Zum Hauptinhalt springen

Warum brauchen wir noch Bargeld?

5 Min
Eine Illustration die Bargeld darstellt.
Ökonowie 006 - Aufmacher
© Illustration: WZ

Bundeskanzler Karl Nehammer fordert ein Recht auf Bargeld. Aber braucht es dieses überhaupt? Die Europäische Union entwickelt einen digitalen Euro, hält aber an der Wichtigkeit des Bargelds für die Gesellschaft fest.


„Bares ist Wahres”: Mit diesem Spruch bewarben die Münze Österreich und die Oesterreichische Nationalbank in einer Kampagne die Vorzüge des Bargelds. Die Argumente dafür: Bargeld ist sicher, da es nicht wie bei digitalen Zahlungen Hacking-Angriffen ausgesetzt ist, und günstig, da keine Transaktionsgebühren anfallen. Für 44 Prozent der Österreicher:innen ist Cash das bevorzugte Zahlungsmittel, ging aus einer im Mai 2023 veröffentlichten Umfrage hervor, die von den beiden Instituten in Auftrag gegeben wurde. Während Personen in gut situierter Lage eher auf Bargeld verzichten, seien Niedrigverdiener eher darauf angewiesen.

Wie Österreicher:innen zahlen

Ein ähnliches Bild zeichnet die SPACE II-Studie der Europäischen Zentralbank, bei der das Zahlungsverhalten im Euroraum analysiert wird. Hier zeigt sich in Österreich eine starke Tendenz zum Bargeld mit 45 Prozent, während der Durchschnitt im gesamten Euroraum nur bei 22 Prozent liegt. Mit 55 Prozent sind Zahlungskarten das bevorzugte Zahlungsmittel in der Eurozone.

Um diesen externen Inhalt zu verwenden, musst du Tracking Cookies erlauben.

Außerdem ist den Österreicher:innen mit 43 Prozent die Möglichkeit einer Barzahlung sehr wichtig, im Euroraum finden das hingegen nur 27 Prozent. Zwar sorgte die Pandemie für eine verstärkte Nutzung des kontaktlosen Zahlens, der Bargeldumlauf steigt dennoch: Im Juni 2023 waren 29,5 Milliarden Banknoten im Wert von 1,6 Billionen Euro im Umlauf.

Verfechter des Bargelds argumentieren unter anderem, dass Kartenzahlungen zur Schuldenfalle werden können. Es gibt aber auch Argumente gegen Cash. So kann Bargeld teuer werden. In einer 2015 veröffentlichten Studie errechnete Guido Schäfer von der Wirtschaftsuniversität Wien, dass das Zahlen mit Bargeld der Volkswirtschaft jährlich 1,2 Milliarden Euro kosten würde. „Die Kosten haben sich seit dem Verfassen der Studie vermutlich verändert“, sagt der Ökonom heute und ergänzt: „Einerseits gab es zwischenzeitlich deutliche Zuwächse bei Personal- und Energiekosten. Andererseits kam es auch zu Effizienzsteigerungen - bei Kartenzahlungen zum Beispiel durch die Einführung von kontaktlosem Bezahlen, bei Bargeld durch die Einführung von Selbstbedienungskassen.“ Der Nettoeffekt von Kostensteigerungen und Effizienzgewinnen sei deshalb schwer abzuschätzen.

Was für digitales Zahlen spricht

Internationale Studien zeigen laut dem WU-Professor, dass digitale Zahlungsmittel weniger Kosten als Bargeld verursachen, wo große Netzwerke dafür betrieben werden. Als Beispiele nennt Schäfer Schweden und Finnland. „Ein Großteil der Kosten bei digitalen Zahlungsmittelnetzwerken sind fixe Infrastrukturkosten, sodass bei hohen Transaktionszahlen die durchschnittlichen Kosten einer Zahlung sinken. Bei Bargeld gibt es mehr variable Kostenbestandteile. Wird mehr bar bezahlt, muss mehr Bargeld transportiert, bewacht, gezählt, serviciert werden. “

Schäfer gibt jedoch zu bedenken, dass die volkswirtschaftliche Bedeutung von Zahlungsmitteln nicht nur auf Kostenfaktoren beschränkt werden sollten. „Zahlungsmittel erfüllen unterschiedliche wirtschaftliche Funktionen. Sie sind keine vollkommenen Substitute. Bargeld kann etwa in Krisenzeiten unabhängig von Strom oder Banken wichtige Zahlungsfunktionen erfüllen.“

In diese Kerbe schlägt auch die Oesterreichische Nationalbank: Sie empfiehlt, pro Familienmitglied einen gestückelten Betrag in Höhe von 100 Euro für Krisenfälle zuhause sicher aufzubewahren.

Eine bargeldlose Zukunft unrealistisch

Dass einzelne Staaten in Zukunft komplett auf Bargeld verzichten, glaubt Schäfer angesichts dieser Aspekte nicht. Selbst Schweden, das aktuelle Nutzung von digitalen Zahlungsmitteln forciert, wird laut dem Ökonomen Scheine und Münzen nicht abschaffen: „In der absehbaren Zukunft wird aufgrund der weiter fortschreitenden Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft der Anteil digitalbasierter Zahlungen zunehmen. Meines Erachtens steuern wir deshalb auf eine Gesellschaft mit mehr digitalem Zahlungsverkehr zu, aus welcher das Bargeld aber dennoch nicht verschwindet.“

Freie Wahl des Zahlungsmittels

Dies entspricht offenbar auch den Vorstellungen der EU, die derzeit an einem digitalen Euro arbeitet, aber in ihrer Bargeld-Strategie betont, „dass die Euro-Banknoten und -Münzen auch in Zukunft als Zahlungsmittel und als Wertaufbewahrungsmittel weithin verfügbar sind und allgemein akzeptiert werden.“ Sowohl europäische als auch österreichische Institutionen haben also offenbar kein Interesse daran, Bargeld verschwinden zu lassen.

Braucht es trotzdem ein „Recht auf Bargeld”, wie es Bundeskanzler Karl Nehammer in der Verfassung festhalten will? „Nein. Der Euro ist eine europäische Währung, Regelungen sind deshalb auf europäischer Ebene zu treffen. Dort kann Österreich seine Positionen einbringen”, sagt Experte Guido Schäfer. Die Debatte zeige, wie emotional das Thema Bargeld aufgeladen ist und wie wichtig eine Versachlichung der Diskussion wäre: „Man sollte es primär Konsumentinnen und Zahlungssystemanbietern überlassen, wie sie bezahlen möchten beziehungsweise welche Systeme kostendeckend angeboten werden können.”


Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.