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Schluss mit umweltfreundlich!

6 Min
Ein Foto der Autorin Nunu Kaller.
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Der Markt überschlägt sich geradezu mit „Bioabbaubar” oder „naturnah”. Gott sei Dank hat die EU nun ein Gesetz gegen Greenwashing beschlossen.


Letzte Woche ist etwas sehr Leiwandes passiert, das medial leider nicht ganz so abgefeiert wurde, wie ich es tue: Das EU-Parlament hat ein Gesetz gegen Greenwashing beschlossen. Dieses Gesetz im Zug der sogenannten Consumer-Empowerment-Richtlinie beinhaltet schon lange überfällige Maßnahmen, die der Industrie ein Haxl stellen, unter anderem dieses Gesetz.

Tomaten-Packerlsuppenpulver „aus natürlichem Anbau“. Und seit Jahren frage ich mich: Was ist das Gegenteil von „naturnah“, wenn’s um Tomaten geht – und was zur Hölle heißt eigentlich überhaupt „naturnah“? Nah oder Natur oder wenn nur nah an der Natur, dann doch aus dem Labor, aber neben dem Labor ist eh eine kleine Wiese? Lustige Bilder entstehen da in meinem Kopf.

Kennt ihr diese wiederverwendbaren Einkaufstaschen in den Supermärkten Spar und Hofer, die sich ein bisschen so anfühlen wie Küchenrolle, die nass geworden und wieder getrocknet ist? Das sind häufig Produkte aus PLA – Polylactid, einer Art Milchsäure, im Grunde ein wirklich gutes Material aus ökologischer Sicht. PLA ist theoretisch biologisch abbaubar. Praktisch aber nicht. Warum? Weil es keine getrennte Sammlung dafür gibt. Um PLA richtig abzubauen, müsste neben den Sammelcontainern für Glas, Papier oder Dosen auch einer für PLA-Produkte stehen. Tut es aber nicht, daher landen diese Produkte an ihrem Nutzungsende sehr wahrscheinlich im Restmüll und werden verbrannt. Nix biologisch abgebaut. Auch wenn es draufsteht.

In Zukunft darf nur noch kommuniziert werden, was auch wirklich nachweisbar ist.Nunu Kaller

Mein „Lieblingsbeispiel“: Vor ein paar Jahren blieb ich in einer Filiale einer Drogeriekette bei den Duftkerzen stehen. Normalerweise bin ich kein Fan von diesen chemischen Gerüchen, aber aus irgendeinem Grund betrachtete ich die Kerzen. Kerzen aus Paraffin – also Erdöl und beim Verbrennen potenziell krebserregend – gemischt mit chemischen Duftstoffen, gegossen ins Einwegglas. Kurz: Nachhaltig ist anders. Das Glas eingepackt in einen hochglanzbedruckten Karton. Und auf dem Karton stand groß „RECYCELBAR“ – und drüber ganz klein „Verpackung“. Die Verpackung – ein Stück Karton – ist also recycelbar. Toll. Aber irreführend. Der Rest des Produkts löst sich nämlich in nicht gerade umwelt- und menschenfreundlichen Rauch auf.

Es war schon höchst an der Zeit, jetzt wird’s endlich ernst: In Zukunft darf nur noch kommuniziert werden, was auch wirklich nachweisbar ist. Begriffe wie „natürlich“, „ökologisch“, „biologisch abbaubar“ und – einer meiner Lieblinge – „umweltfreundlich“ werden nicht mehr so inflationär verwendet werden dürfen wie derzeit. Halleluja!

Und auch bei den Gütezeichen ändert sich etwas. In Zukunft wird es nicht mehr erlaubt sein, als großer Konzern einfach mal sein eigenes grünes Logo zu entwerfen – es werden nur noch Nachhaltigkeitskennzeichnungen erlaubt sein, die „auf anerkannten Zertifizierungssystemen beruhen oder von Behörden erstellt werden“.

Ja, ok, gut, ich gebe es ja zu: Dass man nicht mehr nur einfach „grün“ draufschreiben darf, tut noch nicht so viel direkt für die Umwelt (mehr für die Börsen der Konsument:innen, die hoffentlich kein Geld mehr raushauen für Produkte, von denen sie nur glauben, dass sie nachhaltig sind). Allerdings beinhaltet das neue Gesetz auch, dass man die Worte „klimaneutral“ oder „klimapositiv“ nicht mehr verwenden darf, wenn man genau diese Klimaneutralität durch Offsetting, also das Kaufen von CO2-Zertifikaten, erreicht. Und DAS ist eine richtig gute Nachricht!

Eine schüchterne Schätzung von mir ganz persönlich: 90 Prozent der Unternehmen, die mit den Worten „klimapositiv“ und „klimaneutral“ um sich werfen, wenden genau dieses Offsetting an. Mit Schaudern erinnere ich mich an das klimaneutrale Hühnchenfilet von Rewe Deutschland – die Verbraucherschutzorganisation foodwatch ging dem damals auf den Grund und forschte nach, wohin das Geld für die Zertifikate, die für die „Klimaneutralität“ (auf FLEISCH! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – also die Tatsache, nicht zwingend das Fleisch…) eigentlich ging, und stellte fest: Nicht ein Cent davon führte auch nur im Ansatz zu einer Reduktion von CO2-Emissionen. Kurz: Dieses Offsetting ist in vielen Fällen Greenwashing in professionalisiertem Gewand – und das wird jetzt sehr viel weniger attraktiv, wenn das Unternehmen kommunikativ nicht mehr für sich nutzen können.

Und da hört die Freude noch nicht auf – die EU nennt die Richtlinie „Consumer Empowerment“ und so wirkt es auch: Bessere Konsumentscheidungen werden möglich. In Zukunft müssen auch Informationen über Garantien besser sichtbar sein, unbegründete Haltbarkeitsangaben (ich zitiere aus der Presseaussendung des EU-Parlaments: „z. B. die Behauptung, dass eine Waschmaschine 5.000 Waschzyklen lang hält, wenn dies unter normalen Bedingungen nicht der Fall ist“ was soviel heißt wie „hält länger als angegeben, also gebt’s das nicht an“) oder Aufforderungen, Verbrauchsmaterialien früher als nötig zu ersetzen (wobei, lieber Drucker, dein Geschrei, dass du bald, ganz bald, urbald keine Tinte mehr haben wirst, nehme ich schon lang nicht mehr ernst…).

All das sind gute Schritte, die Greenwashing wirklich eindämmen könnten, und ich freue mich sehr darüber – vor zehn Jahren hätten wir von so einem Gesetz nur träumen können. Ein kleines, hartnäckiges „aber“ spukt mir dennoch im Kopf herum: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie unfassbar kreativ Unternehmen sind, sich neue Nachhaltigkeitsversprechen einfallen zu lassen. Und das wird mit diesem Gesetz sicher nicht aufhören. Ich bin ja mal gespannt, in welchem Kleid Greenwashing zukünftig daherkommen wird. Aber wenigstens wird es jetzt erstmal ein bisschen schwerer gemacht.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.