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Was Horrorfilme, eine leerstehende Fischfabrik im südlichen Dänemark und Ekelfotos am Smartphone miteinander zu tun haben, wie Grusel Halt gibt, warum Sensationslust doch verzeihlich ist und wie Neugierde uns vor dem Schlimmsten bewahren kann.
„Offenheit für Neues ist ein ganz zentraler Begriff“, sagt Johannes Rother. Der Psychologe – Jeans, Sneakers, Du-Wort – sitzt mir auf einer grauen Filzcouch in der Praxis von Phobius, einem Wiener Institut für Angststörungen, gegenüber. Wir sprechen schon seit mehr als einer halben Stunde über die Beschwerden, mit denen Menschen zu Rother kommen. Manches klingt für mich kurios, beeinträchtigt den Alltag Betroffener aber massiv. Wer etwa eine Angststörung vor Tauben hat, geht oft nicht mehr ins Freiluftcafé, aus Sorge, eine Taube könnte angreifen. Oder wer unter Emetophobie leidet – der Angst, zu erbrechen – wagt kaum, sich satt zu essen. Essstörungen können die Folge sein.
- Kennst du schon?: Strenge Kammer(prüfung)
Betroffenen gibt Rother gerne Hausaufgaben auf, Emetophobiker:innen zum Beispiel folgende: „Mit offenen Augen durch die Stadt laufen und Fotos machen von, entschuldige bitte, Kotzepfützen am Boden – egal ob schon verkrustet oder ganz frisch; das kommt dann in die Bildergalerie. Das klingt vielleicht unangenehm, aber fördert genau das: Außenreize sammeln, und die Haltung von der Vermeidung wieder in die Offenheit bringen.“
Die Vorstellung wirkt absurd und ist doch ein passendes Bild für die Kernfrage, mit der ich zu Rother gekommen bin: Mit Angst umzugehen, kann also geübt werden. Aber wie produktiv mit Ängsten umgehen, die größer sind als wir? Angst scheint eines der prägenden Gefühle der Gegenwart zu sein: Angst vor der Klimakatastrophe, vor Atomkrieg, vor Faschismus oder vor Fremden, vor Altersarmut, Angst vor dem Vergewaltiger hinter dem nächsten Baum oder dem in der eigenen Beziehung, die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, die vor der nächsten Pandemie – manchmal wirkt es auf mich, als hätten Menschen, die ohne Ängste leben, einfach die Nachrichten nicht aufmerksam genug gelesen.
„We are all fucking anxious“
„Generalisierte Angststörung“ nennt Rother das, wenn kein spezifischer Reiz, sondern die Gesamtsituation Furcht einjagt – und er sagt: „Soziale Ängste sind explodiert während der Pandemie.“ Einen ähnlichen Befund notiert auch die deutsche Psychologin Pauline Stockmann in ihrem Buch „Lass mal über Anxiety reden“, in dem sie den Modebegriff Anxiety daraufhin abklopft, ob er sich dazu eignet, die Überforderungen der Gegenwart in einen Sammelbegriff zusammenzufassen. Sie schreibt: „We are all fucking anxious“ – und versucht, ihren Leser:innen Handwerkszeug fürs emotionale Krisenmanagement zu vermitteln. Ein Teil davon ist, sich mit den eigenen Ängsten vertraut zu machen.
Hier gibt es sehr unterschiedliche Herangehensweisen: Einer Studie der Universität Aarhus zufolge waren Fans von Pandemiefilmen und Filmen aus dem „Prepper“-Genre (also Filmen über Katastrophen, Alieninvasionen und Zombies) psychisch besser auf den Stress der Pandemie vorbereitet als andere. Im ersten Lockdown wurde das offensichtlich – unvergessen etwa der Hype im Frühling 2020 um Stephen Soderberghs damals schon fast zehn Jahre alten Film „Contagion“.
Im September 2020 publizierten die involvierten Forscher einen Fachartikel unter dem Titel „Pandemic practice: Horror fans and morbidly curious individuals are more psychologically resilient during the COVID-19 pandemic“. Dieser Studie zufolge, durchgeführt an rund 300 US-amerikanischen Proband:innen, empfanden die Horrorfans unter den befragten Personen den psychischen Stress der Pandemie weniger belastend als andere. Menschen, die sich freiwillig bestimmten Ängsten aussetzen, haben in vergleichbaren Situationen also offenbar das stabilere Nervenkostüm.
Interdisziplinär forschen im Haunted House
„Wir können mit der Studie zwar nicht beweisen, dass es dich bei einem großen, sozial stressigen Vorfall psychisch widerstandsfähiger macht, wenn du vorher gruselige Filme schaust“, sagt Mathias Clasen, einer der Studienautoren, mir im Zoom-Interview. „Vielleicht ist es ja auch umgekehrt, dass psychisch widerstandsfähigere Leute sich von Horror angezogen fühlen. Aber die Studie unterstützt unsere These durchaus.“ Clasen ist Mitbegründer des interdisziplinären Recreational Fear Lab (RFL) an der Uni Aarhus, in dem die zutiefst menschliche Praxis untersucht wird, sich freiwillig angstbesetzten Situationen auszusetzen.
Das Forschungsfeld „Angst“ ist weit: Es beginnt beim grenzenlosen Vergnügen von Babys, in die Luft geworfen und wieder aufgefangen zu werden, umfasst Schauergeschichten an Lagerfeuern ebenso wie Horrorgames und geht bis hin zu Gruselattraktionen. Beim alljährlichen „Dystopia Haunted House“-Event in einer aufgelassenen Fischkonservenfabrik in Vejle in Dänemark befragen Forschende und Studierende des RFL Besucher:innen der Gruselattraktionen etwa nach ihrer Motivation, sich freiwillig Angst einjagen zu lassen. Ist es das Vergnügen, in die Angst hineinzufühlen? Oder eher der Stolz, die Angst aushalten zu können?
Die Begründungen sind individuell, wie auch die Ausprägungen der morbiden Neugierde unterschiedlich sind, die wir alle bis zu einem gewissen Grad in uns tragen – und die sich in ihren unterschiedlichen Facetten auch entlang von Geschlechterrollen ausprägen, erläutert Clasen: „Wir unterscheiden unterschiedliche Typen morbider Neugierde. Eine hat mit körperlichen Verletzungen zu tun, die zweite mit Gewalt zwischen Personen – hier erreichen Männer oft höhere Werte.“ Frauen hingegen interessieren sich tendenziell mehr für das Okkulte, also für paranormale Phänomene, das ist der dritte Typus – und dafür, was in den Hirnen böser Menschen vorgeht. Den Test dazu hat der amerikanische Psychologe Coltan Scrivner erstellt; mit Fragen wie „Wenn du im alten Rom leben würdest, würdest du bei Gladiatorenkämpfen zuschauen wollen?“ wirkt er fast zu unterhaltsam, um seriös zu sein.
True Crime zur Angstbewältigung
Scrivners und Clasens Thesen werden jedenfalls durch eine weitere Untersuchung bestätigt, diesmal von der Uni Graz: Im Rahmen des Forschungsprojekts „Horror als kreative Emotionsregulation – Kann True-Crime-Konsum Frauen dabei helfen, adaptiver mit Angst und Bedrohung im Alltag umzugehen?“ wollte die Psychologin Corinna Perchtold-Stefan wissen, aus welchen Gründen sich Menschen für True-Crime-Formate interessieren.
Dass es vor allem Frauen sind, die sich von der Aufarbeitung realer Gewaltverbrechen fesseln lassen, dazu gab es schon frühere Studien aus dem angloamerikanischen Raum. In der Grazer Studie gaben nun drei Viertel der Befragten an, „die Psychologie hinter den schrecklichen Taten verstehen zu wollen. 30 Prozent nannten allgemeine Neugier als einen Beweggrund, knapp 28 Prozent ein grundlegendes Interesse am Justizsystem, an Polizeiarbeit und kriminalistischen Ermittlungen“, schreibt Projektleiterin Perchtold-Stefan.
Die Studie ergab, dass Menschen mit einer Neigung zu angstauslösenden Inhalten wie Unfallschilderungen oder anderen Horrorszenarien eine gewisse Abhärtung entwickeln, wodurch sie sich auf vergleichbare reale Situationen besser vorbereitet fühlen. Was kulturpessimistische Kritiker:innen als medienethisch bedenklich einstufen, hat für Konsument:innen von True-Crime-Podcasts und -Serien also tatsächlich einen positiven, selbstermächtigenden Effekt: „True-Crime-Fans zeigen eine höhere Fähigkeit, mit Angst und Stress im Alltag umzugehen. Das könnte auf einen Trainingsmechanismus durch die spielerische Auseinandersetzung mit dem Verbrechen hindeuten“, so Perchtold-Stefan.
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WZ Weekly
Einblicke in die WZ-Redaktion. Ohne Blabla.
Halt im Horror
Einer, den diese Schlüsse wenig überraschen, ist Markus Keuschnigg. Er leitet das Slash Filmfestival, die wichtigste österreichische Veranstaltung zu Fantastischem Film. Horror spielt hier eine große Rolle. Keuschnigg treffe ich im Festivalbüro zwischen Film-Merch und Fanart; er ist mitten in der Auswahlphase für die Filme der nächsten Festivalausgabe Ende September. Auf meine Frage, ob Horrorfilme Halt bieten können, ist seine Antwort: Eh klar. „Wenn ich mir die Zusammensetzung unseres Publikums anschaue, dann glaube ich, dass da einige in der Vergangenheit sozialen Ängsten ausgesetzt waren – weil viele nicht unbedingt der Normgesellschaft entsprechen, etwa eine von der Norm abweichende Sexualität haben, und deswegen stärker von Ängsten getrieben sind.“
Das sei zumindest sein eigener Weg zum Horrorfilm gewesen, wenn auch sehr unbewusst: „Ich bin irgendwann draufgekommen: Wenn ich diese Filme anschaue, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie ich mit Ängsten umgehen kann – weil ich mich da in einer sicheren Umgebung der Unsicherheit aussetzen kann und am Ende mit einer Katharsis belohnt werde.“ In klassischen Teenie-Horrorfilmen sind es schließlich oft genau die feschen Sportskanonen, die als erste dran glauben müssen, während die nerdigen Außenseiter überleben.
Was Keuschnigg andeutet, bestätigt den Rat, den der Psychologe Johannes Rother mir anfangs gegeben hat: nicht ausweichen, sondern genau hinschauen und hinfühlen. „Jedes Mal, wenn du eine angstbesetzte Situation vermeidest, gibst du der Angst recht. Das ist einer der Kernmechanismen, die wir unseren Klient:innen aufzeigen: Es geht darum, reinzugehen ins Gefühl, auch wenn es unangenehm ist. Ja, gerade wenn es unangenehm ist: Indem wir das Gefühl aushalten, stellen wir fest – es passiert nichts Schlimmes.“ Beim Slash Filmfestival ist diese Erfahrung dazu noch gruppendynamisch beglückend: Hier finden sich Horrorfans mit unterschiedlichsten Arbeitserfahrungen und Lebenswelten zu einer Community zusammen, die „ihre dunkle Seite gemeinsam erlebt“, sagt Keuschnigg. „Das ist einfach was sehr Schönes – und mir selbst hat das in meiner Jugend geholfen, damit klarzukommen, dass ich homosexuell bin.“
Für die Apokalypse planen
So tröstlich diese individuelle Erfahrung ist, was ist nun mit den Ängsten, die uns kollektiv bedrücken? „Wir leben in einer so durch Ängste manipulierten Gesellschaft – und so effizient und zielgerichtet konnte noch nie damit gespielt werden wie jetzt über Social Media“, sagt Keuschnigg – und: „Ich persönlich hole mir meinen Angstfix lieber im Kino, in Welten, die ein Filmkünstler oder eine Filmkünstlerin persönlich aus sich herausgekratzt hat, anstatt im Netz.“
Denn natürlich reagiert auch das Kino auf unsere veränderte Wirklichkeit: Wenn etwa ein Meme-Film wie „The Backrooms“ mit der Faszination liminaler Räume und Glitches hantiert und zum Horrorphänomen des Jahres wird, reflektiert das, wie sehr Realität und Fake-Realität immer mehr ineinander zu verschwimmen scheinen. Was die KI fehlerhaft ausspuckt, wird hier zum Schreckensbild in labyrinthischen Räumen hinter Räumen – Sinnbild für eine Realität, die an den Rändern porös geworden ist. „Genau solche Erzählungen schreiben sich jetzt im Kino fort“, so Markus Keuschnigg. So gesehen könnten Horrorfilme also nicht nur Werkzeuge sein, um sich selbst resilienter zu machen, sondern fallweise sogar als Welterklärer funktionieren, mit denen die Realität greifbarer wird.
Was für die individuellen Ängste und Phobien gilt, gilt ebenso für die großen Sorgen, sagt Psychologe Rother. Die Hinwendung zu neuen Reizen ist das Rezept, das er empfiehlt – und im Fall konkreter Ängste auch, sich mit konkreten Wenn-Dann-Szenarien zu befassen. Mütter, die von der Angst gelähmt sind, ihr Kind könnte sterben, begleitet Rother etwa bei der Sorgenkonfrontation: „Wir spielen in Gedanken durch: ‚Was würde das bedeuten? Welche Menschen würden auf meiner Seite stehen? Was sind die Abläufe, um die man sich kümmern muss?‘“ Allein das gedankliche Durchspielen helfe dabei, sich weniger ausgeliefert zu fühlen. „Und offenbar können auch Horrorfilme so wirken, weil Menschen sich mit gewissen Vorstellungen schon einmal auseinandergesetzt haben“, so Rother.
Vielleicht hilft es gegen die Angst vor der Apokalypse also tatsächlich, noch mehr Zombiefilme zu schauen – und sich mit dystopischen Szenarien konkret auseinanderzusetzen: Prepper nicht nur auslachen, sondern sich ein paar ihrer Tricks gegen die Angst abschauen. Mineralwasser und Dosenbohnen im Keller einlagern, ein Kurbelradio kaufen, den Erste-Hilfe-Kurs auffrischen. Und ein paar Horror-Paperbacks bereitlegen, falls der Strom doch länger ausfällt.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Johannes Rother
- Mathias Clasen
- Markus Keuschnigg
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