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„Mama, ich bin kein Marketing-Business“

5 Min
Eine Illustratin von Smartphones mit unterschiedlichen Bildteilen einer Familie.
Bei Sharenting befindet sich meist ein Handy zwischen Eltern und Kind.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Wenn die Privatsphäre bei der Geburt endet.


Große Glubschaugen, kleine Hamsterbäckchen, niedliche Versprecher. Babys und Kleinkinder können herzallerliebst sein. Davon sind jedenfalls die eigenen Eltern überzeugt und teilen Fotos und Videos ihrer Sprösslinge im Netz. Praktischer Nebeneffekt: Es können Millionen von Euro dabei rausspringen. Die Rede ist von Sharenting. Sharenting setzt sich aus den Wörtern „share“ und „parenting“ zusammen und beschreibt das Posten von Aufnahmen der eigenen Kinder auf Social Media.

Stell dir vor, deine intimen Kinderfotos machen im Bekanntenkreis die Runde. Wäre das nicht unangenehm? Und jetzt stell dir mal vor, fünf Millionen Menschen sehen deinem Kind zu, wie es am Töpfchen sitzt. Das scheint das deutsche Influencer-Pärchen Louisa und Nader „Die Jindaouis“ nicht zu stören.

„Sie hat mich angekackt"

Instagram. Louisa Jindaoui: über zwei Millionen Follower:innen. Ehemann Nader Jindaoui: über zwei Millionen Follower:innen. Was ist zu sehen? Die zweieinhalbjährige Tochter: tanzend, schlafend, essend, lachend, atmend. Und eine kleine Decke mit einer braunen Spur darauf. Die Caption: „Sie hat mich angekackt.“

Louisa und Nader Jindaoui sind seit zwei Wochen zweifache Eltern. Der erfolgreiche Verdauungsvorgang der Tochter ist nicht das Einzige, was Louisa und Partner Nader posten. Von Videos wie „Wir sind schwanger“, „Es wird ein Junge“, über „So wird unser Baby heißen“, bis hin zu „den ersten Wehen“. Sogar bei der Geburt wird mitgefilmt. Hat das Neugeborene den Muttermund erstmal verlassen, wird es sofort gepostet.

Dass den beiden der Speicherplatz auf ihren Handys egal ist, steht außer Frage. Dass ihnen die Privatsphäre ihrer Kinder ebenso egal ist, sollte einem zu denken geben. Was manche Transparenz nennen, ist eine grobe Verletzung des Grundrechts des Kindes. „Die Kinder genießen bis 16 einen besonderen Status des Datenschutzes in Europa. Der besagt, dass ich als Elternteil eigentlich gar keine Daten über meine Kinder herausgeben darf“, sagt der Psychologe und Generationsforscher Rüdiger Maas im Gespräch mit der WZ. Daneben steht im Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Wenn ich jetzt eine Geburt zeige oder wie das Kind aufs Klo geht oder was auch immer, dann ist das für das Kind natürlich nicht sehr würdevoll“, sagt Maas.

„Aber das Kind kann sich vieles nicht aussuchen“

Als Kleinkind sieht es mit dem Treffen von Entscheidungen erst mal dürftig aus. Wo es wohnt, welchen Kindergarten es besucht oder was es isst, schreiben die Erziehungsberechtigten vor.
Ist es dann nicht auch nur fair, wenn Eltern für ihre Kinder entscheiden, ihre Bilder zu posten?

Maas findet diesen Vergleich „absolut blödsinnig“. In diesem Fall würden zwei unterschiedliche Ebenen, nämlich die Schutzfunktion und die Pflichtfunktion, miteinander vertauscht. „Kinder können sich auch nicht dazu entscheiden, Drogen zu nehmen, oder ob sie in die Schule gehen oder nicht. Eltern müssen sie schützen und ihre Pflichten erfüllen.“

Das Problem sei auch, dass viele Social-Media-Nutzer:innen sich über die Konsequenzen ihrer Postings nicht bewusst sind. Dass diese Informationen für kinderpornografische Zwecke verwendet werden können, ist nur eines der Risiken. Daten können so bearbeitet werden, dass ein völlig neues Video oder Bild daraus entsteht. Insgesamt über fünf Millionen Zuschauer:innen sind über fünf Millionen Einzelpersonen, die sich diese Aufnahmen abspeichern können. „Und denen bleibt selbst überlassen, was sie damit machen“, sagt Maas. „Ich finde das Kindern gegenüber sehr ungerecht. Nur weil ich als Erwachsener ab und zu gerne mal was trinke, geb‘ ich ja meinem Kind auch keine Wodkaflasche in die Hand. Die Konsequenzen sind mir bei mir selbst bewusst, aber bei meinen eigenen Kindern nicht.“

„Das war besonders süß, gut gemacht“

Tochter Imani Jindaoui bringt viele Klicks und dadurch viel Geld. Sie ist aber auch besonders süß. Kleine Zöpfchen, blaue Augen, ein Grinser über beide Ohren (zumindest wenn die Kamera an ist). Auch wenn diese Ausschnitte gekonnt geschnitten oder gescriptet sind: Die Kamera ist überall mit dabei „und wird dadurch ein Teil des Lobes und des direkten Feedbacks. Bleibt die Kamera aus, stimmt irgendwas nicht. Dann denkt das Kind, dass das, was es macht, nicht gut genug war“, sagt Rüdiger Maas.

Und es bleibt meist nicht bei einem Video. Viele Parents-Influencer:innen finanzieren sich durch den Content, der von den Auftritten der Kinder lebt. Die Jindaouis veröffentlichen neben täglichen Instagram- und TikTok-Beiträgen wöchentlich ein 20-minütiges Youtube-Video. „Zwischen Elternteil und Kind befindet sich meistens ein Handy, womit das Handy immer positiver konnotiert und zu einer omnipräsenten Lösung wird. ‚Wenn mir langweilig ist, hilft mir das Handy. Wenn ich eine Frage habe, hilft mir das Handy. Bin ich traurig, hilft mir das Handy.’ Dadurch entsteht auch im frühen Alter eine emotionale Abhängigkeit“, sagt Maas.

Der Experte hält eine Regelung, wie ein Verbot für Sharenting, nicht für zwingend notwendig. Er appelliert in erster Linie an die Vernunft der Eltern. „Wieso behält man in der digitalen Welt nicht die gleichen Logiken wie in der analogen Welt?“, fragt sich Maas. „In der realen Welt würden Eltern doch niemals ihr halbnacktes Kind Wildfremden in die Hand drücken und sagen: ‚Mach damit, was du willst.‘“