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Liebe und Rechenbeispiele

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock, APA Images

Über Männer, die dank der unbezahlten Arbeit von Frauen Bundeskanzler werden können. Und über eine Gesellschaft, die weibliche Sorgearbeit als Liebe verkauft – und Frauen dafür abhängig und arm macht.


„Sie nennen es Liebe, wir nennen es Arbeit“, schrieb die italienische Philosophin Silvia Federici im Jahr 1975.

„Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit“, sagte hingegen der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker im Jahr 2026.

Sommertour

Ersteres lässt sich im Essay „Wages against Housework“ nachlesen, letztere Aussage fiel im Rahmen der Stocker’schen Sommertour, auf der er Bürger:innenanliegen sammelt, um sie im Herbst in die Regierungsarbeit einfließen zu lassen. Bürgeranliegen scheinen hierbei aber von größerem Interesse zu sein als Bürgerinnenanliegen – schließlich sind es die Bürgerinnen, die für den Großteil der Kinderbetreuungsnichtarbeit zuständig sind. Oder zuständig gemacht werden, weil die ihnen zugehörigen Bürger in Form von Ehemännern, Partnern und Vätern ihrer Kinder sich in aller Regel eher unzuständig fühlen. Die Bürger haben Wichtigeres zu tun als unbezahlte Arbeit – pardon, Liebe – sie haben keine Zeit dafür, sie müssen schließlich richtig arbeiten. Als Bundeskanzler zum Beispiel.

Das Ausmaß der Nichtarbeit

Tatsächlich leisten erwachsene Frauen unter 65 Jahren in Österreich im Durchschnitt vier Stunden und 19 Minuten unbezahlte Arbeit – pardon, keine Arbeit – pro Tag. Das sind pro Woche mehr als 30 Stunden keine Arbeit. Bei keiner Arbeit muss man nämlich anders als bei der richtigen Arbeit mal sieben rechnen, von der keinen Arbeit gibt es nämlich keine freien Tage. Bei Müttern sind es mehr als fünf Stunden pro Tag. In heterosexuellen Haushalten leisten Frauen auch dann etwa zwei Drittel der keine Arbeit, wenn sie genauso viele Stunden richtig arbeiten wie die Männer an ihrer Seite, siehe z.B. die Zeitverwendungserhebung der Statistik Austria von 2021/22.

Auch wenn Christian Stocker in Bezug auf Familien nach eigenen Angaben keine „Rechenbeispiele“ schätzt, gibt es zur liebevollen weiblichen Nichtarbeit doch einige Rechenbeispiele – zum Beispiel jenes des Vereins Caring Economy, das davon ausgeht, dass unbezahlte Hausarbeit (sowohl von Frauen als auch von Männern), bei entsprechender Bezahlung 44 Prozent des österreichischen Bruttoninlandsproduktes ausmachen würde. Oder jenes, wonach davon allein 27 Prozentpunkte auf von Frauen geleistete Nichtarbeit zurückgehen. Oder jenes, wonach diese Nichtarbeit im Jahr 2022 einen Wert von 195 Milliarden Euro hatte.

Noch ein Rechenbeispiel

Oder wie wäre es mit folgendem Rechenbeispiel: Der Pensions-Gap liegt in Österreich bei unselbstständig Beschäftigten derzeit bei 39,4 Prozent. In anderen Worten: Frauen erhalten 39,4 Prozent weniger Pension als Männer. Frauen landen dank all der unbezahlten Liebe nämlich nicht nur in finanzieller Abhängigkeit, sondern auch in Altersarmut, weil für die richtige Arbeit, die bezahlte nämlich, und damit für die finanzielle Unabhängigkeit und die Altersvorsorge, wesentlich weniger Zeit bleibt.

Ironischerweise fiel der Equal Pension Day, also jener Tag, an dem Männer in Österreich bereits so viel Pension erhielten, wie sie Frauen erst bis Ende des Jahres erhalten werden, auf den 9. August – zwei Tage nach Stockers Feststellung, dass Kinderbetreuung für ihn keine Arbeit sei. Frauen in Österreich erhalten heuer also 144 Tage weniger Pension als Männer. Das haben sie nun davon, dass sie ihre Zeit mit Kinderbetreuungsnichtarbeit verbracht haben, statt mit echter Arbeit.

„Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen“, sagte Stocker auch. Und hat völlig recht damit: Zumindest für Frauen schlägt dieses Nichts für ihre Nichtarbeit spätestens in der Pension zu. Männer machen indes, aufbauend auf der Nichtarbeit ihrer Frauen und aus der Verantwortung für Nichtarbeit genommen, Geld und Karriere. Als Bundeskanzler zum Beispiel.

Aus Liebe

Christian Stocker nahm seine Aussagen in der Zwischenzeit zurück. Überraschen hätten sie aber niemanden sollen, sind sie doch eine sehr treffende Beschreibung des ideologischen Zustandes eines sehr konservativen Landes. Was Christian Stocker sagte und später zurücknahm, denken viele, in seiner Partei und darüber hinaus.

Seine Aussagen verweisen zudem auf einen wichtigen Kern feministischer Analysen, der auch in der medialen Debatte über diese Aussagen zu kurz kommt: darauf, dass Liebe nicht nur ein Gefühl ist, nicht nur etwas, das Menschen miteinander in Beziehung hält oder bringt, sondern auch ein ideologisches Instrument in patriarchalen Verhältnissen. Eines, das die ungleiche Verteilung von Macht und Arbeit und die Ausbeutung der Arbeitskraft von Frauen im Dienste der Männer verschleiert.

Die Aussage „Familie ist, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen“ ist eben nicht nur Tatsachenbeschreibung in einer ungerechten Welt, sondern ein moralischer Imperativ – einer, der Frauen dazu aufruft, „aus Liebe“ zu dienen und dabei auf sich, eigene Bedürfnisse, eigene Erfüllung und sogar auf eigene finanzielle Absicherung zu verzichten. Und während die einen geben, nehmen die anderen. Oder, wie ich in meinem Buch „Entromantisiert Euch“ geschrieben habe: „Frauen werden zu Liebeproduzentinnen erzogen, Männer zu Liebekonsumenten.“ Für Frauen ist Familie tatsächlich, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Dafür wird ihnen ausgiebig genommen.

Mir sind die unromantischen Rechenbeispiele lieber als all das, was uns die für Männer gemachten Verhältnisse als Liebe oder Familie verkaufen. Die Rechenbeispiele sind Voraussetzung dafür, benennen zu können, was Frauen durch diese ideologisch verformte Vorstellung von Liebe und Familie genommen wird. Ein Bundeskanzler, der die – ebenso sehr unromantischen – Lebensrealitäten von Frauen in diesem Land auf dem Schirm hat, wäre aber auch nicht schlecht.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

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