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Das Desinteresse der Jugendlichen am Klima ist nachvollziehbar

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Wer hält die ständige Bedrohung im Nacken schon aus? Es braucht Maßnahmen, die den Jungen die Last abnehmen.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Schon länger stelle ich mir die Frage: Warum ist der Klimawandel für manche eine so große Bedrohung, dass sie depressiv werden, während er anderen komplett egal ist?

Letztens konnte ich den konträren Umgang mit dem Thema sogar bei Geschwistern beobachten. Die 17-jährige Schwester lebt vegan und geht seit Jahren auf Klimademos. Ihr wenig jüngerer Bruder träumt von einem BMW. Also eigentlich von einem Maybach, aber für den bräuchte er dann einen Fahrer, also doppelt so teuer, daher doch lieber BMW.

Maybach statt Klimademo

Das Pendel schwingt gerade bei der Gen Z in beide Richtungen. Vergangenes Jahr erschien eine Studie. Sie überraschte mich: Fast vierzig Prozent der Jugendlichen kann man als „Traditionalist:innen mit Sicherheitsanspruch“ identifizieren. Sie wollen berufliche Sicherheit, ein Eigenheim am Land und Familie. Das sind sehr viel mehr, als ich in meiner urbanen Bobo-Blase gedacht hätte. Dieser Gruppe ist der Klimawandel egal. Da geht es ums Auto – auch wenn es nicht gleich der Maybach sein muss. Dazu kommen noch gute 16 Prozent Hedonist:innen, für die das Ding mit dem Klima auch weitaus weniger wichtig ist als die neue Markenuhr.

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie: Weltverbesser:innen und Individualist:innen machen insgesamt ein Drittel der befragten jungen Menschen aus. Dieses Drittel ist es, das den Klimawandel als ernsthaftes Problem wahrnimmt und teilweise danach handelt.

Als ich vor 25 Jahren mein Studium begann, hörte ich öfter und öfter davon, dass die Welt von einer von Menschen verursachten Klimaveränderung betroffen ist, dass das alles jetzt nicht so wirklich leiwand ausschaut und wir vielleicht, eventuell, unter Umständen da was machen sollten dagegen. Mit jedem Jahr wurden diese Berichte mehr, die Forderungen drängender und lauter. Mich rissen sie mit, ich war alarmiert und sehr berührt − und entschied mich wohl auch deshalb wenige Jahre nach Ende des Studiums für die Mitarbeit bei Umweltorganisationen. Damit möchte ich jetzt nicht prahlen, sondern nur einen Weg nachzeichnen: Da war eine (für mich) neue Entwicklung, überraschend und bedrohlich – und sie wirkte sich nachhaltig bei mir aus. Ich wollte was dagegen tun, denn noch konnte man etwas dagegen tun, hieß es.

Gen Z lebt mit der Bedrohung

Menschen, die heute in ihren 20ern sind, wurden damals geboren. Das heißt, sie bekamen seit den ersten Tagen ihres Lebens die Message „Schaut schlecht aus mit deiner Zukunft“ eingeimpft. Das Thema wurde größer und größer, die Auswirkungen, die zu Zeiten, als sie im Kindergarten in ihre Wegwerfwindel kackten, noch kaum merkbar waren, wurden spätestens zum Ende ihrer schulischen Laufbahn unübersehbar − etwa extreme Hitze und Überschwemmungen.

Wenn ich versuche, mich in diese Leute reinzuversetzen, kann ich auch nur noch die Schultern zucken, wenn es um die Erderhitzung geht. Wäre ich 20, würde ich denken: Die Bedrohung durch den Klimawandel ist mein ganzes Leben schon da, ich habe sie also nicht ausgelöst, mir wird seit frühester Kindheit erklärt, dass mein Leben recht unangenehm werden könnte, und gleichzeitig sehe ich, wie es allen egal ist. Wie mehr geflogen, konsumiert, gefahren wird. Und ich weiß, dass ich mir mit meinem Taschengeld diese blöde faire Mode sowieso nicht leisten kann und merke, dass Politik und Wirtschaft viel zu langsam reagieren – sorry, irgendwann würde ich das wohl auch nicht mehr ernst nehmen. Während sich ältere Generationen noch an eine Kindheit und Jugend frei von existenziellen Zukunftsängsten erinnern dürfen, hat die Gen Z einfach gar kein Bild mehr vor Augen, in das nicht von irgendeiner Seite die Klima-Bedrohung photobombed.

Irgendwann stumpft man ab

Es wundert mich also genau gar nicht, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen heute sagt: Pfft, ich fühl mich nicht bedroht davon. Ich schau lieber darauf, dass ich mir mein Umfeld und meine wirtschaftliche Situation so sicher wie möglich gestalte – im Notfall bau ich halt eine Klimaanlage in mein Haus. Und ich schau auch keine Nachrichten mehr, alles nur unangenehm, brauch ich nicht. Irgendwann stumpft man ab, so wie die Kinder der 70er und 80er beim Kalten Krieg: Er war eine reale Bedrohung, zwei Riesenmächte tänzelten rund um ihre Atombomben und Europa genau dazwischen, aber es war immer da, also irgendwie normal. Irgendwann kann man einfach nicht mehr in ständiger Angst leben.

Die Frage ist, wie man dem begegnet – denn eines ist klar: Mit der Erzählung, dass jede:r Einzelne etwas gegen die Klimakrise tun kann und wir das schon schaffen werden, wenn wir nur alle unsere Smoothies aus saisonalen Biofrüchten mixen und Müll trennen, können wir uns langsam, aber sicher eingraben. Hoffentlich. Diese Verantwortungsverschiebung auf den individuellen Alltag ist seit mehreren Jahren nur noch schwer erträglich.

Es braucht Maßnahmen, die dieser Mehrheit an Jugendlichen die Aufgabe, sich allein gegen den Klimawandel stemmen zu müssen, abnimmt – es braucht (noch mehr) gesetzliche Vereinbarungen, die diesen Jugendlichen die Lebensrealität nachhaltiger gestaltet, ohne dass das aus eigener Motivation geschehen muss – weil sorry, dass was passieren muss, ist halt leider traurige Wahrheit.

Eine Sache möchte ich noch anmerken: Ständig höre ich in Gesprächen über den Klimawandel, dass es gut sei, wenn die Jugendlichen revoltieren, dass ihre Wut berechtigt ist, dass „die Jungen“ es richten werden und dass das Hoffnung gibt. Die werden das schon wuppen, die sind ja so engagiert! Aus leider nicht mehr ganz so junger Perspektive – es nervt so unglaublich sehr! Es nervt mich, dass meine Generation die Verantwortung abschiebt und es muss die Gen Z unfassbar nerven, hinter ihren Eltern und Großeltern jetzt aufräumen zu dürfen – und das wird dann sogar noch als „Hoffnung“ bezeichnet. Das ist nur noch billig.

Die, die sich engagieren, sind berechtigt wütend – und da hilft dann ein schriftliches liebevolles Auf-die-Schulter-Klopfen und „Super ist eure Wut, ganz toll“ auch nicht.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

Im November 2023 veröffentlichte eine heimische Versicherung eine Studie zu den Einstellungen der österreichischen Jugendlichen zum Klimawandel. Befragt wurden 1.000 Jugendliche zwischen 16 und 30 Jahren. Der Klimawandel wird zwar von den meisten ernst genommen, allerdings nur ein Drittel nimmt ihn sehr ernst. Unter ihnen befinden sich auffällig viele Personen mit höherem Bildungsgrad. Die Untersuchung zeigte auch klar die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Sachen Mobilität auf: Zwei Drittel der auf dem Land lebenden Jugendlichen halten ein Auto für unabdingbar, in der Stadt sind es nur 15 Prozent.

Quellen

Das Thema in der WZ

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