Warum schaffen wir bei Mikroplastik nicht, was wir bei der Atomkraft geschafft haben?
Vergangene Woche jährte sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Kernkraftwerks, die freigesetzten radioaktiven Stoffe drangen bis in große Höhen vor, und Österreich gehörte zu den stärker betroffenen Ländern Mitteleuropas. Ich war damals ein Kleinkind und kann mich noch erinnern: Wir waren grad im Osterurlaub in der Steiermark und ich durfte plötzlich nicht mehr in den Garten, hab dafür aber die große Jolly-Buntstiftbox bekommen, die ich mir seit Monaten gewünscht hatte. Strahlung war damals die große unsichtbare Gefahr: Man konnte sie nicht riechen, nicht schmecken, nicht wegwischen. Man konnte nur messen, warnen, verbieten, hoffen.
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Heute haben wir wieder so eine unsichtbare Gefahr. Sie heißt Mikroplastik. Doch der Unterschied zu einem AKW, das hochgeht: Von Mikroplastik sind wir weltweit umgeben. Seit Jahren. Immer.
Viele wissen bereits, dass Polyesterkleidung beim Waschen Mikroplastik in das Abwasser abgibt, das über Flüsse in die verschiedenen Weltmeere gelangt. Und dort dazu führt, dass Fische die Plastikpartikel mit Plankton verwechseln und fressen. Für viele Fische heißt das: Verhungern bei vollem Magen. Und die Fische, die überleben, aber das Pech haben, gefischt zu werden, kommen mit Plastikbeilage auf unsere Teller. Mahlzeit, lass dir deinen eigenen Fleecepullover schmecken!
Wasser, Böden, alles voll …
Doch auch unsere Böden sind voll von Plastik, das unter anderem von den Autos, Lastwägen und Traktoren auf unseren Straßen und Feldern stammt. Die Reifen reiben sich stetig ab; dabei entstehen so kleine Partikel, dass sie der Wind übers ganze Land trägt. Ein acht Kilo schwerer Reifen verliert auf 60.000 Kilometern etwa ein Fünftel seiner Masse. Selbst im Wald findet man Mikroplastik im Boden.
Und dann gibt es noch viele andere Quellen: In unserer Kosmetik steckt Mikroplastik – auch wenn die kleinen Peeling-Pellets in Duschgel und Zahnpasta inzwischen verboten wurden, sind andere Plastikarten vor allem in dekorativer Kosmetik weit verbreitet. Jede Plastikflasche, die wir öffnen und aus der wir trinken, „würzt“ die Limonade oder das Wasser, das drin ist, mit winzigen Plastikpartikeln. In der Landwirtschaft findet man auf den Feldern große Plastikfolien, bei denen vor allem Sonne und Wind zu ihrer Zersetzung und Verteilung beitragen. Hast du einen flauschigen Polyesterteppich zu Hause im Wohnzimmer? Gratuliere, damit schwirrt jede Menge Mikroplastik in deiner Wohnung herum! Die Liste lässt sich noch weiter fortsetzen: Wir befinden uns mitten im Plastikzeitalter.
Bei Atomkraft wurde schnell reagiert. Und bei Mikroplastik?
Damals bei der Tschernobyl-Katastrophe, aber auch knapp 25 Jahre später beim Reaktorunfall von Fukushima gab es einen weltweiten Aufschrei. De facto formierte sich Österreichs Umweltbewegung im Zuge der Proteste gegen das geplante AKW Zwentendorf im Jahr 1976. Gegen Atomkraft gab es immer starke zivile Stimmen, die starke politische Reaktionen bewirkten: Das AKW in Österreich wurde zwar gebaut, ging aber nie in Betrieb; nach Fukushima beschloss Österreich dann ein Atomstromimportverbot und Deutschland, seine Reaktoren nach und nach stillzulegen.
So, und wie ist das jetzt mit Mikroplastik? An zahlreichen Stellen des menschlichen Körpers wurde Mikroplastik bereits nachgewiesen, so etwa in Darm, Blut, Hirn, Plazenta (Babys kommen inzwischen bereits mit Plastik im Körper zur Welt!), überall. Und die Studien, die auf mögliche Zusammenhänge mit nicht ungefährlichen Erkrankungen hinweisen, mehren sich. Doch der große Aufschrei, der bleibt aus.
Immerhin, der österreichische Aktionsplan Mikroplastik 2022–2025 nannte genau diese Mikroplastikquellen: Reifen, Textilien, Abwasser, Klärschlamm, Kunststoffprodukte, Littering, und, und, und. Er enthielt rund 25 Maßnahmen, die bis spätestens 2025 umzusetzen waren. Unter anderem sollte Österreich auf internationaler Ebene eine starke Stimme auf dem Weg zu einem globalen Plastikabkommen sein. Nun ja.
Globales Plastikabkommen? Fehlanzeige.
International ist die Sache vorerst politisch stecken geblieben. Die Welt wollte ja zunächst wirklich ein globales Plastikabkommen schließen. Verhandelt wurde ab 2022, und zwar in Punta del Este, Paris, Nairobi, Ottawa, dann in Busan Ende 2024 und schließlich in Genf im August 2025. In Busan gab es keinen Durchbruch. In Genf auch nicht. 184 Staaten verhandelten elf Tage lang; am Ende scheiterte es vor allem an der Frage, ob ein Vertrag die Plastikproduktion selbst begrenzen soll oder ob man sich mit Recycling, Produktdesign und Abfallmanagement begnügt. Mehrere öl- und petrochemisch geprägte Staaten, darunter Saudi-Arabien und Kuwait, sowie die USA stellten sich gegen Produktionslimits und verbindliche Regeln zu problematischen Chemikalien. Das ist ungefähr so, als würde man bei überlaufendem Badewasser beschließen, bessere Handtücher zu kaufen, aber den Wasserhahn nicht anrühren.
In Österreich ist es in Sachen Mikroplastik auffällig leise, seit Umweltministerin Gewessler ihr Ministerium an die ÖVP „zurückgab“. Wo bleibt der Folgeplan? Haben wir die Sache mit Mikroplastik in Österreich politisch jetzt also schon abgehakt? Mikroplastik ist nicht nur ein Umweltproblem. Es ist ein Systemproblem.
Politisch wäre einiges möglich: Würde man Reifenabrieb endlich als Verkehrs- und Gesundheitsfrage behandeln, würde man schnell draufkommen, dass man beispielsweise Reifen mit weniger Abrieb bei gleicher Fahrsicherheit (die gibt es bereits!) vorschreiben könnte. Dass man – und ja, ich weiß, ich wiederhole mich da immer wieder – mehr in öffentlichen Verkehr investieren könnte, um mehr Autos von der Straße zu holen. Bei der Kleidung kann man problemlos national auf Rückhaltetechnologien wie etwa Filter bei Waschmaschinen setzen, während wir auf die Anforderungen an die Materialeffizienz im Rahmen der EU-Ökodesign-Richtlinie warten, mit der Brüssel recycelbare Stoffe fördern und Polyester reduzieren will. Im Make-up könnten Teflon und Co. verboten werden.
Es braucht einen neuen Aktionsplan
Der alte Aktionsplan ist abgelaufen – einiges wurde erreicht, anderes nicht. Doch insgesamt ist das Thema weit entfernt von einer Lösung. Ich finde, Österreich braucht einen weiteren nationalen Aktionsplan – und zwar einen, der nicht nur aus Gesprächsrunden besteht. Damit soll die Verantwortung nicht einfach vom Einzelnen auf die Politik abgeschoben werden. Aber so schön es auch wäre: Wir werden uns nicht mit Bambuszahnbürsten und Thermosflaschen aus der Krise basteln. Es braucht da wirklich hochskalierte Lösungen. War ja bei der Atomkraft auch möglich – und seit damals ist klar: Unsichtbarkeit ist kein Gegenargument.
Nur weil wir etwas nicht sehen, heißt das nicht, dass es nicht wirkt. Nur weil die Katastrophe nicht knallt, heißt das nicht, dass sie nicht stattfindet.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Am 26. April 1986 führte der Reaktorunfall von Tschernobyl zur Freisetzung großer Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre, wobei auch Österreich als eines der stärker betroffenen Länder Mitteleuropas betroffen war.
- Mikroplastik ist heute weltweit in Böden, Gewässern und der Luft nachweisbar, unter anderem durch Reifenabrieb, Textilfasern und den Zerfall von Kunststoffprodukten.
- Studien zeigen inzwischen, dass Mikroplastik in verschiedenen menschlichen Geweben vorkommt, darunter im Darm, im Blut, im Gehirn und in der Plazenta.
Quellen
- Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klimaschutz, Umwelt, Regionen und Wasserwirtschaft: 40 Jahre nach Tschernobyl
- Boku: Reifenabrieb erzeugt mehr als die Hälfte aller in Österreich verursachten Mikroplastikemissionen
- Umweltbundesamt: Plastik und Mikroplastik in Österreichs Böden
- Umweltbundesamt: Plastik und Mikroplastik in der Umwelt
Das Thema in der WZ
- Ins Gedächtnis eingebrannt: Der Super-GAU von Tschernobyl
- Weg mit dem Plastikdreck
- Plastik ist in aller Munde. Macht es krank?
Das Thema in anderen Medien
- news.orf.at: Verhandlungen über UNO-Plastikabkommen gescheitert
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