)
Es geht um Ressourcen, Territorien und Macht: Die Kämpfe der Ameisen auf meiner Terrasse ähneln jenen der Menschen.
Die eine Front nähert sich von links – die andere von rechts. In der Mitte liegt ein Stück Brot. Auf beiden Seiten werden es immer mehr Soldatinnen. Die linke Front ist früher am Ziel: Bei der Ressource, dem Brot, das sie von diesem Moment an bis auf den Tod verteidigt. Denn auch die rechte Front ist angekommen – und die Ameisen stürzen sich in den Kampf.
- Kennst du schon?: Sie wechseln ihr Geschlecht, sind Zwitter oder Klone
Was sich im Frühling auf meiner Terrasse abspielt, ähnelt den Kriegen in der Welt der Menschen: Es geht um Ressourcen, Territorien und Macht. Manchmal ziehen sich die Kämpfe in die Länge und betreffen immer größere Gebiete. Immer sind sie brutal, komplex und organisiert.
Die Großen werden eingezogen
Der Kampf der Rasenameise zum Beispiel ist nie fair. Ich habe sie beobachtet: Ihre Kriegsführung ist unerbittlich. Die unterschiedlichen Völker bilden Kolonien von bis zu 80.000 Arbeiterinnen rund um eine Königin. Die größeren (bis zu vier Millimeter groß) werden alle eingezogen und müssen als Soldatinnen in den Krieg. Sie setzen darauf, durch pure Überzahl zu gewinnen. Genderneutrales Formulieren ist hier nicht notwendig, denn männliche Ameisen werden ausschließlich für die kurze Paarungszeit produziert und haben nur eine Aufgabe: die junge Königin zu befruchten. Danach sterben sie.
Währenddessen verteidigen die Soldatinnen das Stück Brot auf meiner Terrasse und andere ihr Revier, das mehrere hundert Quadratmeter groß sein kann. Wieder andere ziehen in den Krieg, um Grenzen neu zu definieren. Sie setzen ihre scharfen Mundwerkzeuge, geformt wie Zangen, ein, um ihre Gegnerinnen zu zerteilen oder festzuhalten. Die Toten werden gefressen. Als letzte Konsequenz setzen sie ihren Giftstachel am Hinterleib ein. Am Ende ist der Verlust groß: Bis zu 80 Prozent der Soldatinnen auf der Verliererinnenseite können im Kampf getötet werden.
Nachtragend und gegen gute Nachbarschaft
Deutlich subtiler begegnet die Schwarze Wegameise ihren Artgenoss:innen. Je näher deren Nest ist, desto mehr hasst sie sie. Außerdem ist sie nachtragend: Forscher:innen der Universität Freiburg haben herausgefunden, dass sich die Schwarzen Wegameisen merken, ob es bei Treffen mit anderen Kolonien bereits zu Auseinandersetzungen wie Ringkämpfen oder sogar Ameisensäure-Attacken gekommen ist. Ist dem so, verhalten sie sich der jeweiligen Kolonie gegenüber um einiges aggressiver – auch wenn sie im Moment gar nicht angegriffen werden.
Haben sie noch keine negativen Erfahrungen gemacht, sind sie hingegen friedlich. Vorausgesetzt, sie treffen nicht ihre Nachbar:innen, denn: Je näher die fremden Kolonien angesiedelt sind, desto größer die Feindschaft. Die Ameisen haben einen ausgeprägten Geruchssinn; sie nehmen Gerüche über ihre Antennen wahr und können einander sprichwörtlich nicht riechen. Bei Nachbarschaftstreffen reagieren sie daher angriffslustig.
Soldatinnen effizient rekrutiert
Stehen die Zeichen auf Krieg, rekrutieren sie ihre Soldatinnen effizient, indem sie Ameisenstraßen bilden. Je größer die Kolonie, desto vehementer verteidigen sie das Nest.
Die Kolonien der Schwarzen Wegameise sind etwas kleiner als jene der Rasenameise, es gibt aber ebenfalls nur eine Königin. Dass die Rasenameisen auf meiner Terrasse auf Schwarze Wegameisen treffen, ist gut möglich, und dass sie einander bekriegen, ebenso. Man weiß ja nie. Um das Stück Brot wird es allerdings nicht mehr gehen, das haben die Siegerinnen längst gefressen. Sie werden aber bestimmt einen neuen Grund finden, um zu kämpfen.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Dass die Ameisen auf ihrer Terrasse Kolonien bilden, zeigt nicht nur, wie effizient sie Kriege führen, sondern auch, wie ausgeprägt ihr Sozialverhalten ist. Unter den Insekten sind sie damit in guter Gesellschaft: Allen voran sind Bienen, Wespen und Hornissen Paradebeispiele dafür, wie stark soziale Organisation in der Natur ausgeprägt sein kann – und sie zeigen, welche Vorteile das mit sich bringt. Mehr dazu in zwei Wochen.
Zu allen bereits erschienenen Kolumnen geht es hier.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die Gemeine Rasenameise (Tetramorium caespitum) gehört zu den häufigsten Ameisenarten. Sie zählt zu den Knoten- bzw. Stachelameisen (Myrmicinae) und trägt am Hinterleib einen mit einer Giftdrüse bewehrten Stachelapparat, den sie zum Beutefang und zur Verteidigung einsetzt. Rasenameisen leben überwiegend auf Wiesen und Rasenflächen. Ihre Nester liegen oft tief im Boden und sind mit Erde oder Ähnlichem abgedeckt. Häufig finden sie sich auch unter Gehwegplatten und Pflastersteinen. Eine Kolonie der Rasenameise kann aus bis zu 80.000 Arbeiterinnen und einer Königin bestehen. (Jarkov.de)
- Die Schwarze Wegameise (Lasius niger) ist eine sehr häufige Ameisenart. Als typische Kulturfolgerin ist sie in der Nähe des Menschen, zum Beispiel in Gärten und Parks, zu finden. Die Schwarze Wegameise ist staatenbildend, und pro Nest gibt es nur eine Königin, die über 20 Jahre alt werden kann. (Umweltbundesamt.de)
Quellen
- Rasenameise: Beratung - Bekämpfung - Prävention
- Schwarze Wegameise / Lasius Niger
- Rasenameise, Braune und Schwarze Wegameise
- Spektrum der Wissenschaft: Mundgliedmaßen
- Mélanie Bey, Rebecca Endermann, Christina Raudies, Jonas Steinle, Volker Nehring (2025): Associative learning of non-nestmate cues improves enemy recognition in ants, Current Biology, Volume 35, Issue 2, Pages 407-412.e3, ISSN 0960-9822
)
)
)
)