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Mit einem Klick zu Ecstasy

14 Min
Exakt 23 Minuten vergehen und uns werden auf TikTok Drogen angeboten.
© Collage: WZ, Bildquelle: Getty Images

Drogenhandel floriert im Netz und ist leicht zugänglich. Innerhalb einer halben Stunde bieten Dealer Drogen an und verschicken die Ware in Gummibärenpackungen. Ein Selbstversuch der WZ.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Exakt 23 Minuten vergehen und uns werden auf der Social Media Plattform TikTok Drogen angeboten. Nur ein paar Stunden, nachdem die WZ einen anonymen TikTok-Account erstellt hat, treten Drogendealer mit uns in Kontakt. „Das ist mein Shop, da kannst du Preise und Ware ansehen“. Wir geben uns als Kira aus. 15 Jahre alt, aus Österreich und auf der Suche nach Drogen. Es geht nicht um Gras, sondern um synthetische Drogen. „Hey, du warst auf der Suche nach Teilen?“, fragt uns eine TikTok-Userin.

Unter Teilen verstehen Minderjährige und junge Erwachsene auf TikTok Ecstasy, auch E, Molly oder Emma genannt. Die bekannteste Substanz, die als Ecstasy bezeichnet wird, ist MDMA. Mit Kiras TikTok-Profil möchten wir herausfinden, wie genau und vor allem wie schnell Minderjährige über die App an illegale Drogen kommen.

Pingtok und Tante Emma

In der Social Media App gibt es verschiedene Orte, in die man hineinstolpern kann. Neben den klassischen Challenge- und Tanz-Videos finden auch Beauty-, Comedy- oder Prank-Clips ihren Platz. Doch die beliebte App hat auch ihre dunklen Seiten. Sie nennen sich unter anderem „Darktok“ oder „Pingtok“. Auf Darktok werden angsteinflößende Inhalte, sowie Videos über Depressionen, Selbstverletzung oder Suizid veröffentlicht. Auf Pingtok hingegen geht es um Drogen. Pingtok leitet sich von dem Wort Pingers ab. Es ist im australischen Slang ein anderes Wort für Pillen oder Ecstasy. Es handelt sich um die Tabletten der illegalen, chemischen Droge MDMA. Die synthetische Substanz ist insbesondere als weltweit verbreitete Partydroge bekannt. Es ist ein helles Pulver und wird in Tablettenform oder als ​Kristalle, die man vom Finger lutscht, angeboten. Die Substanz kann auch in Getränken aufgelöst oder geschnupft werden.

Nachdem Kiras Account aktiviert wurde, liken wir Videos, die mit Drogenkonsum in Verbindung stehen. Diese findet man unter gewissen Hashtags. Klickt man sich durch, ist man rasch im Strudel des „passenden“ Contents. Wir suchen aktiv nach Videos mit den Hashtags #pingtok, #druff und #tanteemma. „Druff“ ist ein Synonym für „drauf“, also „high sein“. Der Hashtag #tanteemma bedeutet „Besuch von Tante Emma bekommen“. Tante Emma ist die Ecstasy-Pille, der Besuch von ihr bedeutet die Einnahme und der Rausch der Droge.

Erweiterte Pupillen als Anzeichen

Uns werden unzählige Videos von Minderjährigen und jungen Erwachsenen im Ecstasy-Rausch angezeigt. Darin immer zu sehen: Die erweiterten Pupillen. „Solche Videos werden regelmäßig an die Polizei herangetragen“, sagt Felix Gasterstädt, stellvertretender Leiter im Bundeskriminalamt im Büro 3.3 Suchtmittelkriminalität. „Sobald der Verdacht besteht, dass Suchtmittel in beispielsweise solchen Videos konsumiert werden, müssen Ermittlungen eingeleitet werden.“ Der Tatbestand müsse dann der Staatsanwaltschaft berichtet werden, heißt es.

Etwa eine halbe Stunde nach der Einnahme von Ecstasy, beziehungsweise MDMA, setzt die Wirkung ein. Das Herz schlägt schneller, Blutdruck und Körpertemperatur steigen. Es kommt zu Euphorie und gesteigertem Selbstvertrauen. Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien, sagt: „Drogen können in der Phase des Erwachsenwerdens für Jugendliche unterschiedliche Rollen spielen. Sie können Ausdruck des persönlichen Stils oder der Zugehörigkeit sein. Oder aber ein Protest gegen den Lebensstil anderer (wie beispielsweise der Eltern). Sie können helfen, sich anders zu spüren und Hemmungen oder Unsicherheiten zu überwinden“.

Drogen sind oft ein Protest gegen den Lebensstil anderer, etwa der Eltern.
Lisa Brunner, Sucht- und Drogenkoordination Wien

Ecstasy steigert die körperliche Leistungsfähigkeit und kann die Wahrnehmung von Tönen und Farben ändern. Eingeschränkt werden jedoch körperliche Alarmsignale wie Durst, Hunger, Müdigkeit und Schmerzen. Lässt die Wirkung von MDMA nach, fühlt man sich erschöpft und teilweise auch depressiv, manchmal für mehrere Tage. Der Ecstasy-Kater ist die Folge der entleerten Serotoninspeicher im Gehirn. Neben Depression kann die Droge auch schwere Angststörungen auslösen. Kombiniert man MDMA mit Alkohol, treten Schäden an Leber und Nieren auf. Mögliche Folgeschäden können auch Störungen der Herzfunktion, Infarkt, Schlaganfälle und Hirnschäden sein. Das weibliche Hormon Östrogen verstärkt diese Nebenwirkungen zusätzlich, weshalb Frauen grundsätzlich stärker gefährdet sind.

Grünes ist nicht genug

Wir sind mit einem Mädchen auf TikTok in Kontakt, wir nennen sie Marie. Kira chattet mit ihr und sie stellen einander private Fragen. Marie ist auf der Suche nach einem neuen Dealer. „Ich finde keinen anständigen Plug momentan. Mein alter ist weggezogen“, schreibt sie. Das Wort „Plug“ wird synonym zu einem Drogendealer verwendet. „Wenn hier einer ist, vertickt er nur Grünes“. Mit Marihuana kann Marie nichts anfangen, sie will mehr. Schnell wird klar, dass sie sich Kira öffnet und persönliche Informationen von sich preisgibt.

WZ alias Kira

Wie alt bist du?

Marie

17, du?

WZ alias Kira

Bin 15

Marie

Hast du schonmal dr0gs (Drogen, Anm.) genommen?

WZ alias Kira

Ja schon paar mal. Du?

Marie

Jo

Sie vertraut uns. Doch nur, weil Kira zwei Tage lang Marie nicht zurückschreibt, löscht sie alles, was wir uns einander geschrieben und geschickt haben – vermutlich aus Angst. Geht es um die Preisgabe privater Daten im Internet und generell sozialen Netzwerken, sind Jugendliche auf TikTok eher leichtsinnig, zeigt die Recherche. Doch das Internet vergisst bekanntlich nie. Wenn Daten von Dritten kopiert, gespeichert und weiterverbreitet werden, können sie für immer im Netz bleiben. Gasterstädt vom Bundeskriminalamt macht klar: „Das Internet schützt nicht vor völliger Anonymität. Dessen muss sich jeder bewusst sein.“

Das soziale Netzwerk TikTok erobert die Social Media-Welt und zählt zu den am schnellsten wachsenden Plattformen in der Zielgruppe der Elf- bis 17-Jährigen. Der „Jugend-Internet-Monitor 2023” ist eine Initiative von Saferinternet.at und präsentiert jährlich aktuelle Daten zur Social Media-Nutzung von Österreichs Jugendlichen. Die App TikTok wurde im Jahr 2020 von 40 Prozent der Minderjährigen genutzt. Die Zahl stieg rasant an und erreichte letztes Jahr die 70-Prozent-Marke. Heuer liegt die App-Nutzung praktisch auf demselben Niveau wie im Vorjahr. TikTok rangierte damit auf Platz vier der populärsten sozialen Netzwerke bei Kindern und Jugendlichen in Österreich.

Ecstasy, Koks und Glock

Unserem Account, also Kira, folgen mittlerweile Personen auf TikTok, die Drogen verkaufen oder uns in Gruppen auf Telegram hinzufügen. Uns werden Links zu Telegram-Chats geschickt. Die Gruppe, mit der größten Abonnent:innenzahl auf Telegram, der wir hinzugefügt wurden, nennt sich „Gras Vienna“ (Name geändert, Anm.). In dieser Gruppe wird aber nicht nur Marihuana vertickt, sondern jede Droge, die man sich nur vorstellen kann. Neben Koks aus verschiedenen Ländern wie Peru, Kolumbien oder Bolivien, wird hier LSD, Ecstasy, Haschisch, Ketamin und vieles mehr angeboten. Unter anderem auch Waffen wie Glock-Pistolen, die genauso leicht zu erwerben sind. Zum Recherchezeitpunkt folgen 5700 Menschen dieser Gruppe auf Telegram. Bezahlt wird in Bitcoin oder mit Geschenkkarten.

Eine andere Gruppe heißt „24/7 Shop“ (Name geändert, Anm.). Es handelt sich um eine Gruppe, die von insgesamt drei Drogendealern geführt wird. Täglich werden neue Drogensorten mit ihren Qualitätsmerkmalen und Vorteilen vorgestellt. „Kein Kratzen - Check, Qualität - Check“, liest man. Einer der Dealer schreibt: „Freue mich auf neue Gesichter!“ Er nennt sich King der Drugs. Ein anderer Dealer der Gruppe schreibt unter dem Alias Mr. Escobar. Gesendete Videos von Drogen wurden hier im Chat teilweise von über 1000 Telegram-Nutzer:innen angeklickt.

Collage: Eine Nahaufnahme eines Auges dessen bunte Pupille sich erweitert.
© Collage: WZ, Bildquelle: Unsplash

„Es ist ein Phänomen, dass der Drogenhandel mit der zunehmenden Digitalisierung ins Internet abdriftet, das beobachten wir in den letzten Jahren. Durch Weiterentwicklungen werden Messenger-Dienste, wie Telegram aber auch TikTok, für den Drogenhandel von Täterschaften herangezogen. Das ist dem Bundeskriminalamt sehr wohl bekannt“, macht Gasterstädt vom Bundeskriminalamt klar. „Der Handel mit illegalen Substanzen ist leider ein lukratives Geschäft“, sagt Lisa Brunner vom Institut für Suchtprävention. Einige Berichte existieren bereits, die über das Drogendealen im Netz berichten.

Die Meta-App Instagram wurde von der Forschungsinitiative Tech Transparency Project (TTP) mit Sitz in Washington, D.C. untersucht. Ein Report von TTP aus dem Jahr 2021 zeigt, dass es Teenagern auch auf Instagram leicht gemacht wird, an Drogen zu kommen. Eine STRG_F-Recherche vom August 2022 hat sich die Drogenszene ebenfalls auf TikTok angesehen. „Der Online-Handel wächst in diesem Bereich“, sagt Lisa Brunner von der Sucht- und Drogenkoordination Wien. Als Minderjährige:r auf TikTok an Drogen wie Ecstasy zu kommen, scheint sehr einfach zu sein - hier sind wirklich unzählige Dealer unterwegs, zeigt unsere Recherche. „Menschen über das Internet ausfindig zu machen, ist nicht leicht, aber keinesfalls unmöglich. Täterinnen und Täter sind uns oft einen Schritt voraus, das ist immer so ein Katz-und-Maus-Spiel“, muss Gasterstädt vom Bundeskriminalamt zugeben.

#PupillenErweitertVonAugenarzt

In den TikTok-Videos der jungen Menschen im Ecstasy-Rausch werden von anderen Nutzer:innen vor allem die großen Pupillen glorifiziert. Sie sprechen von „schönen Tellern“. Warum TikTok diese Videos nicht von der Plattform nimmt, ist leicht zu beantworten. In den TikTok-Richtlinien heißt es: „Wir gestatten keine Inhalte, die den Konsum von Freizeitdrogen oder den Handel mit (…) Drogen zeigen oder bewerben. Wenn wir auf eine Gefährdung Minderjähriger auf unserer Plattform aufmerksam werden, sperren wir das Konto (…).“ Die User:innen auf Pingtok haben jedoch einen Ausweg gefunden.

Mit den Hashtags #fake und #pupillenerweitertvonaugenarzt werden ihre Videos nicht gelöscht, denn TikTok kann nicht filtern, ob es sich nun tatsächlich um eine gestellte Situation handelt oder nicht. „Solche Videos werden auch regelmäßig an die Polizei herangetragen. Der Hashtag #fake tut für uns nichts zur Sache. Er stellt keinen entlastenden Beweis dar“, klärt Gasterstädt vom Bundeskriminalamt auf.

„Hat wer Ried/Linz/Wels?“

Unter Videos mit diesen Hashtags finden sich TikTok-User:innen, die auf der Suche nach Drogen sind. In den Kommentaren wird gefragt: „Hat wer Ried/Linz/Wels?“ oder „Jemand Wien?“. Darauf antwortet häufig ein Account mit dem Usernamen Janina. „Jou, meld dich!“ oder „Schreib mir“, antwortet sie. Einen ihrer „Jou, meld dich!“-Kommentare likt unsere Fake-Kira, um zu sehen, was passiert. Ein anderer Account taucht ebenso häufig in der Kommentarsektion auf. „Bei Interesse Name für Telegram in meiner Bio“. In der Beschreibung des Accounts liest man den Namen „Xto“ (Name geändert, Anm.).

Wir schreiben Xto auf Telegram: „Hey. Glaub ich habe deinen Account auf TikTok gesehen“. Nur 2 Stunden später antwortet er: „Ist richtig. Das ist mein Shop, da kannst du Preise und Ware ansehen“. So schnell geht es und Kira war mit einem 23-jährigen Mann aus Deutschland in Kontakt. Xto schickt Kira einen Link zu einem anderen Telegram-Chat – es handelt sich um den „Xto-Shop“ (Name geändert, Anm.). Fotos inklusive Beschreibung und Gramm-Preis sämtlicher Drogen schmücken den sonst leeren Telegram-Chat. Schmerztabletten, LSD, Ketamin, Ecstasy, MDMA-Kristalle, Speed. Eine Bezahlung akzeptiert Xto nur mit Bitcoin oder Amazon-Gutscheinen.

Das Darknet und die Gummibären

Während wir im Xto-Shop stöbern, poppt eine Nachricht von Janina auf TikTok auf: „Hey, du warst auf der Suche nach Teilen?“ Nur eine Stunde und 56 Minuten nachdem Kira einen Kommentar von ihr gelikt hat. Wir tauschen unsere Telegram-Namen aus und sind nicht mehr mit Janina, sondern mit einem Drogendealer aus dem Darknet in Kontakt. Er nennt sich „Crime Shop“ (Name geändert, Anm.).

Crime Shop

Das, was du brauchst, kann ich dir per Post zuschicken. Zum Beispiel in eine volle Gummibärchenpackung reintun und zu vakuumieren.

WZ alias Kira

Hm okay. Aber ich bin noch relativ jung, also keine Ahnung wie das dann funktionieren könnte.

Crime Shop

Ist eigentlich ganz einfach. Bezahle und dann schicke ich dir deine Sache entweder nachhause oder an eine Poststation. Dort kannst du es ohne Ausweis abholen.

WZ alias Kira

trau mich nicht

Crime Shop

Warum traust du dich nicht? Habe ich schon oft gemacht. Es gibt kein Zoll und keine Kontrollen. Da passiert nichts.

„Auf TikTok werden Drogen gerne einfach über Postwege verschickt. Das Bundeskriminalamt ist in enger Kooperation mit dem österreichischen Zoll, das ist wichtig“, sagt Gasterstädt. „Im Jahr stellen wir ungefähr 2000 Postsendungen mit suchtmittelhaltigem Inhalt sicher, die entweder für Österreich bestimmt sind oder von hier ins Ausland gehen.“

Wir sind weiter auf TikTok unter dem Namen Kira unterwegs und entdecken auffällige Videos und Kommentare. Unter einem TikTok-Video eines jungen Mädchens, die sich high zeigt, kommentiert ein Account namens „Dunkle Apotheke“ (Name geändert, Anm.): „Brauchst du was?“ Wir verfassen eine Privatnachricht und schreiben dem Account: „Hey. Ich bin auf der Suche nach Teilen. Bin ich da bei dir richtig?“ Nur 23 Minuten später kommt eine Antwort samt Menü. Aufgezählt werden Drogen aller Art, es handelt sich um Cannabis-, Hasch- und Ecstasy-Sorten sowie Medikamente wie Codein. Abgewickelt wird in diesem Fall alles über TikTok – die „Dunkle Apotheke” verschickt nach eigenen Angaben oft in die Schweiz, nach Österreich oder Polen.

Für Kira würden die Drogen in einer Airpods-Verpackung versendet werden. Ausweis wird keiner benötigt, „deine Sache. brauch nur deinen Namen und Adresse“, heißt es. Während des Nachrichtenaustauschs mit Drogendealern, muss echtes Interesse an den Drogen gezeigt werden, um als potenzielle:r Kund:in wahrgenommen zu werden. Antwortet Kira nur ein paar Minuten nicht, wird nachgefragt: „Also?“ oder „Noch Interesse?“. Kommt wieder keine Nachricht, löschen die Dealer manchmal Nachrichten oder blockieren uns teils.

Warnung vor „Blue Punisher“

Die „Dunkle Apotheke“ hakt weiter nach und fragt: „Was hättest du gern, Blue Punisher?“. Auch Crime Shop hat uns Blue Punisher angeboten. Diese Art von Droge ist uns seither ein Begriff und traurigerweise zog er auch in den Medien seine Kreise. Aktuell wird vor der hochdosierten Ecstasy-Tablette namens „Punisher" gewarnt. Die Tablette enthält einen hochprozentualen MDMA-Gehalt und eine unbekannte, noch nicht identifizierte Substanz. Aufgrund dieser Zusammensetzung wird dringend davon abgeraten, die Ecstasy-Tablette „Punisher“ zu konsumieren.

Eine stilisierte Collage einer Person vor einem Smartphone.
© Collage: WZ, Bildquelle: Getty Images

Ende Juni 2023 ist im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ein 13 Jahre altes Mädchen mutmaßlich an den Folgen der Einnahme des Rauschgifts gestorben. Zwei weitere Mädchen mussten nach der Einnahme von Ecstasy-Tabletten auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Neubrandenburg behandelt werden, wurden aber mittlerweile wieder entlassen.

Es wurde medizinisch bestätigt, dass die Mädchen die Ecstasy-Pille „Blue Punisher“ eingenommen hatten. Auch eine 18 Jahre alte Frau in Sachsen-Anhalt ist, nachdem sie Ecstasy konsumiert haben soll, verstorben. Und im Zusammenhang mit dem Tod eines 15-jährigen Mädchens im brandenburgischen Rathenow wird von den Ermittlungsbehörden eine Überdosis chemischer Drogen als Grund vermutet. Auch hier steht die Pille „Blue Punisher“ im Verdacht.

Nur ein paar Tage, nachdem der Tod des 13-jährigen Mädchens bekannt wurde, wird im Xto-Shop die Frage gestellt: „Demnächst Punisher Pillen. Habt ihr Bock?“

Grenzen beim Konsum ausloten

Auf TikTok wird weiter Content von Minderjährigen im Ecstasy-Rausch veröffentlicht. Ein Jugendlicher postet ein Video, indem er über seinen Drogenkonsum in Videos spricht. Er selbst schreibt in seiner Account-Beschreibung, er sei 16 Jahre alt – in Kommentaren antwortet er, er sei aus Wiener Neustadt. Er postet TikToks, in denen er high ist und wenig Kontrolle über seine eigene Mimik zu haben scheint. Er lädt ein 5 Minuten langes Statement hoch. Andere TikTok-User:innen hätten ihm das Romantisieren von Drogen unterstellt.

„Drogen nehmen ist nicht cool“, sagt er. Die Videos zeigen ihn high auf Ecstasy, gibt er zu. „Nur weil die Person Drogen nimmt, stufst du sie als Junkie ein. Ein Alkoholiker trinkt jeden Tag ein Bier. Andere Menschen trinken jeden Tag einen Kaffee, das ist deren Abhängigkeit. Ich nehme nicht jeden Tag Drogen zu mir. Zumindest nicht Ecstasy. Ich kiffe zwar jeden Tag, aber ich nehme nicht jeden Tag Ecstasy“, sagt er. Mit den Drogen möchte er noch nicht aufhören. Er sagt, er möchte für sich selbst noch herausfinden, wann seine Grenzen erreicht sind.

„Erwachsen werden, bedeutet, Grenzen auszutesten“, sagt Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien. „Jugendliche müssen beim Heranwachsen vielerlei Entwicklungsaufgaben bewältigen. Es ist entwicklungsbedingt so, dass Menschen in der Pubertät Dinge ausprobieren wollen, die in anderen Lebensphasen vielleicht als leichtsinnig interpretiert werden würden.“ Viele Menschen wollen Drogen ausprobieren, zeigt der Bericht zur Drogensituation 2022. Etwa ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen in Österreich haben Konsumerfahrungen mit Cannabis, zwei bis vier Prozent mit Ecstasy und Kokain gemacht. In Umfragen aus dem Jahr 2020 liegen die Werte etwas höher.

Konsum von Ecstasy risikoreicher geworden

„Man sollte das Thema Suchtmittelhandel im Internet und Suchtmittelkonsum aktiv aufgreifen und über die Gefahren und Risiken aufklären“, sagt Brunner. „Was aber nichts bringt und sich auch in der Forschung im Sinne der Suchtprävention als ineffektiv gezeigt hat, sind reine Wissensvermittlungen über Substanzen“. Der Epidemiologiebericht Sucht 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2021 in ungefähr jedem sechsten Fall der drogenbezogenen Todesfälle ausschließlich illegale Drogen festgestellt wurden. Der Lagebericht Suchtmittelkriminalität 2021 des Bundeskriminalamtes zählt 191 Drogentote im Jahr 2021. Ecstasy spielt dabei eine größere Rolle als früher. Der Schluss, dass der Konsum von Ecstasy aufgrund der (oft unerwartet) sehr hoch dosierten Tabletten risikoreicher geworden ist, liege nahe, zeigt der Bericht zur Drogensituation 2022. Zudem ist MDMA nach dem Europäischen Drogenreport 2023 die siebthäufigste Droge gewesen, die 2021 von untersuchten Krankenhäusern gemeldet wurde.

Stopp des Online-Drogenhandels unrealistisch

„Jugendliche sollen in ihren sozialen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten geschult und gestärkt werden, um so eine längerfristige positive Veränderung zu erzielen. Wir müssen dort sein, wo die Zielgruppen sind. Ob in der Schule, am Arbeitsplatz, im Internet oder auf Podcast-Plattformen – Angebote müssen so vielfältig sein wie jene, die wir erreichen wollen“, so Brunner. Österreichweit werden an Schulen Präventionsprogramme für die Zielgruppe der 13- bis 17-Jährigen angeboten. 2022 wurden im Rahmen eines Suchtpräventionsprogramms 430 Workshops abgehalten.

Letztes Jahr konnten so 8800 Schüler:innen erreicht werden, erzählt Gasterstädt vom Bundeskriminalamt. Brunner spricht auch flächendeckende und niederschwellige Angebote wie Drug Checking an. So können anonym und kostenfrei Substanzproben zur Analyse abgegeben werden, um sicherzustellen, was tatsächlich konsumiert wird. Zudem werden online offensive Warnungen zu Substanzen ausgegeben. In den letzten Wochen hat das Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen CheckiT! immer wieder vor Ecstasy-Tabletten gewarnt, die eine hohe, teils sehr hohe Dosis MDMA beinhalteten.

Dass Dealer oft nicht entdeckt werden, ist ein Trugschluss.
Felix Gasterstädt, Bundeskriminalamt

Von Seiten des Bundeskriminalamtes wird ständig daran gearbeitet Drogendealer im Netz ausfindig zu machen, doch leicht ist es nicht. „Manche Ermittlungen ziehen sich über Jahre. Dass oftmals geglaubt wird, Dealer würden sich im Internet hinter einem Vorhang verstecken und nicht entdeckt werden, ist ein Trugschluss“, sagt Gasterstädt. Seit 2018 kämpft ein spezialisiertes Referat im Bundeskriminalamt gegen den Online-Suchtmittelhandel an. Ständig würden Maßnahmen gegen die Suchtmittelkriminalität adaptiert, „nichts bleibt stehen.“ Einen absoluten Stopp der Suchtkriminalität auf Social Media bezeichnet Gasterstädt jedoch als unrealistisch.

Ecstasy, Koks, LSD, Haschisch, Ketamin, Marihuana. Auf TikTok wäre ein Drogengroßeinkauf für Kira innerhalb kürzester Zeit erledigt gewesen. Die 15-Jährige gibt es zwar nicht wirklich – die Drogendealer auf der Social Media-Plattform allerdings schon. Und auch die Jugendlichen, die #druff sein wollen und sich „Teile“ bestellen – kurz und knapp, in Gummibärchen verpackt.


Anlaufstellen bei Suchterkankungen


Infos und Quellen

Genese

Rechercheansporn war ein Drogen-Video, das der Autorin auf TikTok angezeigt wurde. Durch Hashtags und den Algorithmus wurden ihr immer mehr Videos angezeigt, die Jugendliche high zeigen. Am Anfang der Recherche stieß sie zusätzlich auf einen Video-Bericht von „STRG_F“ aus dem Jahr 2022, das Format gehört zum öffentlichen rechtlichen Rundfunk in Deutschland.

Gesprächspartner:innen

  • Lisa Brunner: Leiterin des Instituts für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien

  • Felix Gasterstädt: Stellvertretender Leiter im Büro 3.3 Suchtmittelkriminalität des Bundeskriminalamts

Daten und Fakten

Was ist TikTok?

  • TikTok ist eine App in der Kurzvideos geschaut und selbst erstellt werden können (15-sekündige bis 3-minütige Videos). Die meisten Nutzer:innen erstellen selbst keine Videos, sondern schauen nur Videos an.

  • Auf der sogenannten „Für Dich-Seite“ bekommen Nutzer:innen immer wieder neue Videos angezeigt, die genau ihren Präferenzen entsprechen. Daher ist die App auch so fesselnd.

  • Der TikTok-Algorithmus schlägt auf Basis von Präferenzen Videos vor. Dafür wird das Verhalten auf TikTok analysiert, z. B. welche Videos bis zum Schluss oder nur kurz angesehen wurden, welche geteilt oder sogar mehrmals gesehen wurden.

Drogenkonsum in Österreich

  • Etwa ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen in Österreich haben Konsumerfahrungen mit Cannabis, zwei bis vier Prozent mit Ecstasy und Kokain gemacht.

  • Im Jahr 2021 gab es in Österreich 191 Drogentote

Quellen

Epidemiologiebericht Sucht 2022 (pdf) Bericht zur Drogensituation 2022 (pdf) Lagebericht Suchtmittelkriminalität 2021 (pdf)

Das Thema in anderen Medien