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Erzieht die Plattformen, nicht uns

2 Min
Der hundertste Medienkompetenz-Workshop wird's nicht lösen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Wir müssen aufhören, in Sachen Medienkompetenz allein auf Eigenverantwortung zu setzen. Das Problem sind die Social-Media-Konzerne, nicht die Nutzer:innen.


Manche Ausdrücke sind per se hässlich. Pfropfen zum Beispiel. Oder Wurst. Da stört einen allein der Klang, die spuckige Aussprache. Dann gibt es die Wörter, die erst nervig werden, wenn man sie zu oft hört. Studi oder Mindset. Brainstorming und Wartungsarbeiten. Solche geben einem ein ungutes Gefühl, ein negatives Déjà-vu. Hausverwaltung, Fräulein, Medienkompetenz.

Der Begriff „Medienkompetenz“ ist hier eine Klasse für sich. Momentan hören wir ihn ständig. In Schulen: Medienkompetenz. Auf Social Media: Medienkompetenz. Wenn die Tante, die seit Corona jeden Tag vier Liter Desinfektionsmittel trinkt, wieder ein KI-Video von Außerirdischen im Amalienbad in die Familiengruppe schickt: Medienkompetenz.

Von allen Seiten wird einem suggeriert: Das ist jetzt wohl unsere Aufgabe. Wir müssen medienkompetent werden, dem 90-jährigen Opa erklären, dass er zukünftig die Finger auf Fotos zählen soll, der 9-jährigen Cousine zeigen, wie man über die Bilderrückwärtssuche herausfinden kann, ob die Leichensäcke, die sie jeden Tag auf TikTok sieht, jetzt aus Gaza oder einem Film stammen.

Mein Opa muss es nicht mit Meta aufnehmen können – unsere Gesetze schon.

Wir haben uns damit abgefunden, dass große Digitalkonzerne nicht in die Pflicht genommen werden. Dass das Problem weder bei den Plattformen liegt, die Falschmeldungen und Hetze dekontextualisiert stehen lassen, noch an den intransparenten, süchtig machenden Algorithmen, die mit emotionalisierten Falschmeldungen mehr Geld verdienen als mit der Wahrheit. Hin und wieder wird zwar die Frage in den Raum geworfen, was man sich von Big Tech eigentlich noch alles gefallen lassen will, am Ende ist die Konklusion dann trotzdem eine weitere Medienkompetenzinitiative.

Keine Frage, natürlich macht es Sinn, Menschen Instrumente in die Hand zu geben, damit sie Medieninhalte kritisch analysieren und bewerten können. Die Verantwortung aber immer und immer wieder allein auf die Nutzer:innen abzuwälzen, ignoriert die realen Machtverhältnisse. Plattformen entscheiden selbst, welche Inhalte sichtbar sind. Sie verdienen mit unserer Aufmerksamkeit Geld. Es sind politische Entscheidungen, unter welchen Rahmenbedingungen sie das machen dürfen.

Mein Opa muss es nicht mit Meta aufnehmen können – unsere Gesetze schon.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Österreich will Social Media-Plattformen künftig erst ab 14 Jahren erlauben. Digitalstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) bestätigte entsprechende Pläne gegenüber dem ORF. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) hat einen Gesetzesentwurf bis zum Sommer angekündigt.
  • In Australien ist Social Media für unter 16-Jährige bereits verboten. Auch Dänemark, Frankreich und das frühere EU-Mitglied Großbritannien haben nationale Schritte in diese Richtung gesetzt. Im vergangenen Herbst sprachen sich zudem die EU-Staats- und Regierungschefs grundsätzlich für eine Altersgrenze aus.
  • Bei @algokind erfährst du, wie Algorithmen Entscheidungen formen – verständlich, nah und ohne Panik. Eine Initiative der WZ.

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