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„Netanjahu sieht sich als Churchill und Iran als Nazi-Staat“

13 Min
Lior Betzalel Sternfeld ist Professor für Geschichte und Jüdische Studien an der Penn State University in den USA.
© Illustration: WZ, Bildquelle: x.com/LiorSternfeld

Am 13. Juni jährt sich der Zwölftagekrieg zwischen Israel und dem Iran von 2025. Der israelische Historiker Lior Sternfeld erklärt im Gespräch mit der WZ, was die vermeintlichen „Erzfeinde“ verbindet und was sie schlussendlich getrennt hat.


WZ | Solmaz Khorsand
Sie selbst sind Israeli, haben in Texas Persisch gelernt und Bücher zu iranischem Nationalismus und Zionismus veröffentlicht. Wie ähnlich sind sich die zwei „Erzfeinde“ in Wahrheit?
Lior Sternfeld
Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Ländern und Gesellschaften. Sie teilen gewisse Komplexitäten, die mit dem Spannungsfeld zusammenhängen, eine alte Zivilisation zu sein, die sich ihrer regionalen Umgebung gewissermaßen überlegen fühlt. Ich glaube, dass liberale Israelis sich in liberalen Iranern wiedererkennen, eine Art Spiegelbild von sich selbst sehen. Beide sind sehr nationalistisch und auch sehr stolze Völker.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie hat sich die Dynamik der Beziehungen zwischen Israel und Iran über die Jahre verändert?
Lior Sternfeld
Iran war nach der Türkei das zweite muslimische Land der Welt, das Israel als Staat 1950 anerkannt hatte. Bis zum Sechstagekrieg 1967 haben viele Iraner, insbesondere die iranische Linke und Intellegentsia, Israel ideologisch und politisch überhöht, es gar als Vorbild für den Iran selbst gesehen. Auch in der iranischen Gesellschaft gab es positive Assoziationen. Lange Zeit verband man mit Israel die Katastrophenhilfe, die es beim Erdbeben von Qazvin 1962 geleistet hatte. Später erst verband man mit Israel die Rolle, die es beim Aufbau des iranischen Sicherheitsapparats, inklusive des Geheimdienstes des Shahs, SAVAK, gespielt hat.
WZ | Solmaz Khorsand
Nach 1967, dem Sechstagekrieg, in dem Israel Ägypten, Syrien und Jordanien besiegt hatte, kam der erste Bruch in den Beziehungen. Warum?
Lior Sternfeld
Über Nacht wurde Israel mit der Besatzung des Westjordanlands, der Golan-Höhen, Ost-Jerusalems, Gazas und des Sinais nicht mehr als postkoloniales Land empfunden, sondern als koloniales. Mit einem Schlag verlor Israel damit Irans urbane Intellegentsia als ihre Fürsprecher, die sich nun mit Palästina identifizierten.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie haben sich die Beziehungen nach der Revolution verschlechtert?
Lior Sternfeld
Als der Shah am 16. Januar 1979 Iran verließ, hob auch die letzte Maschine der israelischen Fluglinie El Al ab. Der erste internationale Gast, den Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nach der Revolution im Iran empfing, war Jassir Arafat. In einer festlichen Zeremonie überreichte man ihm die Schlüssel der israelischen Botschaft, die von nun an die diplomatische Vertretung Palästinas war.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie haben das die iranischen Jüd:innen damals empfunden?
Lior Sternfeld
Viele iranische Juden haben die Revolution unterstützt, weil sie sich als Iraner gesehen haben, die auch die Diktatur des Shahs loswerden wollten, um eine Republik zu etablieren. Israel war nicht so zentral für sie. Anfangs hat sie das Regime auch in Ruhe gelassen, auf Grund ihres Engagements während der Revolution. Das jüdische Spital in Teheran etwa hat damals verwundete Protestierende versorgt, als sie in anderen Krankenhäusern dem Geheimdienst ausgeliefert wurden. Das haben die neuen Machthaber der Community hoch angerechnet. Deswegen wurde auch das jüdische Spital, im Gegensatz zu anderen privaten Institutionen, nicht zwangsverstaatlicht.
WZ | Solmaz Khorsand
Die iranischen Jüd:innen haben sich anfangs in Sicherheit gewogen. Waren sie selbst nach der Hinrichtung des prominenten jüdischen Unternehmers Habib Elghanian noch zuversichtlich?
Lior Sternfeld
Nein, dann begann man nervös zu werden, und die obersten Vertreter sind sofort nach Qom zu Khomeini gepilgert, um zu fragen, wie sie diese „Botschaft“ interpretieren sollen. „Sollen wir uns organisieren und das Land verlassen?“, haben sie Khomeini gefragt. Er hat daraufhin eine Fatwa erlassen, die besagte: Die iranischen Juden sind Teil unseres Fleisches. Sie sind Teil der iranischen Nation. Zionisten sind keine Juden. Das war für Khomeini die politische Unterscheidung. Die iranischen Juden gehören zu uns – die Zionisten sind der Feind.
Die ersten Monate nach der Revolution: eine dystopische Utopie
Lior Steinfeld
WZ | Solmaz Khorsand
Das hat die jüdische Community beruhigt?
Lior Sternfeld
Man muss sich diese ersten Monate nach der Revolution vergegenwärtigen. Ich bezeichne diese Zeit als dystopische Utopie. Auf der einen Seite gab es Massenexekutionen und Verfolgung, auf der anderen Seite war die politische Sphäre so offen wie nie zuvor, die Parteien konnten und wollten sich messen, inklusive der jüdischen Vertreter. Einige gingen sogar so weit zu sagen, dass sie sich wie alle anderen dem politischen Wettbewerb stellen wollen und auf ihren verfassungsrechtlich zugesicherten Sitz für die Juden im Parlament verzichten. Da war also sehr viel Vertrauen, das mit dem Ausbruch des Krieges mit dem Irak 1980 verpuffte, als jede Form der Opposition im Land endgültig unterdrückt wurde.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie hat man in Israel auf die neuen Machthaber in Teheran reagiert?
Lior Sternfeld
Noch bevor Khomeini im Februar 1979 aus Paris in den Iran zurückgekehrt war, titelten die Zeitungen in Israel, dass Iran Konzentrationslager für die Juden planen würde. Sie warnten vor einem zweiten Holocaust. Diese Hysterie wurde sehr schnell Teil des israelischen Mainstreams.
WZ | Solmaz Khorsand
Dabei hat die israelische Regierung genau diesen „neuen“ Iran noch im Krieg gegen den Irak trotz des internationalen Waffenembargos mit Waffen beliefert. Weshalb?
Lior Sternfeld
Israels Führung dachte, dass Saddam Hussein den Krieg gewinnen würde und außerdem die größere Bedrohung für das Land darstellt. Irak ist geografisch näher als Iran, es grenzt an Jordanien. Man muss auch bedenken, dass mit der Revolution im Iran zwar die Führung ausgewechselt war, aber nicht die unteren Ränge, mit denen Israel in der Shah-Zeit gute Kontakte gepflegt hatte. Man kannte sich untereinander, all die Generäle und Waffenhändler, das waren dieselben Leute wie davor. Außerdem gab es die Überlegung, wenn Israel Iran in diesem Krieg zur Seite stehen würde, dann würde sich Teheran in Zukunft dafür erkenntlich zeigen und würden sich irgendwann die Beziehungen wieder normalisieren. Man hoffte auf eine Versöhnung.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie konnte Khomeini diese israelische Schützenhilfe vom „Kleinen Satan“, wie das Regime Israel nennt, vor den eigenen Leuten rechtfertigen?
Lior Sternfeld
Es kam zu einem Bruch mit den Palästinensern. Yassir Arafat hatte sich im Krieg an die Seite Saddam Husseins gestellt, um die Unterstützung in der arabischen Welt nicht zu verlieren. Iran hatte das natürlich als Verrat aufgefasst. „Die Palästinafrage ist in erster Linie eine palästinensische Angelegenheit. Es ist keine iranische Angelegenheit“, hat es Khomeini begründet.
WZ | Solmaz Khorsand
Das heißt, dass das iranische Regime die Palästina-Frage früh ad acta gelegt hat.
Lior Sternfeld
Nicht wirklich. Das war schon einer der Gründe für die Revolution, auch zu sagen: Wir müssen Jerusalem befreien. Aber das war immer ein eher abstraktes, idealistisches Ziel. Mit einer Position, die über die Jahre aufgeweicht wurde.
WZ | Solmaz Khorsand
Inwiefern?
Lior Sternfeld
Ein paar Jahre nach dem Tod Khomeinis, 1989, wurde der damalige Präsident Akbar Hashemi Rafsanjani gefragt, wie er zu dem Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern steht – damals fand gerade die Madrid Konferenz zur Wiederbelebung der Friedensgespräche statt. Er meinte sinngemäß: Wenn die Palästinenser eine Einigung mit Israel erzielen, die für alle Palästinenser – oder zumindest für die Mehrheit der Palästinenser – akzeptabel ist, wird der Iran nicht mehr die Fahne des palästinensischen Kampfes hochhalten. Das bedeutet: Wenn sich Israel und Palästina einigen, ist die Sache für uns erledigt.
Iran war Israel militärisch immer unterlegen.
Lior Sternfeld
WZ | Solmaz Khorsand
Und gleichzeitig unterstützte der Iran die Hamas.
Lior Sternfeld
Das hat in den 1990ern im Libanon begonnen, als Israel Hamas-Kämpfer in den Libanon deportierte, wo sie auf Hisbollah-Milizen trafen und auch auf die iranischen Revolutionsgarden. Sie haben sie unterstützt, ihnen Geld und wahrscheinlich auch zahlreiche Ressourcen zur Verfügung gestellt, aber die Hamas hat nie als verlängerter Arm des Iran gehandelt. Ich würde auch behaupten, dass die Hamas am 7. Oktober gegen die Interessen des Irans gehandelt hat, da sich der Iran zu diesem Zeitpunkt mitten in fortgeschrittenen Verhandlungen mit den USA befand, die von großer Bedeutung hätten sein können.

Wir müssen uns in dem Zusammenhang den Wirkungsmechanismus der Proxies genauer ansehen. Iran war Israel militärisch immer unterlegen. Die einzige Möglichkeit, Pufferzonen zwischen Iran und Israel zu schaffen, war über Stellvertretermilizen. Wenn also die Hisbollah aus dem Libanon Raketen abfeuert und die Hamas aus Gaza, sorgt das dafür, dass Israel nicht seine gesamte militärische Macht auf den Iran konzentrieren kann. Das war die Überlegung. Aber wie wir in dem aktuellen Krieg gesehen haben, kann das Israel sehr wohl. Irans Sicherheitsdoktrin ist in dieser Hinsicht gescheitert.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie interpretieren Sie den Slogan „Tod Israels“? Gab es je konkrete Pläne, Israel zu vernichten, oder handelt es sich dabei mehr um Propaganda für die eigene Anhängerschaft?
Lior Sternfeld
Sowohl diese Parole als auch die Uhr, die den Countdown bis zur Zerstörung Israels anzeigt, sind beides messianische Ambitionen ohne politische oder militärische Realisierbarkeit und existieren parallel zu anderen, weitaus pragmatischeren Äußerungen des iranischen Regimes. Die Uhr ist auf das Jahr 2040 eingestellt, was realistisch gesehen bedeutet, dass die nächste Generation handeln muss. Das ist der Mechanismus des Messianismus. Ein Ziel in ferner Zukunft zu haben, das kommen würde und sollte, aber man selbst kann nur begrenzt dazu beitragen, es zu verwirklichen. Was auch bedeutet, dass genug passieren kann, um ihm jegliche Bedeutung zu nehmen. Doch auch in seiner jetzigen Form kann es nicht ernsthaft als mehr als ein Slogan und Propaganda angesehen werden, nicht besser oder schlechter als Israels ständiges Gelübde, die Islamische Republik zu beseitigen, und nicht völkermörderisch wie Trumps Versprechen, eine Zivilisation auszulöschen. Trumps Zeitplan war jetzt, nicht im Jahr 2040, und die USA verfügen über die militärischen und technologischen Fähigkeiten, dies zu tun.
WZ | Solmaz Khorsand
Sie haben von einer israelischen Hysterie bezüglich dem Iran gesprochen. Wodurch hat die sich bis heute verfestigt?
Lior Sternfeld
In den 90er-Jahren durch einen linken Diskurs. Damals kamen religiöse Parteien zunehmend ins Parlament. Um vor ihnen zu warnen, haben die säkularen Parteien Iran als Mahnung hervorgeholt: Israel darf nicht Iran werden. Denn in diese Richtung würden die religiösen Vertreter marschieren. Das war der ultimative Alptraum.
WZ | Solmaz Khorsand
Welche Rolle spielt Netanjahus persönliche Iran-Obsession? Wer in die Geschichte zurückblickt, wird schnell sehen, dass er seit Jahrzehnten davor warnt, dass der Iran nur wenige Wochen oder Monate von einer Atombombe entfernt ist.
Lior Sternfeld
Für ihn ist Iran der absolute Drahtzieher des Terrors. Netanjahu sieht sich selbst als Winston Churchill und Iran als Nazi-Deutschland. Außerdem war Iran immer auch eine Ablenkung von der Palästina-Frage und internen Problemen. Die Wähler haben diese Ablenkung internalisiert, weil sie auch in den israelischen Medien, die wirklich eine Schande sind, seit Jahren nichts anderes hören. Sie hören nur: Regimewechsel in Iran ist möglich und leicht, deswegen befürworten alle den Krieg. Sogar der Oppositionsführer Yair Lapid sagt jetzt, dass es in Kriegszeiten keine Opposition gibt. Was für ein Geschenk für einen Regierungschef mitten im Wahljahr.
WZ | Solmaz Khorsand
Bislang hat das israelische Militär viele iranische Politiker und Kommandanten der Islamischen Republik getötet. Viele der fantastischen Kräfte sind noch am Leben. Warum werden sie verschont?
Lior Sternfeld
Israel hat ein Interesse daran, die Gemäßigten zu beseitigen, und bevorzugt die Verrückten. Denn mit den Gemäßigten müsste man ja verhandeln und vielleicht Kompromisse eingehen, was Israel nicht will. Die Verrückten kann man verteufeln, denn: Schau sie dir an? Wollt ihr wirklich, dass wir mit diesen Fanatikern Kompromisse eingehen?
WZ | Solmaz Khorsand
Was ist das Ziel der israelischen Führung im Krieg gegen den Iran?
Lior Sternfeld
Israel möchte, dass der Iran schwach und klein ist. Es will, dass es zu einem Bürgerkrieg kommt und das Land zerfällt. Was nicht vorausgesehen wird, ist aber, dass politische Grenzen Instabilität nicht aufhalten. Genauso wie man dachte, dass mit dem Sturz Saddam Husseins im Irak Friede im Nahen Osten einkehren würde. Sie weigern sich aus der Geschichte zu lernen.

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Infos und Quellen

Genese

Solmaz Khorsand hat im Februar 2026 eine Diskussion mit Lior Sternfeld und anderen Teilnehmer:innen im Bruno Kreisky Forum moderiert und anschließend mit ihm ein Interview für das Magazin Republik und die Wiener Zeitung geführt.

Gesprächspartner

Lior Betzalel Sternfeld ist Professor für Geschichte und Jüdische Studien an der Penn State University in den USA. Als Sozialhistoriker unterrichtet er zum modernen Nahen Osten, zum Iran, zur jüdischen Geschichte der Region sowie zu Themen rund um Israel und Palästina. Zu seinen Büchern zählen: „Between Iran and Zion: Jewish Histories of Twentieth-Century Iran“ (Stanford University Press, 2018)“ und „Jews of Iran: A Photographic Chronicle“ (Penn State University Press 2022).

Daten und Fakten

  • Der Zwölftagekrieg begann am 13. Juni 2025 mit Angriffen Israels auf Iran, die sich gegen Anlagen des iranischen Atomprogramms, militärische Einrichtungen in Iran sowie gegen hochrangige Kommandeure der iranischen Militärführung und iranische Kernphysiker richtete. Iran begann noch am selben Tag mit Luftangriffen auf Ziele in Israel. Zwei Wochen zuvor hatte die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) mitgeteilt, Iran verfüge nun über 408 kg auf 60 % angereichertes Uran. Geschätzt 1100 Menschen kamen dabei ums Leben.
  • Am 28. Februar hatten Israel und die USA ihren Krieg gegen den Iran begonnen. Anfang April einigten sich die USA und der Iran auf eine zunächst zweiwöchige Waffenruhe, die anschließend verlängert wurde. US-Präsident Donald Trump knüpfte diese auch an die Öffnung der Straße von Hormoz. Seit einigen Tagen haben die Angriffe zwischen Iran und Israel wieder begonnen. Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über eine dauerhafte Beendigung des Krieges haben bisher keine Einigung gebracht.
  • Eine Fatwa ist ein islamisches Rechtsgutachten oder eine religiöse Stellungnahme, die von einem qualifizierten islamischen Rechtsgelehrten ausgestellt wird Sie wird von einem qualifizierten islamischen Rechtsgelehrten ausgestellt und behandelt Fragen des Alltags bis gesellschaftliche Themen.

Quellen

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