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Nein, du musst nicht 41 Stunden arbeiten

4 Min
Die Idee einer 41-Stunden-Arbeitswoche stößt nur bei wenigen auf Gegenliebe.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Die Industrie fordert eine 41-Stunden-Woche, um den Wohlstand in Österreich zu sichern. Doch leisten wir tatsächlich zu wenig, oder sind unsere Arbeitsmodelle nicht mehr zeitgemäß?


Wir haben wieder eine Arbeitszeitdebatte: Diesmal geht es jedoch nicht um weniger, sondern um mehr Stunden, die wir leisten sollten. Die Industriellenvereinigung (IV) fordert eine 41-Stunden-Woche ohne Lohnerhöhung, um das Wirtschaftswachstum voranzutreiben. Doch würde uns mehr Arbeitszeit wirklich aus der Rezession helfen?

Mehr Arbeit, mehr Leistung?

Auslöser für den Wunsch der IV war die Konjunkturumfrage des Branchenverbandes für das erste Quartal. In dieser zeichnet sich keine Wirtschaftserholung, sondern eine Stagnation für das aktuelle Jahr ab. IV-Generalsekretär Christoph Neumayer sieht dabei die Lohnsteuer als wichtigen Faktor für den heimischen Wohlstand: „Sinkt das Arbeitsvolumen, sinken auch die Einnahmen und das bei steigenden Ausgaben. Immer weniger Menschen tragen daher eine immer größer werdende Last. Um das Arbeitsvolumen insgesamt zu erhöhen, müssen wir daher eine Arbeitszeitverlängerung – um beispielsweise eine halbe Stunde pro Tag, also 41 Wochenarbeitsstunden – auf die Agenda setzen.”

Tatsächlich war die Arbeitszeit pro erwerbstätiger Person in Österreich laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO 2022 und 2023 mit minus 0,3 und 0,5 Prozent leicht rückläufig. Dieses Jahr soll sie unverändert bleiben und 2025 um 0,2 Prozent steigen. Betrachtet man nicht die Gesamtwirtschaft, sondern nur die Herstellung von Waren, also den Sektor der produzierenden Industrie, soll hier die Arbeitszeit 2024 und 2025 ebenfalls sinken. Allerdings heißt weniger Arbeitszeit nicht weniger Output: Die Stundenproduktivität, also die geleistete Arbeit innerhalb einer Stunde, steigt laut der WIFO-Prognose trotz der sinkenden Arbeitszeit, 2025 sogar um 2,8 Prozent.

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Dass weniger Stunden nicht unbedingt weniger Produktivität heißt, ist ein Argument der Proponent:innen der Arbeitszeitverkürzung. Über deren Auswirkung haben die heimischen Ökonom:innen bereits geforscht. Das WIFO rechnete in einer Analyse für die Arbeiterkammer mit bis zu 1,5 Prozent mehr Produktivität pro Stunde, das Institut EcoAustria rechnete im Auftrag der Wirtschaftskammer mit kaum Auswirkungen auf die Produktivität.

Fast jede:r Dritte arbeitet Teilzeit

Die Industriellenvereinigung sorgt sich aber nicht nur um die Wirtschaftsleistung, sondern auch um die Einnahmen durch die Lohnsteuer. Denn die Teilzeitquote ist am heimischen Arbeitsmarkt seit Jahren am Steigen, 2023 betrug sie 30,9 Prozent. Zum Vergleich: Die Teilzeitquote der EU lag 2022 bei 18,5 Prozent. Nur in den Niederlanden arbeiten mehr Menschen in Teilzeit als in Österreich.

Die Angst der IV vor einem Einbruch der Steuereinnahmen scheint zumindest aktuell unberechtigt: 2023 nahm der Staat 33,3 Milliarden Euro durch die Lohnsteuer ein, um 5,9 Prozent mehr als im Jahr davor. WIFO-Chef Gabriel Felbermayr sieht die Forderung der Industrie vor allem als Reaktion auf die vermehrten Rufe nach einer 32-Stunden-Woche von Arbeitnehmer:innenvertreter:innen. Wo der Ökonom der IV zustimmt: Die geleisteten Arbeitsstunden müssten mehr werden, es brauche mehr Anreize für Vollzeitbeschäftigung.

Weitere Maßnahmen für mehr Produktivität

Dass jede zweite Erwerbstätige in Teilzeit arbeitet, liegt vor allem daran, dass viele Frauen Betreuungspflichten nachkommen, die sich nicht mit einem Vollzeitjob vereinbaren lassen. Das ÖVP-geführte Familienministerium kam vergangene Woche im Kinderbetreuungsmonitor zu dem Schluss, dass nur jeder zweite Betreuungsplatz in Österreich mit einem Vollzeitjob vereinbar ist. EcoAustria-Chefin Monika Köppl-Turyna sprach sich in der ZiB 2 für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Betreuung aus, sieht aber wie Felbermayr die Notwendigkeit für mehr Erwerbstätigkeit, um die Wirtschaftsleistung zu steigern. Dies sei aber auch durch andere Maßnahmen wie die Erhöhung des Pensionsalters möglich. Holger Bonin, Chef des Instituts für Höhere Studien, stieß schon im vergangenen Herbst eine Debatte über eine Pensionsreform an, er will das Antrittsalter von 65 auf 67 Jahre erhöhen.

Mit ihrer Forderung nach einer 41-Stunden-Woche hat die Industriellenvereinigung kaum Unterstützung gefunden: Bundeskanzler Karl Nehammer erteilte eine Absage, auch die SPÖ spricht sich dagegen aus. Dass sich eine Partei vor der Nationalratswahl eine solche Forderung, die Arbeitnehmer:innen verärgern würde, umhängt, ist unwahrscheinlich. Die Debatte macht allerdings deutlich, dass es sehr wohl Diskussionsbedarf gibt. Denn der heimische Arbeitsmarkt steht mit der Überalterung, zunehmender Automatisierung und steigender Teilzeitquote vor vielen Herausforderungen, und dafür braucht es langfristig gesehen Reformen und flexiblere Arbeitsmodelle.

Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Österreich hat mit rund 30 Prozent die zweithöchste Teilzeitquote in der EU.

  • Laut einer Arbeiterkammer-Umfrage arbeiten Vollzeitbeschäftigte durchschnittlich 40,8 Stunden pro Woche.

  • Die Stundenproduktivität steigt in Österreich laut Prognosen, obwohl die Arbeitszeit stagniert.

Quellen

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