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Musik aus Ghettos und KZs im Konzertsaal von heute

7 Min
Singen gegen die Vernichtung.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Adobe Stock

Zwischen Grauen und Hoffnung entstanden in Ghettos und Konzentrationslagern Lieder, die bis heute berühren. Ein kanadisch-amerikanisches Duo bringt diese Musik wieder auf die Bühne und tritt damit zum ersten Mal in Österreich auf.


    • Ilse Weber und viele jüdische Künstler:innen schufen trotz Holocaust weiterhin Musik und Literatur als Überlebensstrategie.
    • Das Likht Ensemble um Jaclyn Grossman und Nate Ben-Horin bringt vergessene Werke aus Ghettos und KZs heute wieder auf die Bühne.
    • Die Musik aus dieser Zeit ist thematisch und stilistisch vielfältig und zeugt von Menschlichkeit, Humor und Lebenswillen.
    • Ilse Weber wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet.
    • Rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden im Holocaust getötet.
    • Das Likht Ensemble spielt am 25. März im Palais Ehrbar in Wien.
    • "The Shoah Songbook" vereint Werke aus Ghettos und Konzentrationslagern.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Ich wandre durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei“. Leise untermalt ein Klavier die düsteren Zeilen der Dichterin Ilse Weber. „Theresienstadt, Theresienstadt“, schreibt sie weiter aus dem Konzentrationslager, „wann wohl das Leid ein Ende hat“, und schließt mit der wohl wichtigsten Frage: „Wann sind wir wieder frei?“ Die Autorin selbst sollte diese Freiheit nicht mehr erleben: Ilse Weber ist eine von rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden.

Werke einer vernichteten Künstler:innengeneration

Doch ihre Lieder und Gedichte und die vieler anderer jüdischer Künstler:innen aus der Zeit der Shoah haben überlebt. Dass sie nicht in Vergessenheit geraten, liegt auch an Künstler:innen wie Jaclyn Grossman. Die kanadische Sopranistin ist Teil des Likht Ensembles, eines Duos, das sich der Aufführung von Musik aus Ghettos und Konzentrationslagern verschrieben hat. Gemeinsam mit dem Pianisten Nate Ben-Horin durchforstet sie Datenbanken und Archive, um teilweise vergessene Werke wiederzuentdecken. Mehr als 80 Jahre nach ihrem Entstehen erzählen die Lieder vom Leben, Denken und Fühlen einer Künstler:innengeneration, die beinahe komplett ausgelöscht wurde. Zugleich bleiben sie ein wichtiges Zeugnis von Menschlichkeit inmitten der nationalsozialistischen Vernichtung.

Das erste Musikstück aus dem Holocaust, das Grossman hörte, war ein Wiegenlied. „Mich hat es tief im Innersten berührt, noch bevor ich wusste, was es war“, erinnert sich die Sopranistin. Mit seinen einfachen Reimen klingt „Wiegala“ wie eines von so vielen Gute-Nacht-Liedern aus früheren Zeiten. „Wiegala, wiegala, werne, der Mond ist die Laterne“, heißt es darin. Doch angesichts der historischen Realität ist die Ruhe trügerisch. Verse wie „wie ist die Welt so stille!“ brechen die Idylle und offenbaren, was darunter liegt: ein verzweifelter Vorwurf.

Die tragische Geschichte von Ilse Weber

Die Verfasserin des Wiegenliedes ist dieselbe, die auch „Ich wandre durch Theresienstadt“ geschrieben hat: Ilse Weber, eine tschechische Kinderbuchautorin. 1942 wird sie, gemeinsam mit ihrem Mann und einem ihrer beiden Söhne, nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto arbeitete Weber als Kinderkrankenschwester, schrieb Gedichte und Lieder für ihre Schützlinge. Erhalten geblieben sind diese nur, weil ihr Mann sie rechtzeitig vergraben und später wieder bergen konnte. Denn Willi Weber überlebte den Holocaust, seine Frau Ilse und ihr gemeinsamer Sohn wurden in Auschwitz vergast. Als die Nazis die Krankenstation auflösten und die Kinder deportierten, meldete sich Ilse Weber freiwillig, um sie zu begleiten.

Ilse Webers Schicksal steht für das vieler jüdischer Künstler:innen, die in der Shoah ermordet wurden. Es zeigt aber auch: Selbst unter den widrigsten Umständen schufen sie weiterhin Kunstwerke. Oder vielleicht gerade dort. Tausende Künstler:innen jüdischen Glaubens lebten in Ghettos und Konzentrationslagern, für sie war Kultur nicht nur selbstverständlich, sondern oft auch (über-)lebenswichtig. Guido Fackler, Professor an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg, forscht seit Jahren zu Musik in Konzentrationslagern. Er bezeichnet sie als „eine wesentliche Überlebensstrategie“. Der österreichische Komponist Viktor Ullmann sollte als Gefangener in Theresienstadt die berühmten Worte finden, „dass wir keineswegs bloß klagend an Babylons Flüssen saßen und unser Kulturwille unserem Lebenswillen adäquat war“. Wie Ilse Weber wurde auch er später nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Diese Künstler stehen für mehr als das Trauma.
Sopranistin Jaclyn Grossman

Wesentlich im Überlebenskampf

Obwohl die Bedingungen in Theresienstadt lebensfeindlich waren, gab es dort ein vielfältiges Kulturleben. Poesiewettbewerbe suchten nach Schreibtalenten, Theater- und Kabarettgruppen sorgten für Unterhaltung, Chöre und Orchester für Abwechslung auf hohem Niveau. Musik und Gesang schufen Verbindungen unter den Gefangenen, trösteten, lenkten ab und knüpften an das Leben vor dem Lager an: „Sie waren gegen die psychische und physische Vernichtung gerichtet“, schreibt Hochschullehrer Guido Fackler, „und spielten im Überlebenskampf vieler Häftlinge eine wesentliche Rolle, auch wenn sich dadurch an den grundlegenden Haftbedingungen nichts änderte.“

Dass Autor:innen wie Ilse Weber mehr waren als bloße Opfer des NS-Regimes, möchte auch Jaclyn Grossman zeigen: „Diese Künstler stehen für mehr als das Trauma. Das waren Menschen, die gelacht und gelebt haben. Und die Kunst blieb ein Teil von ihnen.“ Gemeinsam mit Nate Ben-Horin hat sie ein Repertoire zusammengestellt, das Werke aus verschiedenen Lagern und Ghettos vereint. Sie nennen es „The Shoah Songbook“.

Eine Vielfalt an Themen und Stilen

Normalerweise steht Grossman in klassischen Opernproduktionen auf der Bühne, etwa als Brünnhilde in Richard Wagners „Die Walküre“. Neben Wagner, jenem deutschen Komponisten, dessen Antisemitismus berüchtigt ist und den Hitler verehrte, wirken die Shoah-Künstler:innen wie ein starker Kontrast. Nicht alle ihre Lieder sind so bekannt wie die von Ilse Weber. Verfasst in deutscher, tschechischer, polnischer oder jiddischer Sprache, sind sie musikalisch ebenso vielseitig wie sprachlich: Schlaflieder finden sich ebenso darunter wie Kabarettstücke, Klezmer-Musik, Tangos und Opern.

Viele Lieder beschreiben den traurig-grausamen Alltag, nutzen die Jahreszeiten als symbolischen Ausdruck des eigenen Fühlens. Doch neben all dem Traumatischen ist da noch etwas Anderes, das Grossman in ihrer Recherche auffällt: „In den Ghetto-Liedern begegnen wir häufig Sarkasmus und schwarzem Humor, was sehr jüdisch ist.“

Grossman und Ben-Horin ist es wichtig, diesen Facettenreichtum zu zeigen: „Natürlich gibt es in unserer Vergangenheit viel Leid, aber es gibt auch Freude.“ Ihr Projekt hat für die beiden etwas Emanzipatorisches: „Als jüdische Künstler hat uns die Entdeckung dieser Musik ermöglicht, unsere Geschichte aus einer neuen Perspektive wiederzuentdecken und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass einst zum Schweigen gebrachte Stimmen gehört werden.“

Wie präsentiert man die Lieder heute?

Nach Konzerten, erzählt Grossman, seien mehrfach Holocaust-Überlebende oder deren Angehörige auf sie zugekommen und hätten sich bedankt: „Danke, dass du mich für einen Moment zu meiner Familie zurückgebracht hast.“ Doch einmal habe sich ein Zuhörer darüber beschwert, wie sie bei diesen Liedern lächeln könne. Die Frage dahinter ist heikel: Wie präsentiert man Werke, die unter solchen Umständen entstanden sind, in einer fundamental anderen Gegenwart?

Grossman und Ben-Horin versuchen, so nah wie möglich an den ursprünglichen Klang der Werke zu kommen. So zu spielen, wie es ihre Schöpfer:innen getan hätten: „Unsere Aufgabe ist es, diese Werke so aufrichtig und lebendig wie möglich aufzuführen. Auf diese Weise werden wir den Komponisten gerecht“, sagt Grossman. Und wenn Text und Melodie mit Witz arbeiten, tun sie es auch.

Ergänzen, was unvollständig blieb

Doch zu erkennen, was die Künstler:innen gewollt hätten, ist nicht immer einfach. Manche der Werke überdauerten als Tagebucheinträge, wurden noch nie aufgeführt. Und oft sind sie unvollständig. Dann muss Nate Ben-Horin selbst komponieren und arrangieren. Dafür recherchiert er so lange, bis er ein Gefühl für den Klang der Komponistin oder des Komponisten hat.

Häufig orientierten sich jüdische Komponist:innen aus dem „Shoah Songbook“ hörbar an den musikalischen Größen ihrer Zeit. Unter anderem an Richard Wagner, dessen Musik noch mehr als ein Jahrhundert später Sängerinnen wie Jaclyn Grossman prägt. Doch so sehr sich die jüdischen Künstler:innen damals auch bemühten, blieb es ihnen verwehrt, Teil ebenjener Kultur zu werden, die sie selbst so schätzten.

Dort spielen, wo es die anderen nicht durften

Der Gedanke an diesen Ausschluss schwingt auch mit, wenn das Likht Ensemble am 25. März im Palais Ehrbar im vierten Bezirk spielt. Neben Liedern aus dem „Shoah Songbook“ präsentieren sie dort auch Werke von geflohenen Komponist:innen aus den Nachlässen des Wiener „Exilarte Zentrums“. „Die Musik spricht für sich selbst und ist wirklich hervorragend“, sagt Jaclyn Grossman. Für sie wird es ein besonderer Abend sein. Nicht nur weil das Likht Ensemble erstmals in Deutschland und Österreich auftritt. Sondern weil die Musik genau dort erklingt, wo viele ihrer Schöpfer:innen einst leben und wirken wollten – und nicht durften.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Jaclyn Grossman & Nate Ben-Horin, Sopranistin und Pianist, die zusammen das Likht Ensemble bilden.
  • Spencer Kryzanowski, Pianist, der Nate Ben-Horin beim Konzert in Wien am 25. März vertritt.

Daten und Fakten

  • Rund 140.000 Juden wurden zwischen 1941 und 1945 ins nordböhmische Ghetto Theresienstadt deportiert. Obwohl die Nationalsozialisten Theresienstadt (u. a. filmisch und vor internationalen Beobachter:innen) als „Vorzeigeghetto“ inszenierten, waren die Zustände grausam. Mehr als 30.000 Menschen starben dort, rund 88.000 Gefangene wurden von Theresienstadt nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert und dort ermordet, unter ihnen die im Text erwähnten jüdischen Künstler:innen Ilse Weber und Viktor Ullmann.
  • Trotz der widrigen Umstände gab es in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Ghettos Musik und Kultur, der Umfang variierte je nach Ort. Musik konnte als Strafe und Erniedrigung von Seiten der Aufseher gegen die Insass:innen verwendet werden. Aus eigenem Antrieb war sie für die Inhaftierten selbst jedoch – teils heimlich, teils geduldet – ein wichtiger Aspekt von Unterhaltung, Beschäftigung oder ein Ausdruck von Widerstand. In Theresienstadt gab es Chöre, Theatergruppen, Orchester und andere künstlerische Gruppen.

Quellen

Zu Musik und Kultur in Ghettos und nationalsozialistischen Konzentrationslagern:

  • Guido Fackler: „Lied und Gesang im KZ“, in: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture, 46. Jahrg. (2001), S. 141–198.
  • Helmke Jan Keden: Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, Musik und Gesellschaft, 11/2005, S. 40–46. Auch online verfügbar.
  • Martin Modlinger: Auf dem Karussell der Geschichte: Das Theresienstädter Kabarett zwischen Historie und Theater, in: German Studies Review, Vol. 33, No. 3 (2010), S. 657–680.

Zu Ilse Weber:

Zu Viktor Ullmann:

Das Thema in anderen Medien

Deutschlandfunk: „Theresienstädter Komponisten“: Hochkultur inmitten des Grauens

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