:focal(1554x1341:1555x1342))
Wiens multikultureller Vorzeigeplatz hat ein Gewaltproblem. Schon in den 1980er-Jahren herrschten hier Zuhälter und Gauner. Damals wie heute mit dabei: Wolfgang Veit, legendärer Wirt vom Café Club International.
Blaulicht erhellt den Platz. Die Polizei sperrt die Payergasse ab, auf der noch ein paar Kohlköpfe vom Großmarkt liegen. Neugierige Nachbar:innen schauen aus offenen Fenstern auf das Geschehen. Gestern wurde vor einem Gasthaus ein Mann ermordet. Journalist:innen schreiben auf ihre Blöcke, Fotograf:innen schießen Fotos. Der Yppenplatz schafft es in die Schlagzeilen der Zeitungen. Es ist das Jahr 1986. Die Gegend ist verrufen. Morde, Glücksspiel und Prostitution prägen das Grätzl. Die Menschen sind arm, der Putz bröckelt von den Häuserwänden. Heute ist der Yppenplatz wieder in den Medien, wegen Drogen und Gewalt. Damals wie heute dabei: Wolfgang Veit.
- Kennst du schon?: Stadtrechnungshof soll Wirtschaftsagentur Wien prüfen
Es ist ein warmer Tag im Sommer 2025, Veit trägt ein kurzes Hemd, Cargohosen und Sneaker, Kurzhaarschnitt, Brille. Er sitzt unter einem gelben Sonnenschirm, nippt an einem Soda-Zitron und erzählt vom ersten Mord. Fünf habe es in den ersten fünf Jahren gegeben, erzählt er, alle passiert im Umkreis von 50 Metern um sein Café. Freunde rieten ihm eigentlich von seiner Idee ab. „Am Yppenplatz traust du dich ein Lokal aufzumachen?“, sagte ein befreundeter Arzt zu Veit. Der Name seines Cafés steht auf der Markise über ihm: „Café C.I. Club International“. Eines der ältesten, noch existierenden Lokale am Yppenplatz in Wien-Ottakring.
An diesem Ort zeigt sich das multikulturelle, tolerante, offene Wien. Ein Grätzl, mit dem sich die Stadt gerne schmückt. Student:innen wohnen mit türkischen Arbeiter:innen Tür an Tür. Im Park schwatzen Frauen mit Kopftuch neben schlafenden Obdachlosen. Auf dem Spielplatz toben Kinder aus Akademiker:innen-Haushalten. In den Cafés sitzen Bobos beim Bier. Trotz der sozialen Ungleichheit herrscht ein buntes Miteinander. Aber langsam droht es zu kippen. Drogendealer verticken zwischen altem Marktamt und Fußballkäfig Gras. Sie tragen ihre Konflikte mit Fäusten, Messern und Schusswaffen aus. Die zunehmende Gewalt schadet dem Ruf des Grätzls. Die Anrainer:innen sind verunsichert, die Polizei erließ mit 1. August ein Waffenverbot am Yppenplatz. Täglich patrouillieren Polizist:innen. Ist Wiens Vorzeigeplatz gescheitert?
Der Platz als Spiegel der Stadt
Der Yppenplatz ist ein Ort, an dem sich der Wandel der Stadt widerspiegelt. Um die Jahrtausendwende werteten Kulturinitiativen das verwahrloste Problemviertel massiv auf. Der Yppenplatz wurde hip. Er zog Student:innen an – und Investor:innen. Nun ringt das Viertel mit Drogendealern. Am Yppenplatz verdichten sich auf 4.000 Quadratmetern die großen Herausforderungen der Stadt: Zuwanderung, leistbarer Wohnraum, Kriminalität und immer mehr auch die Klimakrise. Heute ist der Yppenplatz ein Brennpunkt. Das war er schon einmal: in den 1980er-Jahren.
In Wien herrschte Wohnungsnot. Altbauwohnungen waren abgewohnt und dunkel, die Toiletten am Gang. Der Blick aus dem Fenster ging auf grauen Beton. Der Platz gehörte den Autos. Der Yppenmarkt, ein lokaler Großmarkt, war im Niedergang begriffen. Arbeiter aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien kamen nach Wien. Sprache war nur eine von vielen Barrieren. Es gab keine schicke „Piazza“, keine angesagten Lokale. Niemand ging auf den Yppenplatz, um dort einen Kaffee zu trinken.
Veit wollte das ändern. Er steht damals, 32 Jahre jung, vor einer heruntergekommenen Fleischerei an der Adresse Payergasse 14. Die Miete war günstig, erinnert er sich. Veit und ein paar Freunde renovierten die Räume, stellten Sessel und Tische auf, schafften eine Espressomaschine an. 1983 eröffnete das Café Club International.
Hauptberuflich arbeitete Veit bei der Arbeiterkammer. Dort kümmerte sich der gebürtige Grazer um Stadtplanung und Wohnungswesen. Doch die Bürotätigkeit allein erfüllte ihn nicht mehr. „Meine damalige Frau war aus Jugoslawien. In unserer Küche saßen immer Freunde von ihr und erzählten von ihren Wohnungsproblemen: Überhöhte Ablösen, horrende Mieten, unsichere Mietverträge“, sagt Veit. Er wollte die Menschen aus ihrer misslichen Lage befreien. Also beriet er sie in Mietrechtsfragen in seinem Café – kostenlos. Veit half Migrant:innen bei der Integration, lange bevor man den Begriff überhaupt kannte.
Zwielichtige Hinterzimmer und dubiose Gestalten
Die Rechtsberatung sprach sich schnell herum in den Communities. Der Andrang war groß. Das Café kam hingegen nur langsam in Schwung. „Es war eine Illusion, dass das Kaffeehaus die Beratung finanziert. Ich musste ja Kredite zurückzahlen“, sagt Veit. Als die Beratung auf Rechtsvertretung und Prozessführung ausgeweitet wurden, mussten diese höheren Kosten aus der Tätigkeit selbst abgedeckt werden. „Wir holen dir 100.000 Schilling von den überhöhten Mieten und Ablösen zurück. Wenn es schiefgeht, übernimmt der Verein die Kosten. Wenn wir gewinnen, überlässt du uns ein Drittel der Summe als Spende”, sagte Veit damals zu den Menschen. Der Plan ging auf: Das Café überlebte, die Menschen bekamen Recht. Ärger machte nur die Anwaltskammer. Sie sah seine Beratung und Vertretung als geschäftsschädigend an und verklagte ihn. 13 Mal insgesamt. Erfolg hatte die Kammer keinen.
Veit hatte nicht nur mit Jurist:innen zu tun, sondern auch mit Strizzis. Sie spielten in zwielichtigen Hinterzimmern „Stoß“, ein populäres, aber verbotenes Glücksspiel der Wiener Unterwelt. Auch im Lokal neben Veits Café. Eines Tages betrat ein Spieler Veits Café und bot ihm einen Deal an. „Lass uns bei dir spielen. Dafür bekommst du die Konsumation und 100 Schilling für jeden vollen Aschenbecher“, erzählt Veit. Geraucht wurde beim Kartenspiel viel. Veit lehnte dankend ab.
Das „Saugerl von Ottakring”
Im „Marktbeisl“, rechts vom Café C. I., ging es nicht weniger dubios zu. Das „Saugerl von Ottakring“, ein berühmter Geldverleiher, hatte dort seine „Geschäftsräume“. Er verlangte beträchtliche Zinsen, dementsprechend viele Feinde hatte er. Sein Geschäft wurde ihm zum Verhängnis. „Ich weiß nicht mehr, ob das Saugerl von Ottakring erschossen oder erstochen wurde“, sagt Veit. Einen anderen Mord nahm Veit sogar akustisch wahr. Er las seiner Tochter am Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Dann knallte es plötzlich. „Papa, Bumm!“, sagte seine Tochter. Veit schaute aus dem Fenster: Zwischen den Autos sah er einen leblosen Körper liegen.
Ich weiß nicht mehr, ob das Saugerl erschossen oder erstochen wurde.Wolfgang Veit
Schüsse fielen auch noch in den 1990er-Jahren. Die Konflikte blieben damals innerhalb des Glücksspiel-Milieus. „Stoß“ war aus der Mode gekommen. Die Zocker saßen nun hinter verdunkelten Scheiben vor blinkenden Automaten – und das ganz legal. Das Yppenviertel lockte Student:innen an, das Café C. I. wurde immer bekannter. Die Gegend blieb arm, der Yppenplatz verkümmerte. Grünflächen waren rar, die Wohnungen mangelhaft ausgestattet. In sie zogen immer mehr Menschen aus Jugoslawien und der Türkei ein. Soziale Konflikte nahmen zu.
Widerstand gegen radikale Pläne der Stadt
Um die Entwicklung zu stoppen, reagierte die Stadt mit einem radikalen Architektenentwurf: Sieben Geschosse, 100 Gemeindebauwohnungen, Büros und Tiefgarage. In den Gemeindebau durften damals nur Österreicher:innen. Sie wollte die Stadt an den Platz locken. Veit sah die Pläne kritisch, in ihm regte sich Widerstand. Seine Ausbildung als studierter Raumplaner kam ihm zugute. Veit trommelte Anrainer:innen, Marktstandler und Geschäftsleute zusammen. Mit ihnen gründete er den Verein „Forum Yppenplatz”. Sein Café war ihre Zentrale. Dabei gelang Veit das Kunststück, dass sich Gemüsegroßhändler mit Hang zur FPÖ und türkische Arbeiter zusammentaten. So verhinderten sie das Projekt.
Gemeinsam mit Anrainer:innen und Planer:innen entwarfen sie Alternativen für die Neugestaltung des Yppenplatzes. 1999 wurde im östlichen Teil des Yppenplatzes die „Piazza“ geschaffen, im Westen ein Fußballkäfig und eine Volleyballfläche. Neue Sitzgelegenheiten wurden installiert, neue Bäume gepflanzt. Der gesamte Bereich wurde verkehrsberuhigt. Später wurde die Payergasse ganz für den Verkehr gesperrt – alte Fotos auf der Speisekarte des Cafés erinnern an den Umbau der viel befahrenen Straße. Die Maßnahmen werteten den Yppenplatz auf – zu verdanken ist es dem Rebellen Wolfgang Veit. Und Brüssel. Denn die EU förderte die Sanierung von Stadtvierteln.
Künstler:innen erwecken den Ort zu neuem Leben
Die Investition zahlte sich aus, der Yppenplatz erlebte einen Aufschwung. Das Grätzl wurde interessanter und belebter. Künstler:innen richteten sich ihre Ateliers ein, Lokale wie das bei Student:innen heute sehr beliebte An-Do zogen in leerstehende Marktflächen. 1999 riefen Künstler:innen das Kunstfestival Soho Ottakring ins Leben, das sich seither gesellschaftspolitischen Themen aus dem Bezirk widmet. Leere Tankstellen, Friseursalons und der öffentliche Raum werden mit Kunst bespielt. Bei der ersten Ausgabe war auch Wolfgang Veit involviert. Er legte den Grundstein für viele Kultur- und Sozialprojekte am Yppenplatz, die noch folgen sollten.
Eines davon befindet sich direkt gegenüber von seinem Café. „Kunst für alle“ steht an der Fassade der ehemaligen Markthalle, in Deutsch, Türkisch und Arabisch. 2007 zog hier die Brunnenpassage ein, ein offener Kunstraum, der Menschen mit Migrationshintergrund erreichen will, die sich ein klassisches Theater oder ein Museum nicht leisten können. „Wir wussten nicht, ob die Passage überhaupt angenommen wird“, sagt Anne Wiederhold-Daryanavard, die künstlerische Co-Leiterin der Brunnenpassage, über die Anfänge, „und dann wurden wir regelrecht überrannt.“
Wiederhold und ihr Team holen Menschen vom Yppenplatz in ihren Kunstraum, Sprache und Herkunft spielen keine Rolle. „Wir verstehen Kunst als Tool für sozialen Zusammenhalt“, sagt die studierte Psychologin. Inzwischen ist die Brunnenpassage eine feste Größe am Platz. 2021 wurde die Institution mit dem Europäischen Preis für Stadtkultur ausgezeichnet. „Es hat sich vieles zum Positiven verändert. Und natürlich reflektieren auch wir viel über die derzeitige Situation am Yppenplatz“, sagt Wiederhold.
Law-and-order-Politik gegen Gewalt
Die Situation am Yppenplatz: „Sechs Festnahmen – schon wieder blutiger Messerangriff am Yppenplatz“ (19.8.), „18-jähriger Mann greift Polizisten nach Betretungsverbot an“ (17.8.), „Festnahme nach Messerstich am Yppenplatz“ (4.8.). Seit die Waffenverbotszone am Yppenplatz in Kraft ist, nehmen die Delikte offenbar nicht ab, sondern zu. Allein am ersten Wochenende des Inkrafttretens stellte die Polizei drei Messer sicher und sprach 40 Betretungsverbote aus. Die Menschen nehmen die Polizei unterschiedlich wahr. Den einen vermitteln sie ein Sicherheitsgefühl, den anderen stört die massive Polizeipräsenz am Platz.
Waffenverbotszonen sind nicht unumstritten. Die Kriminalsoziologin Hannah Reiter zweifelt die Sinnhaftigkeit der Maßnahme an. „Es findet ein Verdrängungseffekt statt. Die Kriminalität verlagert sich in benachbarte Gebiete“, sagt Reiter. Vor allem aber schrecke es die Menschen, die bisher mit Waffen unterwegs waren, nicht ab. Laut Polizei zeigen die Waffenverbotszonen am Praterstern und im Bereich des Keplerplatzes Wirkung: Schwere Straftaten und Gewaltdelikte seien spürbar zurückgegangen, heißt es.
Wolfgang Veit erschüttern die Drogendelikte und Revierkämpfe nicht. Er hat Ähnliches erlebt am Yppenplatz. „Die Schießereien erhielten damals nicht so viel Aufmerksamkeit“, sagt Veit. Er trinkt sein Soda-Zitron aus, verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck. Veit ist heute 74 Jahre alt und wohnt noch immer hier, gleich ums Eck von seinem Café, das er längst seiner Tochter übergeben hat. Veit ist ein Yppenplatz-Original, er zählt zu den Alteingesessenen. Und zu jenen, die den Yppenplatz maßgeblich mitgestaltet haben – oft gegen den Widerstand von Stadt und Bezirk. Ruhe geben will Veit aber noch lange nicht.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Genese
Drogenprobleme, Gewaltdelikte, Waffenverbot: Der Yppenplatz ist medial präsent wie nie zuvor. Die Erzählung vom toleranten Vorzeigeort bekommt immer mehr Risse. Doch wie wurde der Yppenplatz eigentlich zu dem, was er heute ist? Ein Name fällt bei der Recherche immer wieder: Wolfgang Veit. Zeit, den Gastronomen, Raumplaner und Aktivisten zu besuchen.
Gesprächspartner:innen
- Wolfgang Veit, Gründer Café International
- Stefanie Lamp, Bezirksvorsteherin (SPÖ)
- Hannah Silja Reiter, Kriminalsoziologin
- Cornelia Dlabaja, Soziologin und Stadtforscherin
- Anne Wiederhold-Daryanavard, künstlerische Co-Leitung Brunnenpassage
- Jochen Müller, Bezirksmuseum Ottakring
- Landespolizeidirektion Wien
- Streetworker
- Anwohner:innen vom Yppenplatz
Daten und Fakten
Demografie
Der Yppenplatz liegt in Wien-Ottakring, wo heute rund 103.000 Menschen leben. Etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat eine ausländische Herkunft. Die größten ausländischen Communities kommen aus Serbien, Syrien und der Türkei. Der 16. Bezirk gehört zu den stark wachsenden Wiener Gemeindebezirken. Das durchschnittliche Nettojahreseinkommen liegt mit 23.222 Euro unter dem Wiener Durchschnitt. Ottakring gehört zu den Wiener Gemeindebezirken mit einem im Vergleich zum Wiener Durchschnitt hohen Anteil an arbeitslos gemeldeten Personen: 117 arbeitslose Personen pro 1.000 Einwohner:innen im Alter von 15 bis 64 Jahren.
Geschichte
Im 18. Jahrhundert war das Gebiet um den heutigen Yppenplatz noch ländlich geprägt. Simon Freiherr van Yppen, ein österreichisch-niederländischer Offizier kaufte im 18. Jahrhundert ein großes Areal in Ottakring. Er vermachte es einer Stiftung. Van Yppen ließ das noch heute existierende Yppenheim errichten, um Kriegsinvaliden unterzubringen. Die Gemeinde Ottakring erwarb 1873 eine noch freie Fläche und benannte sie nach dem Stifter des Yppenheims. Sie entschied, dass auf einem Teil des Areals ein Viktualienmarkt eröffnet werden sollte. Die Standler verkauften unter großen Schirmen unter anderem Fleisch, Eier, Obst, Gemüse, Beeren, Pilze und Textilien. Starke Zuwanderung prägte den Arbeiterbezirk schon damals. Viele Marktstandler waren aus Südosteuropa. Es gab eine „Bulgarenreihe“ in der Weyprechtgasse und eine „Kroatenzeile“ in der Payergasse.
Quellen
- Rahmenplanung Yppenplatz / Herausgeber: Magistratsabteilung 18 – Stadtplanung (2000)
- Ottakring in Zahlen - Statistik
- Der Yppenplatz als Erinnerungsort, Masterarbeit von Eva Johanna Mangold
- Waffenverbotszone am Yppenplatz
Das Thema in der WZ
- Wege aus der kriminellen Spirale
- Der Asia-Markt an der Grenze: Wo Wiens Jugendliche Waffen kaufen
- Weibliche Gewalt: „Lieber Täterin als immer nur Opfer“
Das Thema in anderen Medien
- DerStandard.at: Schüsse auf dem Yppenplatz: Grätzelgespräch mit Bezirksvorsteherin
- Falter.at: Yppenplatz: eine Beobachtung
- DiePresse.com: Yppenplatz wird Waffenverbotszone
- DerStandard.at: Waffenverbotszone Yppenplatz: Das Ende einer Utopie?
)
)
)