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Die Konkurrenz rund um das Aufstellen, Schmücken und vor allem Stehlen des entrindeten Stammes tobt in Österreich heute wie vor 150 Jahren. Doch wer „fladert“, wie wird geklaut und was hat sich in den letzten Jahren daran verändert?
Ende April, Anfang Mai wird es richtig "lustig": Thomas Leitner aus Dorfstetten an der niederösterreichisch-oberösterreichischen Grenze erklärt der WZ, was dann passiert: „Man geht herum und schaut. Schaut, wo ein Maibaum ist, der geklaut werden könnte.“ Es sei nicht immer dasselbe Nachbardorf Opfer einer solchen Diebestour, aber gewiss sei, dass es immer irgendwen treffe. Mancherorts wird der bereits aufgestellte Maibaum umgeschnitten und zumindest ein Stück weit weggetragen. Mancherorts ist es der Brauch, dass er liegend und ungeschmückt, also noch vor dem Aufstellen, entführt wird.
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Die Regeln sind kompliziert und je nach Region verschieden. Wann darf geklaut werden, von wem, was und wie – das ist genau festgelegt und wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Werden Regeln grob gebrochen, dann „kann eine Anzeige bei der Polizei schon vorkommen“, sagt Leitner. Das sei aber nicht üblich. Man versuche dann, sich mit der Jugend aus dem anderen Dorf zusammenzusetzen und ganz ohne Richter zu einer gütlichen Einigung zu kommen. Klar ist jedenfalls, und Leitner nennt es gleich beim Namen: „Maibaum-Stehlen ist schon eher Männersache.“
Motorsäge und jede Menge Bier
Weiter östlich, im burgenländischen Pama an der Grenze zu Niederösterreich, steht ein Ortsbewohner mittleren Alters vor seinem Haus und raucht eine Dampfzigarette. Wenn ein Mann „ein echter Pamaer“ sei, dann habe die Frau bei ihm und in der Öffentlichkeit prinzipiell nichts zu melden, stellt er auf Anfrage der WZ fest. Und schon gar nicht, wenn es ans Maibaum-Stehlen in den Nachbarorten geht.
„Mit der Motorsäge“ und jeder Menge Bier intus sei er als Jugendlicher mit anderen aus seinem Jahrgang ausgerückt, um den fixfertigen Maibaum im nahen Kittsee umzuschneiden. Damals, in den 1990er-Jahren, hätten er und seine Altersgenossen noch selbst vier Bäume hier im Ort aufgestellt, „vor jedem Wirtshaus einen“. Heute gebe es das nicht mehr, nur noch einen im Ortszentrum. Die Maibäume hier blieben auch nicht vor Zerstörung verschont, erzählt er, wobei die durchgeschnittenen Stämme mit Metallringen wieder zusammengefügt und erneut aufgestellt würden.
Maibaum-„Battles“ und alte Rivalitäten
Nicht nur der Dorfjugend, auch der Wissenschaft ist dieses Tun ein Begriff. Michael J. Greger, Leiter des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde, weiß, dass der Maibaum ein „Ehrensymbol“, etwa für „beliebte Wirte“ ist. Und: „Der Maibaum ist Symbol der selbstständigen Ortsgemeinde im 19. Jahrhundert, etwa ab 1850/60, sowie Gegenstand von Ortsrivalitäten. Da geht es darum, wer den schöneren, wer den höheren Baum hat“, so Greger gegenüber der WZ.
Ortsrivalitäten sind auch die Grundlage für die „Battles“, wie die Maibaum-Raubzüge heute genannt werden. Ein Beispiel, das dieses Verhältnis illustriert, ist sprachlicher Natur: Die Bewohner:innen benachbarter Dörfer verspotten die jeweils anderen österreichweit traditionell als unterlegen, geistig und materiell minderbemittelt. Im Burgenland ist diese verbal betriebene Konkurrenz jedenfalls stark ausgeprägt. So verspotten die Bewohner:innen der Gemeinde Sieggraben die benachbarten Rohrbacher:innen als „Gaousbeen“, also „Gansbären“. Das deshalb, weil es in dem Ort früher viele mittellose Gänsehändler:innen gab. Die Rohrbacher:innen revanchieren sich und verunglimpfen die aus Sieggraben als „Bluidina“, also „Blutige“ – weil sich die so Bezeichneten früher bei Prügeleien angeblich des Öfteren ramponierte Nasen geholt haben. Die Fronten sind also abgesteckt und so verwundert es nicht, wenn die Sieggrabener Jugend ausrückt, um den Konkurrent:innen aus Rohrbach den mühsam aufgestellten Maibaum umzuschneiden.
Wird ein Maibaum davongetragen, dann ist es üblich, dass die Bestohlenen das Diebesgut mit einer oder mehreren Kisten Bier und einem deftigen Essen auslösen, manchmal wird eine Gerichtsverhandlung inszeniert, in der der Preis für die Rückgabe und eine mögliche Strafe für die Diebe ausverhandelt wird.
Die burgenländischen Potzneusiedler:innen haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, und wehren sich mit einem Trick. Gerhard Eggermann, der im Schloss des Dorfes einen Flohmarkt betreibt, erzählt, dass hier der Baum mit einem hohen Stahlgestell ummantelt und so vor dem Umschneiden geschützt wird.
„Retrotopia“ und die Sehnsucht nach idealisierter Vergangenheit
Angesichts des großen Aufwandes, der betrieben wird – allein das händische Aufstellen eines bis zu 35 Meter hohen Maibaumes ist ein nicht ungefährlicher Kraftakt, der bis zu 50 Männer über Stunden beschäftigen kann – stellt sich die Frage, wozu das alles gut ist.
„Bräuche wie das Maibaumaufstellen können ein Gefühl der Gemeinschaft herstellen“, sagt Isabella Hesse vom Institut für Europäische Ethnologie im Gespräch mit der WZ. In unsicheren Zeiten werde auch nach Halt gesucht und „die Rückbesinnung auf Traditionen soll Stabilität vermitteln“, so Hesse. Oft sei es aber so, dass die Gepflogenheit „gar nicht so alt wie vermutet“ sei. „Wichtig ist, dass Kultur dynamisch ist, sich verändert“, so Hesse. Das bedeute, dass auch Bräuche sich verändern könnten.
Der Ethnologe und Universitätsprofessor Konrad Kuhn spricht vom fallweisen Ausleben einer „Retrotopia“, eines nostalgisch-verklärten „Zurück in die Vergangenheit“. Manche würden über Bräuche „die gute alte Zeit“ beschwören wollen. Die gesellschaftlichen Geschlechtervorstellungen hätten sich aber geändert, die Zweigeschlechtlichkeit die bei vielen Bräuchen eine zentrale Rolle spielt, sei etwa nicht mehr so klar abgesteckt. In der Schweiz habe es zudem einen Skandal gegeben, als in einer fragwürdigen Initiative die Namen angeblich heiratsfähiger oder -williger Frauen an einen Maibaum geheftet wurden, wobei Frauen mit „fremdländisch” klingenden Namen bewusst übergangen worden seien. „Eine xenophobe Aktion“, so Kuhn. Und: „Das zeigt, dass Bräuche nicht immer nur harmlos sind. Es geht letztlich auch darum: Wer gehört dazu, wer darf mittun?“
Mit dabei: eher Alteingesessene
Wer also ist in der Praxis Teil der Brauchtumsgemeinschaft und wer nicht? Nicole Fangl, Geschäftsführerin der Landjugend Burgenland, betont im Gespräch mit der WZ, dass prinzipiell niemand von der Teilnahme an den Maibaumbräuchen ausgeschlossen sei. Aber: Menschen mit Migrationshintergrund etwa und Muslim:innen und andere Minderheiten „wissen oft nicht von den Veranstaltungen, es werden keine großen Einladungen verschickt“, so Fangl. Fallweise würden die Kinder und Jugendlichen in der Schule von den Brauchtums-Events hören und dann teilnehmen. Es seien aber doch eher Menschen, deren Familien schon länger in dem jeweiligen Dorf wohnen, die hier mit von der Partie sind.
Wobei der Empirische Kulturwissenschaftler Reinhard Bodner auf Anfrage der WZ auch gut gemeinte Initiativen in diesem Bereich mit gemischten Gefühlen betrachtet. In Tirol habe eine Trachtengruppe ein als „ausländisch“ wahrgenommenes nicht-weißes Kind vorneweg marschieren lassen, erzählt er. Das sei zwar durchaus als wertschätzendes Signal gemeint gewesen, habe das Kind aber auch instrumentalisiert: „Wie eine demonstrative Bekundung: Wir sind doch ohnehin so integrativ.“
„Crazy Geese“ und aufgeweckte Diebinnen
Kriege, Migrationsbewegungen, radikaler Feminismus und Digitalisierung: Die Gesellschaft ändert sich rasant, auch in Österreich. Und Brauchtum, da ist sich die Wissenschaft einig, muss diesen Wandel in irgendeiner Weise mitvollziehen: allein schon deshalb, um seinen Fortbestand zu sichern. Aber lässt sich das auch an den Ritualen rund um den Maibaum festmachen?
„Der Maibaum ist ein wunderbares Beispiel für Brauchwandel“, antwortet Volkskundler Greger, „vielleicht nicht unbedingt, was die letzten Jahre betrifft, aber jedenfalls über die letzten Jahrhunderte hinweg“. Zuerst sei der Maibaum ein Rechtssymbol der Obrigkeit gewesen, das signalisierte, dass die Wiesen und Felder ab dem Zeitpunkt des Aufstellens nicht mehr zu betreten seien. Im Laufe der Zeit wandelte sich die mit dem Maibaum verbundene Symbolik aber beträchtlich und mittlerweile hat er eine völlig neue Bedeutung angenommen. Unter anderem wurden Maibäume zu einem Ehrensymbol für angebetete junge Frauen; jungen Dorfbewohnern stellten sie vor deren Häusern auf.
Aber auch in den letzten Jahren haben sich Gewohnheiten, Zuschreibungen und Rollen weiter verändert. Gerade was die burgenländische Dorfkonkurrenz und das Maibaumfladern im angrenzenden Niederösterreich betrifft. Die von den Bewohner:innen Sieggrabens „Gansbären“ genannten Rohrbacher:innen haben die Beleidigung mittlerweile humorvoll-ironisch umgedeutet und ihre lokale Baseballmannschaft „Crazy Geese“ getauft. Der örtliche Fußballplatz mit Tribüne firmiert heute stolz als „Gansbärenstadion“. Und das Maibaumstehlen steht mittlerweile ganz selbstverständlich und ohne Einschränkungen allen Frauen offen, wie Cornelia Müller, für Brauchtum zuständige Funktionärin der Landjugend Mostviertel, weiß. „Wenn es sie interessiert und sie so spät in der Nacht noch wach sind.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Michael Greger, Leiter des Salzburger Landesinstituts für Volkskunde
- Konrad Kuhn, Ethnologe, Universitätsprofessor
- Thomas Leitner aus Dorfstetten/NÖ
- Reinhard Bodner, Empirischer Kulturwissenschaftler
- Isabella Hesse, Ethnologin
- Ein Bürger aus Pama/Nordburgenland
- Gerhard Eggermann, Schlossherr in Potzneusiedl/Burgenland
- Cornelia Müller, Landjugend NÖ
- Nicole Fangl, Geschäftsführerin der Landjugend Burgenland
Quellen
- Johann Werfring: Die Bauernsprache der Sieggrabener, edition lex lisz, 2022
- Johannes Ebner: Tradition ohne Vergangenheit, Springer, 2018
- Maibaum-Landkarte OÖ
- Crazy Geese, Baseball Landesliga Ost
- Gansbärenstadion – Rohrbach bei Mattersburg
Daten& Fakten
- In den letzten Jahren ist es in Österreich im Zusammenhang mit Maibäumen immer wieder zu Unfällen oder gefährlichen Situationen gekommen. So werden Maibäume fallweise stark angesägt und drohen, auf eine befahrene Bundesstraße oder auf Wohnhäuser zu stürzen. Manchmal kippen Bäume beim Aufstellen um und verletzen oder gefährden Zuschauer:innen. Das Aufstellen wird daher häufig von einem erfahrenen Zimmermann überwacht. Manchmal kommt es beim Versuch, einen Baum zu stehlen, zu Raufhändeln mit Verletzten oder zu Unfällen.
- Der Maibaum wird üblicherweise am 30. April aufgestellt; die Prozedur wird von einem Fest begleitet. Jugendliche üben sich im „Maibaumkraxeln“, wobei der glatte, entrindete Stamm eine große Herausforderung darstellt. Wird ein gestohlener Baum nicht mit Bier und einer Jause ausgelöst, bleibt er als „Schandbaum“ im Dorf der Diebe stehen.
- In Österreich und angrenzenden Ländern wie der Slowakei ist es Brauch, dass junge Männer den Mädchen, die sie verehren, eine Birke als Maibaum am Haus oder an der Dachrinne befestigen. Die WZ konnte außerdem in Erfahrung bringen, dass im Nordburgenland der Brauch des „Kalkstrichs“ üblich ist. Dabei wird eine Spur aus Kalkpulver zum Haus der jeweiligen jungen Frau gezogen. In einem Fall sollen betrunkene Jugendliche dem Vernehmen nach statt Kalk weiße Farbe verwendet haben, die sich dann nicht mehr entfernen ließ.
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