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Nicht für alle ist Krieg „weit weg“

8 Min
Für Menschen mit Familie im Krieg, wird der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit ihnen zur Belastungsprobe.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

„Aus den Augen, aus dem Sinn“, denken sich Leute, die die Nachrichten zur aktuellen Weltlage vermeiden wollen. Menschen mit Familie im Krieg können sich so eine Haltung nicht leisten.


    • Viele Menschen in Österreich, die Familie im Krieg haben, fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft unverstanden und erleben mangelndes Interesse an ihren Sorgen.
    • Medien und gesellschaftlicher Diskurs fokussieren oft auf wirtschaftliche Aspekte statt auf das Leid der direkt vom Krieg Betroffenen.
    • Unterstützung durch das persönliche Umfeld ist für die psychische Bewältigung entscheidend, doch Verständnis und Empathie fehlen häufig.
    • Sara ist in Wien aufgewachsen, hat aber Familie im Iran.
    • Osama stammt aus Gaza und studiert seit September in Wien.
    • Lina wohnt in Wien, ihre Familie in Odessa ist täglich russischen Angriffen ausgesetzt.
    • Zahraa muss von Wien aus zuschauen, wie ihre Familie im Südlibanon von Israel bombardiert wird.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Tagtäglich bangen viele Personen hierzulande um die Existenz ihrer Verwandten in Kriegsländern. Gleichzeitig leben sie in einem Land, in dem der Großteil der Bevölkerung ihre Sorgen nicht nachvollziehen kann. Wie unterstützend oder belastend verhalten sich Personen außerhalb dieser Lebensrealität gegenüber Menschen, die betroffen sind? Was macht auch der mediale und gesellschaftliche Diskurs mit Leidtragenden? Die WZ hat mit vier Betroffenen darüber gesprochen.

Wenn man dann Leute sieht, die das Regime abfeiern, das ist richtig befremdlich.
Sara

Sara, 29: „Für manche ist der Spritpreis wichtiger als das Leben der Iraner:innen“

„Ich habe mir ein Umfeld geschaffen, das mich unterstützt, das mich ablenkt, wenn ich es gerade brauche, und ohne dem wäre diese Zeit hundertmal schwieriger. Ich hätte mich sonst selbst isoliert.“ Sara ist in Österreich aufgewachsen, hat aber Familie im Iran und Verwandte hier, die die Unterdrückung des Regimes miterleben mussten. Sie hat sich schon 2022, während der Entstehung der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung im Iran, von einigen nichtbetroffenen Bekannten und Freund:innen distanziert. „Das waren Menschen in meinem Umfeld, die nicht nachgefragt haben, wie es meiner Familie im Iran geht, die sich nicht dafür interessiert haben. Die zum Teil genug davon hatten, dass ich ständig darüber spreche. Aber ich kann halt einfach nicht anders“. Auch wenn es banal klinge, „es hilft, mit Menschen darüber zu reden.“

Während der Proteste im Jänner 2026 ging es Sara psychisch nicht gut. Als der Krieg begann, hatte sie einen Zusammenbruch in der Arbeit. Saras Chefin hat ihr damals den Tag frei gegeben. „Man hat es mir auch angesehen, dass ich die Wochen davor geistig nicht anwesend war und nur das Nötigste machen konnte“. Sie glaube aber, dass nicht alle Arbeitgeber:innen so verständnisvoll reagieren. Die Vorgesetzte einer Verwandten habe sich eher Sorgen um die Auswirkungen auf die Menschen hier in Österreich gemacht als um ihre Angestellte, die Familie im Iran hat.

Genau dieses Bild vermitteln auch viele Medien in Österreich, findet Sara. „Es geht hier um die Ölpreise und wie viel Sprit jetzt kostet“, aber um die Schicksale von Menschen, die direkt vom Krieg betroffen sind, gehe es kaum mehr. Während des Krieges wurden auch 13 US-Soldat:innen getötet. Über diese gebe es es hier aber mehr Berichterstattung als über tausende unschuldige tote iranische Zivilist:innen, die von einigen Medien oft als Kollateralschäden abgetan würden. „Es findet hier schnell eine Entmenschlichung statt.“ Wegen der Bombardierungen von Industrien und der Internetsperre verarmen die Menschen und sind gleichzeitig den Repressionen des Regimes ausgesetzt. „Durch den Waffenstillstand wirkt es in den Medien so, als sei der Krieg ja eh vorbei, und man müsse sich darum nicht mehr kümmern.“

Sara meint, dass es hierzulande im Iran-Diskurs an Differenzierung fehle. Es gebe vor allem politisch rechtspositionierte Menschen, die die populistische Rhetorik von Netanjahu und Trump übernehmen würden und keinen anderen Ausweg sehen, als den Iran zu bombardieren. „Andererseits sieht man Proteste in Wien, bei denen Fahnen des Regimes geschwenkt werden und Trauerbekundungen für den getöteten Diktator Chamenei verlesen werden. Das ist angsteinflößend. Menschen aus dem Iran, vor allem jene, die vor dem Regime geflohen sind, wiegen sich hier in Sicherheit. Wenn man dann Leute sieht, die das Regime abfeiern – und Menschen ihre Erfahrungen absprechen –, das ist richtig befremdlich.“

Diskutiert nicht mit mir. Ich weiß wie es in Gaza ist.
Osama

Osama, 26: „Viele Österreicher:innen werden mich nie verstehen“

Osama ist in Gaza geboren und aufgewachsen. Der Jurist konnte Gaza nur verlassen, weil er in Wien einen Studienplatz an der Diplomatischen Akademie bekommen hat. Bevor er im September letzten Jahres für sein Studium nach Österreich kommen konnte, hat er Krieg, Vertreibung und Hunger überlebt. „Es gibt viele Menschen, denen alles egal ist. Deine Emotionen sind ihnen egal.“

Einen Tag vor seiner Uni-Prüfung wurde Osamas Bruder in Gaza schwer verletzt. Die ganze Nacht habe er damit verbracht, eine Behandlung für ihn zu organisieren. Am nächsten Tag sei er trotzdem zur Prüfung angetreten. „Gleichzeitig musst du dich mit Menschen hier rumschlagen, die so etwas einfach nicht begreifen können, weil sie Krieg nie erlebt haben“.

Darunter seien auch Menschen aus seinem eigenen Land. „Ich habe einige Österreicher:innen mit palästinensischen Wurzeln hier kennengelernt. Die haben aber nie in Palästina gelebt. Wenn du mit ihnen redest, stellst du schnell fest, dass sie einen wenig verstehen. Sie wissen zwar, dass die Lage in Gaza schlecht ist, aber im Endeffekt ist es für sie auch nur eine Sache, die weit weg ist, außerhalb ihrer Grenzen. Ich kann also die Situation in Gaza nicht einmal mit Menschen diskutieren, die die gleichen Wurzeln haben wie ich.“

Über seine Gedanken mit einer professionellen Person reden? Hat Osama versucht. Er war bei einem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. „Ich habe gemischte Gefühle über das Gespräch mit dem Psychiater. Er hat nicht verstanden, was ich meine. Normalerweise hat er mit Geflohenen aus Syrien zu tun. Ich meinte aber, dass ich nicht fliehen möchte. Ich möchte nicht einfach alles vergessen.“ Er habe eine Visitenkarte vom Psychiater bekommen, falls er wiederkommen möchte. „Ich denke noch immer an diese Karte. Aber ich bin mir nicht sicher.“

Osama stört, dass es Menschen gibt, die ihm seine eigene Lage erklären wollen. „Es gibt Personen, die denken, dass sie über meine Situation besser Bescheid wissen und sie besser analysieren können als ich selbst. Einer meiner Kollegen hat einen Essay über Gaza geschrieben. Er meinte, dass das, was ich ihm erzählt habe, so nicht stimmt. Das bringt mich auf die Palme, dass Menschen sich das Recht herausnehmen, über etwas zu schreiben, von dem sie keine Ahnung haben.“

Vor allem wünscht sich Osama mehr Respekt von nichtbetroffenen Menschen. „Diskutiert nicht mit mir. Ich weiß wie es in Gaza ist, ich habe dort gelebt und meine Familie lebt noch immer dort. Erklärt mir nicht, wie kompliziert die Situation vor Ort sein soll. Wenn ich euch erzähle, dass Menschen getötet werden, gibt es nichts Kompliziertes daran.“

Es gäbe aber auch Menschen in Österreich, die ihm wirklich helfen wollen und geholfen haben, etwa bei der Jobsuche. „Das schaffe ich momentan nicht allein. Menschen zu finden, die einem ehrlich helfen wollen, ist unbezahlbar“.


Ich will keine unangenehme Situation verursachen.
Lina

Lina, 26: „Ich wünsche mir nur, dass mein Ärger anerkannt wird“

Lina lebt seitdem sie zwölf ist in Österreich. Ihre Familienmitglieder in Odessa sind tagtäglich russischen Angriffen ausgesetzt. Das Thema spricht sie vor den meisten Personen oft gar nicht an. „Ich will keine unangenehme Situation verursachen. Oft wissen die Leute nicht, wie man darauf antworten soll, weil das Thema doch sehr heavy ist.“ Dass die Ukraine gesellschaftlich und medial immer weniger thematisiert wird, kann Lina irgendwie verstehen. „Gaza, der Iran – es ist für alle sehr überwältigend, was gerade auf der Welt passiert.“

Mit ihrem Partner redet Lina viel über die Ukraine und ihre Familie vor Ort. „Das ist seine emotionale Verpflichtung, mit mir darüber zu reden, wenn ich entlastet werden will. Das schuldet er mir, weil wir füreinander da sind. Bei anderen Menschen weiß ich nicht, inwieweit ich das verlangen kann.“

Auch Lina stört sich an Relativierungsversuchen von Nichtbetroffenen: „Ich weiß, in Österreich wächst man mit der Neutralität auf. Man versucht hier immer, auf beide Seiten zu hören. Ich wünsche mir nur, dass mein Ärger anerkannt wird, dass da kein ‚Aber‘ für die andere Seite kommt.“

Sie glaubt, dass Menschen das Leid und die Realität von Krieg erst begreifen, wenn sie selbst betroffen sind. „Leider.“


Es ist fast so, als wäre ich selbst mit ihnen im Libanon.
Zahraa

Zahraa, 34: „Manche Menschen hier haben keine Ahnung davon, was im Libanon passiert.“

In Zahraas Tanzkurs reagieren Teilnehmer:innen verblüfft, dass ihre aus dem Südlibanon stammende Familie momentan bombardiert wird. „Sie hatten wirklich keine Ahnung. Für mich war das schockierend.“ Zahraa gibt ihnen nicht direkt die Schuld, für sie sind vielmehr österreichische Medien für diese Unwissenheit verantwortlich. Zu wenig würde über den Libanon berichtet. Und wenn doch über die Umstände im Libanon berichtet wird, „sind wir immer die Feinde, die Terroristen. Das ist einfach respektlos und ignorant.“ Zahraa wünscht sich, dass sich die Menschen einfach informieren und begreifen, „dass wir Libanes:innen oder auch beispielsweise Palästinenser:innen, Menschen wie alle anderen sind.“

Trotz allem gebe es Menschen, die Zahraa gefragt haben, wie es ihr und ihrer Familie geht. „Ich finde das sehr rücksichtsvoll und aufmerksam, dass Menschen mir Mitgefühl zeigen. Das heißt, aber auch jedes Mal, dass ich mit der Realität konfrontiert werde. Manchmal wird es dann viel zu viel. Ich fühle mich auch nicht besser, wenn ich darüber mehr rede. Im Moment hilft das Reden darüber eigentlich gar nicht. Nichts hilft, denn die Lage im Libanon wird wegen Israel immer schlechter. Und obwohl die EU Menschenrechte immer hochhält, schaut sie nur zu oder unterstützt Israels Kriegsführung sogar noch.“

Zahraa schaue rund um die Uhr auf ihr Handy, um sich zu vergewissern, dass ihre Familie noch am Leben sei. „Es ist fast so, als wäre ich selbst mit ihnen im Libanon.“ Sie organisiert Paneltalks, Spendenaktionen oder Fotoausstellungen. „Ja es geht zwar auch dort um meine Heimat, aber irgendwie lenkt es mich doch ab. Dort bin ich mit meinen Gedanken und Gefühlen zumindest nicht allein.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Sara
  • Osama
  • Lina
  • Zahraa

Daten und Fakten

  • Iran: Seit 47 Jahren herrscht die autoritär regierende klerikale Islamische Republik im Iran. Viele Iraner:innen, vor allem Frauen, sind Repressionen ausgesetzt. Die größten Proteste 2022 und im Jänner 2026 wurden mit Gewalt niedergeschlagen – die Konsequenz waren tausende Tote. Im vergangenen Februar starteten die USA und Israel einen Angriffskrieg gegen den Iran, der in Folge ganz Westasien erfasst hat. Seit April herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, die staatliche Gewalt im Iran selbst geht verstärkt mittels Hinrichtungen oder Internetsperren weiter.
  • Palästina: Nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 begann Israel einen Krieg gegen Gaza. Die Unterdrückung gegen die palästinensische Bevölkerung hat aber schon Jahrzehnte davor begonnen. Unter anderem Angriffe und Landraub von israelischen Siedlern im Westjordanland oder die dieses Jahr eingeführte Todesstrafe für Terrorist:innen. Diese soll aber nur an Palästinenser:innen angewendet werden.
  • Ukraine: Die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 entfachte einen regionalen Krieg im Osten der Ukraine zwischen der ukrainischen Armee und pro-russischen Separatisten. 2022 startete Russland eine umfassende Invasion der Ukraine. Nicht imstande größere ukrainische Städte wie Kyjiw, Charkiw oder Odessa einzunehmen, terrorisiert es diese mit Raketen- und Drohnenangriffen. Tausende tote Zivilist:innen sind die Folge.
  • Libanon: Im Zuge des Krieges gegen den Iran startete Israel eine Invasion gegen den Süden des Libanons. Die offizielle Begründung seitens Israels ist die Zerschlagung der von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuften und mit dem Iran verbündeten Hisbollah. Äußerungen von israelischen Regierungsmitgliedern, die sich die Annexion des Südlibanon wünschen, lassen an dieser Begründung allerdings Zweifel aufkommen. Israels Angriffe führten zu Zerstörung, Toten und der Vertreibung von mehr als einer Million Libanes:innen.

Quellen


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