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„Mit Nationalstolz wird Politik gemacht, und das ist falsch“

8 Min
Der ehemalige ÖFB-Teamchef Hans Krankl im WZ-Interview.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Hans Krankl war Córdoba-Held, ÖFB-Nationaltrainer und lange der härteste Kritiker von Ralf Rangnick. Ein Gespräch über Patriotismus, den Teamchef und Österreichs Chancen bei der WM.


Der Platz von Hans Krankl in den Geschichtsbüchern wurde zum Sinnbild für die deutsch-österreichische Fußball-Feindschaft. Der 73-jährige Wiener firmiert als Held von Córdoba, weil er bei der WM 1978 in Argentinien die Deutschen mit zwei Treffern aus dem Turnier gefegt hat. Noch heute, fast 50 Jahre später, wird er dafür gefeiert.

Krankl war zu Spielerzeiten ein Super-Stürmer, der für den großen FC Barcelona auflief und über einen knallharten Schuss verfügte. Ein Nationalheld wie aus dem Bilderbuch, der Anfang des Jahrtausends auch Teamchef des österreichischen Nationalteams war. Krankl ist ein glühender Patriot, der Österreichs Fußball immer mit viel Stolz vertrat. Mit Ralf Rangnick, dem ÖFB-Teamchef aus Deutschland, kann er wenig anfangen – obwohl der Schwabe Österreich erstmals seit 28 Jahren wieder zu einer Weltmeisterschaft geführt hat.

Krankl hat seine Trainerkarriere schon lange beendet, seither ist er als Fußball-Experte für den TV-Sender Sky tätig. Wie verfolgt Nationalheld Krankl die WM? Und was traut er Österreich unter dem deutschen Trainer zu?

WZ | Gerald Gossmann
Sind Sie Frühaufsteher oder Nachteule?
Hans Krankl
Weder noch. Meistens stehe ich so gegen sieben Uhr auf. Manchmal wird es auch halb acht.
WZ | Gerald Gossmann
Österreich spielt bei der WM das Auftaktspiel um sechs Uhr und die dritte Partie um vier Uhr in der Früh. Werden Sie extra aufstehen?
Hans Krankl
Um vier Uhr in der Früh stehe ich sicher nicht auf. Vielleicht nehme ich das Spiel auf. Oder ich werde zufällig munter.
WZ | Gerald Gossmann
Das überrascht. Eigentlich gelten Sie als glühender Patriot.
Hans Krankl
Das bin ich auch. Ich bin sehr stolz auf mein Land und verteidige Österreich gegen jeden, wenn jemand was sagt. Andere Länder zelebrieren den Nationalstolz aber viel mehr. Das fehlt bei uns.
WZ | Gerald Gossmann
Nationalstolz wird in Österreich und Deutschland als problematisch gesehen, wegen der geschichtlichen Vergangenheit und weil damit oft nationalistisches Gedankengut assoziiert wird.
Hans Krankl
Das ist ein Blödsinn. Da wird Politik gemacht mit dem Nationalstolz – und das ist falsch. Heimatverbundenheit ist doch etwas Schönes. Schon als Spieler habe ich die Hymne mitgesungen. Es war mir immer eine Ehre, für Österreich zu spielen. Noch heute sind Länderspiele etwas Besonderes für mich.
Ich fahre nicht nach Amerika. Früher bin ich regelmäßig dort gewesen.
Hans Krankl
WZ | Gerald Gossmann
Österreich ist erstmals seit 28 Jahren wieder bei einer WM dabei. Haben Sie überlegt, zu den Spielen in die USA reisen?
Hans Krankl
Nein. Ich fahre nicht nach Amerika. Früher bin ich regelmäßig dort gewesen. Aber mich stören diese Einreiseregeln, dass Mails und Telefonate überprüft werden können. Das möchte ich nicht. Wegen meiner Social-Media-Aktivitäten mache ich mir dagegen keine Sorgen. Ich bin weder auf Facebook noch im Internet.
WZ | Gerald Gossmann
Die iranische Nationalmannschaft ist in den USA nicht willkommen, muss in Mexiko wohnen; ein somalischer Schiedsrichter wurde zuletzt nicht ins Land gelassen. Wie geht es Ihnen damit?
Hans Krankl
Man sollte Sport und Politik trennen. Aber in der heutigen Welt ist das sehr schwer. Da wird alles vermischt.
WZ | Gerald Gossmann
FIFA-Präsident Gianni Infantino hat US-Präsident Donald Trump sogar einen eigens geschaffenen Friedenspreis verliehen, inmitten der WM-Auslosung.
Hans Krankl
Es läuft so vieles falsch. Die Tickets sind zu teuer, es sind zu viele Länder bei der WM. Aber ich bin kein politischer Mensch und kann dagegen auch nichts machen.
WZ | Gerald Gossmann
Dann lieber zum Sportlichen: Was erwarten Sie von Österreich bei der WM?
Hans Krankl
Sehr viel. Wir haben eine gute Qualität und viele klasse Leute. Sogar die Ersatzspieler sind im Ausland engagiert, oft bei sehr guten Vereinen. Als ich vor über 20 Jahren Teamchef war, hatte ich nur zwei Legionäre und die haben bloß in der zweiten deutschen Bundesliga gespielt.
WZ | Gerald Gossmann
Das ÖFB-Team trifft in den nächsten Tagen auf Jordanien, Argentinien und Algerien. Was ist da drin?
Hans Krankl
Gegen Jordanien und Algerien müssen wir gewinnen, weil wir eine viel höhere Qualität haben. Und gegen Weltmeister Argentinien kann man frei aufspielen – da haben wir nichts zu verlieren.
WZ | Gerald Gossmann
Sind Sie vielleicht zu optimistisch? Der Datenanalyst Opta hat Österreichs Gruppe als „eine der schwierigsten bei der WM“ eingestuft.
Hans Krankl
Nein, wir haben ein günstiges Los bekommen.
WZ | Gerald Gossmann
Ralf Rangnick hat sich als erster österreichischer Teamchef für eine EM und eine WM qualifiziert. Welchen Anteil hat er am Erfolg?
Hans Krankl
Er hat den Erfolg, den jeder Trainer hat, wenn die Mannschaft gut spielt. Aber er hat auch eine hohe Qualität im Team. Und es war bei dieser WM-Qualifikationsgruppe (Österreich spielte gegen Bosnien, Rumänien, Zypern und San Marino, Anm.) zu erwarten, dass wir dabei sind.
WZ | Gerald Gossmann
Der ÖFB hat zuletzt den Vertrag von Rangnick bis 2028 verlängert. Gut so?
Hans Krankl
Es war zu erwarten, weil er Erfolg hat.
WZ | Gerald Gossmann
Sie gelten nicht unbedingt als glühender Fans des Deutschen. Als Rangnick Teamchef wurde, erklärten Sie: „Ich mag Ralf Rangnick nicht, weil er ein arroganter Mensch ist und glaubt, den Fußball erfunden zu haben“. Wie sehen Sie das heute?
Hans Krankl
Das ist noch immer alles, was ich dazu zu sagen habe.
WZ | Gerald Gossmann
Warum sind Sie so einsilbig, wenn es um den Teamchef geht?
Hans Krankl
Ich habe über ihn nicht mehr zu sagen, weil ich ihn gar nicht kenne und noch nie ein Wort mit ihm gewechselt habe. Eines gefällt mir aber an ihm.
Mir gefällt, dass er den Landesfürsten im ÖFB das Wilde runterräumt.
Hans Krankl
WZ | Gerald Gossmann
Was denn?
Hans Krankl
Mir gefällt, dass er den Landesfürsten im ÖFB das Wilde runterräumt. Ich habe das als Teamchef auch ein bisschen versucht, aber dann war ich schnell nicht mehr Teamchef.
WZ | Gerald Gossmann
Sie waren die letzte große österreichische Fußballlegende, die 2002 das Teamchefamt innehatte. In den letzten 15 Jahren waren zwei Deutsche und ein Schweizer Trainer. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Hans Krankl
Würde es nach mir gehen, wären Österreicher Teamchefs.
WZ | Gerald Gossmann
Sie hätten als Teamchef gerne noch die EM 2008 im eigenen Land betreut, wurden aber entlassen.
Hans Krankl
Das war nicht schön. Wir haben dort einen Punkt geholt. Den hätte ich auch locker gemacht.
WZ | Gerald Gossmann
Als Spieler waren Sie Österreichs bester Stürmer. Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Nachfolger Marko Arnautović?
Hans Krankl
Das ist einer der letzten Käfigkicker. Einer, der wie wir früher noch den ganzen Tag in den Parks gespielt hat. Mir gefällt Arnautović, das ist ein richtiger Fußballer, dem man gerne zuschaut.
WZ | Gerald Gossmann
Seit vergangenem Jahr ist Arnautović mit 47 Toren der erfolgreichste ÖFB-Torschütze aller Zeiten, vor Toni Polster (44) und vor Hans Krankl (34). Verdient?
Hans Krankl
Er hat das verdient, weil er die meisten Goal geschossen hat. Aber: Er hat auch die meisten Spiele. Ich habe nur halb so viele Partien wie er bestritten und bin mit meiner Quote sehr zufrieden.
WZ | Gerald Gossmann
Wären Sie lieber heute Fußballer als in den 1970er-Jahren?
Hans Krankl
Nein. Wir hatten eine schöne Zeit, in der wir nicht dauernd beobachtet wurden. Heute sind die Spieler arm.
WZ | Gerald Gossmann
Aber als Stürmer des FC Barcelona wären Sie heute Multi-Millionär.
Hans Krankl
Das stimmt. Aber vielleicht wäre ich dann nicht glücklich. Ich glaube nicht, dass Geld glücklich macht. Bei diesen Summen, die heute kursieren, habe ich da so meine Zweifel. Ich bin nicht reich, nicht arm, aber ich habe meine Familie, das war mir immer am wichtigsten.
WZ | Gerald Gossmann
Arnautović zeigt seine Familie gerade in einer neuen Doku-Soap auf Joyn. Wie finden Sie das?
Hans Krankl
Bei mir hätte es nie eine Homestory gegeben. Ich brauche keinen Journalisten in meinem Haus. Und auch keinen Fotografen. Ich will das nicht.
WZ | Gerald Gossmann
Wo werden Sie die WM-Spiele schauen?
Hans Krankl
Zu Hause. Alleine. Ich brauche da meine Ruhe und keinen Wirbel.
WZ | Gerald Gossmann
Arnautović traut Österreich den WM-Titel zu. Schließen Sie sich an?
Hans Krankl
Das ist zu hoch gegriffen. Wenn wir Zweiter in der Vorrundengruppe werden, wartet womöglich Spanien. Dann brauchen wir nicht mehr weiterreden.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Hans Krankl, 73, war einst Österreichs erfolgreichster Stürmer, der mit seinen beiden Toren beim 3:2 gegen Deutschland (WM 1978) zum Helden von Córdoba wurde. Hans Krankl spielte in seiner Karriere etwa für den SK Rapid Wien und den FC Barcelona. Er absolvierte 69 Spiele für die Nationalmannschaft und erzielte dabei 34 Treffer. Damit liegt er auf Rang 3 der ewigen ÖFB-Bestenliste. Von 2002 bis 2005 war Krankl auch österreichischer Teamchef. Seit Jahren ist er für den TV-Sender Sky als Experte tätig. Krankl ist auf seine Privatsphäre bedacht und gilt als zuweilen launiger, aber auch als launischer Interviewpartner. 1992, als Krankl gerade Rapid-Trainer war, ging ein ORF-Interview in die Geschichte ein. Reporter Wolfgang Koczi wollte Krankl zur sportlichen Misere befragen, der aber schwieg. „Hans Krankl, sagen Sie irgendwas“, forderte er. „U2, morgen Donauinsel“, antwortete Krankl. „Und heute?“ „Guns N’ Roses, Donauinsel.“ Koczi: „Und zum Fußball wollen Sie nix sagen?“ Krankl schwieg wieder.
  • Die Fußball-WM findet gerade bis 19. Juli in den USA, Kanada und Mexiko statt. Erstmals nehmen 48 Mannschaften an dem Turnier teil. Davor konnten sich nur 32 Teams qualifizieren. Die WM steht aber auch in der Kritik: wegen hoher Ticketpreise, verschärfter Einreisebedingungen und einer befürchteten Selbstdarstellung von US-Präsident Donald Trump. Die FIFA erwartet von der Weltmeisterschaft einen Rekordumsatz von neun Milliarden Euro.
  • Österreichs Nationalmannschaft tritt mit einem Legionärsensemble an, die meisten Spieler verdienen ihr Geld in Weltligen. Zu den großen Stars zählen David Alaba von Real Madrid, Marcel Sabitzer von Borussia Dortmund, Marko Arnautović von Roter Stern Belgrad oder Konrad Laimer vom FC Bayern München. Teamchef ist der Deutsche Ralf Rangnick.
  • Die ÖFB-Nationalmannschaft wird seit 2011 von ausländischen Trainern betreut. Zuerst war von 2011 bis 2017 der Schweizer Marcel Koller hier tätig, dann bis 2022 der Deutsche Franco Foda und seit vier Jahren der Schwabe Ralf Rangnick.
  • Österreich ist erstmals seit 28 Jahren für eine WM qualifiziert – die achte Teilnahme seit 1934. Die größten Erfolge: 1934 gelang Platz 4, 1954 Platz 3, 1978 und 1982 der Einzug in die Zwischenrunde. Seit 36 Jahren hat Österreich aber kein WM-Spiel mehr gewonnen.
  • Bei der WM 2026 trifft Österreich in der Vorrunde auf Jordanien, Argentinien und Algerien. Danach könnte im Sechzehntelfinale bereits Europameister Spanien warten.

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