Zum Hauptinhalt springen

Kolumne: Man muss immer noch darüber schreiben

3 Min 01.07.2023
Fast Fashion ist der zweitgrößte CO₂-Erzeuger der Welt.
© Getty Images

Eine Kolumne für die WZ also. In der ich von nun an meine Gedanken zu Nachhaltigkeit, Konsum und Umwelt mitteilen kann. Und natürlich über Textilien. Mein persönlicher roter Faden.


Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit und schreibe über die globalisierte Textilproduktion namens Fast Fashion, „schnelle Mode“. Oft denke ich mir: Es ist doch schon alles erzählt. Wir wissen doch, dass die Arbeitsbedingungen in Fernost widerwärtig sind. Es ist schon über zehn Jahre her, dass eine der unzähligen Textilfabriken in den Außenbezirken von Dhaka in Bangladesch in sich zusammenbrach und dadurch mehr als tausend Menschen starben, über zweitausend wurden verletzt. Das Bild des im Tod umschlungenen Paares ging damals um die Welt, für mich gehört es zu einem dieser Bilder, die mich bis ins Mark erschüttern.

Bilder, die bleiben. Oder anscheinend doch nicht, wenn wir online bei Zalando oder Asos die umfangreiche „neu hinzugefügt“-Kategorie durchscrollen auf der Suche nach dem nächsten leuchtend bunten Sommerkleid. Aber man kann es uns nicht einmal vorwerfen. Was wäre das für ein Leben, in dem man sich ständig die gesamte Schuld für den Tod anderer auf die Schultern lädt. Die Bilder auf den Shoppingwebsites sind halt einfach die schöneren.

Genug Kleidung für 180 Jahre

Ich dachte immer, wir wissen inzwischen, wie umweltzerstörerisch die globale Modeproduktion ist. Fast Fashion ist der zweitgrößte CO₂-Erzeuger der Welt. Die globalisierte, schnelle Textilproduktion produziert mehr CO₂ als der gesamte Flugverkehr und die gesamte Schifffahrt (die weitaus weniger sauber ist als ihr Image) zusammen. Würde die Textilproduktion mit dem heutigen Tag weltweit enden – wir hätten trotzdem genug Kleidung auf diesem Planeten, um weitere sechs Generationen auszustatten. Wir haben also genug Kleidung für 180 Jahre.

Konsum-Expertin Nunu Kaller sitzt an einem Tisch.
Konsum-Expertin und WZ-Kolumnistin Nunu Kaller
© Giacomo Dodich/Gusto Guerilla

Seit zehn Jahren befinde ich mich mitten in dieser Blase, die Bescheid weiß. Aber ich weiß auch: Die Blase ist klein. Sonst wäre es nicht möglich, dass es inzwischen nicht nur Fast Fashion, sondern sogar Ultra Fast Fashion gibt – Websites wie Shein, die Millionen an Kleidungsstücken online haben, täglich kommen tausende Neue dazu, und die so tiefe Preise nur anbieten können, weil sie billigstes Material unter menschenrechtsverletzenden Zuständen vernähen lassen.

Was kann ich dagegen tun?

Klar, der erste Gedanke, wenn man solche Geschichten hört, ist: Was kann ich dagegen tun? Man kann sein eigenes Konsumverhalten anpassen. Man kann umweltverträglich und fair Produziertes oder im Optimalfall Second Hand kaufen. Man kann überlegen, ob man dieses gestreifte Shirt wirklich braucht, man hat ja schon drei andere zuhause. Die Jeans flicken lassen, anstatt sich ein neues Paar zu kaufen. Kleidung umnähen oder sinnvoll weitergeben. Es gibt viele Möglichkeiten.

Immer mehr Menschen tun das. Die, die es sich leisten können. Aber eigentlich sollten Dinge passieren, die für alle auf diesem Planeten etwas ändern. Politische Entscheidungen auf höchster Ebene. Ein nicht nur für die EU, sondern für alle großen Märkte geltendes Lieferkettengesetz, das auch wirklich Biss hat. Importzölle, erweiterte Produzent:innenverantwortung – Fast Fashion zeigt, dass der freie Markt Umweltzerstörung und Menschenverachtung eingepreist hat. Das muss sich ändern. Und das wird sich erst ändern, wenn wirklich alle wissen, wie es zugeht in dieser schmutzigen Branche.

Drum werde ich auch nicht aufhören, darüber zu schreiben. Weil es an uns liegt, wir können etwas bewirken. Im Kleinen, Individuellen, wie auch im Großen, indem wir – gut angezogen natürlich – laut die Gesetze einfordern, die uns allen helfen.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Infos und Quellen

Genese

Im Jahr 2012 kaufte Nunu Kaller ein Jahr lang keine neue Kleidung - und sah sich in dem Zeitraum an, wie die Sachen, die sie im Kleiderschrank hatte, produziert wurden. Seither ließ das Thema sie nicht mehr los, sie bloggte privat und arbeitete bei Greenpeace. 2013 erschien „Ich kauf nix! Ein Jahr ohne Kleiderkauf“ bei Kiepenheuer&Witsch. Fast Fashion ist für Kaller ein derartiger Umweltkiller und sozial so ungerecht, dass sie das Thema auch noch zehn Jahre später bewegt und motiviert, dagegen zu arbeiten. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Nunu Kaller
Nunu Kaller
© Karin Ahamer

Daten und Fakten

  • Organisationen wie Greenpeace, die Clean Clothes Campaign und die Christliche Initiative Romero arbeiten seit vielen Jahren an Verbesserungen für Umwelt und Menschen in der Textilindustrie – auf ihren Websites sind nicht nur Berichte Betroffener nachzulesen, sondern auch Tipps und Unterstützung für umwelt- und sozialverträglichen Textilkonsum zu finden.

  • Bereits im Jahr 2015 erschien eine Dokumentation, die immer noch über Aktualität verfügt: „The True Cost“ zeigt einen Abriss über die größten Herausforderungen in der globalisierten Textilproduktion, auf sozialer und ökologischer Ebene. Streambar auf Amazon Prime oder YouTube.

Quellen

Das Thema in anderen Medien