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Marie ist nun Muslima

12 Min
2019 wurde Marie zur Muslima. Hier erzählt sie ihre Geschichte.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Midjourney

Gestern noch in T-Shirt und Jeans, heute mit Hijab und langen Kleidern: Von einem Tag auf den anderen tauchte Marie vom Scheitel bis zum Fuß bedeckt in ihrem 3.000-Einwohner:innen-Heimatort in Niederösterreich auf.


Ihr Leben lang war Marie, die in Wirklichkeit anders heißt, auf der Suche nach Autorität, Regeln und Sicherheit. Doch nichts davon konnte ihr ihr Elternhaus bieten. In ihrer Verzweiflung protestierte und rebellierte sie – ohne Erfolg. Bis die damals 14-Jährige den Islam entdeckte: 2019 wurde Marie zur Muslima. Was als „schwierige Phase“ von ihrer alleinerziehenden, atheistischen Mutter abgetan worden war, hatte den Teenager nur umso mehr darin bestätigt, allen beweisen zu wollen, dass es ihr Ernst sei. Mit all ihren Kräften.

Blitzblaue Augen, dunkelbraune Haare, aufrechte Haltung: Marie bewegt sich elegant, schon fast edel für ihr junges Alter. Sie nimmt Niqab, schwarze Handschuhe und Gebetsteppich mit viel Sorgfalt aus ihrem Schrank. „Ein paar Stunden, nachdem ich konvertiert bin, hab‘ ich mir erstmal gedacht: ‘Marie, was hast du gemacht? Du musst das jetzt auch durchziehen, wenn schon, dann auch richtig.’“

„Dann auch richtig“, bedeutete bei Marie, den Islam von Beginn an sehr streng zu praktizieren: fünfmal täglich beten, das Tragen des Niqab (Schleier, bei dem nur ein schmaler Sehschlitz freibleibt), die Bedeckung der Finger, strikt geplante Gebetswaschung mit Fasten, Verzicht auf Musik, Kino- und Museumsbesuche, bei Sonnenaufgang aufstehen, um zu beten, abends wachbleiben, um zu beten, während des Gebets nicht auf die Toilette gehen (sonst gilt das Gebet nicht als solches), halale Ernährung und eine islamisch-arrangierte Ehe. Und weil der Prophet Mohammed rät, sich jung zu vermählen, heiratete Marie, ohne dass ihre Familie davon wusste, den Bruder ihrer islamischen Freundin, den sie vor der Hochzeit nur dreimal zu Gesicht bekam. Sie hat nicht nur ihren gesamten Alltag, sondern ihr ganzes Leben nach ihrem Glauben ausgerichtet.

So aufwendig und komplex es ist, den Islam zu praktizieren, so simpel funktioniert der Religionswechsel selbst. Um zum Islam zu konvertieren, „genügt“ es, das einsätzige Glaubensbekenntnis des Islams, die sogenannte Shahada, aus Überzeugung zu sprechen. Laut islamischem Glauben braucht man dazu weder Imame (islamische Geistliche) noch einen Besuch in der Moschee, Zeugen oder Zeremonien.

Hineinwachsen in den Islam

Bekenntniswechsel müssen trotz simpler Umsetzung dennoch als komplexes Geschehen betrachtet werden. Religionsauslebung ist zu individuell für eine explizite, „richtige“ Vorstellung dafür, sagt Dzemal Šibljaković, Leiter der Sozialabteilung der Islamischen Gemeinde IGGÖ, im Gespräch mit der WZ. Er beschreibt das Hineinwachsen in den Islam als eine langsame Entwicklung. Ein plötzlicher Religionswechsel ist meistens ein Kennzeichen für unüberlegte Affekthandlungen. „Es gibt tatsächlich Leute, die nicht per se zum Islam konvertieren, sondern die zu dieser pervertierten, extremistischen Form des Islams konvertieren, eine Hineinsteigerung in ein Thema“, sagt Šibljaković.

Julia Eitzinger, Wissenschafterin für islamische Theologie und Religionspädagogik, begleitete im Zuge einer Studie einige Konvertit:innen auf ihrer Reise, um deren Beweggründe zu verstehen. Auslöser für einen Religionswechsel seien individuell, sie können unter anderem das Interesse an einem spirituellen Erlebnis, das Bedürfnis nach Heimatfinden oder Dazugehörigkeit sein. Gerade Pubertierende werden oft vor Fragen gestellt wie: „Wer bin ich? Wer möchte ich sein?“ In dieser Phase erscheinen hierarchische Strukturen hilfreich. Und der Islam hat klare Antworten parat: „Regeln stehen, bei strenger Interpretation, im Vordergrund“, sagt Eitzinger.

„Religion bietet ja Halt, das hab‘ ich in diesem Moment sehr gebraucht. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr allein bin mit allen Sorgen und Problemen“, sagt Marie. Zum ersten Mal in Berührung mit dem Islam kam die damals 14-Jährige durch eine konvertierte Freundin. Anfangs reizte sie das Gefühl der Fremdheit und des Neuen. Marie war ihr Leben lang auf der Suche nach einem Vatervorbild, nach einer Stütze, einem männlichen Wegweiser, einer starken Schulter. All das, was sie von zu Hause nicht bekam. Der Tod ihres Opas, der die letzte Autoritätsperson in ihrem Leben war, hat sie auf dem Weg zur Konversion mehr beeinflusst, als sie lange zugeben wollte.

Ich habe etwas gesucht, das nicht wieder aus meinem Leben verschwindet.
Marie

Sie befand sich zu dieser Zeit in einer schwierigen Lebenslage, war einsam und erhoffte sich Zuflucht. „Ich habe etwas gesucht, das nicht wieder aus meinem Leben verschwindet“, so Marie. Die Neugierde wuchs langsam, als sie Bücher über den islamischen Glauben las, online Arabisch-Kurse besuchte, sich Gebetsteppiche ausborgte und zu fasten begann. Später kaufte sie heimlich einen Hijab und stellte ihre Familie und Freund:innen schließlich vor vollendete Tatsachen: Sie habe ihre Sicherheit im Islam gefunden.

Endgültig konvertierte Marie, als sie allein zu Hause war, in ihrem Kinderzimmer, an einem Nachmittag in den Sommerferien 2019. Sie sprach die Shahada aus und war nun Muslima.

„Das machst du doch für deinen muslimischen Partner.“

Marie überraschte ihre Lehrkräfte und Klassenkamerad:innen mit ihrer Entscheidung am ersten Schultag. Konfrontationen wie „Ziehst du jetzt nach Syrien?“, „Zückst du gleich eine Bombe?“ wurden von da an Alltag für sie. Auch die Annahme, dass sie das bestimmt nur aus Liebe zu einem muslimischen Mann machen würde, oder sogar dazu gezwungen wird, hörte sie oft.

In Österreich sind Jugendliche ab 14 Jahren religionsmündig, das heißt sie dürfen selbst entscheiden, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören möchten. Ist diese Entscheidung getroffen, sind Eltern und Familienmitgliedern die Hände gebunden. Gerade durch die hohe mediale Aufmerksamkeit wird eine Annäherung zum Islam oft mit Radikalisierung gleichgesetzt, Eltern von Betroffenen haben Angst vor Beziehungsabbrüchen und Kontrollverlust. Auch die Angst vor dem Fremden spielt eine große Rolle.

„Es ist auch okay, wenn man sagt, ‚Das kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen‘, aber man sollte immer versuchen, im Gespräch zu bleiben“, so Islam-Expertin Julia Eitzinger. „Außerdem ist es ratsam, Konversionen nicht als Phasen herunterzuspielen, sondern diesen Schritt ernst zu nehmen. Spricht man Konvertierten die Autonomie ab, nimmt man ihnen das Subjekt weg und erreicht somit nur das Gegenteil.“

Genaue Zahlen über Österreicher:innen, die zum Islam konvertiert sind, gibt es nicht. Das liegt daran, dass oft die innerliche, persönliche Konversion ohne formelle Konversion durchgeführt wird. Viele Konvertierte sehen den formellen Akt nicht als Teil des gesamten Religionswechsels. Dzemal Šibljaković beobachtet keinen Trend zu Konversionen, das Interesse daran sei gleichbleibend hoch.

Dem Algorithmus hinterher

Die Social-Media-Plattform Tiktok ist mithilfe des Algorithmus immer einen Schritt voraus. Dieser legt beispielsweise aufgrund gesuchter Stichwörter, ähnlicher betrachteter Inhalte und Likes fest, was auf der eigenen Foryou-Page erscheint. Dieses spiralenartige Empfehlungssystem kann gerade bei Jugendlichen zu einseitigen Informationen führen.

Unter dem Hashtag #meinislamerzählen berichten junge User:innen, was sie zum Islam geführt hat und wie sie diesen nun praktizieren. So schreibt zum Beispiel eine Userin auf ihrem Profil: „Vor einem Jahr ca, hatte ich so viel vom Islam auf meiner Tiktok For You Page, da hab‘ ich gespürt, dass es die schönste Religion ist und bin konvertiert.“

Dass Jugendliche aufgrund einer Social Media App ihr Leben auf den Kopf stellen, trifft vor allem bei der Generation X auf wenig Verständnis. Was auf den ersten Blick nach jugendlichen Mutproben und Grenzen-Ausreizen aussieht, wird von reichweitenstarken Contentcreator:innen unterstützt und ausgenützt. Islamcontent5778, Islamcontent3022 oder muslim.cpl sind mit bis zu einer Million Aufrufen Stars in der islamischen Tiktok-Bubble.

Es sind Videos, bei denen meist ein Mann zu sehen ist, der in einer Minute zusammenfasst, welche Regeln man einhalten muss, um „ins Paradies eintreten zu können“. Das Problem? Contentcreator:innen reden hier vom „wahren Islam“, lassen also keinen Spielraum für eigene Interpretation, Follower:innen übernehmen diese oft radikalen Regeln 1:1, ohne sich mit dem spirituellen Aspekt zu befassen. Šibljaković kritisiert außerdem die patriarchalische Struktur hinter diesen Social-Media-Videos.

Zwischen zwei Welten

Marie sagt, sie habe sich nie von Tiktoker:innen beeinflussen lassen, sie habe lange und genau recherchiert und mit der Zeit gewusst, auf welche Quellen sie vertrauen könne. Durch eine dieser Quellen erfuhr sie auch, dass es haram, also verboten ist, Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern. „Man schließt sich zwar selbst von seiner Familie und allem, mit dem man aufgewachsen ist, aus, gehört aber trotzdem nicht zur arabischen Kultur“, so Marie. Gerade in Situationen wie diesen zeigt sich neuen Muslim:innen die Spannung zwischen zwei Lebenswelten und zwei Abgrenzungen.

Die Soziologin Monika Wohlrab-Sahr beschreibt diesen inneren Konflikt, in dem sich konvertierte Muslim:innen bewegen, als doppelten Rahmen. Sie fühlen sich weder dem „westlichen“, noch dem „islamischen“ Rahmen gehörig. Vor allem das patriarchal gesteuerte Frauenbild, das in islamisch geprägten Ländern herrscht, unterscheidet sich von dem Idealbild einer aufgeklärten, europäisch-modernen Frau. Ein Konflikt, der Vorurteile gegenüber Konvertitinnen prägt. Nicht selten führt diese innere Unstimmigkeit dazu, dass sich Betroffene noch mehr in eine Ecke gedrängt fühlen und sich vom gewohnten Umfeld abkapseln. “Sie bekommen das Gefühl, all diese für sie neuen Regeln stärker ausleben und beweisen müssen, dass sie sich für eine Seite entscheiden müssen, sagt Šibljaković.

„Du bist dann einfach raus.“

Die jetzt 18-jährige Marie erzählt von Struktur, Ordnung und Routine, die ihr im Glauben Halt gaben. Im Gespräch fällt aber auch oft das Wort Angst. Angst davor, sich nicht exakt an alle Regeln zu halten, Angst davor, etwas unabsichtlich falsch zu machen, Angst davor, dass ihre Gebetete nicht erhört werden, wenn sie sündigt. „Allah würde es schon besser wissen als ich“, dachte sich Marie damals.

„Wird mich Allah wirklich nur lieben, wenn ich mich in diese Himmelsrichtung drehe beim Beten? Wieso darf ich meine Hand nur so weit heben?“, dachte sie sich später. Ein Denkansatz, der Marie schlussendlich an ihrer strikten Auslebung der islamischen Religion zweifeln ließ. Religion und Kultur trennen, geht das? In den letzten Wochen, vor allem nach der Scheidung ihrer islamischen Ehe, bei der sie sich fühlte, als würde ihr Glaube für bestimmte eheliche Pflichten missbraucht werden, bemerkte sie immer mehr, wie schuldig sie sich für alles, was sie tat, fühlte.

Weil Marie keine islamischen Familienmitglieder hatte, wurde ihr ein ehelicher Vormund, der sogenannte Wali, zugeteilt. Ihre Ehe, meint Marie, verstärkte das Gefühl immer mehr, dass sich die Kultur, in der sie aufwuchs, nicht mit der strengen Auslebung des Islams vereinbaren ließ. Plötzlich fühlten sich all diese Regeln, die ihr doch vorher so viel Sicherheit versprachen, an wie eine Last. Besonders in den letzten Wochen merkte sie, dass es immer mehr zur Überwindung wurde, sich an gewisse Regeln zu halten. Schlechtes Gewissen, weil sie vor dem Abendgebet einschlief, schlechtes Gewissen, wenn sie sich einen Film anschauen wollte, schlechtes Gewissen, wenn sie keine Zeit zum Beten fand.

Kein schönes Gefühl

Es war kein schönes Gefühl, noch weniger schön wurde es aber, als das Gefühl der Nichtzugehörigkeit immer mehr Platz einnahm. Das Gefühl der Abkapselung, sowohl von der islamischen Community als auch der westlichen, österreichischen Gesellschaft. Das Gefühl, egal wie sehr sie sich anstrengen würde, sich wie eine gebürtige Muslima zu verhalten, sie würde nicht dazugehören. Vor einigen Wochen fasste sie den Schluss, den Islam zu verlassen.

Marie begann, sich Stück für Stück vom Islam abzuwenden. Zwar gibt es keine offizielle Handlung, mit der man sich vom Islam lösen kann, aber Marie hörte auf zu beten und las auch den Koran nicht mehr regelmäßig.

Im April 2023 fasste sie einen Entschluss: Sie würde dem Ganzen ein Ende setzen und das mit einer symbolischen Tat: Sie riss sich in der Öffentlichkeit ihren Hijab vom Körper. Nun fühlte sie sich vom Islam gelöst. Ihr wurde bewusst, dass das plötzliche, extreme Hineinsteigern in eine Religion nicht unbedingt nötig war, um zu Gott und sich selbst zu finden. Endgültig „abtrünnig“ wurde Marie, allein auf einem Parkplatz, an einem Nachmittag im April 2023.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Marie, Konvertitin (Namen geändert für Anonymisierung in der Geschichte)

  • Julia Eitzinger, Wissenschafterin für islamische Theologie und Religionspädagogik

  • Dzemal Šibljaković, Leiter der Sozialabteilung der IGGÖ

Quellen

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