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Nachts gehört die Stadt den Ratten

7 Min
Auf jedes Rattenpärchen kommen bis zu 1.000 weitere junge Ratten pro Jahr.
© John Downer / Stone via Getty Images

Weit mehr Ratten als Menschen leben bereits in Wien – durch die wachsenden Müllberge und die neue Art der Bekämpfung breiten sie sich weiter aus.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Spätnachts in Wien: Eine enge Gasse noch, dann ist das Zuhause erreicht. Plötzlich ein Kratzen, ein schmaler Schatten an der Wand. Eine Ratte auf der Suche nach Futter huscht vorbei. Sie wird wohl nicht die einzige Ratte in dieser Gasse sein.

Bis zu neun Junge bringt eine Ratte sieben bis neun Mal pro Jahr zur Welt. Nach etwa zwei Monaten sind diese selbst geschlechtsreif und bekommen ihren eigenen Nachwuchs – auf jedes Rattenpärchen kommen somit bis zu 1.000 weitere Ratten pro Jahr. „Greift man nicht ein, vermehren sich Ratten extrem schnell”, sagt Peter Fiedler, der als Schädlingsbekämpfer schon vieles gesehen hat. „Ratten-Autobahnen auf Innenhöfen, durchgenagte Mülltonnen und Ratten, die bis in den 6. Stock hinaufkamen”, sagt Fiedler, der auch Berufszweigvorsitzender der Schädlingsbekämpfer:innen in der Wirtschaftskammer Wien ist. Und sie werden immer mehr. Mit der steigenden Einwohnerzahl in Wien wächst auch der Rattenbestand, und zwar überproportional. Kam früher etwa eine Ratte auf jede:n Bewohner:in, so habe die Zahl der Ratten die der Menschen heute längst überholt, so Fiedler. Die Hauptgründe dafür: die Abschaffung des Rattengesetzes, an dessen Stelle 2005 die Wiener Rattenverordnung trat, und das Wachsen der Müllberge, das zu überquellenden Mistkübeln, gespickt mit Essensresten, führt. Ein Paradies für Ratten, die, sobald es dunkel wird, zum Fressen aus der Kanalisation klettern.

Was hat nun die Rattenverordnung mit deren Vermehrung zu tun? Bis 2004 war es laut Rattengesetz so, dass ein Schädlingsbekämpfer für ein bestimmtes Gebiet (ein Rayon) verantwortlich war, bei einem Rattenbefall automatisch auch die Nachbarhäuser dieses Gebietes kontrolliert und bei Bedarf alle Ratten bekämpft hat. Mit der Rattenverordnung 2005 änderte sich das: Nun ist es Sache der Hausbesitzer:innen, Kontrollen durch Schädlingsbekämpfer:innen zu organisieren und bei Rattenbefall zu reagieren. Die Rattenbekämpfung in Selbstregie ist verboten. Laut Verordnung sind die Hausbesitzer:innen zwar dazu verpflichtet, sechs oder – bei weniger stark befallenen, weiter außen liegenden Bezirken – drei Mal pro Jahr Kontrollen durch Schädlingsbekämpfer:innen durchführen zu lassen, Fiedler zufolge gibt es aber dennoch „weiße Flecken auf der Landkarte”. Dazu kommt, dass die Stunde für Schädlingsbekämpfer:innen vor der Verordnung einen Fixpreis von zuletzt 19,80 Euro hatte (inklusive Mehrwertsteuer, es wurde nach Viertelstunden abgerechnet) und heute unter den freien Wettbewerb fällt. Bei der Hausbetreuungsfirma Attensam zum Beispiel kostet sie rund 25 Euro.

Wasser, Grüninseln, Gastronomie

„Die Ratten werden heute nicht mehr flächendeckend bekämpft”, resümiert Fiedler im Gespräch mit der WZ. Sie leben vermehrt dort, wo es Wasser, Grüninseln, viel Gastronomie und/oder eine hohe Dichte an Menschen gibt: im 1. Bezirk (Schwedenplatz, Naschmarkt, Karlsplatz), im 9., im 10. und im 20. Bezirk, bei den Stadtbahnbögen, im Prater.

Schon auf Verdacht und präventiv Giftköder auszulegen, sei heute auch nicht mehr erlaubt, ergänzt Matthias Hlinka, Schädlingsbekämpfer von Attensam. Das sei nur noch möglich, wenn jemand eine Ratte entdeckt hat, und dann höchstens 30 Tage lang und in versperrbaren Boxen. Präventiv lege man nur noch Köderboxen mit giftfreien Ködern in Kellern und Müllräumen aus – findet man einen diese Köder bei einer Kontrolle angebissen vor, beginne man mit der Bekämpfung der Ratten mit Lebendfallen oder Gift. Denn wo man eine Ratte sieht, verbergen sich laut Hlinka immer mehrere. Regelmäßige weitere Kontrollen alle 24 Stunden bei den Lebendfallen beziehungsweise alle ein bis zwei Wochen bei den Giftködern folgen. Gleichzeitig werde nach den Ursachen wie Lücken im Kanalsystem oder im Keller gesucht, damit der/die Hausbesitzer:in die Reparatur veranlassen kann. Erst, wenn der letzte Köder liegen bleibt, gilt der Rattenbefall als erfolgreich bekämpft.

Das am häufigsten verwendete Gift enthält Cumarin-Derivate, die die Blutgerinnung vermindern und zu inneren Blutungen führen. Allerdings mit einer gewissen Verzögerung, „weil sonst sofort alle Ratten Bescheid wissen und die Köder nicht mehr fressen”, sagt Hlinka. Auch Cholecalciferol kommt zum Einsatz. Diese Substanz führt zu einer Anreicherung des Minerals Kalzium im Blut, was für Ratten ebenfalls tödlich ist.

Ein Foto von zwei europäischen Feldhamstern in einer Wiese.
Feldhamster sind weltweit vom Aussterben bedroht, können bei der Rattenbekämpfung aber ebenfalls in die Falle gehen - und an den Ködern sterben.
© Christoph Ruisz / imageBROKER via Getty Images

Zwischen Rattenverordnung und Tierschutz

Dass die Rattenbekämpfung heute anders erfolgt als früher, hat vor allem damit zu tun, dass der Stellenwert des Tierschutzes gestiegen ist. Dabei geht es unter anderem darum, dass andere Nager in die Fallen geraten oder das Rattengift fressen und daran sterben können. In Wien sind es laut Fiedler konkret die Feldhamster, die weltweit vom Aussterben bedroht sind, und deren Lebensräume und Ernährung mit jenen der Ratten nahezu deckungsgleich sind – und die damit die Giftköder ebenfalls fressen. Die Schädlingsbekämpfung sei daher zu einer „Gratwanderung zwischen Rattenverordnung und Tierschutz” geworden, sagt Fiedler. Vor allem unter Tierschützern wird diese Diskussion hoch emotional geführt: Die Tierschutzorganisation Tierschutz Austria hat zuletzt eine Petition für eine Novellierung der Wiener Rattenverordnung gestartet. Eine der Forderungen ist, das Auslegen von Giftködern im Freien zu verbieten, vor allem in Bezirken mit hohem Feldhamster-Vorkommen wie im 10., 11., 21. und 22. Bezirk. Fiedler dazu: „Man muss sich gemeinsam an einen Tisch setzen und Lösungen erarbeiten. Denn Tatsache ist: Wenn man gar keine Köder mehr auslegt und sich Ratten- und Feldhamsterpopulationen gut entwickeln, können die Ratten auch die Hamster fressen, was ebenfalls nicht zielführend ist.”

Mindestens genauso verlockend wie die Köder sind die Abfälle, die die Menschen täglich entsorgen. Müllinseln mit übervollen Tonnen, deren Deckel nicht mehr schließen; Müll neben den Tonnen; Lebensmittel im Müll: Laut der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien machen vermeidbare Lebensmittelabfälle 14,5 Prozent der gesamten Restmüllmasse von Haushalten aus, vor allem Brot und Gebäck sowie Obst und Gemüse sind darunter. Ratten seien typische Kulturfolger einer Wegwerfgesellschaft, sagt Fiedler. Weniger Müll würde weniger Ratten bedeuten. Und: „Essenreste nie in der Toilette entsorgen”, rät er, „das ist wie eine Einladung. Ratten, die das Essen riechen, können über die Abwasseranlage mehrere Stockwerke hinaufklettern.”

Ratten können über die Abwasseranlage mehrere Stockwerke hinaufklettern.
Peter Fiedler, Berufszweigvorsitzender der Schädlingsbekämpfer:innen in der Wirtschaftskammer Wien

Entdeckt man auf seinem Weg zur Mülltonne oder im Keller eine Ratte, muss man laut Rattenverordnung unverzüglich den/die Hausbesitzer:in kontaktieren, der/die für gewöhnlich die Hausverwaltung mit der Schädlingsbekämpfung beauftragt. Passiert das nicht, muss man es der MA 40 (Soziales, Sozial- und Gesundheitsrecht) melden. Ist Gefahr in Verzug, kann diese direkt eine:n Schädlingsbekämpfer:in beauftragen – die Kosten hat der/die Hausbesitzer:in zu tragen. Die MA 40 ist auch jene Behörde, die stichprobenartig überprüft, ob die Hausbesitzer:innen die mehrmals jährlich vorgesehenen Kontrollen durch Schädlingsbekämpfer:innen durchgeführt haben. Die Nachweise über diese Kontrollen und über etwaige Maßnahmen zur Rattenbekämpfung müssen drei Jahre lang aufgehoben werden, um sie bei einer Überprüfung der MA 40 zeigen zu können.

Nachweis der Rattenbeschau fehlte

Für Strafen bei Nichteinhaltung der Rattenverordnung ist das Magistratische Bezirksamt zuständig. Häufigster Grund ist laut Magistratsdirektion der Stadt Wien der fehlende Nachweis der Rattenbeschau trotz Aufforderung durch die MA 40, wobei die theoretische Höchststrafe laut Wiener Stadtverfassung bei 700 Euro liegt. Österreichweit ist Wien die einzige Stadt mit einer Rattenverordnung. Ähnliche Vorgaben zur Rattenbekämpfung gibt es nur in der Gesundheitsschutzverordnung von Graz. Der Zusammenhang von Ratten und Gesundheit liegt nahe, weil die Ratten Bakterien wie Salmonellen und damit Krankheiten übertragen können. Die Erreger sind auch in den Exkrementen vorhanden. Dass eine Ratte eine:n Wohnungsmieter:in oder –besitzer:in beißt, ist laut Fiedler aber eher unwahrscheinlich, solange die Ratte nicht in Bedrängnis gebracht werde.

Der schlechte Ruf der Ratte ist jedenfalls historisch gewachsen: Rund 12.000 Menschen sind im Jahr 1679 in Wien an der Pest gestorben – lange wurden die auf den Ratten sitzenden, infizierten Flöhe als Überträger verdächtigt. Mittlerweile geht man nach Forschungsergebnissen der Universität Oslo aus dem Jahr 2018 davon aus, dass Menschenflöhe und Kleiderläuse dafür verantwortlich waren.

“Kann sich sogar durch Beton durchnagen”

Damals war es vor allem die Hausratte, die sich aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen auf den Dachböden der Häuser massenhaft vermehrte. Sie ist zierlich und meidet sowohl Menschen als auch Wasser. Vor etwa 200 Jahren wurde sie durch die aus Zentralasien und Nordchina stammende Wanderratte verdrängt, die um einiges größer ist und das Wasser liebt. Die feuchten Kanäle sind ihr Element, und sie macht vor kaum etwas Halt: „Sie kann sich sogar durch Beton durchnagen”, sagt Fiedler.

Vergleicht man Wien mit etwa zwei Ratten pro Kopf mit anderen Großstädten der Welt, so leben hier noch verhältnismäßig wenige Ratten: In den meisten Metropolen wird die Anzahl der Ratten auf vier pro Kopf geschätzt, in New York sogar auf sieben.


Infos und Quellen

Genese

Nicht nur einmal hat WZ-Redakteurin Petra Tempfer bei nächtlichen Spaziergängen durch Wien Ratten auf Grünflächen, entlang der Straßenbahnschienen und bei Müllinseln entdeckt. „Nachts gehört die Stadt den Ratten”, dachte sie – und recherchierte.

Gesprächspartner:innen

Daten und Fakten

  • Wanderratte (Rattus norvegicus): Ausgewachsene Wanderratten erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 19 bis 30 cm, eine Schwanzlänge von 13 bis 32 cm und ein Gewicht von bis zu 500 Gramm. Die Schnauze ist relativ stumpf. Als Kulturfolgerinnen des Menschen sind sie weltweit verbreitet. Im menschlichen Siedlungsbereich sind Wanderratten häufig in Kanalisationsanlagen, Tierställen, Kellern, Tiergärten, Parkanlagen, Schlachthöfen, auf Mülldeponien, in lebensmittelverarbeitenden Betrieben, Getreidespeichern und in Büro- und Wohngebäuden zu finden.
    Ratten sind soziale Tiere und leben in Gruppen (Rudeln) zusammen. Innerhalb dieser gibt es eine soziale Hierarchie. Rudelmitglieder erkennen einander am Geruch und reagieren aggressiv auf fremde Ratten. Wanderratten sind in der Regel scheu und meist im Dunkeln aktiv. Häufig benutzen Ratten immer wieder dieselben Laufwege (Wechsel). Wanderratten sind Fluchttiere. Wenn sie in die Enge getrieben werden, können sie jedoch aggressiv reagieren, beißen und bis zu 1,5 Meter hoch springen. Wanderratten sind in der Lage zu schwimmen und außerdem ausgezeichnete Kletterer.
    Die Wanderratte ist die Stammform der als Haus- oder Labortier gehaltenen Ratten (weiße Ratten, Farbratten). (Quelle: Deutsches Umweltbundesamt)

  • Hausratte (Rattus rattus): Hausratten sind etwas kleiner und schlanker als Wanderratten. Es handelt sich um zwei verschiedene Arten, die sich nicht kreuzen können. Hausratten haben eine Kopf-Rumpf-Länge von 16 bis 24 cm und ein Gewicht von 150 bis 250 Gramm. Anders als bei der Wanderratte ist der Schwanz länger als Kopf und Rumpf. Hausratten haben verglichen mit Wanderratten eine relativ spitze Schnauze und deutlich größere Ohren. Junge Hausratten ähneln in ihrem Aussehen Hausmäusen.
    Die Hausratte ist relativ wärmeliebend und selten außerhalb menschlicher Bauten zu finden. In Gebäuden hält sie sich meist in den oberen Stockwerken und auf Dachböden auf. Hausratten können ausgezeichnet klettern. Sie sind nie in der Kanalisation zu finden, dort anzutreffende Ratten sind immer Wanderratten. (Quelle: Deutsches Umweltbundesamt)

  • Lebensmittelverschwendung in Zahlen von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien

Quellen

Das Thema in anderen Medien