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Die Bereitschaft, sexuelle Gewalt anzuwenden, ist unter Männern weit verbreitet. Eine amerikanische Studie sorgt aktuell für Aufruhr.
Der Fall Pelicot, die Vergewaltigungsgruppen auf Telegram, die Epstein-Files, Rape Academies, die durch die CNN aufgedeckt werden, all die Prominenten, denen sexualisierte und sexuelle Gewalt vorgeworfen wird und die so zahlreich sind, dass es den Rahmen sprengen würde, sie hier beim Namen zu nennen: Die Nachrichten über männliche Gewalt, insbesondere sexueller und sexualisierter Natur, reißen nicht ab.
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Und nach jeder dieser Nachrichten, jedes Mal, wenn Frauen – vor allem feministische Frauen – diese männliche Gewalt benennen, wird ihnen, so sicher wie das Amen im Gebet, vorgeworfen, Männer ungebührlich in einen Topf zu werden. Man sei selbst nicht wie diese Männer. Alle Männer, die man kenne, seien nicht wie diese Männer. Nur die wenigsten Männer seien wie diese Männer. Die meisten Männer seien nicht wie diese Männer. Und dann, das Postskriptum zum Amen: Dieses Schüren von Hass und Hetze gegen Männer muss aufhören!
Das Benennen von Fakten wird zur Hetze umgedeutet. Aus dem Aufzeigen weiblicher Lebensrealitäten, dem Beschreiben dessen, was die allgegenwärtige männliche Gewalt mit Frauen macht, wird nicht mit Reflexion reagiert, nicht mit Interesse an diesen weiblichen Lebensrealitäten, sondern mit Abwehr. Oder mit Deflektion. Oder mit Schuldumkehr. Nicht die gewalttätigen Männer sind die Bösen, sondern die Frauen, die die Gewalt benennen, sind es. Shoot the messenger!
Statistik vs. Selbstwahrnehmung
Ich habe es an der Stelle schon mehrmals geschrieben – alle Männer mögen überzeugt sein, sie seien „nicht alle Männer“, die Statistik spricht schon lange eine andere Sprache, und auch das wiederholen Feministinnen (denen die Zahlen schmerzlich bewusst sind, weil sie sich ständig mit ihnen beschäftigen) immer wieder: Wir alle kennen Täter. Wir alle haben Täter im nahen Umfeld. Alles andere geht sich statistisch nicht aus. Wie weit verbreitet männliche Gewalt ist, wissen wir schon lange. Wie oft Frauen von ihr betroffen sind, auch. In Österreich ist es beispielsweise jede Dritte.
Nun sorgt eine neue Studie, die in den USA und in Kanada durchgeführt wurde, für Aufruhr in den sozialen Medien. In der Studie wurden Männer zwischen 18 und 34 – unter der Wahrung absoluter Anonymität – gefragt, ob sie schon einmal sexuell übergriffig waren. Absolute Anonymität sollte zu absoluter Ehrlichkeit in der Beantwortung der Fragen führen.
Die Probanden wurden allerdings nicht in konkreten Worten gefragt, ob sie übergriffig gehandelt haben. Stattdessen wurden die Handlungen, die auf nicht-konsensuelle sexuelle Handlungen hinauslaufen, umschrieben. Die Männer wurden also nicht direkt gefragt „Haben Sie eine Frau vergewaltigt?“, sondern „Haben Sie schon einmal eine Frau zum Sex gezwungen?“ oder „Haben Sie eine Person zum Sex überredet?“. Das ist wichtig, denn aus vergangenen Studien wissen wir, dass die Zahl der Männer, die letzterer Aussage zustimmen, in der Regel bedeutend höher ist als jene, die ersterer zustimmen. Niemand möchte sich schließlich selbst als „Vergewaltiger“ klassifizieren. Auch dann nicht, wenn er per definitionem einer ist.
Sexuelle Gewalt und Klischee
Der Fragebogen umfasste bewusst ein breites Spektrum an übergriffigen Strategien, die angewendet werden können, um sexuellen Kontakt herzustellen, obwohl das Gegenüber diesen Kontakt nicht möchte. Das ist insofern wichtig, als dass sexuelle und sexualisierte Gewalt selten in jenen Klischees verläuft, die gemeinhin mit ihr assoziiert werden. Sie wird in der Regel im sozialen Nahbereich verübt, meist in bestehenden Intimbeziehungen. Und sie beinhaltet selten offensichtliche physische Gewalt, sondern sehr oft Zermürbung, Überredung trotz Widerstand, Manipulation, Druckausübung, Drohung, hartnäckiges Betteln, moralischen Druck oder emotionale Erpressung.
Die Studie mit dem treffenden Titel „Isolate, Inebriate, Intimidate, Repeat“ (also isolieren, betrunken machen, einschüchtern, wiederholen) richtet den Blick genau auf diese Formen sexualisierter und sexueller Gewalt, die zwar die häufigsten sind, aber oftmals unbeachtet bleiben und in der öffentlichen Wahrnehmung dessen, was sexuelle Gewalt eigentlich bedeutet und wie sie eigentlich aussieht, allzu oft nicht vorkommt.
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Manipulationsstrategien
Und tatsächlich waren die häufigsten Strategien, um nicht-konsensuell an Sex zu kommen, in der Studie jene, die unter Manipulation, Vorspielen falscher Tatsachen, Lügen oder Druck subsumiert werden können:
Die häufigste Manipulationsstrategie war, einer Frau zu sagen, was sie hören wollte, um an „Sex“ zu kommen. Diese wurde von 78,1 Prozent der befragten Männer angewendet. Die zweithäufigste Strategie war das wiederholte Bitten um Sex, obwohl die Frau bereits abgelehnt hatte (48,6 Prozent) – Zermürbung durch Persistenz also. Andere Beispiele aus dem Fragebogen: 43,8 Prozent hatten Frauen bereits gezielt zum Sex überredet. 37,5 Prozent gaben an, Frauen an einen privaten Ort gebracht zu haben, um sie kontrollieren zu können.
Etwas weniger verbreitet, aber leider immer noch nicht selten waren offensichtlichere und manifeste Formen körperlicher Gewalt. 10 Prozent gaben an, eine Frau oder mehrere Frauen körperlich überwältigt zu haben; 9,4 Prozent gaben an, Frauen in irgendeiner Form festgehalten oder gefesselt zu haben („physical restraint“). 9,3 Prozent gaben an, Frauen gezielt körperliche Schmerzen zugefügt zu haben, um sie gefügig zu machen, und 8,6 Prozent gaben gar an, Frauen Drogen oder KO-Mittel verabreicht zu haben. 1,3 Prozent der Männer, von denen die überwiegende Mehrheit angab, heterosexuell zu sein, antworteten, all diese Strategien zumindest einmal angewandt zu haben.
Zusammenfassung
Die Forscherinnen fassten ihre Forschungsergebnisse zusammen, indem sie betonten, dass in der anonymen Studie insgesamt über 95,1 Prozent aller Männer angaben, mindestens einmal versucht zu haben, eine Frau zum Sex zu bringen, obwohl sie wussten, dass diese keinen Sex mit ihnen wollte. In zwei Drittel der Fälle waren sie damit erfolgreich. Und: „Diese Studie zeigt, dass Versuche, Frauen zum Sex zu zwingen, weit verbreitet sind. Tatsächlich entsprechen diese Ergebnisse nun viel eher den hohen Raten von erzwungenem Sex, die Frauen in Bezug auf Übergriffe durch Männer melden.“
Wenn das nächste Mal also in den Kommentarspalten eifrig darauf verwiesen wird, dass man „nicht alle Männer in einen Topf werfen darf“, weil „nicht alle Männer so sind“, kann man dem zustimmen und mit einer Studie im Rücken entgegnen: „Nein, nicht alle Männer. Aber 95 Prozent.“
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Zur Autorin
Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.
Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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