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Niedrigere Tempolimits: Leben retten zum Nulltarif

6 Min
Tempolimits retten Leben und kosten fast nichts
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels

Vor allem Tempo 80 auf Freilandstraßen würde die Zahl der tödlichen Unfälle drastisch senken – und das ganz ohne Kosten.


Kurz wurden sie ins Spiel gebracht, aber dann gleich wieder totgeschwiegen. Weil man Österreichs „Melkkühen der Nation“ – also den Autofahrer:innen – ja nicht zusätzlich zu höheren Spritpreisen auch noch niedrigere Tempolimits aufs Aug drücken kann. Und so einigte sich die Bundesregierung angesichts der Krise infolge des jüngsten USA-Israel-Iran-Krieges im Frühjahr zwar rasch auf eine Spritpreisbremse, die Debatte um eine Reduktion der erlaubten Höchstgeschwindigkeiten zwecks Spritsparens wurde hingegen im Keim erstickt.

Damit wurde eine große Chance vertan, mit 30/80/100 statt 50/100/130 nicht nur dem Klima etwas Gutes zu tun, sondern auch den Menschen. Konkret sorgt Tempo 30 statt 50 im Ortsgebiet für mehr Lebensqualität bei den Anrainer:innen; Tempo 80 statt 100 im Freiland reduziert erwiesenermaßen die Zahl der schweren Verkehrsunfälle massiv; und Tempo 100 statt 130 auf der Autobahn schützt vor allem Umwelt und Klima.

5 Prozent weniger Geschwindigkeit – 21 Prozent weniger Getötete

Stichhaltige Argumente, warum vor allem auf Landstraßen der Fuß vom Gaspedal genommen werden sollte, liefert der Verkehrswissenschaftler Wolfgang J. Berger von der BOKU Wien. In Österreich, wo aufgrund der bergigen oder hügeligen Topografie ein Großteil des Überlandstraßennetzes abseits der Autobahnen nicht schnurgerade und gut einsehbar ist, sondern kurvenreich, schmal und oft schon in die Jahre gekommen, sind fast zwei Drittel aller Verkehrstoten im Freiland zu beklagen, also weit mehr als auf den gut ausgebauten Autobahnen. „Drei Viertel davon sterben bei Frontal- oder Alleinunfällen – das sind also fast die Hälfte aller Verkehrstoten in Österreich“, erklärt Berger. Und gerade bei diesen Unfällen ist oft überhöhte Geschwindigkeit mit im Spiel; sie ist die Hauptursache bei tödlichen Unfällen und wirkt sich erwiesenermaßen auf die Schwere von Unfällen aus.

„Schon 5 Prozent weniger Durchschnittsgeschwindigkeit auf Landstraßen würden 21 Prozent weniger Unfalltote bedeuten“, rechnet der Verkehrsforscher vor. Der Grund dafür ist in der Physik zu suchen – Stichwort Bremsweg, Restgeschwindigkeit und Aufprallhärte. Details dazu erspare ich uns an dieser Stelle, nur eines sticht mir besonders ins Auge: Bei einer Vollbremsung werden die letzten 30 km/h immer auf den letzten 4,3 Metern abgebaut – das entspricht etwa der Länge eines Pkw. Warum das wichtig ist? Nun, ein Auto mit einer Ausgangsgeschwindigkeit von 80 km/h kommt auf trockener Fahrbahn nach 53 Metern zum Stillstand. Bremst es bei 90 km/h, beträgt die Anprallgeschwindigkeit nach diesen 53 Metern Bremsweg 48 km/h, und bei 100 km/h sind es sogar immer noch 70 km/h. Also können schon ein paar km/h Unterschied beim Ausgangstempo über Leben und Tod entscheiden.

30 Prozent mehr Tote durch Tempo 100 statt 80

In Österreich wurde als verkehrspolitisches Ziel eine Halbierung der Zahl der Verkehrstoten innerhalb von zehn Jahren ausgerufen – davon sind wir aber derzeit genauso weit entfernt wie von der Erreichung der Klimaziele. Dabei garantiert Artikel 3 der EU-Grundrechte-Charta, die in Österreich Verfassungsrang hat, das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Bisher sind niedrigere Tempolimits aber immer politisch gescheitert.

In Tirol etwa wurden bereits im Jahr 1990 Tempo 80 auf Landstraßen und Tempo 100 auf Autobahnen eingeführt – und 1993 vom VfGH wieder gekippt. Ein schwerer Fehler, wie die Daten von damals zeigen: Nach der neuerlichen Anhebung der Tempolimits gab es nämlich in Tirol um 30 Prozent mehr Verkehrstote auf Landstraßen, während die Zahl der Verkehrstoten im übrigen Österreich um 11 Prozent zurückging. „Das war kein Zufall“, ist Verkehrsforscher Berger sicher.

Nicht unbedingt die Verkehrssicherheit, wohl aber die Luftqualität hat wiederum Tempo 100 auf der Tauernautobahn (A10) in Salzburg ab 2008 verbessert. Die typisch österreichische Konsequenz daraus: Der „Luft-Hunderter“ wurde 2023 wieder aufgehoben, nachdem die Grenzwerte drei Jahre lang nicht mehr erreicht worden waren.

Gewohnheit sorgt für Akzeptanz

Mit Tempo 100 im Freiland steht Österreich gemeinsam mit Deutschland in Europa inzwischen allein da, weil sich die Temporeduktion in vielen anderen Ländern bereits bewährt hat. Die Schweiz, die Tempo 80 im Freiland 1985 provisorisch eingeführt und nach einer mehrjährigen Evaluierungsphase 1990 implementiert hat, verzeichnet heute im Ortsgebiet etwa gleich viele tödliche Unfälle wie in Österreich, außerhalb davon jedoch um ein gutes Drittel weniger. Auch in Frankreich, wo von Tempo 90 auf Tempo 80 reduziert wurde, sind die Unfallzahlen stark zurückgegangen.

Was die Erfahrungen aus der Schweiz und aus Frankreich auch gezeigt haben: Die Akzeptanz für niedrigere Tempolimits ist binnen weniger Jahre gestiegen, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Das hat sich auch in Salzburg gezeigt, wo vor rund zehn Jahren auf vielen Strecken Tempo 80 eingeführt wurde. Das Interessante dabei ist laut Berger: „In einer Befragung haben nur knapp 20 Prozent gemeint, dass diese Geschwindigkeit nicht passt – allerdings fanden von diesen 20 Prozent sieben von acht Befragten Tempo 80 sogar noch zu hoch.“

Zwei Millionen Euro oder zwei Minuten?

Was aber würde ein allgemeines Tempo 80 im Freiland kosten? Nichts, außer ein bisschen Zeit. „Aber wir reden hier von einem durchschnittlichen Zeitverlust von etwa zwei Minuten“, rechnet Berger vor. Weil nämlich die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Landstraßen schon jetzt bei 86 km/h liegt. Die meisten würden ein niedrigeres Tempolimit also gar nicht merken. Tempo 100 statt 130 auf der Autobahn würde freilich mehr schmerzen, weil durch die längeren Strecken der Zeitverlust tatsächlich größer wäre. Allerdings berichtet auch hier die ASFINAG, dass auf 60 Prozent der Autobahnen mit weniger als 130 km/h gefahren wird – unabhängig von Tagesereignissen, Unfällen und Staus. Meine eigene Erfahrung zeigt: Seit ich ein Auto mit Reichweitenanzeige habe, fahre ich selbst auf der Autobahn selten schneller als 100 km/h. Eine Vereinheitlichung der Tempolimits nach unten käme dem Straßenerhalter durchaus entgegen, weil niedrigere Geschwindigkeiten auch den Fahrbahnbelag schonen. Und im Freiland müssten für ein generelles Tempo 80 nicht einmal neue Tafeln aufgestellt werden. Man könnte sogar darüber reden, einzelne 70er-Tafeln wegzunehmen, meint Verkehrsforscher Berger.

Und weil wir schon beim Geld sind: Rechnet man die volkswirtschaftlichen Kosten aller Verkehrsunfälle in Österreich pro Jahr aus, kommt man auf knapp zwei Millionen Euro pro Todesopfer – rechnet man das menschliche Leid mit ein, sind es sogar fast fünf Millionen Euro – und auf insgesamt knapp fünf Milliarden Euro (inklusive menschlichem Leid sogar mehr als elf Milliarden Euro). Niedrigere Tempolimits könnten diese Summe nicht nur massiv reduzieren, sondern auch dem Staat ein saftiges Körberlgeld einbringen. Schließlich werden ab 2027 die Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen bundesweit vereinheitlicht und erhöht. „Und im Gegensatz zu den diversen Beschränkungen wird das generelle Tempolimit auf Landstraßen bisher kaum überwacht“, merkt Berger an. Dazu kommt die Psychologie: Wird die erlaubte Geschwindigkeit reduziert, fahren viele deswegen nicht langsamer, „aber mit schlechtem Gewissen, weil man ja geblitzt werden könnte. Und dadurch ist man aufmerksamer.“ Auch das würde das Unfallrisiko senken.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Im Jahr 2025 starben auf Österreichs Straßen insgesamt 403 Personen, um fast 15 Prozent mehr als im Jahr davor. Auch die Zahl von 47.041 Verletzten bei insgesamt 37.825 Verkehrsunfällen bedeutete eine erneute Steigerung.

Gesprächspartner

Wolfgang J. Berger ist Assistenzprofessor am Institut für Verkehrswesen der BOKU Wien.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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