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Gibt es „Girl Math“ wirklich?

4 Min
Eine Illustration mit einem Taschenrechner und dem Venussymbol um "Girl Math" visuell darzustellen.
Der „Girl Math“-Trend verstärkt Geschlechterklischees.
© Illustration: WZ

Auf Tiktok werden Milliarden von Videos geteilt, in denen Ausreden für das Konsumverhalten gesucht werden. Welche Gefahr birgt „Girl Math“ – und dürfen wir emotional an das Thema Finanzen herangehen?


Auf Tiktok werden Milliarden von Videos geteilt, in denen Ausreden für das Konsumverhalten gesucht werden. Welche Gefahr birgt „Girl Math“ – und dürfen wir emotional an das Thema Finanzen herangehen?

Wenn du mit Bargeld zahlst, ist es quasi kostenlos. Wenn du einen Artikel für 50 Euro zurückgibst und dann im gleichen Laden etwas für 100 Euro kaufst, hast du dir 50 Euro gespart. Es sind Logiken wie diese, die seit dem Sommer auf TikTok mit dem Hashtag „Girl Math“ geteilt werden. Fast zwei Milliarden Videos sind zu diesem Trend bereits zu finden. Mittlerweile hat sich die Logik auf „Boy Math“ ausgeweitet. Die Social-Media-Beiträge zeigen Beispiele, wie wir uns unsere Ausgaben und unser Konsumverhalten schönreden. Gibt es „Girl Math“ in der Finanzpsychologie wirklich?

Mentale Buchhaltung

„Das, was uns aktuell unter dem Schlagwort Girl Math zum Lachen oder Kopfschütteln bringt, macht jeder von uns, auch ohne zur Generation Z zu gehören”, erklärt die Finanzpsychologin Birgit Bruckner und empfiehlt, den Selbsttest zu machen: „Machen Sie den Test und stecken Sie sich Montagmorgen 50 Euro in Ihre Geldbörse. Zahlen Sie fortan bar. Wenn das Geld aufgebraucht ist – vermutlich früher, als Sie erwarten –, stellen Sie sich die Frage: Wofür habe ich diese 50 Euro ausgegeben? Mit hoher Wahrscheinlichkeit können Sie sich an einen Teil der Ausgaben nicht erinnern. Oder wie es in Girl Math heißt: Alles unter fünf Euro ist kostenlos.”

Der Fachbegriff für dieses Verhalten ist laut Bruckner „Mental Accounting“: „​​Unser Gehirn hat die Aufgabe, uns entspannt und am Leben zu erhalten. Objektivität und finanzielle Weitsicht sind nicht Teil des Programms.“ So finden wir „vermeintlich rationale Gründe, um den Widerspruch zwischen emotionalem Wunsch und rationalem Gegenargument zu überwinden“. Die Ausreden haben aber negative Folgen: „Je weniger wir eine klare Sicht auf unsere Finanzen haben, je geringer unser Wissen über unsere eigentlichen Ausgaben ist, desto größer ist die Gefahr, dass wir Überblick und Kontrolle verlieren“, warnt die Psychologin. Zu den möglichen Konsequenzen zählen überzogene Girokonten oder sogar Konsumschulden.

Tipps für bewussten Konsum

Müssen wir unsere Finanzen also ohne Emotionen verwalten? „Ganz klar: nein. Ohne Emotionen sind wir entscheidungsunfähig. Das macht uns nicht zu besseren Sparer:innen und Anleger:innen.“ Emotionen können motivieren oder auch warnen, sagt Finanzexpertin Bruckner. Die Gefahr bestehe darin, den Emotionen unhinterfragt zu folgen „Lassen Sie sich in Sachen Geld nicht von ihren unmittelbaren Emotionen lenken.“

Damit das gelingt, hat Bruckner praktische Tipps: „Machen Sie es sich zur Regel, 42 Stunden mit dem Kauf zu warten. Sind Sie nach diesen zwei Tagen weiterhin von ihrer Kaufabsicht überzeugt, dann schlagen Sie zu. Verschieben Sie den Punkt Ihrer Aufmerksamkeit: Was könnten Sie mit dem Betrag noch machen? Was gäbe es, das Ihnen nicht nur im Moment, sondern langfristig Freude macht? Bei Aktionen rät die Beraterin, sich nicht auf die vermeintlich gesparte Summe zu konzentrieren, sondern auf die aktuellen Kosten: „Faktisch sparen Sie nichts, wenn Sie etwas kaufen. Ihr Gehirn will nur gerade Ihr schlechtes Gewissen beruhigen.“ Bei hohen Emotionen sollte man keine Geldentscheidungen treffen, sondern sich erst einmal ablenken und dann noch einmal überdenken.

Girl Money statt Girl Math

Die Finanzpsychologin findet den Humor und die Selbstkritik beim „Girl Math“-Trend, warnt jedoch davor, dass dieses als normal und üblich aufgefasst wird: „Das kann Probleme mit Spontankäufen, Fast Fashion und Konsumschulden verschärfen.“ Deshalb wünscht sich die Psychologin einen Gegentrend: „Großartig wäre, wenn auf dem Hype eine zweite Welle aufsetzt. Aus Girl Math wird Girl Money. Mit allen klugen Ideen, wie wir lernen, unser Geld für jene Dinge auszugeben, die uns nicht nur im Moment, sondern auch länger glücklich machen.“ Denn Sparen könne auch Spaß machen.

Eine Kritik am „Girl Math“-Trend ist, dass dieser Geschlechterklischees verstärkt und besonders auf den Konsum bei Mädchen und jungen Frauen fokussiert. Auch Bruckner sieht diese Tendenz im Social-Media-Hype: „Ich halte das für eine Zuspitzung und ein Spiel mit Stereotypen. Ich kenne genug Jungs, die ihre Einkäufe, beispielsweise Sneaker, ähnlich rechtfertigen. Unter dem Hashtag Boy Math sind immerhin mehr als 470 Millionen Videos auf TikTok zu finden, unter Girl Math hingegen schon fast zwei Milliarden.


Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.