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Gemeinsam Nahrung beschaffen, Feinde bekämpfen und den Nachwuchs beschützen: Wer wie die Honigbienen in meinem Garten in einer Gruppe lebt, in der jede:r Einzelne eine bestimmte Aufgabe hat, hat höhere Überlebenschancen. Aber warum ist das so?
Putzen, Nahrung suchen und ständig in Bewegung: Wer würde das schon gern ein Leben lang machen? Die arbeitenden Honigbienen, die im Bienenstock ein paar Wiesen weiter soeben aus dem Winterschlaf erwachen, sind dazu verdammt. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, wie wichtig die Arbeit jeder Einzelnen für ein hochkomplexes soziales Gefüge ist. Es steigert sogar die Überlebenschancen – und zwar nicht nur bei den Honigbienen.
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Diese zeigen eine der höchsten Stufen des Sozialverhaltens im Tierreich, die sogenannte Eusozialität. Die drei wichtigsten Merkmale dafür sind, dass mehrere Generationen zusammenleben, dass sich die Bienen gemeinsam um den Nachwuchs kümmern und dass es eine strikte Arbeitsteilung gibt.
Die sterilen Arbeiterinnen bilden mit 20.000 bis 80.000 oder mehr Individuen den größten Teil des Bienenvolkes. Neben ihnen gibt es rund 1.000 männliche Drohnen und nur eine Königin. Alle sind miteinander verwandt: Die Drohnen sind die Söhne und die Arbeiterinnen die Töchter der Königin.
Fressen und gebären
Das weibliche Oberhaupt des Bienenvolkes sorgt nämlich ganz allein für die Fortpflanzung. Es legt bis zu 2.000 Eier pro Tag, frisst ausschließlich Gelée Royale, einen nahrhaften Saft aus den Drüsen der Arbeitsbienen, und lebt bis zu sechs Jahre lang. Ein spezieller Duftstoff, den die Königin verströmt, verhindert, dass die anderen Bienen Eier legen. Die einzige Aufgabe der Drohnen wiederum ist, junge Königinnen auf deren Hochzeitsflügen zu befruchten. Sie besitzen keinen Stachel, sind größer als die Arbeiterinnen und werden im Spätsommer im Rahmen der sogenannten Drohnenschlacht alle aus dem Stock geworfen – im Alter von rund 50 Tagen.
Und die Arbeiterinnen? Sie teilen sich die Aufgaben auf: Einige sammeln Nektar – eine einzelne Biene kommt in ihrem gesamten Leben auf circa einen Teelöffel Honig –, andere verteidigen den Stock oder reparieren die Waben. Ein paar Auserwählte bilden den Hofstaat und füttern die Königin, und die Jüngeren putzen die Brutzellen.
Heizerinnen und Ersthelferinnen
Dort, bei der Brut, sorgt auch eine Spezialeinheit durch Zittern mit ihrer Flugmuskulatur dafür, dass die Temperatur konstant bei 35 Grad Celsius bleibt. Nach etwa einer halben Stunde sind die Bienen von dieser ständigen Bewegung aber so erschöpft, dass sie dringend Honig brauchen. Selbst für den Weg zu den honiggefüllten Waben fehlt ihnen die Kraft. Deshalb eilen ihnen die sogenannten Spenderbienen zu Hilfe und flößen ihnen von Mund zu Mund Honig ein.
Je nach Intensität der Aufgabe werden die Arbeiterinnen des Sommers vier bis sechs Wochen alt. Jene, die im Winter den Stock durch kollektives Muskelzittern warmhalten, leben bis zu sechs Monate lang.
Fluch und Segen: das Kollektiv
Die Kehrseite der Medaille: Der Honigbienenstock funktioniert ausschließlich als Kollektiv. Würden die Bienen von diesem getrennt werden, sterben sie. Und dennoch: Letztendlich leben soziale Tierarten länger. Das zeigt eine Studie der Universität Oxford in England, für die 152 Tierarten von den Säugetieren bis hin zu den Korallen untersucht wurden. Konkret auf eusoziale Insekten wie die Honigbienen, aber auch auf Ameisen und Termiten bezogen, beeinflusst deren Arbeitsteilung die Demografie: Dadurch, dass sie gemeinsam Nahrung beschaffen und diese aufteilen, dass sie einander beschützen und sich um den gesamten Nachwuchs kümmern, leben sie laut Studie insgesamt länger und können sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich fortpflanzen als Einzelgänger:innen.
Auch einige der Wespen, die mich draußen beim Honigbrot-Essen ständig stören, sind eigentlich sozial, wenn man es aus biologischer Sicht betrachtet. Die Gemeine Wespe zum Beispiel bildet Mitte April organisierte Staaten mit bis zu 10.000 Individuen und einer Königin, in denen Arbeitsteilung herrscht. Anders als bei den Honigbienen überleben die Wespen den Winter allerdings nicht: Sie sterben gegen Ende des Jahres, und der Staat bricht zusammen. Nur die befruchteten Jungköniginnen retten sich in einen geschützten Schlupfwinkel außerhalb des Nests, wo sie den Winter überdauern. Im nächsten Frühling gründen sie einen neuen Staat – und ich werde mein Honigbrot also weiterhin gegen Wespen verteidigen müssen.
Hummeln leben zwar auch sozial, bilden aber vergleichsweise kleine Völker mit meist nur 50 bis 600 Tieren. Diese sind ebenfalls einjährig und zerfallen im Herbst, wenn die Hummeln sterben.
Die meisten leben allein
Dass Honigbienen, Wespen und Hummeln dieses Sozialverhalten zeigen, ist unter den Insekten die Ausnahme: Die meisten Arten leben solitär – also allein. Zahlreiche weitere Gründe wie der Verlust der Lebensräume durch die Besiedelung des Menschen und der Klimawandel führen dazu, dass Österreichs Insekten immer weniger werden. Seit 1990 hat sich deren Anzahl bereits um drei Viertel reduziert, heißt es im Insektenatlas der Umweltschutzorganisation Global 2000. Die Artenvielfalt ist seitdem um rund ein Drittel gesunken. Und selbst der Honigbiene hilft ihr Sozialverhalten nur bedingt: Vor allem die Dünger in der Landwirtschaft setzen ihrem Bestand zu.
Ihr Besuch in meinem Garten sollte mich also ehren, anstatt ihn als selbstverständlich zu betrachten. Dasselbe gilt für all die Arbeit, die die Biene für mich leistet und ohne die ich nicht einmal ein Honigbrot essen könnte – und dadurch auch nicht vor den Wespen verteidigen müsste.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Dort wimmelt es nur so von Insekten und von vermeintlichem Unkraut, das sie bestäuben. Doch diesen Namen tragen zum Beispiel Wildkräuter zu Unrecht: Denn viele haben heilende Kräfte – und manche schmecken sogar gut. Mehr dazu erfährst du hier in zwei Wochen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die Honigbiene (Apis mellifera) kann nur im Verband existieren und überleben. Eine einzeln gehaltene Honigbiene wird trotz bester Haltung und Pflege schon nach kurzer Zeit sterben, weil sie den sozialen Kontakt mit ihren Artgenossen benötigt. Honigbienenvölker sind in der Lage, als Volk mit rund 20.000 Bienen zu überwintern. In dieser Zeit ernähren sie sich von den im Sommer angelegten Honigvorräten (oder von durch den Imker gefüttertem Zuckerwasser, da dieser den Honig regelmäßig entnimmt). Die Königin bleibt in dieser sogenannten Wintertraube stets in der warmen Mitte, die die Bienen durch ständiges Zittern mit ihrer Flugmuskulatur „heizen“, wodurch sie das gesamte Volk vor dem Erfrieren bewahren. (Naturschutzbund Deutschland)
- Hummeln (Bombus spp.) lassen sich als „primitiv eusoziale“ Wildbienen beschreiben: Sie leben nicht einzeln, sondern in Völkern beziehungsweise Staaten, die immer aus zwei Generationen bestehen: der Königin und ihren Töchtern (den Arbeiterinnen) und Söhnen (Drohnen). Die Insekten haben eine Arbeitsteilung entwickelt: Einige der unfruchtbaren Weibchen sind ausschließlich Sammlerinnen, andere als „Stockhummeln“ für Bau, Pflege, Belüftung und Verteidigung des Nests und für die Larvenfütterung zuständig; eine kleine privilegierte Gruppe der Arbeiterinnen kümmert sich ausschließlich um die Königin, um diese schließlich zu verdrängen und selbst unbefruchtete Drohneneier zu legen. Drohnen haben nur eine einzige Aufgabe: die Begattung der jungen Königinnen. (wildbienen.de)
- Innerhalb der gesamten Kolonie der Gemeinen Wespe (Vespula vulgaris) ist das Zusammenleben arbeitsteilig organisiert. Die einzelnen Individuen gehen bestimmten Aufgaben nach wie Nestbau, Larvenfütterung, Zellensäuberung, Nahrungsbeschaffung und Versorgung der Wespenkönigin. (Naturschutzbund Deutschland)
- Der Begriff Eusozialität beschreibt jene soziale Struktur im Tierreich, in der Artangehörige meist unterschiedlicher Generationen ohne zeitliche Unterbrechungen zusammenleben und dabei verschiedene Arbeitsfunktionen untereinander aufteilen (Arbeitsteilung): Sie bilden eine artspezifische Fortpflanzungsgemeinschaft. Eusoziale Strukturen ergeben sich als Entwicklungstrends mehrfach im Evolutionsgeschehen (zum Beispiel staatenbildende Insekten, Nacktmulle) und scheinen unter bestimmten Bedingungen optimale Strategien der Anpassung zu sein, um eine populationserhaltende Reproduktion zu erreichen, obwohl bei weitem nicht alle Mitglieder der eusozialen Struktur zur Fortpflanzung kommen. Bei den Honigbienen pflanzt sich zum Beispiel nur die Königin fort. (Spektrum.de, Lexikon der Biologie)
- Solitär lebende Bienen, auch Einsiedlerbienen genannt, bauen ihre Nester und versorgen ihre Brut ohne Mithilfe von Artgenoss:innen. Daher gibt es bei ihnen auch keine Arbeitsteilung und kein Speichern von Vorräten wie bei Hummeln und Honigbienen. Jedes Nest enthält nur ein Weibchen, das im Laufe seines vier- bis achtwöchigen Lebens ganz allein 4 bis 30 Brutzellen baut und versorgt. (Wildbienen-Info)
- Eine einzelne Biene kommt in ihrem Leben gerade einmal auf einen Teelöffel voll Honig. Für 400 Gramm Honig fliegt ein ganzes Volk fast dreimal um die Erde. Damit wir zum Frühstück ein Honigbrot genießen können, ist also eine ganze Menge Arbeit für die Insekten notwendig. (nearbees.de)
- Individuelle Unterschiede in der Geselligkeit sind ein zentrales Merkmal jeder Gesellschaft. Dazu gehören Honigbienen, von denen einige gut vernetzt und gesellig sind, während andere am Rand des sozialen Netzwerks ihrer Kolonie stehen. Die genetischen und molekularen Grundlagen der Geselligkeit sind jedoch nur wenig verstanden. Trophallaxis – ein Verhalten, bei dem flüssige Nahrung geteilt wird – stellt eine soziale Interaktion und einen Proxy für Geselligkeit in Honigbienenkolonien dar: Geselligere Bienen üben mehr Trophallaxis aus. (Plos Biology)
- Roland Berger, der ein benachbarter Imker der Autorin in St. Andrä-Wördern ist, bietet dort die sogenannte Apitherapie an. Darunter versteht man ganz generell die Anwendung von Bienenprodukten wie Honig, Bienengift, Propolis, Pollen, Gelèe Royale, Bienenwachs und Bienenluft zur Vorbeugung und Heilung von Krankheiten. Bei Roland Berger kann man Bienenstockluft inhalieren.
- Forscher:innen rund um Jürgen Tautz der Universität Würzburg in Deutschland haben ein neues Bildungsprojekt namens Beeactive ins Leben gerufen. Dieses funktioniert via App, über die die Teilnehmer:innen – zum Beispiel Schüler:innen – an einer Stelle freier Wahl mit ihren Smartphones ein virtuelles Bienenvolk aufbauen und es mit Fotos echter Blumen „füttern“, die sie zum Beispiel im Park finden. So können sie spielerisch Pflanzen kennenlernen, während sie sich gleichzeitig mit dem Leben der Bienen und anderer Insekten beschäftigen. Die zugehörige Begleitforschung zu Beeactive wird vom Lehrstuhl für Didaktik der Biologie und Chemie an der Universität Bayreuth durchgeführt. Die App ist kostenlos.
Quellen
- Rebecca Basile, Christian W.W. Pirk, Jürgen Tautz.(2008) Trophallactic activities in the honeybee brood nest – Heaters get supplied with high performance fuel. Zoology, Volume 111, Issue 6, Pages 433-441, ISSN 0944-2006.
- Salguero-Gómez R. (2024) More social species live longer, have longer generation times and longer reproductive windows. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 2024 Dec 16;379(1916):20220459. doi: 10.1098/rstb.2022.0459. Epub 2024 Oct 28. PMID: 39463247; PMCID: PMC11513647.
- Ostwald, M. M., da Silva, C. R. B., & Seltmann, K. C. (2024). How does climate change impact social bees and bee sociality? Journal of Animal Ecology, 93, 1610–1621. https://doi.org/10.1111/1365-2656.14160
- Traniello IM, Avalos A, Gachomba MJM, Gernat T, Chen Z, et al. (2025) Genetic variation influences food-sharing sociability in honey bees. PLOS Biology 23(9): e3003367.
- Pflicht und Ordnung: das Leben der Honigbienen (nearbees.de)
- Die Lebewesen in einem Bienenvolk (bieneneber.ch)
- Wie lange lebt eine Arbeiterbiene? Lebensdauer, Faktoren und Strategien (PollenPaths)
- Hummeln verstehen und entdecken (Deutsche Wildtier Stiftung)
- Rote Liste der Hummeln Österreichs (Umweltbundesamt)
- Insektenatlas von Global 2000
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