PodcastDie EU-Kommission will Social Media für Kinder abriegeln. Das ist grundsätzlich kein schlechter Ansatz. Denn Jugendliche brauchen Schutz vor Algorithmen, Filterblasen und toxischen Inhalten, findet Redakteurin Chiara Swaton.
„Zu meiner Zeit haben wir als Gesellschaft unseren Kindern beigebracht, dass sie bis zu einem bestimmten Alter nicht rauchen und trinken dürfen. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir das Gleiche für die sozialen Medien tun.” Das sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vergangene Woche bei einer Rede im EU-Parlament in Straßburg. Sie spricht sich für eine Altersgrenze auf Social Media aus und will bis Ende des Jahres eine Expertengruppe dafür beauftragen.
- Kennst du schon?: Darf man von Influencer:innen politische Haltung einfordern?
In Österreich wünscht sich Digitalstaatssekretär Alexander Pröll diese digitale Ausweispflicht schon länger: Nach dem Amoklauf in Graz kündigte er die Erwägung verpflichtender Altersbeschränkungen für Social-Media-Plattformen an. Wie das konkret aussehen könnte? Durch Verifizierung mittels ID Austria.
Der schnelle Abstieg ins Rabbit Hole
Ich finde: Die geplante EU-weite Lösung ist wichtig und richtig. Denn auch wenn Social Media viele Vorteile hat und Verbundenheit schafft, kann es gleichzeitig gefährlich sein. Durch den Algorithmus gerätst du ganz schnell in shady, toxische, Filterblasen.
Das haben unsere stellvertrende Chefredakteurin Aleksandra Tulej und ich bei einem Selbstversuch auf TikTok erlebt: ein bisschen liken hier, ein bisschen chatten da, und schon haben wir mit einem verurteilten IS-Anhänger gefacetimt. Vom ersten Klick bis zum Gespräch vergingen keine vier Tage. Dass es so schnell geht, hat uns selbst erschrocken.
Laut einer aktuellen Studie der Universität Amsterdam braucht es nicht einmal komplexe Algorithmen, damit negative Online-Dynamiken entstehen. Posten, reposten und folgen reicht aus, um Echokammern und problematische Inhalte zu erzeugen.
Von SkinnyTok bis Andrew Tate
Aber man muss nicht mit einem Extremisten facetimen, damit Social Media problematisch sein kann. Es ist problematisch, wenn du beginnst, Makel an dir zu erkennen, die dir früher nie aufgefallen sind. Oder wenn du in der Welt von SkinnyTok landest, in der du auf extreme Diät- und Abnehmtipps stößt. Oder wenn dir ein Andrew Tate sexistische und frauenfeindliche Ideen in den Kopf einpflanzen will.
Fakt ist: Soziale Medien können Stress, Erschöpfung und suchthaftes Verhalten fördern. Laut der Jugendstudie 2025 empfindet fast die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland Social Media als schädlich für ihr Wohlbefinden. Viele von ihnen versuchen, ihre Bildschirmzeit zu reduzieren.
Schwierige Umsetzung?
Von der Leyen nannte Australien bei ihrer Rede in Straßburg als mögliches Vorbild. Dort dürfen Jugendliche künftig erst ab 16 Jahren Social-Media-Plattformen nutzen.
Natürlich gibt es auch Kritik an einer möglichen Altersbeschränkung – etwa von der deutschen Lehrergewerkschaft (der Standard berichtete): Verbote seien realitätsfern, Jugendliche seien ohnehin online – und Umgehungen per VPN oder Tricks bei der Verifizierung wären leicht möglich.
Chancen nicht vergessen
Wichtig ist, dass Schutzmaßnahmen allein nicht ausreichen. Social Media bietet Jugendlichen auch Bildung, Austausch und kreative Entfaltung. Deshalb sollten Altersbeschränkungen durch Medienkompetenzprogramme und der Aufklärung über digitale Risiken begleitet werden.
Eine EU-weite Altersgrenze kann also ein wichtiger Schritt sein. Sie sollte aber Teil eines umfassenden Ansatzes sein, der sowohl Schutz als auch Chancen berücksichtigt.
Denn eine Altersbeschränkung kann Kinder zwar vor den gefährlichsten Ecken des Netzes schützen – aber echte Sicherheit bekommen Jugendliche erst, wenn sie lernen, reflektiert im Internet zu navigieren.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Ein paar Begriffe: Ein Algorithmus entscheidet, welche Inhalte dir angezeigt werden, basierend auf deinem Verhalten. Filterblasen entstehen, wenn du vor allem Inhalte siehst, die deine eigenen Ansichten bestätigen. In Echokammern verstärken sich Meinungen und Ansichten immer wieder gegenseitig, ohne dass Gegenpositionen sichtbar werden.
- Nach der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) dürfen personenbezogene Daten von Jugendlichen unter 14 Jahren grundsätzlich nicht verarbeitet werden. Deshalb verlangen die meisten Social-Media-Plattformen bei der Registrierung die Angabe eines Alters über 14 Jahre. Eine detaillierte Überprüfung der Altersangabe erfolgt jedoch in der Regel nicht.
- Die EU arbeitet derzeit an den technischen Grundlagen für Altersbeschränkungen. Die Europäische Kommission entwickelt dafür eine Verifizierungs-App zum Schutz von Jugendlichen. Ziel ist es, zuverlässige Systeme zum Altersnachweis für Inhalte zu schaffen, die für Kinder und Jugendliche ungeeignet sind. Langfristig soll diese Technologie in den digitalen EU-Ausweis (eID) integriert werden – einen offiziellen Online-Identitätsnachweis, der ab Ende 2026 verfügbar sein soll.
Quellen
- Die Presse: Social Media Altersgrenze – Österreich bekommt Unterstützung von EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen
- ResearchGate: Can We Fix Social Media? Testing Prosocial Interventions using Generative Social Simulation
)
)
)