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Mobbing am Arbeitsplatz: „Ich hatte Angst vor ihr“

8 Min
Rund 138.000 Erwerbstätige waren im Jahr 2020 in Österreich von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner

Der Arbeitsplatz als Ort der Angst? Mobbing hinterlässt tiefe Spuren, die weit über den Berufsalltag hinausreichen.



Content-Warnung: Der folgende Text behandelt Themen wie Mobbing, soziale Ausgrenzung und psychische Gewalt. Falls du darauf sensibel reagierst, lies bitte nicht weiter oder wende dich an eine vertraute Person.

„Kinder, hört nicht auf Lehrerin Dina, sie redet nur Blödsinn!“, zischt Dinas damalige Kollegin durch das Klassenzimmer und beendet damit abrupt den Unterricht. Weder die verdutzten Gesichter der Volksschulkinder noch Dina, die den Tränen nahe ist, geben ihr das Gefühl, zu weit gegangen zu sein. „Wir hören jetzt mit dem Sachunterricht auf, das Thema ist langweilig“, wirft die Kollegin noch nach. Eigentlich hatte die damals 21-jährige Dina die Stunde liebevoll vorbereitet, doch nun fühlt sie sich gedemütigt. Statt sich zu wehren, bleibt sie still, verlässt das Klassenzimmer und bricht im Gang in Tränen aus.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Dina ihren ersten Job als Teamlehrerin. Das bedeutet, dass sie gemeinsam mit der Klassenlehrerin für die Gestaltung des Unterrichts verantwortlich war. Was sie aber wirklich erhielt, waren Beleidigungen, Schikanen und nächtliche SMS-Nachrichten.

Mobbing am Arbeitsplatz ist in Österreich kein Randthema. Eine Erhebung der Statistik Austria zeigt das Ausmaß des Problems: Rund 138.000 Erwerbstätige waren im Jahr 2020 von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen. Und auch auf Social Media berichten junge Menschen davon, am Arbeitsplatz Mobbing durch Kolleg:innen zu erleben und welche Auswirkungen das auf ihre mentale Gesundheit hat. Ob Beleidigungen, das absichtliche Vorenthalten wichtiger Informationen oder gezielte Erniedrigungen – die Erfahrungen sind vielfältig.

Als Dina kurz nach ihrem Lehramtsstudium für die Primarstufe von einer Studienkollegin eine Stelle als Teamlehrerin empfohlen bekommen hatte, war sie, ohne zu zögern, an Bord. Was sie damals jedoch nicht ahnte: Mit der neuen Stelle begann für sie ein halbes Schuljahr, das von Mobbing durch ihre Arbeitskollegin geprägt war. „Sie hat mir von Anfang an klargemacht, wie ich mich zu verhalten habe“, erzählt Dina heute. Sie sollte ruhig sein, auf ihrem Platz in der Ecke sitzen und so gut wie gar nicht mit den Kindern agieren. Die Tatsache, dass sie als Teamlehrerin eine vollwertige Lehrperson war und den Unterricht mitgestalten sollte, wurde ignoriert. „Ich war jung und naiv. Ich dachte, das muss so sein.“ Bei einem Gespräch mit der Direktorin, um über die Zusammenarbeit zu reflektieren, drehte ihre Kollegin die Situation um: Dina würde von selbst nicht mitmachen wollen und faul sein. Für sie war das der erste richtige Schlag ins Gesicht.

Verrat und Konkurrenzkampf

Dass grundsätzlich etwas nicht stimmte, bemerkte die heute 30-Jährige auch, als sie ihre Kollegin auf ihren Umgang mit den Kindern ansprach. Laut Dina sei dieser grob und erniedrigend gewesen. So habe die Kollegin etwa zu einer Schülerin, die mit anderen getratscht hatte, gesagt, sie solle mit solchen Zähnen nicht so laut lachen. „Mir hat das so wehgetan, aber als ich sie darauf angesprochen habe, hat sie mich nur angeschrien, wie ich es wagen könnte, sie zu kritisieren“, so Dina. Vor lauter Scham und dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, konnte sie ihrer Kollegin kaum noch in die Augen blicken. Eine genaue Erklärung dafür, warum ihre Kollegin sie schikanierte, hat Dina nicht. „Ich glaube, sie hatte einfach Angst, nicht die Wichtigste zu sein. Ihr hat es zum Beispiel gar nicht gefallen, wenn die Kinder zu mir statt zu ihr gekommen sind oder wenn ich mich bei Elterngesprächen zu Wort gemeldet habe“, erzählt Dina.

Psychotherapeut Konrad Rauchbauer erklärt, dass es in unserer Gesellschaft ein weit verbreitetes Phänomen sei, seinen eigenen Wert darüber zu definieren, im Falle eines Vergleichs besser als andere abzuschneiden. „Diese Vergleichsebene bringt natürlich auch eine Konkurrenzsituation in die Arbeitswelt mit rein. Da kann es dann zu Dynamiken kommen, die zwar nicht offen ausgesprochen werden, aber darauf abzielen, jemand anderen runterzusetzen, um sich selbst aufzuwerten“, so Rauchbauer. Dabei sei es laut ihm aber häufig so, dass diese Menschen, die andere abwerten, selbst ein Problem mit ihrem Selbstwert haben. Eine universelle Antwort auf die Frage, warum gemobbt wird, gebe es aber nicht, da jede Situation individuell zu betrachten sei.

Psychische Folgen

Was Dina in den sechs Monaten ihrer Arbeit als Teamlehrerin erlebte, war ihr persönlicher Albtraum: eine tägliche Routine aus Erniedrigungen vor den Augen der Schüler:innen, Unterrichtsunterbrechungen und verletzenden Kommentaren. „Ich war die ganze Zeit über in einer Art Schockstarre und fühlte mich wie eine seelenlose Hülle. Es waren nicht nur die Schikanen – dadurch, dass ich selbst schon psychische Probleme hatte, hat sie mich ständig retraumatisiert“, erklärt sie.

Sie habe sich dadurch nicht wie eine Lehrerin gefühlt, sondern wieder wie ein siebenjähriges Kind. Sie musste ständig gehorchen, denn ihre Meinung sei in den Augen der Kollegin sowieso grundsätzlich falsch gewesen. „Sie hat mir immer gesagt, dass ich nicht gut genug bin, und so fühlte ich mich auch.“ Schlafprobleme und Zittern gehörten für sie bald zum Alltag. Das Klassenzimmer war von einer Atmosphäre der Angst erfüllt gewesen, wie sie es beschreibt.

Bei Personen wie Dina, die schon vorbelastet sind, könne es häufiger vorkommen, dass sie sich in solchen Ausnahmesituationen zurückziehen oder in die Erstarrung gehen, sagt dazu Rauchbauer. Mobbing könne aber potenziell bei allen Betroffenen psychosomatische Folgen haben, so der Psychotherapeut. „Grundsätzlich ist es so, dass mit Mobbing eine immense Spannung einhergeht. Das heißt, es kann zu Kopf- oder Bauchschmerzen, Zittern, Schwitzen und Schlafproblemen kommen.“ Doch auch das soziale Umfeld könne beeinflusst werden, wenn die Betroffenen von der Situation so eingenommen werden, dass sie Freundschaften und Beziehungen nicht richtig pflegen können. „Wenn die Situation zu einengend wird, können sie sich auf nichts anderes mehr konzentrieren“, so Rauchbauer.

Abendliche Wutnachrichten

Die Situation ging auch in Dinas Privatleben über. Nach einiger Zeit begann ihre Kollegin nämlich, sie fast täglich gegen 21 Uhr anzurufen oder ihr Nachrichten zu senden. Nachrichten, in denen sie ihr Aufgaben gab, die sie bis zum Unterrichtsbeginn am nächsten Tag fertigstellen sollte. „Wenn ich bei den Anrufen nicht abgehoben habe, hat sie mich spüren lassen, dass sie wütend auf mich war. Es war so schlimm, dass ich teilweise nachts panisch auf meinem Bett gesessen bin, weil ich Angst hatte, ihren Namen auf meinem Display zu lesen“, so Dina. Sie fühlte sich eingeschüchtert, denn es gab nur zwei Möglichkeiten: die Aufgaben zu erledigen und sich völlig zu überarbeiten oder „Nein“ zu sagen, nur um am nächsten Tag noch stärker herabgewürdigt zu werden. Sie hatte ihren persönlichen emotionalen und körperlichen Tiefpunkt erreicht.

Auf Social Media fragen sich immer wieder Nutzer:innen, ob Mobbing denn nicht strafbar wäre, doch tatsächlich gibt es in Österreich keinen eigenen Straftatbestand für Mobbing. Privatpersonen können laut der Website des Bundesministeriums für Inneres jedoch einzelne Handlungen zur Anzeige bringen, etwa Beleidigung oder üble Nachrede.

Für Dina kam das nicht infrage. Sie wandte sich zunächst an eine Beratungslehrerin, die ihr zur Supervision riet. „Ich sag ehrlich, das hat mein Leben gerettet. Ich habe mich da ausheulen können und habe wichtige Glaubenssätze, Tipps und Tricks mitbekommen“, erzählt Dina.

„Private Angelegenheit zwischen euch“

Die Wirtschaftskammer Österreich erklärt auf ihrer Website, dass aber auch die Arbeitgeber:innen in der Pflicht stehen, sich um Mobbingsituationen innerhalb des Teams zu kümmern. Ziel müsse es sein, die Betroffenen wirksam zu schützen und deutlich zu machen, dass Mobbing im Unternehmen nicht toleriert wird.

Darum sprach Dina einige Zeit später auch tatsächlich mit der Direktorin. Sie erzählte von den Vorfällen und zeigte ihr die abendlichen Nachrichten. Auch wenn die Direktorin erst erschüttert war, war ihre Reaktion ernüchternd. „Es tut mir leid, dass du so etwas erlebst, aber das ist eine private Angelegenheit zwischen euch“, sagte sie und versuchte offenbar, Dina zu vertrösten. „Erst als ich vor ihr völlig zusammengebrochen bin, hat sie schließlich doch eingelenkt und gemeint, dass sie das Gespräch mit meiner Kollegin suchen wird“, so Dina. Wirklich geholfen habe das jedoch nicht. Zunächst habe Dina wütende Nachrichten erhalten, anschließend sei im Unterricht völlige Funkstille zwischen den beiden eingekehrt.

Weil Dina wusste, dass ihre Kollegin bald in Karenz gehen würde, hielt sie die verbleibende Zeit mit den Tipps aus der Supervision durch und meldete sich nicht noch einmal bei der Direktorin. Nachdem ihre Kollegin das Semester beendet hatte, übernahm Dina die Klasse für ein weiteres Semester, erschöpft und überarbeitet, aber erleichtert, den täglichen Schikanen nicht mehr ausgesetzt zu sein. Nach dem Schuljahr war sie aufgrund eines Burnouts eineinhalb Jahre arbeitslos, ehe sie wieder in den Beruf der Lehrerin einstieg.

Heute, neun Jahre später, ist Dina selbst Klassenlehrerin. „Zwischen mir und meiner Teamlehrerin herrscht absoluter Zusammenhalt“, erzählt sie. Sie spreche offen mit ihr, ermutige sie und teile die Arbeit gerecht auf. Für Menschen, die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befinden, hat Dina klare Tipps: „Viel atmen, nimm dich selbst ernst, du darfst für dich einstehen, wenn du spürst, dass du schlecht behandelt wirst. Und das Wichtigste: Hol dir Hilfe.“

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen? Hier kannst du dich melden:

  • Betriebsrat deiner Arbeitsstelle, sofern es einen gibt
  • Rat auf Draht: 147
  • Arbeiterkammer (Abteilung für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit): +43 1 50165 1208
  • Gleichbehandlungsanwaltschaft: 0800/20 61 19

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Konrad Rauchbauer, Psychotherapeut in Wien
  • Dina, 30 Jahre alt und Volksschullehrerin (Name von der Redaktion geändert)

Daten und Fakten

  • Im Gegensatz zu gewöhnlichen Konflikten am Arbeitsplatz zeichnet sich Mobbing dadurch aus, dass feindselige Handlungen systematisch und über einen längeren Zeitraum gegen eine bestimmte Person gerichtet sind. Ziel ist es, die betroffene Person zu isolieren, einzuschüchtern, zu schwächen, auszugrenzen oder letztlich aus dem Arbeitsverhältnis zu drängen. Mobbing kann sowohl von einer einzelnen Person als auch von mehreren Personen ausgehen.
  • Mobbing am Arbeitsplatz kann auf allen Hierarchieebenen stattfinden: zwischen Kolleg:innen auf derselben Ebene, von Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitenden oder umgekehrt. Wird Mobbing von einer Führungskraft ausgeübt, spricht man von „Bossing“ – richtet es sich von Mitarbeitenden gegen eine vorgesetzte Person, wird dies als „Staffing“ bezeichnet.
  • Einen eigenen Straftatbestand „Mobbing“ gibt es in Österreich nicht. Das österreichische Strafrecht stellt grundsätzlich nur einzelne Handlungen unter Strafe und nicht das Gesamtverhalten eines Mobbinggeschehens. Strafrechtliche Konsequenzen kommen daher nur dann in Betracht, wenn im Rahmen von Mobbing konkrete Straftatbestände verwirklicht werden. Dazu zählen etwa Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Verleumdung, üble Nachrede oder Datenbeschädigung.
  • Arbeitgeber:innen sind verpflichtet, Mobbing am Arbeitsplatz ernst zu nehmen und dagegen vorzugehen. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen die Vorfälle möglichst konkret schildern und dokumentieren. Nach einer Prüfung des Sachverhalts müssen je nach Einzelfall geeignete Maßnahmen gesetzt werden, von klärenden Gesprächen über Versetzungen bis hin zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses der mobbenden Person. Ziel muss es sein, die Betroffenen wirksam zu schützen und deutlich zu machen, dass Mobbing im Unternehmen nicht toleriert wird.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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