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Nachhaltig, klimaneutral und grün: Ein Bullshit-Bingo

6 Min
Ein Emoji Kackhaufen umgeben von grünen Pflanzen, Blumen und Windrädern unter einem strahlend blauen Himmel.
Wo nachhaltig draufsteht, ist oft nicht nachhaltig drin.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Kaum ein Zuckerl in Plastik- oder Alufolie, das nicht „klimaneutral produziert“ wurde oder „umweltfreundlich“ ist. Die Buzzwords klingeln in allen Ohren. Doch was heißt „nachhaltig“ wirklich? Und ist das alles nur Greenwashing?


Was heißt „nachhaltig“?

Der Begriff kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaftslehre. Der Deutsche Carl von Carlowitz hat den Begriff Nachhaltigkeit 1713 buchstäblich erfunden. Er sagte, dass man aus einem Wald nicht mehr Holz ausschlagen darf, als nachwächst. Und man muss aufforsten. Was uns heute als selbstverständlich erscheint, war damals eine Innovation. Carlowitz war aus dem Erzgebirge, einem Mittelgebirge in Sachsen und Böhmen, wo massenweise für die Silberminen Holz geschlagen wurde, etwa zur Befeuerung der Schmelzöfen. Interessanterweise war Carlowitz kein Forstwirt, sondern im Bergbau tätig. Die Leute wurden damals nicht besonders alt, weshalb der Gedanke an die nachfolgenden Generationen wohl nicht so präsent war. Aber als Adeliger hatte Carlowitz diesbezüglich eine andere Perspektive, weil sein Stand Besitz und Reichtum vererben wollte.

Was ist die Brundtland-Kommission?

Mit den späten 1980er Jahren startete mit dem Brundtland-Bericht eine lange Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit. Darin wird eine nachhaltige Entwicklung so definiert, dass sie „den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“. Hier ist der Aspekt der intergenerativen Gerechtigkeit verankert, das bedeutet, dass eine Generation nur das verbrauchen soll, was sie auch erwirtschaftet.

Was heißt „CSR“?

Ausgehend von der Nachhaltigkeitsdiskussion in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, hat sich die EU seit gut zwanzig Jahren (Grünbuch CSR) das Ziel gesetzt, nachhaltige Entwicklung ins Zentrum der Politik und gesellschaftliche Unternehmensverantwortung ins Zentrum jeder Geschäftsstrategie zu rücken. Mit „Corporate Social Responsibility“ definierte die EU alles, was ein Unternehmen mit seinen Stakeholdern zum Thema Ökologie und Soziales unternimmt. Allerdings alles auf freiwilliger Basis.

Eine Bingokarte mit gängigen Greenwashing-Begriffen.
© Illustration: WZ

Was steht in der Agenda 2030?

Die Agenda 2030 ist das erste internationale Abkommen, in dem das Prinzip der Nachhaltigkeit⁠ mit der Armutsbekämpfung und der ökonomischen, ökologischen und sozialen Entwicklung verknüpft wird. Sie wurde im Jahr 2015 auf einem UN-Gipfel in New York verabschiedet. Die EU-Kommission bekennt sich zu den 17 formulierten Zielen der Vereinten Nationen. Für ein nachhaltiges Wirtschaften und ein Leben in Würde sind demzufolge etwa eine hochwertige Bildung (Ziel 4), Geschlechtergleichheit (Ziel 5) und Nachhaltige/r Konsum und Produktion (Ziel 12) notwendig. Eine Einteilung in „Geber“ und „Nehmer“ oder in „erste“, „zweite“ und „dritte Welt“ gibt es in der Agenda nicht. Österreich ist damit wie alle Länder ein „Entwicklungsland“.

Gibt es klimaneutrale Produkte?

Wenn auf Produkten „klimaneutral produziert“ steht, steht meistens eine Kompensation dahinter. Korrekter wäre also die Bezeichnung „klimaneutral durch Kompensation“.

Das heißt, Unternehmen kaufen sich die „Neutralität“ für ein Produkt, indem für die ausgestoßene Menge an CO2 bei der Produktion Zertifikate gekauft werden. Beliebte Projekte sind Aufforstungen im Regenwald oder Trinkwasserbrunnen in Afrika.

Was hinter dem Kompensationsgeschäft steht, haben zwei Journalistinnen von der Zeit wunderbar ausgeführt. (Paywall)

Ein Produkt klimaneutral zu produzieren, ist wahnsinnig schwierig. Theoretisch müsste das Unternehmen alle Emissionen im eigenen Wirkungsbereich reduzieren. Etwa durch den Einsatz von erneuerbaren Energien. Dafür müsste man sich aber auch die gesamte Wertschöpfungskette anschauen, also den gesamten Weg vom Ausgangsmaterial über Lieferung, Verpackung bis zur Verwendung eines Produktes. Denn selbst wenn ein Unternehmen zum Beispiel seine Fabrik mit Solarpanels betreibt, müssen diese auch produziert werden. Und dabei fallen Emissionen an.

Ist CO2-neutral = klimaneutral?

Streng genommen nicht, weil es noch einige weitere Treibhausgase gibt, wie etwa Methan oder Lachgas. Kohlenstoffdioxid ist nur eines der klimaschädigenden Gase. In den meisten Fällen wird aber der Einfachheit halber in CO2-Äquivalenten gerechnet.

Was bedeutet Kompensation?

Grundsätzlich funktioniert Klimaneutralität über Kompensation nicht. Die Frage ist: Agiert das Unternehmen klimaneutral oder nachhaltig? Also was ist das Kerngeschäft eines Unternehmens? Wenn zum Beispiel eine Bank ein Haus baut und damit Werbung macht, dass sie klimaneutral ist, ist das ein winzig kleines Detail im Vergleich zu ihrem Kerngeschäft, wo vielleicht Kohlekraftwerke oder Panzer finanziert werden. Die Nachhaltigkeit muss da sein, wo das Geld verdient wird, und nicht, wo es ausgegeben wird. Charity, Spenden und Zertifikate-Kauf ist meist im Marketing-Budget angesiedelt.

Kompensation verhindert Nachhaltigkeitstransformation. Für die Unternehmen ist es aktuell viel günstiger (kurzfristig), im Nachhinein etwa 25 Euro pro Tonne CO2 zu bezahlen, als Geld in die Hand zu nehmen, um konkrete Geschäftsbereiche zu transformieren.

Umweltverträglich, klimaschonend, grün, klimafreundlich, schadstoffarm, plastikfrei – alles Bullshit?

Ungenaue Begriffe, die nicht geschützt sind, sagen so gut wie nichts aus. Konsument:innen oder Konsument:innenschutzverbände können versuchen, Nachweise darüber im Nachhinein einzuklagen. Dann muss das Unternehmen entsprechend Belege vorbringen. Wenn ein Unternehmen aber diverse Bemühungen wie etwa Kompensationszahlungen vorlegt, wird es mit dem Nachweis der Irreführung schon wieder schwieriger.

Umweltfreundlich – im Vergleich zu was?

Ebenfalls ein schwammiger Begriff. Bei der Behauptung „umweltfreundlich“ muss die Frage lauten: Im Vergleich zu was? Die Wiener Linien sind „umweltfreundlich“ – im Vergleich zum Auto? Klar! Im Vergleich zum Fahrrad wahrscheinlich weniger. Das Elektro-Auto ist umweltfreundlich im Vergleich zu einem alten Diesel? Sicher! Dass die Produktion der Akkus Rohstoffe aus Minen in Zentralafrika braucht, wo nach wie vor Kinderarbeit ein Thema ist, und in China für die Gewinnung seltener Erden giftige Chemikalien eingesetzt werden, ist definitiv nicht umweltfreundlich.

Je effizienter, desto besser für das Klima?

Mit immer weniger immer mehr Output schaffen, klingt gut. Aber Achtung vor Rebound-Effekten also dem Anstieg des Energieverbrauchs aufgrund einer Effizienzsteigerung. Wenn ein Auto statt zehn nur mehr fünf Liter verbraucht, aber mehr Kilometer und schneller gefahren wird, dann ist nichts gewonnen. Wenn Politiker:innen oder Unternehmen behaupten, der CO2-Ausstoß wurde reduziert, muss man immer die absolute Größe im Auge behalten. Eine Fluggesellschaft behauptet zum Beispiel, dass der CO2-Abdruck pro Euro geringer wird. Also die relative Größe wird geringer. Wenn die absolute Größe nicht sinkt, ist aber nichts gewonnen.

Tut da niemand was?

Begriffe wie „plastikfrei“ oder „schadstoffarm“ sind derzeit erlaubt und werden nicht geprüft. Das wird sich aber bald ändern. Derartige Begriffe dürfen künftig nur mit Nachweis erfolgen. Zertifizierungen, die unabhängig sind, also durch Dritte geprüft, wie das Österreichische bzw. das Europäische Umweltzeichen (EU Ecolabel) bei Nicht-Lebensmitteln. Hier wird die gesamte Lieferkette unter die Lupe genommen.

Ein Unternehmen, das sein Kerngeschäft nicht nachhaltig betreibt und lediglich im Nachhinein Zertifikate kauft, darf sich künftig nicht mehr sämtliche Labels verpassen. Das steht in einem Rechtstext, der bald wirksam werden soll, genannt Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel". Bis die Regeln in den Mitgliedstaaten tatsächlich zur Anwendung kommen, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen. Die EU-Kommission rechnet mit einem Zeitrahmen von drei bis vier Jahren.

Eine zweite maßgebliche Richtlinie in diesem Bereich ist noch in Verhandlung. Da geht es um konkretere Begrifflichkeiten auf Produkten, wie etwa „50 Prozent plastikfrei”. Unternehmen müssten dann vorab prüfen lassen, ob das wirklich so ist, und das nachweisen. Die Richtlinie könnte im Verhandlungsprozess noch verwässert werden.