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(Nicht) alle Männer

5 Min
Ein Foto von Beatrice Frasl, eingefasst in einen orangenen Zickzackrahmen.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne zu einem aktuellen politischen Thema für die WZ.
© Illustration: WZ

#notallmen – warum alle Männer gute Männer sind, die ganz anders sind als alle Männer.


Wenn über männliche Gewalt gesprochen wird, wenn ein neuer #metoo-Fall ans Licht kommt, wenn Frauen über ganz alltägliche sexistische Diskriminierung sprechen oder wenn Texte wie meine vorletzte Kolumne veröffentlicht werden, die, mit aktuellen Studien und Statistiken belegt, argumentieren, dass Frauen unter Beziehungen mit Männern mehr leiden als sie von ihnen profitieren, dass Männer zu wenig unbezahlte, reproduktive und emotionale Arbeit übernehmen und Frauen durch diese männliche Verantwortungs- und Arbeitsverweigerung unvergleichlich mehr belastet sind, ist eine Reaktion so sicher wie das Amen im Gebet: #notallmen! Nicht alle Männer sind so, das darf man nicht vergessen, liebe Mädels! Nicht alle Männer sind gewalttätig. Nicht alle Männer sind übergriffig. Es gibt auch Männer, die ihren eigenen Haushalt machen und ihre eigenen Babys wickeln und ihre eigenen Kinder betreuen und sogar manchmal etwas kochen oder ihre Frau fragen, wie es ihr geht, stellt euch das vor.

Und alle Männer, die feministische Texte lesen, sind nicht wie alle Männer und teilen einem das auch eifrig und ungefragt mit.

Tatsächlich gibt es kaum einen verlässlicheren Indikator für toxische Männlichkeit, als sich jedes Mal, wenn eine Frau toxische Männlichkeit (ein Begriff, den ich gar nicht für so gelungen halte, den ich aber in Ermangelung eines besseren hier dennoch verwende) kritisiert, so angesprochen zu fühlen, dass man „Ich aber nicht!“ schreien muss.

Die Ausnahmen von der Regel

Abgesehen davon: Anekdotische Evidenz ist nicht wissenschaftliche Evidenz. Selbstverständlich gibt es immer Ausnahmen und Abweichungen von der Regel. Die faktische Realität, dass fast alle Frauen im Laufe ihres Lebens Gewalt durch Männer erfahren, lässt sich aber nicht mit „ich nicht“ oder „mein Sohn nicht“ vom Tisch wischen. (Auch nicht die unangenehme Implikation, dass es bei all diesen Übergriffen nicht nur Opfer gibt, sondern auch dazugehörige Täter, die die Übergriffe verüben.)

Oder die statistische Tatsache, dass Männer nicht ansatzweise ihren fairen Anteil an unbezahlter Arbeit übernehmen. Oder die Tatsache, dass (unter anderem auch deshalb) die heterosexuelle Ehe Frauen wesentlich unglücklicher und kränker macht und sogar ihre Lebenserwartung senkt, während Männer glücklicher und gesünder werden, wenn sie mit Frauen verheiratet sind. Man kann davor natürlich die Augen verschließen und sich ganz fest einreden, dass es ganz viele ganz glückliche Frauen in heterosexuellen Paarkonstellationen gäbe – die Faktenlage sieht anders aus.

Alles beim Alten

Übrigens: Mitte Dezember erschien die neue österreichische Zeitverwendungsstudie. Das war auch höchst an der Zeit, da die letzte bereits aus dem Jahr 2008/2009 stammt und bekanntlich hat sich die Welt in der Zwischenzeit signifikant verändert. Und mit ihr auch das Geschlechterverhältnis und damit die Verteilung von unbezahlter Arbeit und Freizeit. Könnte man meinen. Damit läge man aber falsch. In den letzten 14 Jahren hat sich, statistisch gesehen, sehr wenig verändert. (Ja, liebe Männer, ich weiß schon, bei euch ist das natürlich alles komplett anders. Jeder einzelne von euch ist eine Ausnahme.)

Die letzte Zeitverwendungsstudie 2008/2009 hatte zum Ergebnis, dass Frauen im Durchschnitt 4,54 Stunden pro Tag unbezahlt arbeiten, Männer hingegen nur 2,34 Stunden. 2021/22 nun sah das Ergebnis sehr ähnlich aus: Frauen arbeiteten 4,19 Stunden pro Tag unbezahlt, Männer noch weniger als 2008/9, nämlich nur 2,29 Stunden. Frauen investieren also nach wie vor zwei Stunden mehr in unbezahlte Arbeit als Männer. Und: So Dinge wie mental load oder emotionale Arbeit und Beziehungsarbeit sind da noch gar nicht eingerechnet.

Wenig überraschend arbeiten Frauen deshalb insgesamt mehr als Männer und haben weniger Freizeit und weniger Zeit, sich zu erholen.

Und: Auch wenn Männer und Frauen in heterosexuellen Paarbeziehungen gleich viel erwerbsarbeiten, bleiben trotzdem zwei Drittel der Hausarbeit (63 Prozent) und der Kinderbetreuung (67,2 Prozent) bei den Frauen hängen.

Würde man das den befragten Männern vorlesen, würde man vermutlich zu hören kriegen, dass bei ihnen alles anders sei und sie nicht wie diese Männer seien, sondern gute Männer.

Die schlechte Nachricht

Ich habe allerdings auch eine schlechte Nachricht für alle Männer, die sich selbst zu den Guten™ zählen (also alle Männer): Auch ihr profitiert vom Fehlverhalten jener Männer, zu denen ihr euch nicht zählt. Und das gilt von der hier dargestellten Weigerung, Verantwortung für Haushalt, Kinder und Partnerschaft zu übernehmen, bis hin zu manifester Gewaltausübung.

Alle Männer profitieren von männlicher Gewalt, auch wenn sie sie nicht selbst ausüben: Weil diese Gewalt die Standards für akzeptables männliches Verhalten so weit nach unten verschiebt, dass das absolute Minimum an Entgegenkommen und Investition in zwischenmenschliche Beziehungen zu einer feiernswerten Auszeichnung wird.

Wenn männliche Gewalt normal ist, müssen Frauen in einer Beziehung mit Männern froh sein, wenn sie nicht vergewaltigt oder geschlagen oder beschimpft werden und wenn er dann sogar noch, wie heißt es: „im Haushalt hilft“, hat man quasi den Jackpot gemacht. Oder wie Julia Brandner es auf Threads formulierte: „Wenn er nicht übergriffig wird oder dich ermordet, is es schon ne positive Überraschung.“

Also ja, alle Männer sind gemeint. Alle.

Und nicht, dass Sie mir jetzt Misandrie unterstellen. Einige meiner besten Freunde sind Männer. Das ist wirklich wahr.


Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.