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Pilze, Bakterien und Würmer: Ohne sie hätten wir ein noch größeres Müllproblem. Manche fressen sogar dein Plastik. Sie sind die Heroes der Zukunft.
Eigentlich esse ich den Apfelbutzen ja meistens mit. Ich bin grundsätzlich Team Müllvermeidung, und das gelingt mir auch recht oft – aber nicht immer. Und auch auf meinen Apfelbutzen habe ich nicht jedes Mal Lust. So wie heute, weshalb er diesmal im Biomüll landet, in meinem Fall in einem Eck in meinem Garten. Mein Abfallberg wird dadurch trotzdem nicht größer, weil ich dort einfach andere an der Vernichtung meiner Essensreste arbeiten lasse: Bakterien zum Beispiel, die sich durch meinen Müll fressen. Und Regenwürmer, die deren vorverdaute Überbleibsel schließlich in Kompost umwandeln.
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Die wahren Heroes der Zukunft sitzen aber tausende Kilometer weiter in Forschungszentren wie in den USA oder Japan und stecken noch in den Kinderschuhen: plastikfressende Bakterien, die Kunststoffe innerhalb kürzester Zeit zersetzen. Doch dazu später.
Alkohol wird zu Essigsäure
Zuerst zurück zu meinem Apfelbutzen und dem Biomüll. Unmittelbar nachdem er dort gelandet ist, beginnen zuerst die Bakterien den Zucker und andere organische Stoffe zu zersetzen. Je nach vorhandenem Sauerstoff werden hier aerobe (also Sauerstoff liebende) oder anaerobe (ohne Sauerstoff lebende) Bakterien aktiv. Aerobe Bakterien arbeiten an der Oberfläche und sorgen für eine schnelle Verrottung der Abfälle; zu ihnen zählen Gattungen wie Pseudomonas oder Bacillus. Anaerobe Bakterien wie Milch- oder Essigsäurebakterien (Lactobacillus beziehungsweise Acetobacter) übernehmen, wenn ich direkt auf meinen Apfelbutzen Äste oder Blätter werfe, sodass der Sauerstoffgehalt sinkt. Acetobacter etwa wandelt Alkohole unter Sauerstoffmangel in Essigsäure um.
Dass anaerobe Bakterien am Werk sind, ist nicht zu übersehen – beziehungsweise zu überriechen. Denn bei der Zersetzung ohne Sauerstoff entstehen Gärungs- und Faulgase wie Schwefelwasserstoff, der nach faulen Eiern riecht, und mein Biomüll beginnt zu stinken.
Kraftpaket Pilz
Wer all diesen Bakterien – hunderte Millionen bis zu Milliarden – und Zersetzungsprozessen standhält, ist der Stängel meines Apfelbutzens. Er besteht aus holzigem Pflanzengewebe. Um ihn in seine Einzelteile zu zerlegen, braucht es mehr Energie. Deshalb übernehmen an dieser Stelle die Pilze: wahre Kraftpakete, die komplexe organische Verbindungen knacken, an denen die Bakterien scheitern.
Schimmelpilze wie Penicillium oder Aspergillus sind mit ihrem weiß-grünlichen Geflecht, mit dem sie den Biomüll überziehen, leicht zu erkennen. Sie zersetzen von der Stärke bis hin zu den Kohlenhydraten fast alles. Für den holzigen Stängel – dieser besteht aus Zellulose und Lignin – sind spezielle Pilze wie Coprinus zuständig. Umgangssprachlich heißen sie Tintlinge, und du hast sie vielleicht schon öfter gesehen: Sie stechen durch ihren weißen, walzen- bis glockenförmigen Hut und ihren langen Stiel hervor. Im Alter verdauen sich Tintlinge selbst und werden zu einer schwarzen Flüssigkeit – der sogenannten Tinte.
Kot wird zu Humus
Während die Bakterien und Pilze die organischen Stoffe abbauen, setzen sie Energie in Form von Wärme frei, und die Temperaturen im Biomüll können auf bis zu 70 Grad Celsius klettern. Erst danach, sobald der Haufen wieder abgekühlt ist, wandern Bodentiere wie Regenwürmer oder Asseln ein und finalisieren die Umwandlung meines Apfelbutzens in wertvollen Humus. Wie sie das anstellen, ist nicht gerade appetitlich: Der Humus ist deren Kot. Er entsteht, indem sie die von den Bakterien vorverdauten Reste fressen, sie gemeinsam mit Mikroorganismen im Verdauungstrakt zersetzen und wieder ausscheiden. Aus rund zehn Kilogramm Biomüll entsteht auf diesem Weg etwa ein Kilogramm Humus.
Und das rasend schnell: Bis mein Apfelbutzen komplett verschwunden ist, vergehen nicht einmal drei Wochen. Eine Printzeitung braucht für den Zerfall hingegen bis zu drei Jahre, ein Papiertaschentuch bis zu fünf und eine Plastikflasche zwischen 100 und 500 Jahre.
Das Problem dabei: Bakterien und Pilze können die stabilen chemischen Ketten des erdölbasierten Plastiks nicht verdauen. Es verrottet daher nicht im biologischen Sinn, sondern zerfällt durch Sonne, Wind und Wasser in immer kleinere Teile: in Mikroplastik.
Plastik als Energiequelle
Wie würde da wohl eine Welt ausschauen, in der es auch plastikfressende Bakterien gibt? Sie wäre nicht nur um gigantische Müllberge ärmer, sondern auch um das Mikroplastik, das sich in der Umwelt und im Menschen anreichert.
Diese Welt ist zwar noch in weiter Ferne – sie rückt aber näher: Japanische Wissenschaftler:innen haben 2016 Ideonella sakaiensis entdeckt, das den Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET) verstoffwechseln kann. Das Bakterium baut das feste Plastik in ökologisch unbedenkliche Zwischenprodukte ab und nutzt diese als Nahrungs- und Energiequellen. Aktuell frisst Ideonella aber noch viel zu langsam, um das globale Plastikmüll-Problem zu lösen.
Weitere Studien folgten, und mittlerweile wurden auch andere Bakterien beziehungsweise Fähigkeiten an ihnen entdeckt, die den Plastikmüll eindämmen könnten. Die genetisch veränderte Überdauerungsform von Bacillus subtilis etwa – eine Art widerstandsfähige Zeitkapsel – wird direkt in das Plastik gemischt. Sobald sie durch Wärme und Nährstoffe aktiviert wird, wird sie zum Bakterium, das das Plastik frisst. Doch auch hier gibt es Hürden für einen großflächigen Einsatz: Die Bakterien müssen genetisch verändert werden, und der Einsatz solcher modifizierter Organismen unterliegt in der EU strengen rechtlichen Richtlinien. Vor Kurzem hat sich allerdings eine weitere Möglichkeit aufgetan: Die 18-jährige Arya Satheesh aus Irland hat einen Kunststoff entwickelt, der sich nicht nur zersetzt, sondern auch Enzyme freisetzt, die Mikroplastik abbauen. Ihr Ziel ist nun, diesen so weiterzuentwickeln, dass daraus Verpackungen hergestellt werden können. Eine Herausforderung, denn: Aktuell sind abbaubare Kunststoffe nicht robust genug, um den Alltag zu überstehen.
In den Kläranlagen der Zukunft könnten jedenfalls plastikfressende Bakterien die nächsten sein, die unseren Müll vernichten. Für mich stehen diesen allerdings die Bakterien, Pilze, Regenwürmer und Asseln von heute um nichts nach. Denn allein die Tatsache, dass sie schon so lange – so lange, wie es den Menschen gibt – dessen Biomüll fressen, macht sie zu genauso großen Held:innen.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Ganz egal, ob sie gerade zu ihrem Biomüll, zum Gemüsebeet oder in Richtung Bienenstock ein paar Wiesen weiter geht: Der Kontakt mit der Natur hilft, ein positiveres Körperbild und somit eine höhere Lebenszufriedenheit zu erlangen. Was du vielleicht schon öfter auch an dir selbst bemerkt hast und welche Mechanismen diesem Effekt zugrunde liegen, haben nun Wissenschaftler:innen aus Großbritannien näher erforscht. Es war die größte multinationale Studie dieser Art, die jemals durchgeführt worden ist. Was dabei herausgekommen ist und was das alles mit dir zu tun hat, kannst du hier in zwei Wochen lesen.
Zu allen bereits erschienenen Kolumnen geht es hier.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Unterschiedlichste Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien und andere Mikroorganismen leben in unserem Boden. In einer Handvoll Bodenerde tummeln sich mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Für sie ist unser Boden Nahrungsquelle und Lebensraum. (Naturschutzbund Nabu Deutschland)
- Pseudomonas und Bacillus sind natürliche, allgegenwärtige Bodenbakterien. Im Biomüll und auf dem Komposthaufen spielen sie eine zentrale Rolle beim Abbau organischer Stoffe. (Universität Halle)
- Essigsäurebakterien zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Atmungsstoffwechsel aus Zuckern und Alkoholen durch eine unvollständige Oxidation Ketone bilden, die vorübergehend oder als Endprodukt ausgeschieden werden. Besonders wichtig ist die Umwandlung von Ethanol in Essigsäure. (Spektrum.de)
- Essigsäurebakterien verursachen den weitverbreiteten, sogenannten Essigstich, durch den Wein verdirbt. Daher soll in dem Projekt BAKT.WEIN erforscht werden, wie Essig- und Milchsäurebakterien rasch identifiziert werden können, um die Gefahr des Essigstichs möglichst frühzeitig zu erkennen und einem Verderb vorzubeugen. (Dafne.at)
- Schimmelpilze kommen über Sporen an die Orte der Zersetzung. Die Gattung der Tintlinge (Coprinus) ist in Mitteleuropa mit mehr als 100 Arten vertreten. (Bundesgütegemeinde Kompost)
- Der Regenwurm ist eines der stärksten Tiere der Erde. Zumindest im Verhältnis zu seiner Körpergröße. Im 16. Jahrhundert hieß der Regenwurm noch „reger Wurm“, weil er ständig arbeitet und frisst. Mit Regen hat der Name nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Regen endet häufig tödlich für den Wurm. Nicht etwa, weil er ertrinkt – es haben schon Regenwürmer in Erde überlebt, die fast ein Jahr lang überschwemmt war. Der Wurm wird vielmehr durch die Vibration der Regentropfen aus der Erde an die Oberfläche gelockt, und dort erwarten ihn zerstörerisches UV-Licht oder eine hungrige Amsel. (Naturschutzbund Nabu Deutschland)
- Kompostierung ist kein mechanischer Vorgang, kein Zufall oder Zauberei, sondern ein natürlicher biologischer Umwandlungsprozess, der gewissen Grundregeln folgt. Nach acht bis zwölf Wochen ist der Kompost reif, kann gesiebt und anschließend zum Düngen genutzt werden. Wichtig sind die richtige Mischung und ein ausgewogenes Verhältnis an kohlenstoff- und stickstoffreichen Ausgangsmaterialien sowie die Zugabe von Erde, die zu zehn Prozent aus Ton bestehen sollte. (Unsere Umweltprofis)
- In Proben aus einer Recyclingstation für PET-Flaschen stießen Wissenschaftler:innen aus Kyoto, Yokohama und Yamaguchi auf ein bisher einzigartiges Bakterium. Der Mikrobenstamm Ideonella sakaiensis wurde in einem Konsortium mehrerer Mikroorganismen identifiziert und ist in der Lage, die Polymerketten des Kunststoffs Polyethylenterephthalat (PET) zu knacken. Die Untersuchungen ergaben, dass sich Ideonella sakaiensis überraschend an den PET-Oberflächen anheften kann und dort ein hochspezifisches Enzym (PETase) ausstößt, das wiederum die chemischen Bindungen im Kunststoff aufbricht. (Bioökonomie.de)
- In Wien gibt es drei Müllverbrennungsanlagen für Restmüll. Diese stehen in der Pfaffenau, in der Spittelau und am Flötzersteig. Gefährliche Abfälle, Klärschlamm und Restmüll werden im Wirbelschichtofen 4 im Werk Simmeringer Haide verbrannt. (wien.gv.at)
Quellen
- Bioabfall: Was in die Biotonne kommt (oesterreich.gv.at)
- Warum bilden Pilze Antibiotika? (Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie)
- Mikroplastik – Gefahr für Mensch & Umwelt (Greenpeace)
- Bauen Mikroorganismen Plastik ab? (Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie)
- A bacterium that degrades and assimilates poly(ethylene terephthalate). Science 351, 1196-1199 (2016).
- Burgin, T., Pollard, B.C., Knott, B.C. et al. The reaction mechanism of the Ideonella sakaiensis PETase enzyme. Commun Chem 7, 65 (2024).
Das Thema in der WZ
- Podcast „Weiter gedacht“: #92 Der Entdecker des Mikroplastiks im Menschen
- Weg mit dem Plastikdreck
- Plastik ist in aller Munde. Macht es krank?
- Nur weil es unsichtbar ist, ist es nicht ungefährlich
Das Thema in anderen Medien
- Augsburger Allgemeine: So lange braucht unser Abfall, um in der Natur zu verrotten
- watson.ch: Kompostieren ohne Garten? Meine 500 Regenwürmer erklären dir, wie das geht
- Frankfurter Allgemeine: Rettung durch plastikfressende Bakterien?
- Spektrum.de: Mottenraupe frisst gern Plastik
- Euronews: Irische Achtzehnjährige kämpft mit preisgekrönter Erfindung gegen Mikroplastik-Krise
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