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Nine-to-five: Dem Zyklus hinterher

5 Min
Der Menstruationszyklus findet oft zu wenig Platz.
© Illustration: WZ

Der weibliche Zyklus ist kein Störfaktor, sondern ein unterschätzter biologischer Rhythmus. Wer ihn ignoriert, verliert nicht nur an Produktivität, sondern auch an Lebensqualität und Gleichstellung. Ein neuer Blick darauf könnte einiges ändern.


    • Der weibliche Zyklus wird gesellschaftlich tabuisiert, obwohl er Gesundheit, Produktivität und Wohlbefinden stark beeinflusst.
    • Zyklusbewusstsein kann helfen, Arbeit effizienter zu gestalten
    • Noch fehlen Forschung, Sprache und Strukturen für zyklusgerechtes Arbeiten – trotz wachsendem öffentlichen Bewusstsein.
    • Menstruierende verlieren durchschnittlich 9 Produktivtage pro Jahr durch Präsentismus (University College London)
    • Nur 24-Stunden-Rhythmus des männlichen Hormonsystems prägt Arbeitswelt, nicht der 28-Tage-Zyklus
    • Studie: Zyklus beeinflusst Entscheidungsverhalten, Aufmerksamkeit und Energie (Frontiers in Human Neuroscience)
    • Dauerhafte Zyklusignoranz kann zu Schlafproblemen, Immunschwäche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Meine Hand formt sich zur Schale. Ich strecke sie unter dem Tisch meiner Kollegin entgegen und forme lautlos mit den Lippen: „Hast du ein o.b.?" Die Szene ist so unspektakulär wie alltäglich. Und sie verrät einiges über die Stellung der Menstruation in unserer Gesellschaft: Sie findet statt. Sie findet heimlich statt.

„Die rote Welle.“ „Die Erdbeerwoche.“ „Der kleine Clown hat Nasenbluten.“ Die Liste der Synonyme ist lang. So lang, dass sie die Menstruation fast in Vergessenheit gerät. Kein Wunder: Die Regelblutung ist bis heute Tabu. Und Schocker: Sie ist nur ein kleiner Teil eines viel größeren Phänomens, über das wir noch weniger sprechen: Der weibliche Zyklus.

Die Wirtschaft ist auf Testosteron gebaut

Der weibliche Menstruationszyklus dauert in der Regel 28 Tage und unterliegt dabei einem komplexen Wechselspiel hormoneller Phasen. Der männliche Hormonhaushalt hingegen folgt überwiegend einem tageszeitlichen Rhythmus: Testosteron steigt morgens an und fällt gegen Abend wieder ab. Fokus, Output, Reboot, Repeat.
Unsere gesamte Leistungsgesellschaft, unsere Arbeitszeitmodelle, unsere Meetings, unsere To-do-Listen, unsere Deadlines: Alles tickt im 24-Stunden-Takt.

„Unsere Gesellschaft ist nach einem Normmodell aufgebaut, das männlich, weiß und cis ist", sagt Zyklusmentorin und Pflegerin Anja Rattay im Gespräch. „Im Gesundheitswesen, in der Forschung, in der Bildung, im Arbeitsleben. Der weibliche Zyklus findet da schlicht keinen Platz."

Zykluswissen ist Produktivitätswissen

Dabei wäre es nicht nur gesund, sondern auch effizienter, dem Zyklus Platz zu geben. Wer sich mit dem eigenen Zyklus auseinandersetzt, erkennt schnell: Leistungsfähigkeit ist kein konstanter Zustand, sondern verändert sich. Genauso wie Energielevel, Konzentration, Kreativität und soziale Bedürfnisse.

Typischerweise zeigen sich in den Zyklusphasen unterschiedliche körperliche und mentale Befindlichkeiten, die individuell variieren können.

Die Sache mit dem Gender Health Gap

Ja, wissenschaftlich wurde dazu auch aufgrund des Gender Health Gaps noch nicht genug erforscht. “Dass der Zyklus die Gesundheit und die Lebensqualität der Frauen beeinflusst, das wird niemand bezweifeln und dazu gibt es auch Evidenz”, so Gendermedizinerin Kautzky-Willer. “Es wird aber einfach zu wenig beachtet.”

Doch Forschungen ziehen nach. Laut einer Studie des University College London verlieren menstruierende Personen im Schnitt neun Tage Produktivität pro Jahr. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie sich krank zur Arbeit schleppen. Das nennt man Präsentismus. Statt auf den eigenen Körper zu hören, wird weiterfunktioniert und weiterperformt. Mit Schmerzmitteln, mit Zähne-Zusammenbeißen, mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.

Eine Veröffentlichung im Fachjournal Frontiers in Human Neuroscience zeigt, dass hormonelle Veränderungen im Verlauf des Menstruationszyklus phasenweise Einfluss auf Entscheidungsverhalten, Aufmerksamkeit und Energielevel haben können. Nicht linear, sondern phasenweise.

Zyklusbewusstsein als Leadership-Skill?

„Wer den eigenen Zyklus kennt, kann gezielter planen, effizienter arbeiten und nachhaltiger mit den eigenen Ressourcen umgehen", sagt Rattay. Sie rät zu einem Zyklustagebuch. Dafür seien vorgefertigten App-Kategorien nicht notwendig, eine tägliche Notiz reicht: Wie war mein Energielevel? Was hat mich genervt? Worauf hatte ich Lust? Aus diesen Mustern entsteht schnell ein Gespür dafür, wann welche Aufgaben gut gelingen, und wann nicht. “Am besten ist, wenn man sich da selbst beobachtet. So finde ich selbst persönliche, zyklusabhängige Veränderungen raus”, so Kautzky-Willer.

Auf Social Media wird der Anschein erweckt, dass zyklusbasiertes Wissen längst angekommen ist: Es werden zyklusbasierte Tipps verbreitet, das kann aber dazu führen, dass individuelle Beobachtungen verallgemeinert werden. Im Arbeits-Kontext fehlt oft noch die Sprache. Wer offen über PMS, Zyklusphasen oder Menstruationsschmerzen spricht, läuft Gefahr, als schwach oder unprofessionell abgestempelt zu werden.

Wer verliert, wenn wir so weitermachen?

Die gesundheitlichen Risiken von Dauerverdrängung können enorm sein: Schlafprobleme, Verdauungsbeschwerden, chronischer Stress, Immunschwäche, im schlimmsten Fall Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Wenn ich nicht mehr mitbekomme, was mein Körper braucht, kann ich nicht gut auf ihn achten. Und das kann lebensbedrohlich werden", warnt Rattay.

Klar ist: Nicht jeder Job lässt zyklisches Arbeiten im klassischen Sinne zu, oft helfen aber kleine Schritte: Meetings am Zyklustag? Besser vermeiden. Kreativ-Brainstormings in der Ovulationsphase? Gerne. Klare Kommunikation bei den Vorgesetzten? Immer her damit.

Nicht die Hormone sind das Problem, sondern das System

Der Vorschlag, den weiblichen Zyklus im Alltag ernst zu nehmen, löst oft reflexartige Ängste aus. Etwa, dass Frauen dadurch am Arbeitsmarkt benachteiligt würden. Doch gerade solche Befürchtungen blockieren Fortschritt. Wer seinen Zyklus versteht, ist eben nicht launisch, hysterisch oder unzuverlässig. Sondern kann Ressourcen oft besser einteilen, sich vor Erschöpfung schützen und andere besser führen.

Zyklusgerecht zu arbeiten bedeutet nicht, alles umzuwerfen. Es bedeutet, Unterschiede anzuerkennen und Potenziale zu nutzen. Für mehr Gleichstellung. Für mehr Gesundheit. Und, ja: auch für mehr wirtschaftlichen Erfolg.

Vielleicht braucht es dafür keine Revolution, sondern einfach den Mut, das o.b. aus der Hand zu legen. Und den Zyklus auf den Tisch.


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Infos und Quellen

Genese

Wieso habe ich mich gestern so gefühlt, als würde mir die Welt gehören und heute, als hätte mich ein Laster angefahren? Der Zyklus einer menstruierenden Frau ist viel mehr als nur einmal im Monat zu bluten. WZ-Redakteurin Nora Schäffler hat sich gefragt, inwiefern man sich als menstruierende Frau mit der Periode beschäftigen kann, um sogar einen Nutzen daraus zu ziehen.

Gesprächspartnerinnen

  • Anja Rattay ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin und Zyklusmentorin. Sie leitet Workshops, Seminare und begleitet Frauen dabei, sich besser kennenzulernen.
  • Alexandra Kautzky-Willer ist Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und leitet Endokrinologie und Stoffwechsel am AKH in Wien.

Daten und Fakten

  • Der Menstruationszyklus besteht durchschnittlich aus 28 Tagen, kann aber zwischen 25 und 35 Tagen variieren. Er besteht aus vier Phasen: Der Menstruation, der Follikelphase, dem Eisprung und der Lutealphase. In diesen Phasen spielen Hormone wie Östrogen, Progesteron, das follikelstimulierende Hormon (FSH) und das luteinisierende Hormon (LH) wichtige Rollen.
  • Der Gender Health Gap beschreibt die ungleiche Behandlung von Frauen in Medizin und Gesundheitsforschung. Viele Krankheiten sind bei Frauen schlechter erforscht, werden später erkannt oder anders behandelt, was oft zu negativen Folgen führen kann.
  • Spanien als europäischer Vorreiter: In Spanien dürfen Frauen seit 2023 mehrere Tage im Monat bei starken Menstruationsbeschwerden offiziell krankgeschrieben und entschuldigt von der Arbeit fehlen.
  • In Japan gibt es bereits seit 1947 ein Gesetz, das Frauen bei starken Menstruationsbeschwerden das Recht gibt, Menstruationsurlaub zu nehmen. Aus Angst vor Stigmatisierung oder Nachteilen am Arbeitsplatz nutzen allerdings nur wenige Frauen dieses Recht.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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