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Gelsen oder Spinnen?

5 Min
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur und zu allem, was da so lebt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser.

Genervt von Gelsen? Wenn du Spinnen daheim hast, lass sie leben, denn Gelsen sind ihre Leibspeise. Vielleicht hausen sogar noch mehr kleine Beschützer bei dir.


    • Spinnen wie Große Zitterspinne und Gartenkreuzspinne fressen Gelsen und schützen so vor Stichen und Krankheiten.
    • Silberfischchen bekämpfen Hausstaubmilben und Schimmelpilze, was Allergien und Atemwegsreizungen vorbeugt.
    • Schlupfwespen der Gattung Trichogramma vernichten Motten, indem sie deren Eier parasitieren und biologisch eingesetzt werden.
    • Die Große Zitterspinne kommt fast überall auf der Welt vor.
    • Silberfischchen gehören zur Ordnung der Fischchen (Zygentoma), die es seit mehr als 300 Millionen Jahren gibt.
    • Schlupfwespen prüfen mithilfe ihrer Antennen die Größe des Wirtseies.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es ist Sommer und es ist Nacht, und ich kann nicht schlafen. Denn um mich herum surrt eine Gelse, mal lauter, mal leiser – und wenn sie aufhört zu surren, werde ich erst recht panisch. Dann kann ich davon ausgehen, dass sie irgendwo auf mir sitzt und mein Blut saugt.

Dass sie – wie in den Nächten davor – immer noch da ist und auf meine Kosten lebt, könnte allerdings meine Schuld sein. Es könnte daran liegen, dass ich gestern schon wieder die Spinnen verscheucht habe, die sich mit ihren Netzen in den Ecken meines Schlafzimmers und draußen in den Fensterrahmen häuslich eingerichtet hatten. Denn Spinnen fressen Gelsen. Sie sind also Heldinnen, die mich nicht nur vor juckenden Stichen, sondern auch Krankheiten bewahren, die Gelsen übertragen können. Und neben ihnen gibt es noch einige weitere kleine Mitbewohner, die dafür sorgen, dass ich mein Essen nicht mit Motten teilen und/oder Hausstaubmilben und Schimmelpilze einatmen muss.

Große Zitterspinne
Die Große Zitterspinne gehört zu den häufigsten Spinnenarten Österreichs.
© Von Ashinka72 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=93525193

Die Spinnen, deren Netze ich leider entfernt habe, könnten zum Beispiel Große Zitterspinnen (Pholcus phalangioides) oder Gartenkreuzspinnen (Araneus diadematus) gewesen sein. Sie zählen zu den häufigsten Arten in Österreich, die Netze bauen. Die Große Zitterspinne hat lange Beine und wirkt filigran, und die Gartenkreuzspinne erkennst du an ihrem Kreuz auf dem Rücken. Gemeinsam erbeuten sie zahlreiche Insekten pro Tag. Während Erstere ein unregelmäßiges, scheinbar wirres Netz baut, das sie mit Haltefäden in den Zimmerecken befestigt, wirkt jenes der Gartenkreuzspinne streng geometrisch und hat die Form eines Rades.

Erst gelähmt, dann zersetzt

Die Kunst ist in beiden Fällen, das Netz stark genug zu bauen, damit es nicht reißt, und zart genug, um die Vibrationen durch die Beute – im Idealfall einer Gelse – zu spüren. Sobald sich diese im Netz verfangen hat, wickelt die Spinne sie ein und lähmt sie durch einen Giftbiss. Danach spritzt die Spinne auch noch Verdauungssäfte in die Beute, um sie schließlich aufzusaugen.

Was „meine“ Gelse betrifft, tiefrot und gesättigt von meinem Blut, so kann sie sich dennoch nicht in Sicherheit wiegen, weil ich die Netze entfernt habe. Denn die Spinnen lassen sich zum Glück nicht so schnell für immer vertreiben und haben ihr Netz in einer bis wenigen Stunden wieder gewebt.

Silberfischchen gegen Allergien und Schimmel

Beharrlich und gefühlt unbezwingbar sind auch die Silberfischchen (Lepisma saccharina), lichtscheue Insekten, die nachts aus sämtlichen Fugen kriechen. Vor allem im Bad – wohin ich mitunter flüchte, damit mich die Gelse nicht erwischt – huschen sie wie flinke silberfarbene Striche über die Fliesen. Künftig sollte ich ihnen allerdings dankbar sein, wenn ich sie sehe: Denn Silberfischchen fressen Hausstaubmilben und Schimmelpilze. Damit helfen sie nicht nur gegen Allergien, die durch den Kot der Milben ausgelöst werden können, sondern auch gegen eine Reizung der Atemwege durch den Schimmel.

Ein regelrechter Massenbefall durch Silberfischchen kann sogar als Frühwarnsystem dienen, weil er auf ein echtes Schimmelproblem hinweisen kann – die Insekten sollten daher nicht entfernt, sondern vielmehr gehegt und gepflegt werden. Umgekehrt deuten sie aber nicht zwingend auf Schimmel oder Milben hin, wenn du welche zuhause siehst: Denn sie fressen zum Beispiel auch Hautschuppen und können zur Not monatelang ohne Nahrung auskommen.


Silberfischchen Lepisma saccharina
Silberfischchen können auch monatelang ohne Nahrung auskommen.
© Von Christian Fischer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28984904

In dein Badezimmer gelangen sie meist über die Rohrleitungen, Ritze und Fugen, wo sie auch ihre Eier ablegen, und zwar rund 20 pro Weibchen. Nach zwei bis acht Wochen schlüpfen daraus Mini-Varianten der Silberfischchen, da sie – anders als die meisten anderen Insekten – keine Metamorphose mit Larven- und Puppenstadium durchlaufen. Das führt zu einer schnellen Vermehrung.

Leicht zu verwechseln sind die Silberfischchen mit den Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudatum), die allerdings etwas größer sind und am Hinterleib deutlich längere Fortsätze besitzen, die an Fäden erinnern. Außerdem haben diese es lieber trocken und warm und kommen daher zum Beispiel auch in deinem Schlafzimmer vor. Der allergrößte Unterschied ist jedoch, dass Papierfischchen offiziell als Materialschädlinge eingestuft werden, weil sie nicht nur Milben und Schimmelpilze, sondern auch größere Mengen an Papier und Kartonage fressen.

Beide gehören zur Ordnung der Fischchen (Zygentoma), die schon seit mehr als 300 Millionen Jahren unverändert auf der Erde existieren – das ist nur bei ganz wenigen Tieren der Fall.


Schlupfwespe der Gattung Trichogramma
Die Schlupfwespe wird nur wenige Millimeter groß.
© Trichogramma By Dr Victor Fursov - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64423904

Schlupfwespe schlüpft aus Mottenei

Noch kleiner als die bis zu einem Zentimeter großen Silberfischchen sind die Schlupfwespen der GattungTrichogramma. Sie messen nur etwa einen halben Zentimeter und sind zwar mit der (tatsächlich so benannten) Gemeinen Wespe verwandt, besitzen aber keinen Giftstachel. Auch fliegen können sie nicht, weil ihre Flügel verstümmelt sind. Deshalb hüpfen beziehungsweise flattern sie über kurze Strecken – und das hoffentlich in Richtung Küche oder Kleiderschrank. Denn: Sie vernichten nicht nur Lebensmittelmotten, sondern auch Kleidermotten. Das haben sie sich sogar zur Lebensaufgabe gemacht, indem sie die Eier der Motten gezielt suchen, um ein eigenes Ei hineinzulegen. Die heranwachsende Schlupfwespe frisst das Innere des Eis auf, sodass schließlich eine Schlupfwespe statt der Motte daraus schlüpft.

Diese Tatsache wird auch zur biologischen Schädlingsbekämpfung genutzt. In den meisten Fällen sind es kleine Kärtchen, auf denen sich bereits von Schlupfwespen parasitierte Motteneier befinden, die per Post verschickt werden. Hängst du diese in deinen Kleiderschrank, schlüpfen die Schlupfwespen aus den Eiern, und die Mottenvernichtung nimmt ihren Lauf.

Während diese also meine Motten fressen, die Spinnen meine Gelsen fangen und die Silberfischchen im Bad Jagd auf meine Milben machen, kann ich beruhigt andere Dinge zuhause erledigen – und auf jeden Fall meine Zeit nicht damit vergeuden, Spinnenweben zu entfernen.

Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Nachts sind nicht nur die Gelsen im Schlafzimmer und die Silberfischchen in ihrem Bad aktiv, sondern auch die Nachbarskatze streift durch den Garten. Warum diese im Dunkeln so gut sehen kann und welche Art von Lichtverstärkern sie in ihren Augen hat, wirst du in zwei Wochen an dieser Stelle lesen. Bei Motten funktionieren diese ganz anders – auch darum wird es in der nächsten Kolumne gehen.

Zu allen bereits erschienenen Kolumnen geht es hier.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die Große Zitterspinne (Pholcus phalangioides) ist ungefährlich und im Gegenteil sehr nützlich, weil sie lästige Insekten frisst. Sie ist Kosmopolitin und nahezu überall auf der Welt beheimatet – woher sie ursprünglich kommt, ist allerdings noch nicht geklärt. Die Art hat sich in gemäßigten Breiten im Vergleich zu den Tropen stärker durchgesetzt. Sie kommt in Europa vor allem in den südlichen Teilen vor, hat sich von dort nach Norden hin ausgebreitet und ist heute in fast jedem Zuhause zu finden, und zwar hauptsächlich in Kellern und ruhigen Ecken. Sie kann bis zu drei Jahre alt werden. Ihre teils großflächigen, unregelmäßigen Netze aus Fäden, die nicht kleben, fallen auf – vor allem, wenn sie verlassen und nach einiger Zeit verstaubt sind. (Naturschutzbund Deutschland)
  • Das kreisförmige Netz der Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus) in 1,5 bis 2,5 Metern Höhe dient zum Beutefang, zum Schutz und als Kommunikationsinstrument: Durch die Art der Vibrationen des Netzes erfährt die Spinne, ob es sich um Beute oder um eine:n Partner:in für die Fortpflanzung handelt. Da das Netz aus wertvollen Proteinen besteht, frisst die Spinne ihr altes Netz vor dem Bau eines neuen auf. Für den Bau presst sie aus den mikroskopisch kleinen Ausgängen der Spinndrüsen die gelähnliche, klebrige Seidenflüssigkeit heraus. An der Luft erhärtet der Spinnfaden. Als Beute kommen Insekten wie Fliegen oder Heuschrecken in Frage, das Opfer wird für gewöhnlich eingesponnen und damit immobilisiert. Nach der Lähmung durch einen Giftbiss spritzt die Gartenkreuzspinne Säfte zur Verdauung in den Körper des Opfers. Nachdem sich dessen essbaren Bestandteile aufgelöst haben, saugt die Spinne die Nahrung auf. Das Netz kann einen Durchmesser von bis zu 50 Zentimetern erreichen. (Nationalpark Donauauen)

Gartenkreuzspinne
Die Gartenkreuzspinne erkennst du gut an dem Kreuz auf dem Rücken.
© Von Johannes Robalotoff - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=165546479
  • Lepisma saccharina, wie die Silberfischchen auch heißen, kommen in fast allen Wohnungen und Häusern vor und sind nachtaktiv. Weil sie kohlenhydrathaltige Nahrung (Stärke, Zucker) benötigen, tragen sie auch die Bezeichnung „Zuckergast“. Silberfischchen können zu den Nützlingen gerechnet werden, weil sie sich unter anderem von Hausstaubmilben ernähren. Silberfischchen werden etwa zehn Millimeter groß und bis zu acht Jahre alt. Sie gehören zur Ordnung der Fischchen (Zygentoma), die es schon seit mehr als 300 Millionen Jahren gibt. Damit gehören sie zu den wenigen Tieren, die über Jahrmillionen unverändert auf der Erde existieren, wie zum Beispiel auch der Nautilus (ein Kopffüßer) und Triops (Urzeitkrebs). (Wir leben nachhaltig)
  • Papierfischen (Ctenolepisma longicaudatum) sehen ihren Verwandten, den Silberfischchen, sehr ähnlich, sind aber mit circa 15 Millimetern Körperlänge größer. Auch die Färbung ist im Gegensatz zu jener der Silberfischen eher braun als silbrig-grau. Besonders markant sind die drei langen Fortsätze am Hinterleib, die sogenannten beiden äußeren Cerci und das Terminalfilum. Papierfischchen werden zu den Materialschädlingen gezählt, weil sie große Mengen an Papier und Kartonage fressen können. (Umweltbundesamt.de)

Papierfischchen
Das Papierfischchen ist größer als das Silberfischchen und wird von Bibliotheken gefürchtet, weil es Papier frisst.
© Von Zampel - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=165294893
  • Trichogramma-Schlupfwespen sind nur 0,4 Millimeter große Feinde unterschiedlicher Schadschmetterlinge: Die Weibchen parasitieren kurz nach der Paarung deren Eier. Davor prüfen die Schlupfwespen mit Hilfe ihrer Antennen die Größe des Wirtseies. Kleine Schmetterlingseier werden mit nur einem Ei belegt, in größere Eier legen die Schlupfwespen mehrere Eier ab. Aus dem Wirtsei können dann beide Geschlechter der Schlupfwespe schlüpfen. (Landwirtschaftskammer.de)

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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