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Lost and Found: Wie sich die 20er verändern

8 Min
Die 20er Jahre sind prägend. Wie haben drei Generationen diese jeweils erlebt?
© Bildquelle: Midjourney

Das Leben in den 20ern, auch die 20-Somethings genannt, ist von Freiheit und zugleich Unsicherheit geprägt. Wie passt das zusammen? Und was hat sich geändert? Drei Generationen sprechen über die Veränderungen des Erwachsenwerdens.


Am massiven Holztisch im Esszimmer des Einfamilienhauses sitzen Lena, ihre Mama Birgit und Oma Fritzi. Sie blättern in einem Fotobuch. In den Schnappschüssen ist die Welt von früher eingefangen. Die drei Frauen tauschen sich das erste Mal bewusst über ihre 20er und die damit verbundenen Erinnerungen, Erfahrungen und Herausforderungen aus. Dafür hat jede von ihnen Fotos mitgebracht. Oma Fritzi reicht eine Handvoll sorgfältig ausgewählter schwarz-weißer Bilder herum. Ihr schräg gegenüber sitzt Birgit, die die vergangenen 30 Jahre Familienleben in vielen Fotoalben mit hunderten Farbfotos verewigt hat. Lena muss für ihre Erinnerungen einen vierstelligen Code eintippen, schon kann sie das letzte Jahrzehnt ihres Lebens am Handy aufrufen. Spätestens hier wird klar: Es hat sich was verändert.

Familie Marady steht für viele Familien in Österreich. Lena ist heute 24 Jahre alt und am Ende ihres Medizinstudiums. Ihre Mama Birgit ist 51 und Mutter von sieben Töchtern. Oma Elfriede, „Fritzi“, ist mit ihren 74 Jahren in Pension. Während Lena mit Mitte 20 am Ende ihrer akademischen Ausbildung steht, waren ihre Mama und Oma im selben Alter bereits zum ersten Mal Mutter. Die drei werden der Generation Z, Generation X und den Babyboomern zugeordnet. Während des Erwachsenwerdens in diesen unterschiedlichen Zeiten – den 70ern, den 90ern und 2020ern – haben sie die gesellschaftlichen Normen, Erwartungen und Konflikte ihrer Zeit geprägt.

Die Hochzeit von Oma Fritzi.
© Fotocredit: Privat

Zahlen zeigen, wie sich die Lebensrealität der 20-Somethings verändert hat. Das durchschnittliche Alter, in dem man erstmals auszieht, Kinder bekommt und heiratet, hat sich laut Daten des europäischen Statistikamtes Eurostat um fünf bis zehn Jahre nach hinten verschoben. Auch der Arbeitsplatz wird viel häufiger gewechselt. Dadurch verschwimmt die Grenze zum Erwachsenenleben, zum Erwachsen-Sein. Früher war das klar mit der Volljährigkeit, dem Wahlrecht, einem Berufsabschluss oder der Eheschließung definiert. Die letzten beiden wurden durchschnittlich mit Anfang 20 erreicht. Heute wird im Zusammenhang mit den 20ern eher über das Erwachsen-Werden gesprochen. Denn es gibt keinen eindeutigen Zeitpunkt mehr, sondern eine lange Übergangsphase: „Das resultiert daraus, dass die jungen Leute heute immer höhere Bildungsabschlüsse erreichen“, erklärt die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung Beate Großegger. Und weiter: „Volljährigkeit ist heute kein Kriterium mehr, um als Erwachsene:r zu gelten. Erwachsen ist man, wenn man finanzielle Selbständigkeit erreicht hat. Das ist in der Regel mit vollwertiger Erwerbsintegration verbunden.“ Das empfinden nicht nur die jungen Menschen selbst so, auch die Erwachsenengesellschaft blickt auf die 20-Somethings nicht als vollwertig Erwachsene, erklärt Großegger.

Immer und überall erreichbar

Als Lena, Birgit und Fritzi gemeinsam am großen, hölzernen Familientisch durch die Fotoalben blättern, erzählen sie einander Geschichten, die sonst zwischen Unialltag, Familienleben und Garteln nicht zum Thema geworden wären. Oma Fritzi bemerkt, dass sie über diese Generationenunterschiede noch nie so bewusst gesprochen haben. Und sie alle stellen fest, wie viel sich verändert hat. Besonders deutlich wird das, als die Themen „Social Media“ und Internet aufkommen. Oma Fritzi erzählt vom damaligen, revolutionären Vierteltelefon, einem Gemeinschaftstelefonanschluss, der von vier Hausparteien im Mehrfamilienhaus geteilt wurde. Auch Birgit kann sich daran erinnern: „Ich weiß noch, als ich dann so 15, 16 war, haben wir ein ganzes Telefon bekommen, mit Telefonschnur, das war super. Da konnte man dann im eigenen Zimmer telefonieren, ohne dass alle zuhören konnten.“ Unvorstellbar für Lena, die als Teil der Generation Z mit dem Gefühl der ständigen Erreichbarkeit aufgewachsen ist. Das empfindet Lena als zweischneidiges Schwert, denn der Druck sei allgegenwärtig omnipräsent: „Man hat immer den Vergleich: ‚Wo stehe ich, und wo stehen die anderen?‘ Und wenn du länger brauchst oder einen anderen Weg gehst, kommst du nicht umher, dich gegenüberzustellen.“ Etwas, das in dieser Zeit der Selbstfindung junge Menschen besonders triggert.

Drei Frauen unterschiedlicher Generation stehen im Garten.
Drei Generationen: Lena, Birgit und Fritzi
© Sara Brandstätter

Krisengeprägte Generationen

Nicht nur in Bezug auf die Erreichbarkeit hat sich das Tempo verändert, sondern auch im Nachrichtenkonsum. Birgit ist ein Kind der 70er. Als junge Erwachsene historische Ereignisse wie den Fall der Berliner Mauer, den Jugoslawienkrieg und den zweiten Golfkrieg miterlebt: „Ich kann mich genau erinnern, das war neben Corona das einzige Mal, dass der Opernball abgesagt wurde.“ Was aber damals signifikant anders war als in der Corona-Krise, war die Informationslage. Da habe es eine Sondersendung im Fernsehen gegeben, wenn es wichtig war, und einmal am Tag die gedruckte Zeitung, „aber es gab keine Informationen rund um die Uhr“. Man war zwar immer informiert, aber nicht stetig überfordert und belastet, erzählt Birgit. Lena hingegen sagt, dass sie heute oft gar nicht mehr mitkommt mit all den Meldungen jeden Tag, und wie sehr man aufgrund der ständigen Berichterstattung abstumpfe und Nachrichten vermeide. Und das, obwohl wir in einer Zeit von multiplen Krisen leben. Oder vielleicht gerade deswegen? Jedenfalls sind sich alle drei Frauen einig, dass die Sozialen Medien und die ständige Erreichbarkeit den Stressfaktor verstärkt haben.

Lena Marady in Peru.
© Fotocredit: Privat

Das hat auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen, weiß Jugendforscherin Großegger: „Die jungen Menschen haben Träume, Hoffnungen und Wünsche, die auch sehr nachvollziehbar sind, und sie erleben im aktuellen Krisenkontext ganz praktisch, dass sich vieles, das man sich erträumt oder wünscht, nicht ohne weiteres umsetzen und erreichen lässt.“ Es gehe letzten Endes darum, die persönlichen Wünsche mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auszubalancieren. Besonders in den bildungsschwachen Milieus stelle sich diese Debatte aber gar nicht. Denn die Lebensrealitäten seien in diesem Kontext entscheidend, erklärt auch die Soziologin Valeria Bordone, die zum Altern und zu Generationen forscht: „Soziodemografische Charakteristika sind entscheidend, zum Beispiel das Bildungsniveau, finanzielle Möglichkeiten, der Familientyp oder Migrationshintergrund.“ Aber nicht nur, denn auch kontextuelle Aspekte würden eine Rolle spielen, wie zum Beispiel der jeweilige Haus- und Wohnungsmarkt: „Wien ist anders als Vorarlberg, und Österreich ist anders als Italien“, so Bordone. Außerdem sei es wichtig, nicht zu vergessen, dass es zwar generelle Trends gäbe, aber die Gruppe der 20- bis 30-Jährigen sehr heterogen sei – unabhängig davon, ob der Wohnort wie Stadt oder Land oder verschiedene Geschlechter den Unterschied ausmachen.

Nobody‘s perfect? Von der Selbstoptimierung

Viele dieser Veränderungen über die Generationen hinweg sind aber auch positiv, Fortschritte in die richtige Richtung – darunter die Entwicklung zu mehr Frauenrechten. Darin stimmen auch die drei Frauen überein. Zur Frage, ob sie sich alle als Feministinnen bezeichnen, antworten Lena und Oma Fritzi eindeutig mit einem schnellen „Ja”. Und das, obwohl sie mit so unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen sind: Während Fritzi, die ehemalige Volksschullehrerin, noch ihren Ehemann um Erlaubnis bitten musste, ihrem Beruf nachgehen zu dürfen, hat Lena mit 18 Jahren allein beschlossen, was sie machen möchte und reiste nach ihrer Matura für einige Monate alleine nach Peru. Kein Vergleich zu damals. Fritzi beneidet ihre Enkelinnen jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie ist stolz und froh, welche Chancen sie haben Und Lena ist es ebenso. Birgit steht dem Wort „Feministin“ zwiegespalten gegenüber: „Ich sag ‚Jein‘. Was mich ein bisschen stört, ist, dass wir auf Dingen wie dem Gendern herumreiten, statt uns mit der praktischen Verbesserung der Lebensrealitäten der Frauen zu beschäftigen und das zu verändern.“

Birgit Marady mit Baby Lena
© Fotocredit: Privat

Mit mehr Frauenrechten sind auch mehr Möglichkeiten für Frauen im Berufsleben und der Arbeitswelt verbunden. Eine Arbeitswelt, die Birgit und Fritzi heute im Vergleich zu ihrem Einstieg damals als viel stressiger empfinden: „Der gesellschaftliche, berufliche Druck, der auf den jungen Menschen liegt, ist heute viel höher,“ sagt Birgit, die das von Mutter-Seite kommentiert. Oft fehle ihr die Menschlichkeit, „denn es geht ständig nur um Gewinn- und Zeitoptimierung“. Und Fritzi ergänzt, dass man damals auch viel leisten musste, es aber mehr Wertschätzung gab. Heute habe man ständig das Gefühl, man könne jederzeit ersetzt werden, so Lena. Aber es gebe auch mehr Möglichkeiten. Das Leben, nicht nur für die 20-Somethings, ist also schneller geworden, das Streben nach Perfektion und der Wunsch, die richtigen Entscheidungen treffen zu wollen, sind allgegenwärtig.

Und was macht das mit den 20-Somethings? „Die Vielzahl an Möglichkeiten, die junge Erwachsene heute haben, bedeutet, dass sie mehr Entscheidungen treffen können. Aber dieser Freiraum bedeutet natürlich auch, dass sie sich entscheiden müssen. Und das führt zu mehr Unsicherheit,“ erklärt die Entwicklungspsychologin Ulrike Sirsch.

Während Lena sich also mit Mitte 20 zuerst auf ihr Ausbildungsende und ihren Karrierebeginn als Ärztin konzentriert, hatten sich ihre Mama und Großmutter im gleichen Lebensalter gemeinsam mit ihren Ehemännern mit Themen wie Kindergartenbesuch und Hausbau beschäftigt. Das zeichnet ein Bild davon, was sich letzten Endes verändert hat. Denn auch Lena denkt über Schritte wie Kinder zu bekommen zwar nach, das sei derzeit aber noch weit weg. Die verschiedenen Phasen, durch die die meisten Menschen gehen, sind immer noch ähnlich - ob es nun die Suche nach einer Partnerin oder einem Partner, der erste Auszug bei den Eltern, die Familienplanung oder der Start der Jobsuche und der beruflichen Karriere ist. Was heute anders ist, sind Geschwindigkeit und Abfolge, in denen diese Schritte gegangen werden. Viele dieser Meilensteine passieren erst mit Anfang und Mitte 30 und sind durch Erwartungshaltungen nicht mehr auf die Reihenfolge Hochzeit, Hausbau und Kind fixiert. Das macht es aber nicht unbedingt einfacher, denn der einst streng vorgegebene Weg ist aufgeweicht. Somit gibt es mehr Möglichkeiten, mehr Freiheiten. „Vieles ist heute anders, und das ist gut so, wir können nicht stehenbleiben. Dennoch hat jede Generation ihre Herausforderungen, Sorgen und Probleme, das ändert sich wahrscheinlich nie“, reflektiert Birgit zum Schluss des Gesprächs. Denn ganz egal, welcher Generation man angehört: Sich selbst zu finden, ist und bleibt wohl eine der größten Herausforderungen.


Infos und Quellen

Genese

Die Autorin Sara Brandstätter ist selbst mitten in ihren 20ern und kann viele der Probleme und Sorgen gut nachvollziehen. Sie kennt die Familie seit ihrer Kindheit und ist mit Lena befreundet. Gemeinsam haben sie schon oft über das Erwachsenwerden gesprochen.

Gesprächspartner:innen

  • Lena Marady ist 24 Jahre alt und am Ende ihres Medizinstudiums angekommen.

  • Birgit Marady, Lenas Mama, ist 51 Jahre alt, ausgebildete Lehrerin und war die meiste Zeit als Mutter von sieben Töchtern in Karenz zu Hause.

  • Elfriede „Fritzi“ Ebner ist 74 Jahre alt und Lenas Oma. Die Pensionistin reist gerne und verbringt viel Zeit mit ihren Ekelinnen.

  • Ulrike Sirsch ist Entwicklungspsychologin am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung an der Universität Wien.

  • Beate Großegger ist wissenschaftliche Leiterin und Mitgründerin des Instituts für Jugendkulturforschung und beschäftigt sich mit Generationenforschung.

  • Valeria Bordone ist Soziologin und forscht an der Universität Wien am Institut für Soziologie zu Altern, Demographie und Beziehungen zwischen Generationen.

Daten und Fakten

  • Adoleszenzphase verlängert
    In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich die Dauer des Erwachsenwerdens verlängert. Heute gibt es eine wesentlich längere Übergangsphase, auch Adoleszenzphase genannt. Darin stimmen Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen überein, erklärt die Entwicklungspsychologin Ulrike Sirsch. Wie genau diese Übergangsphase benannt und definiert wird, wird aber debattiert. Vonseiten der Psychologie hat das Konzept „Emerging Adulthood“ von Jeffrey Arnett viel Aufmerksamkeit erhalten, darunter auch viel Kritik. In seinem im Jahr 2000 vorgestellten Konzept schreibt Arnett von vier Entwicklungen im vergangenen Jahrhundert, die zu einer Verlängerung der Jugendphase führen: die technologische Revolution, die sexuelle Revolution, die Frauenbewegung und die Jugendbewegung. Besonders kritisiert daran wird, dass dieses Konzept nicht generalisierbar ist, sondern vorwiegend auf privilegierte, westliche Gesellschaften und Industrieländer zutrifft. Außerdem habe er den Begriff „Emerging Adulthood“ medienwirksam und kritikresident verteidigt, so Sirsch.

  • Lebensrealitäten sind entscheidend

    Obwohl sich die im Text beschriebenen Trends wie spätere Elternschaft, Heirat und längerer Bildungsweg gesamtgesellschaftlich abzeichnen, darf hier nicht pauschalisiert werden. Denn Lebensrealitäten sind individuell und komplex, und nicht alle jungen Menschen in Österreich haben die gleichen Chancen und Möglichkeiten. Welchen Berufs- und Bildungsweg man einschlägt und welche Entscheidungsfreiheiten im Rahmen des Möglichen sind, ist stark von finanziellen Mitteln und anderen soziodemografischen Aspekten abhängig. „Wie sich die Lebensphase Jugend zeigt, welche Spielräume man hat und mit welchen Herausforderungen ein junger Mensch konkret konfrontiert ist, ist abhängig vom sozialen Standort“, erklärt Beate Großegger. Sie ist wissenschaftliche Leiterin und Mitgründerin des Instituts für Jugendkulturforschung. Das sieht Soziologin Valeria Bordone ebenfalls so, die auch erklärt, dass kontextuelle Faktoren wie der Hausmarkt eines jeweiligen Bundeslandes und generell der Unterschied zwischen Stadt und Land eine Rolle spielen in diesen Entwicklungen. Denn man spreche sehr oft über den Durchschnitt, „doch Österreich ist eine Vielfalt an Menschen“, so Bordone.

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