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Stell dir vor, reiche Touristen reisen in ein Kriegsgebiet, um dort Jagd auf Menschen zu machen. Warum? Weil es ihnen Spaß macht. Dies und nichts anderes soll im belagerten Sarajevo der 1990er-Jahre passiert sein.
Als Kind von Kriegsflüchtlingen gibt es gewisse Dinge, mit denen man einfach aufwächst. In meinem Fall war das das permanente Verfolgen von Nachrichten aus Konfliktregionen. Im Vor-Internetzeitalter sah das wie folgt aus: Meine Eltern, allen voran mein Vater, zappten die ganze Zeit durch den Röhrenfernseher in unserem Wohnzimmer und ließen meist ORF, 3Sat, ZDF, BBC oder Euronews laufen. Dies tat man auch in der Hoffnung, neue Nachrichten aus Afghanistan, das in den 1990er-Jahren vom Bürgerkrieg heimgesucht und erstmals von den Taliban regiert wurde, zu ergattern.
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Eine Szene, die ich nie vergessen habe, wurde damals mitten in der Nacht unkommentiert von Euronews ausgestrahlt. Sie zeigte das von serbischen Faschisten besetzte Sarajevo. Menschen rannten um ihr Leben, während Scharfschützen sie wie Wild erschossen. Erst später verstand ich, wie sehr dieses Grauen auch mit meinem eigenen Umfeld zu tun hatte. Bosnische Geflüchtete, die dem damaligen Genozid oder anderen Kriegsverbrechen entkommen waren, gingen in meine Schule oder lebten in unserer Nachbarschaft. Die Geschichten über die toten, verwesenden Körper, die auf den Straßen Sarajevos lagen, erinnerten mich an die Gräueltaten des afghanischen Bürgerkrieges, als verschiedene Milizen Massaker begingen und ihre ermordeten Opfer den Straßenkötern Kabuls überließen.
Fehlende Aufarbeitung
Dass viele dieser damaligen Taten bis heute nicht aufgearbeitet wurden, hat sich nun wieder einmal auf fürchterliche Art und Weise verdeutlicht: In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen mehrere mutmaßliche „Kriegstouristen“ eingeleitet hat. Die wohlhabenden Personen sollen hohe Beträge gezahlt haben, um im belagerten Sarajevo auf Männer, Frauen und Kinder schießen zu dürfen. Aktuellen Berichten zufolge gab es verschiedene Preisklassen. Wer Kinder töten wollte, musste mehr bezahlen. Frauen und alte Menschen waren kostenlos. Ein mehrtägiger Aufenthalt soll zwischen 80.000 und 100.000 Euro gekostet haben. Das meiste Geld floss in die Taschen der serbischen Faschisten, die damals von zahlreichen rechtsextremen Gruppierungen in Europa unterstützt wurden. Auch bei den italienischen Tätern soll es sich um Personen aus dem rechten Spektrum handeln.
Angestoßen wurden die jüngsten Ermittlungen vom italienischen Journalisten Ezio Gavazzeni. In dem siebzehnseitigen Bericht, der eingereicht wurde, kommen zahlreiche Zeug:innen zu Wort. Doch bereits 2022 sorgte der slowenische Regisseur Miran Zupanič mit seinem Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ für Aufmerksamkeit. Denn auch darin ging es um westliche Kriegstouristen, unter ihnen reiche Männer aus Russland, Italien, den USA und Kanada, die Jagd auf Menschen machten. Auf bosnische, muslimische Menschen, wohlgemerkt. Während der Besatzung Sarajevos wurden mindestens 11.000 Menschen ermordet. In Anbetracht der jüngsten Erkenntnisse ist man gezwungen, sich abermals mehreren Fragen zu stellen: Wer hat bei den Mordtouren mitgemacht? Waren womöglich auch prominente Gesichter, die für ihre Verbrechen noch nie belangt worden sind, unter den Mördern? Und natürlich: Wer kann schon garantieren, dass solche Dinge nicht im heutigen Zeitalter stattfinden? Die logistischen Möglichkeiten sind womöglich einfacher denn je zuvor, und auch der Hass auf viele verschiedene Menschengruppen existiert weiterhin.
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Infos und Quellen
Genese
Die Belagerung der bosnischen Stadt Sarajevo dauerte vom 5. April 1992 bis 29. Februar 1996. Das sind 1.425 Tage – die längste Belagerung einer Hauptstadt in der modernen Geschichte Europas. Insgesamt wurden während der Belagerung durch serbische Faschisten über 13.000 Menschen getötet, rund 5.400 von ihnen waren Zivilist:innen. Mehr als 1.600 Todesopfer waren Kinder. Sarajevo wurde täglich von Scharfschützen und Artillerie beschossen, lebenswichtige Infrastruktur brach zusammen. Nun ist klar: Unter den Scharfschützen waren auch Kriegstouristen aus westlichen Staaten. Bekannt war dies bereits vor den jüngsten Ermittlungen in Italien. Der Film „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič behandelte die Taten der Kriegstouristen bereits im Jahr 2022 ausführlich. Auch die bosnischen Behörden wissen seit Längerem Bescheid und haben bereits rechtliche Schritte eingeleitet. Die Details aus der jüngsten Recherche aus Italien sind schockierend. So heißt es darin etwa, dass einer der identifizierten Scharfschützen aus Italien, aus Mailand, stammen und Inhaber einer Privatklinik, die sich auf Schönheitschirurgie spezialisiert hatte, gewesen sein soll. Bereits während des Balkankrieges vermutete der bosnische Geheimdienst, dass der Kriegstourismus gezielt vom serbischen Staatssicherheitsdienst organisiert wurde.
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