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Marvel gegen den Trumpismus

4 Min
In der neuen Daredevil-Serie wird auf die Antimigrationsbehörde ICE, die von Donald Trump ins Leben gerufen wurde, kritisch aufmerksam gemacht.
© Illustration: WZ. Bildquellen: Marvel, Wiki Commons.

Mittlerweile machen auch fiktive Superhelden auf den ICE-Terror Donald Trumps aufmerksam. Warum man das begrüßen sollte.


    • Die neue Daredevil-Serie thematisiert politische Entwicklungen, insbesondere durch Wilson Fisk als Bürgermeister und seine Anti-Vigilante Task Force.
    • Die Task Force agiert gegen Superheld:innen und Migrant:innen, mit klaren Anspielungen auf Donald Trumps ICE-Behörde und deren Vorgehen.
    • Der Tod von Nazir Mohammad Paktiawal nach ICE-Gewahrsam verdeutlicht die Angst und Unsicherheit vieler Migrant:innen in den USA.
    • Wilson Fisk (Kingpin) wird in der Serie zum Bürgermeister von New York gewählt.
    • Die Anti-Vigilante Task Force geht gegen Superheld:innen und Migrant:innen vor.
    • 2021 wurden mehrere hunderttausend Afghan:innen in die USA gebracht.
    • Nazir Mohammad Paktiawal starb nach Verhaftung durch ICE-Einheiten.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Dass ich gerne alle möglichen Serien verfolge und sie mit aktuellen politischen Entwicklungen in Verbindung bringe , sollte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. In der vergangenen Woche fiel mir diesbezüglich ein positives Beispiel auf und es freut mich besonders, dass es hierbei auch noch um eine meiner absoluten Lieblingsproduktionen geht: Marvel’s Daredevil.

Die neue Staffel begann gerade erst auf Disney+. Schon die alte Netflix-Serie war eine Meisterleistung. Der britische Schauspieler Charlie Cox brilliert in seiner Rolle als New Yorks blinder Rächer, der tagsüber als Anwalt Matt Murdock seine Brötchen verdient (oder eben auch nicht, weil er meist pro bono den Armen und Unterdrückten hilft).

Eine Task Force gegen Superheld:innen

Die neue Daredevil-Serie steht ihrem Vorgänger in nichts nach, unter anderem auch, weil der gesamte alte Cast übernommen wurde. Doch seit geraumer Zeit wird es auch bewusst politisch, was gewiss notwendig ist in Anbetracht des neuen Alltags in den USA. Denn nun wurde ausgerechnet Wilson Fisk alias der Kingpin, Daredevils Erzfeind und einer der berüchtigtsten Kriminellen der Comicgeschichte zum Bürgermeister New Yorks gewählt. Dieser verfolgt ein Ziel: Den Kampf gegen alle Superheld:innen.

Dafür errichtet Fisk eine eigene Spezialeinheit, die aus korrupten und gewaltbereiten Polizist:innen und Soldat:innen besteht: Die Anti-Vigilante Task Force. Die Task Force geht allerdings nicht nur gegen maskierte Held:innen vor, sondern auch gegen Migrant:innen, die im Schatten der Wolkenkratzer leben und tagtäglich versuchen, über die Runden zu kommen. Die Anspielungen sind klar und eindeutig: Natürlich soll hier auf die Antimigrationsbehörde ICE, die von Donald Trump massiv ausgeweitet wurde, kritisch aufmerksam gemacht werden.

Mit deren rücksichtlosem Vorgehen habe auch ich tagtäglich zu tun, denn ich pflege Kontakte zu vielen Migrant:innen und Geflüchteten, die in den USA lebem. 2021 wurden nach der Rückkehr der Taliban viele Afghan:innen in die USA gebracht. Die US-Regierung meinte, dass man seine ehemaligen Partner:innen nicht vergessen habe und dass diese trotz des Scheiterns des Krieges eine sichere Zukunft in den USA verdient hätten. Die „Operation Allies Welcome“ diente nicht nur der Evakuierung verbündeter afghanischer Sicherheitskräfte. Auch Menschenrechtsaktivist:innen, Journalist:innen oder Angestellte von Justizbehörden wurden von Washington aufgenommen. Insgesamt ging es hier um mehrere hunderttausend Personen.

Doch von all dem ist heute nicht viel übriggeblieben. „Allies Welcome“ ist tot. Donald Trump – manche würden ihn vielleicht als „echten Kingpin“ im Weißen Haus beschreiben – hat mehrmals zum Ausdruck gebracht, afghanische Geflüchtete abschieben zu wollen. Verbündete? Uns doch egal. Die sollen lieber zurück in ihr „shithole country“. So und nicht anders lautet die neue Devise. Das Resultat: Brutale ICE-Einheiten machen willkürlich Jagd auf Afghan:innen und verhaften sie unter fragwürdigen Umständen.

Tod nach ICE-Gefangenschaft

Dies kann auch tödlich enden: Vor Kurzem wurde Nazir Mohammad Paktiawal, ein Familienvater und ehemaliger Elitesoldat der afghanischen Armee, von ICE-Einheiten verhaftet und stundenlang festgehalten. Dann verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Paktiawal wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf verstarb. Sein Freundes- und Verwandtenkreis macht ICE für den Tod des jungen Mannes verantwortlich. Mittlerweile fordern auch mehrere US-Politiker:innen Aufklärung. Bis heute ist unklar, was mit Paktiawal während der Gefangenschaft passiert ist.

Klar ist allerdings, dass viele Migrant:innen und Geflüchtete – vor allem jene, die als solche gelesen werden könnten – von einer ständigen Angst umgeben sind. „Vielleicht schnappen sie mich auch. Wer kann mir schon das Gegenteil garantieren?“, sagte mir jüngst ein afghanischer Freund aus den USA am Telefon. Auch er arbeitete einst mit den US-Truppen in Afghanistan zusammen. Mittlerweile fühlt er sich verraten.

Umso wichtiger ist tatsächlich der Umstand, dass popkulturelle Produkte wie eine TV-Serie über Superheld:innen diese neuen Realitäten einfließen lässt. Warum? Weil vieles in den hiesigen Schlagzeilen zunehmend untergeht und manche, sowohl Medienvertreter:innen als auch Politiker:innen, sich mittlerweile sogar den autoritären Trump-Sprech zu eigen machen. Österreich ist von diesen Entwicklungen nicht ausgeschlossen.



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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Marvel’s Daredevil: Die Serie folgt Matt Murdock einem blinden Anwalt aus dem New Yorker Viertel Hell’s Kitchen. Als Kind verlor er durch einen Unfall mit Chemikalien sein Augenlicht, wodurch jedoch seine übrigen Sinne auf ein übermenschliches Niveau geschärft wurden (er besitzt eine Art „Radar-Sinn“). Tagsüber kämpft er gemeinsam mit seinem Partner Foggy Nelson legal für Gerechtigkeit. Nachts streift er als maskierter Vigilant Daredevil durch die Straßen, um das Verbrechen zu bekämpfen, das das Gesetz nicht erreicht.
  • Die ICE (U.S. Immigration and Customs Enforcement) ist die zentrale US-Bundesbehörde für die Durchsetzung des Einwanderungsrechts im Landesinneren, die unter der Trump-Administration massiv an politischer Bedeutung gewann. Donald Trump nutzte die Behörde als primäres Werkzeug seiner „America First“-Agenda, indem er ihre Befugnisse für großangelegte Razzien erweiterte, die Priorisierung von Abschiebungen auf nahezu alle Personen ohne gültigen Status ausdehnte und eine strikte „Null-Toleranz-Politik“ verfolgte. Während Befürworter diesen harten Kurs als notwendige Wiederherstellung von Recht und Ordnung an den Grenzen und im Inneren feiern, steht die ICE aufgrund von Familientrennungen und den Bedingungen in Haftzentren im Zentrum heftiger Kritik durch Menschenrechtsorganisationen und bleibt eines der am stärksten polarisierenden Symbole der aktuellen US-Politik.

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