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Nigerias verfolgte Christ:innen

5 Min
Immer wieder werden Kirchen zu Zielen von islamistischen Anschlägen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Islamisten überziehen Afrikas bevölkerungsreichstes Land mit Morden und Massenentführungen. Der Priester und Psychotherapeut Thomas Adamu will seinen traumatisierten Landsleuten helfen.


In der Kirche feiern die Menschen dicht gedrängt Gottesdienst, als draußen plötzlich mehrere Jeeps heranbrausen. Auf den Ladeflächen Überfallkommandos mit Maschinengewehren und Handgranaten. Die schwerbewaffneten Männer stürmen das Gebäude und eröffnen das Feuer auf die Betenden. Männer, Frauen, darunter Schwangere, Kinder – niemand wird verschont; wer nicht rechtzeitig in Deckung gehen kann, stirbt im Kugelhagel oder wird schwer verletzt. Die Attentäter schlagen auch den Kirchenraum kurz und klein. Es sind Bilder wie aus einem brutalen Actionkracher, aber für die christliche Bevölkerung im westafrikanischen Nigeria sind sie grausame Realität: „Niemand wurde entführt, kein Priester, niemand von der Kirchenleitung wurde gekidnappt. Sie kamen nur, um zu töten“, berichtet später ein Überlebender.

Der Angriff auf die Sankt-Franziskus-Kirche in der Stadt Owo im Südwesten Nigerias mit 22 Toten und rund 50 Verletzten zu Pfingsten 2022 schaffte es in die internationalen Schlagzeilen, ebenso die Entführung von 276 Schülerinnen vor genau zehn Jahren – mehr als die Hälfte von ihnen ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Erst Anfang März 2024 sollen Medienberichten zufolge insgesamt mehr als 500 Menschen verschleppt worden sein, darunter erneut zahlreiche Schülerinnen und junge Frauen. Neben Anschlägen und gezielten Morden an einzelnen Personen sind diese Massenentführungen ein häufig eingesetztes Terrorinstrument der islamistischen Sekte Boko Haram, die in Nigeria seit 2009 Angst und Schrecken verbreitet.

„Große kirchliche Feste sind besonders gefährdet“

In ihrer Grausamkeit sind die Islamisten höchst effektiv, sagt der nigerianische Priester Thomas Adamu im Gespräch mit der WZ. „Ihre Stärke besteht in ihrer Strategie, dass sie als schwerbewaffnete Armee auftauchen. Dagegen sind wir praktisch machtlos.“ Für die Christ:innen in Afrikas bevölkerungsreichstem Staat, der etwa so viele Einwohner hat wie die halbe EU, bedeutet das ein Leben in ständiger Gefahr. Und das, obwohl sie derzeit fast die Hälfte der Bevölkerung stellen: 96 Millionen Christ:innen stehen 104 Millionen Muslim:innen gegenüber.

Es scheint ihnen einfach Spaß zu machen, unschuldige Menschen zu töten.
Priester und Psychotherapeut Thomas Adamu

„Die Sonntagsmessen können wir mittlerweile wieder halbwegs normal feiern“, erzählt Reverend Adamu, „aber große kirchliche Feste sind besonders gefährdet.“ Man versucht sich deshalb zu schützen, so gut es geht. An den Kircheneingängen finden Sicherheitskontrollen statt; selbst die Osternacht am Karsamstag endet noch bei Tageslicht, damit die Messbesucher:innen im Hellen nach Hause kommen; und vor der Kirche patrouillieren aufmerksame Jugendliche oder sogar bewaffnete Sicherheitskräfte. „Aber was können ein paar Polizisten ausrichten, wenn zwanzig oder dreißig schwerbewaffnete Leute auftauchen?“

Der Priester Thomas Adamu
Reverend Thomas Adamu ist nach dem Studium in Österreich nun wieder in Nigeria tätig.
© privat

Terror im Namen der Scharia – auch gegen Muslim:innen

Besonders groß ist die Gefahr für all jene, die vom Islam zum Christentum konvertieren – und damit aus Sicht der Islamisten vom Glauben abgefallen sind. Aber auch viele andere geraten ins Visier der Terroristen. Dabei gehe es offensichtlich nicht nur um die Religion, ist der Priester überzeugt, „denn muslimische Schülerinnen werden ebenfalls entführt. Die wilden Horden greifen nicht nur christliche Kirchen an. Man könnte meinen, es macht ihnen einfach Spaß, unschuldige Menschen umzubringen.“ Boko Haram (was frei übersetzt „Bücher sind Sünde“ oder auch „Verwestlichung ist ein Sakrileg“ bedeutet) ist die größte und bekannteste Islamistengruppe in Nigeria, aber längst nicht die einzige. Auch der IS und Al-Kaida haben längst Ableger in Nigeria. Sie alle eint ein Ziel: Sie wollen die islamische Scharia durchsetzen und alles, was die Scharia verbietet – was also haram ist –, vernichten. „Sie bekämpfen alles Westliche und alles Weltliche“, erklärt Adamu, „das Schulsystem, die Demokratie, das Justizsystem, die Polizei, Wahlen.“

Von der Regierung sei nicht viel Hilfe zu erwartet, stellt Adamu fest: „Man hat das Gefühl, dass die allgemeine Unruhe im Land von der Politik mitverursacht wird. Was sie zur Verbesserung der Situation tut, ist nicht wirklich zu erkennen. Es ist seit 2009 immer schlimmer geworden.“ Die Bilanz der vergangenen 15 Jahre: geschätzte 35.000 Ermordete, rund zwei Millionen Binnenvertriebene und mindestens sechs Milliarden US-Dollar an Schäden. Allein im besonders betroffenen Bundesstaat Borno war laut einem Bericht der BBC im Jahr 2016 jedes dritte der damals 3,2 Millionen Privathäuser zerstört, dazu mehr als 5.000 Bildungsstätten, mehr als 1.600 Brunnen, 1.200 Verwaltungsgebäude, 750 Einrichtungen der Strominfrastruktur, 200 Gesundheitseinrichtungen, 170 Polizeistationen und 14 Gefängnisse.

Psychotherapeutische Hilfe für traumatisierte Kinder

Dabei gab es in Nigeria einmal eine Zeit, in der die Religionen friedlich koexistiert haben, erinnert er sich. Der fast 60-Jährige wuchs in einem Land auf, in dem zwar Korruption allgegenwärtig war, es immer wieder politische Umstürze und Diktaturen gab und das Militärregime in den 1990er-Jahren als eines der repressivsten Systeme Afrikas galt, „aber bis in die 2000er-Jahre haben wir unser Leben ganz normal leben können.“ Der Terror von Boko Haram war für ihn der Auslöser, das Land zu verlassen. Aber nicht, um sich in Sicherheit zu bringen, sondern um seinen Beitrag zu leisten, den Menschen in Nigeria zu helfen.

Es geht offensichtlich nicht nur um die Religion.
Thomas Adamu über die Motive von Boko Haram, IS und Al-Kaida

Er ging nach Österreich, wo er eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolvierte. Seit drei Monaten ist er zurück in Nigeria und baut eine psychotherapeutische Betreuung für traumatisierte Kinder auf. „Viele haben ihre Eltern verloren oder Entführungen überlebt. Ich weiß, wie groß die Not hier ist. Im gesamten Norden Nigerias kenne ich außer mir keinen anderen Psychotherapeuten.“

In der Gefahr wächst der Glaube

Sein Wissen gibt er auch an die Priester weiter, die den Opfern des islamistischen Terrors beistehen – und die selbst in dessen Visier geraten. Denn Geistliche werden in Nigeria besonders oft eingeschüchtert, verschleppt oder ermordet. Auch Adamu hat schon Freunde verloren. „Aber wir müssen uns der Situation stellen, wir können die Menschen nicht im Stich lassen.“ Manche Dörfer werden jedoch nicht mehr besucht, weil die Gefahr dort zu groß ist. Der Priester hat die Erfahrung gemacht, dass „in solchen Situationen die Leute gläubiger werden. Man spürt die eigene Hilflosigkeit und die Ohnmacht der Regierung und sucht Zuflucht bei Gott. Er ist unsere Hoffnung auf Rettung.“


Infos und Quellen

Genese

Die Mediengruppe Wiener Zeitung hat im November 2023 drei Dutzend durch eine Umstrukturierung freigewordene Laptops sowie zahlreiche Bildschirme und weiteres Zubehör an die St. Raymond’s School im Bundesstaat Ebonyi im Südosten Nigerias gespendet. Damit soll rund 150 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 14 Jahren eine gute Ausbildung für eine bessere Zukunft ermöglicht werden.

Die Kinder der St. Raymond’s School bekommen Computerbildschirme
Die WZ-Computerbildschirme dienen nun den Kindern der St. Raymond’s School in Nigeria.
© St. Raymond’s School

Gegründet hat die Schule der nigerianisch-österreichische Priester Jacob Nwabor, der Pfarrer im 20. Wiener Gemeindebezirk und zugleich Bischofsvikar in der Diözese Abakaliki (einer von insgesamt 87 Diözesen in Nigeria) ist. Er kennt die Situation der Christ:innen in dem westafrikanischen Land gut und brachte WZ-Redakteur Mathias Ziegler mit dem nigerianischen Priester Thomas Adamu zusammen.

Pfarrer Jacob Nwabor mit einer Ordensschwester und Computermonitoren.
Pfarrer Jacob Nwabor (r.) hat den Transport der Computer nach Nigeria organisiert.
© Fotocredit: Privat

Gesprächspartner

  • Reverend Thomas Adamu ist Priester und Psychotherapeut. 1964 in Nigeria geboren, war er dort als Seelsorger tätig und leitete ein Priesterseminar, ehe er im Jahr 2011 nach Österreich kam und in Salzburg Psychotherapie studierte. Von September 2017 bis Dezember 2023 war er Pfarrer in Altmünster am Traunsee (Oberösterreich). Anfang 2024 ist er nach Nigeria zurückgekehrt. Dort baut er nun eine psychotherapeutische Betreuung für traumatisierte Kinder auf.

Daten und Fakten

  • Die Zahl der verfolgten Christ:innen ist laut der NGO Open Doors weltweit auf 365 Millionen gestiegen – ein neuer Höchststand. Dazu kommen noch weitere 90 Millionen Menschen anderer Religionszugehörigkeit in mehr als 60 Ländern, die ihren Glauben nicht frei ausleben können. Sie werden systematisch diskriminiert, eingeschüchtert, inhaftiert, vergewaltigt, gefoltert, verschleppt oder ermordet.

  • Rund 4,9 Milliarden Menschen, also mehr als 62 Prozent der Weltbevölkerung, leben in Ländern mit ernster oder sehr ernster Verletzung der Religionsfreiheit.

  • Im von Open Doors erstellten aktuellen Ranking jener Länder, in denen Christ:innen besonders stark gefährdet sind, liegt Nigeria an sechster Stelle, knapp hinter Nordkorea, Somalia, Libyen, Eritrea und dem Jemen. Systematische Diskriminierung, Einschüchterung, Verschleppungen und Morde stehen im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas (mit 224 Millionen Einwohnern hat Nigeria halb so viele wie die gesamte EU, die Fläche entspricht etwa jener Deutschlands und Frankreichs zusammen) an der Tagesordnung.

  • Neben Boko Haram verbreiten in dem westafrikanischen Staat am Golf von Guinea, ebenso wie in den Nachbarländern Benin, Niger, Tschad und Kamerun, Ableger von IS und Al-Kaida sowie weitere islamistische Terrormilizen Angst und Schrecken. Boko Haram selbst bringt sich mit den Taliban in Verbindung und wird von der lokalen Bevölkerung auch so genannt. Die Gruppe, die nach der Erschießung ihres damaligen Sektenführers und Gründers Ustaz Mohammed Yusuf im Juli 2009 durch Sicherheitskräfte erst so richtig erstarkt ist, hat sich mehrmals gespalten und teilweise Al-Kaida angeschlossen.

  • Aktuell gibt es in Nigeria etwa gleich viele Christ:innen wie Muslim:innen, in 25 Jahren wird ein Verhältnis von 2:3 zugunsten der Muslim:innen prognosiziert.

Quellen

Das Thema in anderen Medien