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Täglich Schachtelwirt kostet uns die Zukunft, Herr Nehammer

6 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Collage: WZ

Der Bundeskanzler verhöhnt mit seinen Aussagen Eltern in der Armutsfalle und ignoriert dabei auch, dass Fleischkonsum maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich ist.


Bundeskanzler Karl Nehammer und #Burgergate. Ich kann kaum in Worte fassen, auf wie vielen Ebenen dieses Video, diese Aussagen, extreme Störgefühle in mir erzeugt haben. Nicht nur, dass der Bundeskanzler dieses Landes strukturelle Probleme von der Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt wie die Teilzeitfalle bis hin zur tatsächlich existenten Armut in Österreich komplett ignoriert, outet er sich mit seiner „3,50 Euro für Burger und Pommes als warme Mahlzeit für ein Kind“-Aussage auch noch als abgehoben und weltfremd.

Mehr als sechs Burger täglich nötig

Zu Recht prallte ihm gewaltig Kritik entgegen – die Kabarettistin und Mutter Aida Loos rechnete vor, dass ein zehnjähriges Kind täglich über sechs Stück dieser Burger essen müsste, um auf den errechneten durchschnittlichen Kalorienbedarf zu kommen, was sich in Kosten von über 350 Euro im Monat niederschlagen würde. Das ist häufig weitaus mehr als das Lebensmittelbudget für eine ganze Familie, die armutsbetroffen ist - und ja, diese Menschen gibt es in Österreich. Es gibt nicht nur armutsgefährdete, sondern definitiv auch armutsbetroffene Menschen.

Caritas-Präsident Michael Landau brachte es auf Twitter/X auf den Punkt: „In Österreich muss niemand verhungern oder im Winter erfrieren. Weil wir in der Geburtsortslotterie einen Haupttreffer gezogen haben. Aber wer sagt, dass in Österreich niemand hungert oder friert, hat von der Wirklichkeit der Menschen keine Ahnung.“

Mich stören Nehammers verabscheuungs­würdige Aussagen und die Reaktionen darauf.

Doch mich stören nicht nur diese verabscheuungswürdigen Aussagen von Nehammer (die leider bei vielen Menschen auf Zustimmung trafen, sonst hätte er sie in seinem Erklärungsvideo nicht sogar nochmal wiederholt), sondern auch viele der Reaktionen darauf. Auf Twitter/X gab es förmlich einen Wettkampf um das lustigste Meme, die Parteien reagierten genau so, wie man es von ihnen erwarten würde – die Opposition schäumte, der Koalitionspartner reagierte verhalten. Alles nach Drehbuch, wie immer, egal ob Trottelei mit Excel, politischer Besuch in Afghanistan, falsch adressierte E-Mails – oh hoppla! – oder eben so nebenbei komplette Menschenverachtung vom Bundeskanzler. Und am nächsten Tag den nächsten Skandal bitte.

Fleischkonsum als Treiber des Klimawandels

In all der leider sehr kurzlebigen Kritik ging in meinen Augen ein Thema komplett unter. Zugegeben, es ist gemessen an der Tatsache, dass in diesem Land Kinder hungern, während der Bundeskanzler Werbung für den Schachtelwirt macht, nebensächlich – und doch ist es immens wichtig: Wir haben Oktober und es hat weit über 20 Grad gehabt in den letzten Tagen. Seit Wochen hat es nicht geregnet, im Seewinkel kann man Vogelarten beim Aussterben zuschauen, der Wienerwald trocknet vor sich hin. Kurz: Der Klimawandel existiert, er ist angekommen, und er ist gefährlich. Einer der wichtigsten Treiber des Klimawandels ist der enorme Fleischkonsum weltweit. Es würde mich schon massiv überraschen, wenn Kanzler Nehammer das nicht wüsste.

Auch wenn die Preisverhältnisse in den Supermärkten anderes vermitteln (Fleisch ist da ja teilweise billiger als Obst und Gemüse): Fleisch sollte nicht täglich am Speiseplan stehen. Fleisch sollte nicht selbstverständlich sein. Ich lebe beispielsweise nach dem Prinzip „Es hat einen Grund, warum das mal Sonntagsbraten geheißen hat“, andere entscheiden sich aus Klimaschutzgründen sogar für eine vegane Ernährung.

Fleischkonsum ist nicht gut fürs Klima, nicht gut für die Tiere und nicht gut für uns selbst.

Und sie haben recht: Übermäßiger Fleischkonsum ist nicht gut fürs Klima, nicht gut für die Tiere - no, na, die überleben das nämlich nicht - und vor allem auch nicht gut für uns selbst. Und sollte uns nicht die Gesundheit der Kinder sowie ihre Zukunft auf diesem Planeten nicht doch irgendwie am Herzen liegen?

Vor kurzem durfte ich den Starkoch Paul Ivic kennenlernen. Ivic ist nicht nur Koch, bekannt für sein vegetarisches Lokal TIAN, sondern auch Vater. Ihm ist wichtig, was seine Kinder essen, und er hält anständige Ernährungsbildung für Kinder für bedeutsam. Er erzählte von Kindern, die nicht wissen, was Erdäpfel sind, und denen man erst erklären muss, dass das die Dinger sind, aus denen Pommes entstehen. In meinen Augen ist das noch schockierender als das hartnäckige Gerücht über eine Studie, die scheinbar nachgewiesen hat, dass viele Kinder dachten, Kühe seien lila, weil die Schokoladenwerbung uns das so vermittelte (diese Studie war bei der Recherche zu diesem Text nicht auffindbar, an das Gerücht damals kann ich mich jedoch noch sehr gut erinnern). Kinder wissen zu großen Teilen nicht mehr, was da vor ihnen auf dem Teller liegt. Gleichzeitig prägt die Art, wie wir als Kinder ernährt werden, in den meisten Fällen unseren erwachsenen Gaumen.

Täglich Schachtelwirt kostet uns den Planeten

In einem kleinen Punkt stimme ich Nehammer aber zu: Es liegt in der Verantwortung der Eltern, ihre Kinder gut zu ernähren. Warum ich ihm da zustimme? Weil es leider einige Studien gibt, die nachweisen, dass „externe“ Ernährungsbildung relativ ergebnislos ist, solange sich das Essensangebot zu Hause für die Kinder nicht ändert. Aber da hört die Zustimmung schon wieder auf. Der Schachtelwirt ist keine gute Ernährung für Kinder, was heißt, für niemanden – egal, wie gut es dort schmeckt. Eltern sollten viel eher darin unterstützt werden, selbst zu kochen und ihren Kindern vollwertige Mahlzeiten auf den Tisch zu stellen (und ja, ich weiß, da spielt das Zeitargument und somit auch das „nicht so viel arbeiten können, damit man genug verdient“-Argument wieder rein. Es ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt.). Teurer als ein Burger und Pommes ist das sicher nicht. Es kostet uns halt mehr Zeit. Täglich Schachtelwirt kostet uns hingegen den Planeten.

Solange wir einen Bundeskanzler haben, der schnell mal einen Burger und somit selbstverständlichen Fleischkonsum als Weg gegen kindlichen Hunger empfiehlt, und solange er eine Gefolgschaft in der Bevölkerung hat, die das inhaltlich auch noch abnickt, bin ich nur leider nicht allzu optimistisch. Aber Herr Nehammer, wenn Ihnen schon der Zusammenhang von individuellem Fleischkonsum und Klimawandel wurscht ist – wie wärs mit einem anständigen Klimaschutzgesetz, das statt den einzelnen Leuten die Industrie und Wirtschaft in die Verantwortung nimmt? Wie wärs mit einer Überarbeitung der Förderungssysteme, damit konventionelle Fleischproduktion nicht mehr lukrativ ist? Wär doch ein Anfang! Und währenddessen könnten Sie sich auch noch überlegen, wie man Eltern wirklich aus der Armutsfalle holen könnte, anstatt herablassend irgendwas von eh nur drei Euro fünfzig für eine Mahlzeit zu faseln. Es ist nämlich Ihr Job als Bundeskanzler. Danke.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Infos und Quellen

Genese

Auf einem viral gegangenen Mitschnitt einer parteiinternen Veranstaltung der ÖVP in Hallein sprach Bundeskanzler Nehammer davon, dass Frauen ohne Betreuungspflichten mehr arbeiten sollen, wenn ihnen das Geld fehle – und dass es ihn aufrege, wenn es hieße, Kinder in Österreich hungern. Wörtlich sagte er: „Wisst's, was die billigste warme Mahlzeit in Österreich ist? Ist nicht gesund, aber sie ist billig: ein Hamburger bei McDonald's!“ Der Aufschrei war parteiübergreifend groß, Nehammer bekräftigte seine Argumente jedoch nach Aufkommen des Skandals in einem Rechtfertigungsvideo.

Quellen

Foodwatch: Sieben Mythen zu Zucker und Übergewicht

Das Thema in anderen Medien