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Normschöne Frauen in hautengen Outfits

7 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ.

Der Songcontest ist bunt – das gilt für Männer. Wenn es aber um Weiblichkeitsbilder und Körpernormen geht, ist er sehr eintönig.


    • Die ESC-Show 2026 in Wien zeigte ein konservatives Frauenbild: normschöne, schlanke Frauen in engen Outfits dominierten.
    • Männlichen Künstlern wurde mehr Vielfalt und Ausdruck zugestanden, während Frauen auf Sexyness und Konformität reduziert wurden.
    • Feministische und vielfältige Botschaften fehlten, stattdessen gab es sexistische Songtexte und rückschrittliche Inszenierungen.
    • ESC 2026: Bulgarien gewinnt erstmals mit Dara und “BANGARANGA”
    • Songcontest feierte 2026 seinen 70. Geburtstag in Wien
    • Frauenbild: Teilnehmerinnen meist normschön, schlank, in engen Outfits
    • Männer zeigen beim ESC 2026 mehr Vielfalt in Alter, Stil und Auftreten
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Eines muss ich gleich vorab klären, aus Transparenzgründen gewissermaßen: Songcontest ist der höchste Feiertag im fraslschen Kalender. Ich spreche hier also nicht als neutrale Beobachterin oder als distanzierte Kulturkritikerin, sondern als Hyperfan.

Ich bin mit dem Songcontest aufgewachsen. Jahr für Jahr fieberte und fiebere ich auf den großen Tag hin, wie andere auf ihren Geburtstag oder auf Weihnachten oder was auch immer man sonst noch so feiert. In meiner Kindheit war der (damals noch eintägige) Songcontest der einzige Tag im Jahr, an dem meine Schwestern und ich bis drei Uhr früh wachbleiben durften. Ich erinnere mich an lange Nächte, in denen wir gebannt mit Herzklopfen die Punktevergabe verfolgten, mitsingend, mittanzend und Chips essend und Cola trinkend versteht sich. An Schlafen war ohnehin vor lauter Aufregung nicht zu denken, auch nach der gefühlt zehnstündigen Punktevergabe nicht.

Bis heute ist das ESC-Fieber bei uns ungebrochen, auch heute wird Wochen davor und danach über nichts anderes geredet, es werden Wetten ausgetauscht, Favoriten besprochen und danach Reels ausgetauscht.

Als Erwachsene markiere ich die (mittlerweile drei) Songcontest-Tage sofort im Kalender, wenn die Termine bekannt gegeben werden. Sollte davor eine Lesung oder ein sonstiger beruflicher Termin vereinbart worden sein, muss der selbstverständlich für den Songcontest verschoben werden. Eine Frasl weiß: Es gibt zwei Prioritäten im Leben – die eine ist Familie (Wahlfamilie selbstredend mitgemeint), die andere ist Songcontest. Im Mai ist mein häufigster Satz: „Da kann ich leider nicht, da ist Songcontest.“ Songcontest ist der höchste Feiertag im Jahr. Songcontest ist wie drei Geburtstage und Weihnachten zusammen. Songcontest ist jedes Jahr Jahreshighlight. Songcontest ist alles und von allem alles und viel zu viel und ich liebe ihn.

Wie aus der Zeit gefallen

Und weil man ja irgendwie mit der Traurigkeit umgehen muss, dass das heilige Fest nun wieder vorbei ist und man sich jetzt wieder länger auf nichts freuen kann, beginne ich diese kleine feministische Nachbetrachtung mit zwei guten Nachrichten:

Erstens herrschte im Hause Frasl heuer traute Einigkeit bezüglich Favoritin – das war Bulgarierin Dara mit dem Banger „BANGARANGA“. Zweitens gewann ebendiese unsere Favoritin dann auch noch (große Freude). Sie holte den ersten ESC-Sieg für Bulgarien und das gleich mit dem ersten Antritt Bulgariens nach Jahren der Songcontest-Abstinenz.

Weniger erfreulich war, dass die Inszenierung der Jubiläumsshow (der Songcontest feierte heuer bereits seinen 70. Geburtstag) insgesamt doch recht konservativ daherstolperte. Vor allem im Vergleich zum Basler Bewerb im letzten Jahr wirkte die diesjährige Wiener Produktion doch etwas aus der Zeit gefallen. Da war zum einen die Wahl der Moderation. Abgesehen davon, dass unter Songcontest-Fans wohl niemand nachvollziehen kann, warum Mr. Songcontest himself, Andi Knoll, auch heuer wieder nicht auf der Bühne moderieren durfte, war der ORF heuer ausgerechnet beim Songcontest offenbar um größtmögliche Heteronormativität bemüht, denn mit Viktoria Swarowski und Michael Ostrowski wurde recht altfadrisch ein Frau-Mann-Duo engagiert. Da war man beim letzten in Österreich ausgetragenen Bewerb im Jahr 2015 mit dem Trio aus Arabella Kiesbauer, Mirjam Weichselbraun und Alice Tumler (und Conchita Wurst/Tom Neuwirth im Green Room) schon um Einiges weiter. Die Geschlechterkonstellation an und für sich wirkte schon altbacken, noch schlimmer allerdings ist das Konzept „seriöse, aber sehr normschöne Frau plus männliche Ulknudel (bei der es wiederum wurscht ist, wie sie ausschaut)“ – ein Rezept aus den 1990er Jahren, als Thomas Gottschalks Humor noch für unproblematisch gehalten wurde. Dass Frauen auch lustig sein können und dass es in Österreich ein paar sehr talentierte gibt, ist offenbar noch nicht bis zu den Sendungsverantwortlichen durchgedrungen.

Auch in dieser Hinsicht hätte man sich an der Basler Show 2025 durchaus ein Beispiel nehmen können: Hazel Brugger war nicht nur die witzigste Moderatorin, die der Songcontest seit Langem gesehen hatte. Das dortige Trio, komplett weiblich besetzt mit Brugger, Michelle Hunziker und Sandra Studer, zeigte auch, dass Frauen nicht ausschließlich in unbequemen, aber sexy hautengen Kleidern und High Heels auftreten müssen, um ins Fernsehen zu dürfen. In Basel fungierten die Moderatorinnen nicht als Deko-Objekte und Eye Candy, während ein männlicher Comedian daneben flache Witze riss – sie durften selbst lustig sein, und intelligent obendrein.(PS: von der diesjährigen Green Room Moderatorin Emily Busvine hätte ich übrigens gern mehr gehört.)

Heteronormative Sexiness

Das Motiv „normschöne Frauen in hautengen Outfits“ zog sich in der Wiener Show durch den gesamten Abend, denn auch im Teilnehmerinnenfeld war das präsentierte Frauenbild um einiges eintöniger als in den Jahren zuvor: allesamt normschön und sehr schlank, in engen Kostümen und in High Heels. Und die Choreografien, die diese normschönen und sehr schlanken Frauen in den sehr eng anliegenden Kostümen in High Heels tanzten, kreisten in der Regel um „Sexyness“, und das in einem sehr konventionellen und sehr heteronormativen Sinn.

Das ist im Übrigen keine Kritik an individuellen Künstlerinnen, aber es sagt möglicherweise in seiner Geballtheit etwas über den Zeitgeist aus, der sich aktuell in Geschlechterfragen insgesamt rückwärts bewegt. Er macht offenbar auch vor dem Songcontest nicht Halt.

Und: Männlichen Künstlern wird auch beim Songcontest ein viel breiteres Spektrum an Ausdruck zugestanden: Viele sind queer, viele androgyn, nicht alle jung, nicht alle dünn, nicht alle normschön, sie haben Sportdressen an und Moonboots und Mesh-Tops und Anzüge. Wo waren die androgynen Frauen beim Songcontest 2026, oder die sichtbar lesbischen oder die älteren oder dickeren oder einfach nur welche mit kurzen Haaren und flachen Schuhen?

Auch die Beiträge selbst verstärkten den Eindruck, dass der antifeministische Backlash nun auch beim ESC Einzug gehalten hat. Nicht, dass der Songcontest jemals frei gewesen wäre von Sexismus, aber in den vergangenen Jahren enthielten Songtexte und Performances immer wieder zumindest oberflächliche feministische und pro-feministische Messages. Man erinnere sich beispielsweise an die Siegerin Netta mit dem Song „Not your Toy“. Doch ausgerechnet heuer, in dem Jahr, in dem eine größere Dichte an Fällen sexueller und sexualisierter Gewalt öffentlich wurde als in den meisten Jahren zuvor (die Epstein-Files waren heuer ja nur die Spitze des Eisberges) bekam man Titel wie „Choke Me“ zu hören oder in Jonas Lovvs (Norwegen) Song „Ya ya ya“ die Textzeile „I am an animal, I have no Self Control.“ Ein Satz der nicht mit „Ya ya ya“ beantwortet werden sollte, sondern „Danke für die Klarstellung, Jonas, bye bye.“ Nicht nur das Frauenbild also wirkte beim ESC 2026 wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert, die Show tat auch so, als hätte es #metoo und alle Debatten drumherum nie gegeben. Das ist vielleicht wenig überraschend zu einer Zeit, in der Maskulinismus, martialische Männlichkeit und ein patriarchales Wertesystem überall auf dem Vormarsch ist, bei einem Bewerb, der sich selbst zumindest an der Oberfläche ein progressives Gewändchen umhängt, sind gewaltverherrlichende Lyrics – oder solche, die à la „Blurred Lines“ in Bezug auf Übergriffigkeit einen auf Augenzwinkern und „Grauzone ist sexy“ machen – allerdings höchst befremdlich.

Bunt, aber eintönig

Ja, der Songcontest ist laut und glitzernd und bunt – aber diese Buntheit gilt vor allem für Männer. Und diese Männer singen auch in nippelfreien Glitzeranzügen im Jahr 2026 auf sexy darüber, dass sie sich selbst nicht unter Kontrolle haben. Frauen singen im Jahr 2026 darüber, dass sie gewürgt werden wollen.

Wenn es um Weiblichkeitsbilder und Körpernormen geht, ist der ESC sehr eintönig. Das ist schade. Denn sehr viele Mädchen in ganz Europa sehen zu, wie auch ich als Mädchen zugesehen habe. Und diese Mädchen haben verdient, auch und vor allem beim größten Musikfestival der Welt eine größere Bandbreite dessen zu sehen, was Frausein bedeuten kann, in Europa und sonstwo. Und sie haben verdient, dass sexuelle Grenzüberschreitungen nicht als dann doch irgendwie geil dargestellt werden.

Bleibt zu hoffen, dass Bulgarien 2027 diesbezüglich ein paar Schritte nach vorne geht.

In diesem Sinne: BANGARANGA!

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

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