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Oder: Was man aus Gesprächen mit Student:innen aus aller Welt über Nachhaltigkeit lernen kann.
In der vergangenen Woche hatte ich wieder das große Vergnügen, Student:innen aus aller Welt unterrichten zu dürfen. Nepal, Bangladesch, Kuba, Bali, Libanon, Palästina, Südafrika, Tansania, Kroatien und Kasachstan. Aus allen möglichen Ländern kamen sie, und wir redeten über Nachhaltigkeit. Ich liebe diese Gespräche, weil sie immer wieder nicht nur neue Perspektiven eröffnen, sondern mir als Westeuropäerin auch einen Spiegel vorhalten. Und diesen Spiegel möchte ich nun weitergeben.
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Die nepalesische Studentin erzählte mir von den unglaublichen Umweltauswirkungen, die dieser Massentrend, den Mount Everest zu besteigen, mit sich bringt. Sie meinte, überall liegt Müll herum. Weil irgendwelche reichen Tourist:innen, die sich etwas beweisen wollen und das nicht selten mit gröberen Verletzungen und Erkrankungen aufgrund der Höhe bezahlen, ihren Müll einfach liegen lassen. Muss man das verstehen?
Eine der Student:innen aus Bangladesch erklärte, wie unglaublich heftig die sozialen Unterschiede in der Hauptstadt Dhaka seien, und dass sie – aus der Mittelschicht kommend – letzten Sommer bei 40 Grad im Schatten kollabiert sei. Sie konnte sich dann in einen klimatisierten Raum retten. Die ärmeren Bewohner:innen der Stadt haben diese Möglichkeit nicht.
Müllexporte vs. Recycling
Im Vorjahr meinte ein Student, ich glaube, er kam aus Kenia, dass es ja eh lieb sei, dass wir in Europa recyceln; der ganze unrecycelbare Müll lande dann aber bei ihnen, danke auch. Womit er definitiv den Nagel auf den Kopf traf.
Zum Thema Nachhaltigkeit und Europa sagte auch die Nepalesin etwas sehr Interessantes: Sie hatte nach knapp zwei Jahren Studium in mehreren europäischen Städten den Eindruck gewonnen, Nachhaltigkeit sei hier so etwas wie ein elitäres Add-on. Draufgabe. Hier muss man sich Nachhaltigkeit leisten können, alle Bio-Produkte seien teurer. Und es sei in ihren Augen hier sowieso alles mit weiterem Konsum verbunden, als ob man sich Nachhaltigkeit kaufen könne.
Ihr gelerntes Verständnis von Nachhaltigkeit zuhause in Nepal ist ein anderes. Sie habe gelernt, bewusst und einfallsreich mit Ressourcen umzugehen. Kann man eine Plastikflasche nicht mehr als Trinkflasche nutzen, wird sie zum Blumentopf umfunktioniert (gut, das ist jetzt aus Mikroplastiksicht nicht rasend nachhaltig, aber es zeigt das Ressourcenbewusstsein, das bei uns immer weniger vorherrscht). Zum Einkaufen geht man mit einem Korb, den man immer wieder verwendet, oft gibt es nicht mal das schier unerschöpflich scheinende Angebot an Einkaufstaschen wie in den hiesigen Supermärkten.
In Bangladesch gibt es seit 2002 keine dünnen Plastiksackerln mehr, da man feststellte, dass die in der Monsunzeit die Abwasserkanäle verstopfen und damit zu Überschwemmungen beitragen. Bangladesch war damit das erste Land der Welt (!), das diese dünnen Plastiksackerln verbot. In Österreich hat das Bündnis Mikroplastikfrei im Oktober 2025 den begründeten Verdacht geäußert, dass vermehrt angebliche „Biosackerl“ im Umlauf seien, die in Wahrheit aus herkömmlichem Kunststoff bestehen.
Nachhaltigkeit hat viele Perspektiven
Es ist klar, dass sich der Zugang zu Nachhaltigkeit kulturell und wirtschaftlich in den verschiedensten Ländern der Welt unterscheidet – und auch unterschiedlich stark verbreitet und beliebt ist. In vielen Bereichen sind wir in Europa einen Schritt weiter: Während vor allem in asiatischen Ländern aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit kleine Einwegbeutel mit Shampoo oder Hautcreme (so wie wir sie als Proben in Zeitschriften kennen) als hygienischer gelten als größere Flaschen und so ein sehr viel größeres Müllproblem darstellen, hat sich dieses Denken in Europa zum Glück nicht durchgesetzt. In 16 EU-Staaten gibt es ein Deponieverbot für Siedlungsmüll. Das heißt, es darf in diesen Ländern keine großen Ablagerungen/Deponien/Müllplätze für Restmüll geben, sondern er muss anderweitig entsorgt werden. In Österreich wird er beispielsweise verbrannt. Pfandsysteme gibt es in einigen europäischen Ländern, in Teilen der USA, in Kanada und Australien, nicht jedoch im asiatischen oder afrikanischen Raum.
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Trotzdem ist in vielen dieser asiatischen und afrikanischen Länder der ökologische Fußabdruck im Allgemeinen kleiner. Womit das zusammenhängt? Der breite gesellschaftliche Wohlstand ist ein geringerer, viele Menschen können sich dort nicht so einfach jährliche Urlaubsflugreisen oder Pendeln mit dem Auto leisten. Was wir hier als Nachhaltigkeit sehen, ist dort selbstverständlicher Alltag und Pragmatismus.
Die europäische Perspektive ist nicht die beste
Wir hier in Europa machen einen großen Fehler. Während woanders Nachhaltigkeit als Selbstverständlichkeit gehandhabt wird, ist es hier – wie die nepalesische Studentin so richtig beobachtet hat – ein Add-on. Luxus.
Dass das eigentlich nicht so ist, werden die nächsten Monate leider bitter beweisen. Ich trau mich wetten: Durch den Anstieg der Kerosin- und Dieselpreise werden viel weniger Menschen fliegen und mehr Menschen werden häufiger auf die eine oder andere Autofahrt verzichten. Und dann werden auch wir aus pragmatischen Gründen nachhaltiger leben. Schade, dass wir es bei aller Nachhaltigkeitsentwicklung nicht schaffen, auch ohne drohende Krise so zu agieren. Es würde nicht nur uns, sondern der ganzen Welt guttun – weil es uns näher an ein klares Bild von umweltbewusstem Lebensstil brächte, eines, das ohne das Profitstreben einiger weniger, die uns „nachhaltige Produkte“ anbieten wollen, auskommen kann.
Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Quellen
- Watson: In diesen 7 Ländern und Städten herrschen bereits Plastikverbote
- National Geographic: Bergsteiger verschmutzen den Everest mit Mikroplastik
- Frankfurter Allgemeine: „Die Sonne brennt wie Feuer“
- Changing Markets: 16 Millionen Plastikmüllkleider werden jährlich in Afrika entsorgt – Untersuchung
- Wikipedia: Pfand auf Getränkebehälter
- mikroplastikfrei.at: Achtung vor gefälschten Biosackerln!
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