher werden Bücher in jenen Segmenten stärker verkauft, in denen sich Events mit Buchkäufen aufwerten und Bücher sich als Teile von Gesamtpaketen vermarkten lassen“, erklärt Freudenschuß. Wer die Romanfiguren liebt, kann den Merch beziehen, zu Signierstunden gehen, das Outfit kaufen und Teil der Community werden.

Für den Medienforscher Sven Stollfuß lassen sich New Adult und digitale, soziale Medien „kaum getrennt voneinander diskutieren“. Die „Plattformisierung des Lesens“, also die Textauseinandersetzung auf digital-vernetzten Endgeräten, nehme zu. Autor:innen und Leser:innen sind dabei in Communities verbunden und diskutieren die Inhalte, die sich an ihren Lebensrealitäten orientieren. Damit wir als Gesellschaft also weiterhin nicht nur Kurzmeldungen sondern auch Literatur lesen, müssen Verlagshäuser und Buchhandel wohl immer stärker auf Austausch und Vernetzung setzen, anstatt bloß Bücher zu drucken und sie in Auslagen zu präsentieren. Immerhin wollen wir auch weiterhin Abenteuer im Kopf erleben.



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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Max Freudenschuß ist Geschäftsführer der Buchkultur VerlagsgmbH in Wien, die heuer ihr 30-jähriges Jubiläum feiert. Davor war er für den Hauptverband des Österreichischen Buchhandels tätig, produzierte für mehrere Ausstellungshäuser Publikationen und war als Kulturjournalist aktiv.
  • Elke Koch ist Leiterin Kommunikation und Marketing der Österreichischen Nationalbibliothek und Buchlektorin.

Daten und Fakten

  • Der Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April ist seit 1995 ein von der UNESCO weltweit eingerichteter Aktionstag für das Lesen, Bücher, die Kultur des geschriebenen Wortes und für die Rechte ihrer Autor:innen. Das Datum des 23. April geht zurück auf den Georgstag. Es bezieht sich auf die katalanische Tradition, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken. In Österreich begleiten zahlreiche Veranstaltungen den Weltbuchtag, zu finden auf der Website des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels.
  • In Österreich wird sowohl in der Freizeit als auch am Arbeitsplatz weniger gelesen. Laut Statistik Austria zeigt sich ein starker Rückgang beim Konsum von „komplexen“ Lesematerialien, wie Artikeln in Zeitungen, Magazinen, Newslettern und gedruckten Büchern. Gleichzeitig wurde jedoch ein Anstieg beim Lesen kürzerer Texte, wie E-Mails, Briefen oder Notizen, verzeichnet. Das zeigt der von der Statistik Austria erstellte nationale Ergebnisbericht der als „Erwachsenen-PISA“ bezeichneten OECD-Erhebung PIAAC, die alle zehn Jahre durchgeführt wird und zuletzt im Mai 2025 erschienen ist. Insbesondere in Fragen der Lesekompetenz sind die Resultate ernüchternd: Sowohl die Lesedauer als auch die Lesekompetenz sind zurückgegangen. Auffallend ist allerdings, dass insbesondere ältere Gruppen stark betroffen sind, Kinder und junge Erwachsene im Vergleich zum Vorperiode 2015 bis 2025 hingegen kaum.
  • Laut dem Börsenverein des deutschen Buchhandels war der deutschsprachige Buchmarkt im Jahr 2025 zwar um 2 Prozent rückläufig, aber mit unterschiedlichen Entwicklungen. Vor allem junge Menschen zwischen zehn und 15 Jahren sowie die älteren Gruppen der 30- bis 39-Jährigen und der 50- bis 59-Jährigen haben im Vorjahr um 6 Prozent weniger Bücher gekauft.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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