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Fruchtfliegen-Männchen „trinken“ aus Liebeskummer, Wespen für den Energieschub: Auch Tiere berauschen sich gezielt. Wie das genau funktioniert, liest du hier.
Torkelnde Igel und Eichhörnchen, die nicht mehr klettern konnten: Ich habe schon so einige berauschte Tiere gesehen, die wohl die eine oder andere vergorene Frucht zu viel gefressen hatten. Oder zuletzt eine dicke Fleischfliege, die in mein Weinglas gefallen war. Also Tiere, die auf der Suche nach Futter zufällig an Zucker geraten, der nach der Gärung zu Alkohol geworden ist. Was ich bisher aber nicht wusste, ist, dass sich manche von ihnen ganz gezielt berauschen – genauso wie der Mensch.
- Kennst du schon?: Gelsen oder Spinnen?
Zum Beispiel einige Arten der Fruchtfliege Drosophila. Mich nerven diese kleinen Fliegen ja immer, wenn sie jetzt im Sommer um meinen Obstkorb herumfliegen, um schließlich auf den überreifen Früchten zu landen, die schon nach Alkohol riechen. Dahinter könnte allerdings Liebeskummer stecken. Denn die Männchen ertränken ihre Sorgen in Alkohol, wenn sie von einer potenziellen Sexualpartnerin zurückgewiesen worden sind – die Weibchen wiederum trinken, um weniger wählerisch zu werden. Ersteres haben Forschende aus San Francisco herausgefunden und in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. Dass Alkohol die weiblichen Fliegen lockerer macht, ist wiederum im britischen Biological Journal of the Linnean Society zu lesen.
Weibchen als Belohnung
Zuerst zu den Männchen: Grund für deren Trinkverhalten sei das Belohnungssystem des Gehirns, heißt es in der Studie. Konkret am Beispiel der Art Drosophila melanogaster bedeute das: Das Männchen wird auf natürliche Art und Weise „belohnt“, wenn es das begehrte Weibchen bekommt und kopulieren kann. Ist das nicht der Fall, sucht es gezielt den Alkohol, der dieses System manipuliert, indem er ebenfalls das Empfinden, belohnt zu werden, erzeugt.
Anders gesagt: Die Paarung erhöht den Spiegel des sogenannten Neuropeptid-F (NPF) im Körper des Männchens, während sexueller Entzug ihn senkt. Ein hoher NPF-Spiegel in der Fliege bedeutet also positive Signale, die mit dem Gefühl der Belohnung vergleichbar sind. Ist er hingegen gering, weil das Weibchen davongeflogen ist, verstärkt das das Verlangen der Fliege nach Alkohol – denn genauso wie eine Paarung erhöht dieser den NPF-Spiegel, was auf das Männchen schließlich ebenfalls belohnend wirkt. Neuropeptide sind Stoffe, die in den Nervenzellen hergestellt werden. Sie steuern unterschiedliche Empfindungen wie auch Hunger oder Schlafbedürfnis. Der Alkohol nutzt diese neuronalen Schaltkreise, wodurch selbst Fliegen süchtig nach ihm werden können.
Aufwachsen im Alkohol
Alkohol, konkret das durch die Gärung von Zucker entstehende Ethanol, spielt generell eine große Rolle im Leben der Fruchtfliege. Er wird ihnen quasi in die Wiege gelegt: Viele Drosophila-Arten legen ihre Eier auf gärende Früchte. Es ist daher naheliegend, dass der Alkohol in weiterer Folge die Partnerwahl beeinflusst – und zwar jene der Weibchen der Art Drosophila simulans, die laut der Forscher:innen der britischen Studie weniger wählerisch sind, sobald sie getrunken haben. Außerdem paaren sie sich schneller. Der Vorteil dabei: Die sexuelle Selektion wird geringer und die Weibchen legen mehr Eier.
Wenn ich mich künftig über die Fruchtfliegen bei meinem Obst ärgere, werde ich also zusätzlich das Bild der Eier und Larven darauf wohl nicht aus dem Kopf bekommen. Warum sie das machen, hat einen tieferen Grund: Gärende, alkoholhaltige Früchte schützen den Nachwuchs vor zahlreichen Parasiten, weil das Ethanol für viele giftig ist. Die Fliegenlarven selbst haben im Lauf der Evolution eine hohe Toleranz dagegen entwickelt.
Schnelle Energie
Und auch Wespen lieben Hochprozentiges. Der gärende Fruchtzucker von auf den Boden gefallenem Obst wie Zwetschgen, Äpfeln oder Birnen liefert schnelle Energie – und außerdem riecht er besonders intensiv und gut, was sie anlockt. Dasselbe gilt für Schmetterlinge: Unter ihnen sind es vor allem der tief schwarzbraun gefärbte Admiral mit seinen orangeroten Streifen sowie das Tagpfauenauge, die Richtung Alkohol fliegen. Bei einigen Männchen soll der Alkoholgehalt sogar die Qualität der Spermienpakete für die Paarung verbessern – beim Menschen ist das nachweislich umgekehrt.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Abends haben es die Tiere draußen vielleicht noch immer lustig – schlafen kann sie aber aus einem anderen Grund nicht: Die Gelsen, die um sie herum surren, lassen es nicht zu. Was das mit den Spinnen zu tun hat, die sie kurz davor entfernt hat, und welche anderen kleinen Helfer:innen sie noch zuhause hat, die sie vor Allergien und Motten schützen – das kannst du hier in zwei Wochen lesen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Fruchtfliegen, auch bekannt als Tau- oder Essigfliegen, sind für viele nichts anderes als kleine Störenfriede, die sich im Sommer in unseren Küchen vermehren. Für die Wissenschaft sind sie aber viel mehr als das. Drosophila melanogaster gehört nämlich zu den am besten erforschten Organismen in der Biologie und war für viele bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet der Genetik und Entwicklungsbiologie maßgeblich. Auch zahlreiche Erkenntnisse der modernen Medizin basieren auf Grundlagen, die durch die Fliegenforschung geschaffen worden sind. Mithilfe von Studien zu Drosophila melanogaster wurde zum Beispiel die Chromosomentheorie der Vererbung entwickelt, für die Thomas H. Morgan 1933 den Nobelpreis erhielt. (Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik)
- Die Wahrnehmung und Verarbeitung belohnender Ereignisse ist für das Überleben unerlässlich. Bei Drosophila wurde gezeigt, dass mehrere Gruppen von Neuronen die Belohnungswahrnehmung oder -verarbeitung vermitteln. Daran wesentlich beteiligt ist die Aktivierung von Neuropeptid-F-(NPF)-Neuronen. (Dissection of the Drosophila neuropeptide F circuit using a high-throughput two-choice assay)
- Neuropeptide sind Peptide (aus mehreren Aminosäuren aufgebaute Kettenmoleküle), die im zentralen Nervensystem lokalisiert sind, oft nur in kleinen Arealen, und die als Neurotransmitter, Neuromodulatoren und Neurohormone das Verhalten beeinflussen. Zu den vielfältigen Effekten der Neuropeptide gehört auch ihre Rolle in der Schlafregulation. (Springer Medizin)
- Schmetterlingsarten wie der Zitronenfalter ernähren sich hauptsächlich von Nektar. Ihre Nahrung nehmen die Schmetterlinge dabei mit ihrem langen Saugrüssel auf, den sie zwischen den Mahlzeiten einfach einrollen können. Allerdings gibt es auch Schmetterlinge, die eine andere Ernährung bevorzugen. Manche, wie das Kleine Nachtpfauenauge, fressen in ihrer kurzen Lebensspanne gar nichts und haben verkümmerte Rüssel. Andere Schmetterlinge bevorzugen als Nahrung Pflanzensäfte oder Fallobst, einige ernähren sich sogar, indem sie den Honigtau der Blattläuse nutzen. In tropischen Regionen gibt es exotische Falter, die Tränen, Schweiß oder sogar Blut als Nahrungsquelle nutzen. (Plantura)
- Der Admiral (Vanessa atalanta) ist ein Schmetterling, den man an seinen roten Binden auf den Vorder- und Hinterflügeln erkennt. Er ist ein „Wandervogel“ unter den Schmetterlingen, denn er fliegt jedes Jahr im Frühling über die Alpen vom Mittelmeerraum in den Norden und im Herbst wieder zurück. Er ist häufig in Gärten, Wiesen und an Waldrändern anzutreffen. Die ausgewachsenen Tiere saugen an Schmetterlingsflieder oder Brombeeren. Vor allem im Herbst saugen die Falter auch gern an Fallobst und Efeublüten. Die Raupen hingegen ernähren sich ausschließlich von Brennnesseln. (Naturschutzbund Deutschland)
Quellen
- Stechmücken, Fruchtfliegen und Wespen – Plädoyer für einen naturverträglichen Umgang (Naturschutzbund Niedersachsen)
- Archer, C. R., Alper, C., Mack, L., Weedon, M., Sharma, M. D., Sutter, A., Hosken, D. J.: Alcohol reduces choosiness and relaxes mate preferences in female Drosophila simulans, Biological Journal of the Linnean Society, Volume 143, Issue 1, blad165 (2024)
- Bowland A., Melin A., Hosken D., Hockings, K., Carrigan, M.: The evolutionary ecology of ethanol, Trends in Ecology & Evolution, 40, 67-79 (2024)
- Ricci E., Al Beitawi S., Cipriani S., Candiani M., Chiaffarino F., Viganò P., Noli S., Parazzini F.: Semen quality and alcohol intake: a systematic review and meta-analysis, Reprod Biomed Online,34(1):38-47. doi: 10.1016/j.rbmo.2016.09.012. Epub 2016 Oct 18. PMID: 28029592 (2017)
- Shao, L., Saver, M., Chung, P., Ren, Q., Lee, T., Kent, C.F., Heberlein, U.: Dissection of the Drosophila neuropeptide F circuit using a high-throughput two-choice assay, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 114 (38) E8091-E8099, https://doi.org/10.1073/pnas.1710552114 (2017)
- Shohat-Ophir, G. et al.; Sexual Deprivation Increases Ethanol Intake in Drosophila, Science 335,1351-1355, DOI:10.1126/science.1215932 (2012)
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