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Mein Wunschzettel an 2024

7 Min
Ein Foto der Autorin Nunu Kaller.
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Gut. 2023 ist durch, und großartig war es … jetzt nicht so.


Wärmstes Jahr seit einer sechsstelligen (!) Zahl von Jahren (und verlässlich wie das Amen im Gebet: Die Blitzgneisser, die aufgrund der paar Tage Schnee Anfang Dezember meinten, den Klimawandel gäb’s gar nicht, schauts, ist eh kalt!), Energiekrise wie nur was, sehr zaghafte internationale Schritte in Richtung Abwendung von fossilen Energieträgern, Rekordanzahl an Flügen trotz steigender Preise, Ultra-Fast-Fashion von Shein, Temu und Co. auf dem Vormarsch, obwohl wir wissen, dass es die zweitschädlichste Industrie der Welt ist, Bodenversiegelung im Rekordtempo, nie dagewesene Überschwemmungen in Südeuropa, bei denen es quasi halb Slowenien unter Wasser gesetzt hat, und und und.

Was Wetterkapriolen und Umweltkatastrophen angeht, ist das nun leider der Normalzustand, auf den wir uns einstellen müssen. Aber gleichzeitig wissen wir: Es muss was geschehen, und langsam wird das sogar ganz schön dringend. Und: Es muss auf vielen Ebenen was passieren. Ich spiel jetzt einfach mal „Wünsch dir was“ und träume vor mich hin.

Ich wünsche mir, dass es 2024 endlich ein Klimaschutzgesetz gibt, und zwar eines, das diesen Namen verdient. Eines, aus dem man die Handschrift pragmatischer Klimaschützer:innen rauslesen kann und nicht die der Wirtschaftskammer Österreich, die in den letzten Jahren immer wieder als Gegner von Umweltministerin Gewessler auffiel. Und ich wünsche mir, dass europa- und weltweit der Großteil der Unternehmen wirklich (weiterhin) versteht, dass Ökologie und Soziales im Unternehmen keine lustigen Extras sind, sondern ganz grundlegend für zukunftsfähiges Wirtschaften.

Zugfahren muss noch attraktiver werden.Nunu Kaller

Ich wünsche mir, dass nicht nur das Fliegen endlich unter Kostenwahrheit passiert, sondern dass in Zukunft Zugfahrten so subventioniert werden wie bisher Flüge. Zugfahren muss noch attraktiver werden. Allerdings, und das muss auch gesagt werden: Wenn man Unmengen an in Fernost produzierter Kleidung und Elektronik besitzt, wenn man beim Lebensmittelkauf keinen Fokus darauf legt, ob der Spargel aus dem Marchfeld oder doch aus Peru kommt, und wenn man automatisch zu plastikverpackten Lebensmitteln greift (weil „hygienischer“, das ist übrigens in vielen Fällen auch ein bissl eine Mär, aber dazu ein anderes Mal), dann ist es im Gesamtkontext relativ unerheblich, ob man selbst einmal im Jahr nach Griechenland auf zwei Wochen All-inclusive-Urlaub fliegt.

Natürlich ist es gut, aufs Fliegen zu verzichten; Müllsammeln beim Yogacamp auf Bali macht den Flug dorthin beileibe nicht wieder gut. Ich wünsche mir aber wirklich von 2024, dass mehr Menschen ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit nicht nur aus schmissigen Instagram-Slides ziehen und auf ihr gesamtes Leben ausweiten.

Ich wünsche mir, dass wir alle einen realistischeren Blick auf das Thema bekommen. Dass nicht jede Autofahrt automatisch böseböseböse ist und nicht jedes Produkt mit grünem Umhang automatisch gut. Manche Autofahren sind notwendig und fallen im Großen und Ganzen auch nicht ins (CO2-)Gewicht, an manchen Produkten ist hingegen wörtlich nur die Verpackung grün. Das braucht natürlich viel Vorwissen.

Daher wünsche ich mir einen stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeitsbildung in allen Schulen. Was die Kleinsten vor allem an Verhaltensweisen lernen, bleibt picken, Größeren kann man dann gut die Zusammenhänge und Verhältnisse erklären.

Nein, Stefan, du bist nicht cooler als andere, weil du schon das 15er IPhone hastNunu Kaller

Ich wünsch mir außerdem – und diesen Wunsch hab ich schon oft ausgesprochen – dass wir endlich, endlich, endlich aufhören, uns so stark über unseren Konsum, über die Dinge, die wir kaufen, identifizieren. Nein, Stefan, du bist nicht cooler als andere, weil du schon das 15er IPhone hast, obwohl dein 13er noch super funktioniert. Nein, Johanna, du brauchst nicht jeden Tag ein neues Outfit anziehen, nur weil du es dir dank Shein und Primark leisten kannst. Ganz ehrlich, die Wahrscheinlichkeit, dass das den Wenigsten auffällt, ist sowieso sehr hoch. Nein, Michael, niemand findet dich geiler, weil du schnell mal ein Wochenende nach Berlin jetten kannst. Und vor allem: Es macht euch nicht langfristig glücklich. Das sag nicht ich, das sagen ganz viele Studien zum Ausstoß von Glückshormonen.

Ich wünsch mir, dass all den Wissenschaftler:innen, die zum Thema Klima forschen, endlich geglaubt wird, dass endlich auf sie gehört wird. Ich wünsch mir, dass Menschen wie Hans Joachim Schellnhuber, einer DER Klimaforscher schlechthin, von sämtlichen Regierungen weltweit ernstgenommen wird, wenn er sagt, wir haben nur noch zehn Jahre Zeit, um die Erderhitzung einzudämmen.

Ich wünsch mir, dass Menschen heute nicht mehr so verzweifelt sein müssen, sich auf die Straße zu kleben, um unter anderem Tempo 100 zu erreichen, und ich wünsch mir, offen gestanden, von der gegnerischen Seite, jenen, die gegen Tempo 100 sind, endlich ein bissl bessere Reaktionen auf die Forderungen als das Blabla, dass ein vorgegebenes Tempo 100 zu sehr ins Leben der Autofahrer:innen eingreife (so oder so ähnlich hat es Laura Sachslehner kürzlich formuliert). Wo ist denn bitte der Unterschied zum vorgegebenen Tempo 130?

Ich wünsche mir, dass wir 2024 nicht nur ernsthaft über eine Vermögenssteuer reden, sondern dass deren Einkünfte auch auf Basis der Studien, die nachweisen, dass einzelne Milliardär:innen das Klima genauso stark belasten wie eine Million durchschnittlich bis unterdurchschnittlich verdienende Menschen, im selben Verhältnis für den Klimaschutz eingesetzt werden.

Dieses Jahr werden sehr viele Bücher erscheinen, wie man optimistisch werden und bleiben kannNunu Kaller

Kürzlich habe ich mich durch die Buchvorschauen fürs kommende halbe Jahr geblättert. Da sieht man immer, was bis Mai kommenden Jahres so alles erscheinen wird an neuen Büchern. Daraus lassen sich häufig gut Trends herauslesen. Dieses Jahr werden sehr viele Bücher erscheinen, wie man optimistisch werden und bleiben kann, und dass es gut ist, hoffnungsvoll zu sein; dass wir keine Angst zu haben brauchen.

Und genau das wünsche ich mir auch: Dass alle Akteur:innen, egal, ob Politik, Wirtschaft oder wir als Zivilgesellschaft, so viele und so sinnvolle Maßnahmen setzen, dass wir alle wieder einen Grund zur begründeten Hoffnung haben. Dass die Stimmung weg vom Fokus auf die zurecht beängstigende Bedrohungslage durch den Klimawandel hin Richtung gemeinsames und optimistisches Anpacken dagegen geht.

Im Grunde wünsche ich uns allen, wieder oder weiterhin hoffen zu können. In diesem Sinne: Auf ein hoffnungsvolles und maßnahmendurchseuchtes 2024!


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.